Umbruch

Seit dem Treffen im Abendrot waren etwa zwei Wochen vergangen.

Die Wraithschüler waren nun alle im Inneren der Ausbildungsbasis versammelt. Einige Minuten vorher hatten sie alle durch einen Gedankenimpuls, ausgesendet von ihrem Mentor, erfahren, dass sie sich in der großen Versammlungshalle zusammenfinden sollten. Nun saßen sie auf den organischen Sitzbänken, die mit einem spinnenwebenähnlichen Gewebe überzogen waren. Die Bänke lagen immer ein Stück höher, je weiter man die Reihen nach hinten verfolgte, sodass das ganze wie ein Hörsaal anmutete. Von oben fiel flackernd ein blaues Licht in den Raum, das den Platz vor den Bänken nur spärlich beleuchtete. Für Wraithaugen reichte es normalerweise völlig aus, da ihre Rasse ein gutes Sehvermögen selbst in der größten Dunkelheit besaß. Unser jugendlicher Wraith mit den Opalaugen allerdings tat sich öfters schwer, richtig in diesem Licht sehen zu können und saß daher stets mit zusammengekniffenen Augen da und konzentrierte sich, alles mitzubekommen.

Die membranartige Tür, die in die Halle führte, öffnete sich plötzlich. Alle ihre bisherigen Lehrer traten ein, angeführt von ihrem Mentor aus dem Basisschiff. Die mächtigen Wraith zeigen nach außen hin alle den gleichen, emotionslosen Gesichtsausdruck und positionierten sich, begleitet von dem Geräusch quietschenden Leders, auf dem beleuchteten Platz vor ihren Schülern.

In den letzten Tagen war das juckende Gefühl in der rechten Handfläche bei sehr vielen der jungendlichen Wraith aufgetreten. Auch jetzt wo sie alle versammelt saßen, konnte man unschwer erkennen , dass sich fast alle von ihnen die Handinnenfläche kratzten.

Aus der Reihe der Lehrer trat nun wieder ihr Mentor nach vorne und wie es für ihn typisch war, begann er, mit nicht hörbaren Schritten vor der ersten Sitzreihe auf und ab zu laufen.

Wir ihr alle selbst bei euch feststellen könnt, meine Schüler, tritt bei euch eine Veränderung ein. Ihr wisst, wovon ich spreche."

fauchte er und mit dem verklingen seiner letzten Worte blieb er stehen und hob für alle gut sichtbar die Hand mit dem Nährschlitz empor.

Der blauäugige Wraith fühlte einen leichten Kloß im Hals aufsteigen. Langsam glitt sein unsicherer Blick zu Rakesh, der direkt neben ihm saß. Das Nährorgan an seiner Hand war seit ein paar Tagen völlig geöffnet und der schmaler gewachsene Wraith musste feststellen, dass es nun genauso aussah wie das des Mentors. An dem Tag, als das Organ mitten im Kampftraining die Haut an Rakeshs Hand gesprengt hatte und sich mit einem feuchten Geräusch geöffnet hatte, waren die meisten seiner Brüder regelrecht blass vor Neid geworden. Ihr Ausbilder vom Basisschiff hatte mit einem stolzen und wissenden Grinsen im Gesicht die Hand untersucht, und sofort das weitere Training für diesen Tag abgesagt. Er hätte nun viel zu arrangieren, war das Letzte, was er an diesem Tag verkündet hatte, bevor er mit wehendem schwarzen Mantel zurück zur Basis gelaufen war.

Bei allen war mittlerweile die graue Linie auf den Handtellern gut zu erkennen, jedoch hatte sich bisher kein weiterer Nährschlitz bei einem der Jugendlichen aufgetan.

Ihr seid hier zusammengekommen, da ihr das Ende eurer Grundausbildung erreicht habt.

Mit dem Öffnen des Nährorganes werdet ihr zu wahren, erwachsenen Wraith, mit allem was dazugehört."

Nach diesem Satz lenkte der Mentor seinen stolzen Blick kurz zu Rakesh, der wie festgefroren mit starrer Miene auf seinem Platz saß. Dann fuhr der Lehrer fort:

Schon morgen werden wir den lang ersehnten Weg zurück zum Basischiff antreten. Ihr dient von da an dem Schiff und tretet bei Zeiten zum ersten Mal vor eure Mutter, die Königin."

Ein freudiges Fauchen ging durch die Reihen der Jugendlichen. Auch unserem blauäugigen Wraith schlug das Herz trommelnd gegen den Käfig seiner Rippen, als er daran dachte, zurückzukehren. Rakesh neben ihm verzog jedoch weiterhin keine Miene und als die Ansprache des Mentors und der anderen Lehrer endete, war er der Erste, der mit eisigem Augenausdruck aus dem Versammlungsraum rauschte.

Was ist mit ihm los?" dachte sein blauäugiger Bruder, als er dem aus dem Türrahmen verschwindenden Rest der langen, schwarzen Uniform nachsah. „Seit Tagen scheint er nur noch schlecht gelaunt zu sein.. Ich erkenne ihn nicht wieder.."

In dieser Nacht lag unser junger Wraith noch lange wach auf seinem Bett aus Fellen und Lederdecken und dachte nach.

Morgen.

Morgen würden sie alle wieder zum Hive zurückkehren. Sein Nährorgan würde sich bald öffnen, alles würde sich verändern. Seine Berufung, seine Umgebung, die Art der Nahrungsaufnahme. Er konnte nicht sagen, dass er vor Letzterem allzu große Angst hatte. Es war eher ungewohnt. Er wusste einfach nicht, was auf ihn zukommen würde. Nach der Geburt hatten sie als Wraithlinge noch eine gewisse Schonzeit genossen. Auf der Basis angekommen allerdings wurden sie von Anfang an mit der Realität konfrontiert.

Der blauäugige, junge Wraith konnte sich noch gut daran entsinnen.

Er und die verwunderten anderen Kinder hatten sich damals in einem Unterrichtsraum wiedergefunden, indem sich ein zitterndes, halb nacktes Geschöpf , an Händen und Füßen mit aderartigen Schnüren an die Wand gefesselt, befand. Es hatte eine rosige Hautfarbe, merkwürdige braune, kurze Haare, ebenso braune Augen und keinerlei Gesichtsöffnungen an den Wangen besessen. Zudem hatte es viel mehr Haare am Körper gehabt. Trotzdem hatte es ihnen vom Körperbau sehr ähnlich gesehen… Die Kinder waren näher getreten, legten damals neugierig den Kopf zur Seite. Als einer seiner Brüder die Hand nach dem Wesen ausgestreckt hatte, um das „Fell" auf seinem Oberkörper zu berühren, versuchte die Kreatur schreiend auszuweichen. Noch verwirrender als das Erscheinungsbild des Wesens, fand der kleine, blauäugige Wraith zu diesem Zeitpunkt, dass der Geist der Kreatur keinerlei Farben und Gefühle zu ihnen sendete. Stattdessen hatte sie weiter Irgendetwas gebrüllt, was völlig anders Klang als die Sprache, die sie verwendeten. Als er und seine Brüder langsam Spaß daran gefunden hatten, dass komische Wesen zu verschrecken, trat einer der Lehrer durch die Tür. Er hatte einige Haare am Hinterkopf zu einem kleinen Zopf geflochten getragen und ein kreisrundes Tattoo hatte sein rechtes Auge geziert. Ansonsten hatte ihn der junge, blauäugige Wraith als sehr hager in Erinnerung.

Als er seine Augen mit den geschlitzten Pupillen auf die halbnackte Kreatur gerichtet hatte, war diese vor Angst völlig verstummt. Ein seltsamer Geruch war dem Wraith mit den wasserblauen Augen in diesem Moment in die Nase gestiegen. Ein Geruch nach… Feuchtigkeit….Schweiß….die Essenz der Furcht.

Damals tat der erwachsene Wraith zuerst nichts weiter, als ruhig neben dem Wesen zu stehen und zu erklären, das dies ein „Mensch" sei und wie er sich physisch von ihrer Art unterschied. Oft hatte er seine Hand benutzt, um seine Erklärungen mit einem Fingerzeig auf den jeweilig erklärten Part am Körper der Kreatur zu vereinfachen. Dann aber hatte er begonnen davon zu reden, wie sich Wraithkörper im Erwachsenenalter verändern würden. Er nannte es „die Reife", „die Wandlung" oder sprach vom „wahren Wraith´" werden. Das sie richtige Nahrung nicht mehr nähren würde und sie sich von Wesen wie dem in ihrer Klasse ernähren müssten, wenn die Zeit reif war. Und dann hatte er begonnen davon zu sprechen, wie das Nährorgan anatomisch aufgebaut war, von der Enzymblase in der Beuge des Armes, dem direkten Transfer von bestimmten Enzymen und Flüssigkeiten aus dem Körper der Menschen in ihr eigenes Blut als Nährungsprozess.

Ihm kam das alles damals noch unvorstellbar vor und als der Lehrer nach all seinen Erklärungen seine tödliche Handinnenfläche auf die Brust des Wesens gerammt hatte, hielten alle vor Spannung den Atem an. Im Raum hatte in diesem Moment völlige Stille geherrscht, nur das faszinierende Geräusch des Nährprozesses lag in der Luft und das ekstatische Fauchen des Lehrers.

Schon damals, als er dies zum ersten Mal überhaupt gesehen hatte, fühlte der außergewöhnliche, kleine Wraith kaum Mitleid mit der Kreatur, die immer weiter unter der Hand des Erwachsenen gealtert und dann nur noch als trockene Hülle übrig geblieben war. Er und seine Brüder hatten schon oft das Fleisch von Tieren gegessen und da sie das Wesen weder mental noch sprachlich verstehen konnten, erschien es ihnen ähnlich wie ein solches Tier. Und was war da schon groß der Unterschied?

Mit seinen Gedanken wieder in der Gegenwart angekommen, schüttelte sich der blauäugige Wraith die drei kurzen Strähnen mit einer ruckartigen Kopfbewegung aus dem Gesicht und drehte sich auf seine linke Körperseite. Dabei wanderten seine Augen über die ruhig daliegenden Geschwister, deren Schlafstätten dicht an dicht gereiht vor ihm lagen und dann zur Tür, an der die ganze Nacht eine Drohne stand und Wache hielt. Wie jedes Mal, wenn er eine der Drohnen beobachtete, ihre breiten Schultern, die weißen Dreads, die organischen, grauen Masken, machte sich eine Traurigkeit in seinem Inneren breit. Ein Gefühl, das er die letzten Jahre versucht hatte, zu unterdrücken.

Wenn ich morgen zurückkehre… werde ich ihn wiedersehen? Vielleicht ist er böse mit mir, weil ich nicht Lebewohl gesagt habe… aber ich konnte ja schließlich auch nicht. Er war nicht da."

Viel weiter kam er allerdings nicht. Nach diesem letzten Gedanken gewannen die müden Augenlider den Kampf gegen das vor Aufregung pochende Herz und in seinem Geist wurde alles dunkel.

Am nächsten Morgen standen alle versammelt draußen in der weitläufigen Grassteppe, einige hundert Meter weit von der Ausbildungsbasis entfernt, die nun relativ klein am Horizont zu sehen war. Einer der großen, blauen Wraithkreuzer war soeben vor ihnen gelandet. Seine weiterlaufenden Triebwerke machten einen ordentlichen Lärm, sodass man sich wegen der Lautstärke nur noch per mentalem Kontakt verständigen konnte. Neben dem Krach entstand zudem ein sehr starker Wind, der vielen der jungendlichen Wraith die langen Haare wie einen weißen Vorhang über die Augen blies. Als sich die Luke als Einladung zum Eintreten öffnete, stolzierte altbekannte Mentor mit dem gezackten Tribal auf der Stirn als Erster den Steg hoch, den geistigen Impuls an seine Lehrlinge aussendend, das sie ihm folgen sollten. Mit einem Kloß im Hals trat unser junger Wraith ein, und ein merkwürdiges, aber irgendwie bekanntes Gefühl stieg in ihm auf, als er mit seinen Blicken aus den blauen Augen die Konturen des Schiffsinneren abtastete.

Als das voll besetzte Kreuzerschiff abhob und durch die Atmosphäre des Planeten drang,

sausten plötzlich wieder die vielen, weißen Sterne an den Fenstern nach Außen vorbei.

Der Mentor blickte stumm durch die Reihen seiner sitzenden Lehrlinge, als wartete er auf eine Reaktion. Dann aber musste er mit zufriedenem Wraithgrinsen feststellen, dass sie stumm blieben und im Stillen das altbekannte Bild von damals genossen. Im Inneren hatte er schon erwartet, sie würden wieder wie die Wraithlinge, die sie damals gewesen waren, aufspringen um Nasen und Hände an die Scheibe zu pressen. Aber dafür hatte er sie mittlerweile zu gut erzogen… oder konnten sie die Hände nicht an die Fenster pressen, weil sie zu sehr damit beschäftigt waren, sie zu kratzen? Ihm gefiel die erste Variante am besten.

Währenddessen pumpte das Herz in der Brust unseres jungen Wraith wie wild heißes Blut durch seine Adern in Erwartung dessen, was nun alles kommen würde. Es war schließlich nicht mehr weit bis zum Basischiff ! Er konnte bereits das leichte Flackern fremder Gedanken in seinem Kopf spüren. „Den anderen muss es sicher genauso gehen" dachte der Blauäugige und versuchte, nicht an seine fast unaushaltbar juckende, rechte Hand zu denken. Ein plötzliches, kurzes Knurren neben ihm trug noch dazu bei, es zu vergessen. Neben ihm saß sein Lieblingsbruder Rakesh, sich mit Daumen und Zeigefinger einer Hand den Nasenrücken haltend, die Augen geschlossen und völlig in dieser Pose versteinert.

Rakesh…?"

Der Kopf des Spitzbärtigen fuhr desorientiert nach oben und bald fanden seine gelben Augen die blauen seines Bruders.

Was?"

fauchte er leicht wütend. Sein Gegenüber konnte nun erkennen, dass die Stirn, nein, die komplette HAUT, Rakeshs vor Schweiß glänzte.

Dein Verhalten macht mir Sorgen. Du warst noch nie so… schlecht gelaunt und angespannt. Wie fühlst du dich? Du siehst nicht gut aus."

Ein kurzes, bösartiges Lachen entstieg seiner Kehle. Seine Augen starrten ins Leere.

Oh… ihr anderen könnt noch gar keine Ahnung haben wie ich mich fühle, glaub mir. Und jetzt…"

Er begab sich wieder in seine vorherige Haltung und schloss die Augen.

„…lass mir bitte wieder meine Ruhe."

Als unser junger Wraith Rakesh den Gefallen tat und nicht mehr weiter nachfragte, lehnte er sich in den organischen, blauen Sitz zurück und ließ seinen Hinterkopf an die Stuhllehne sinken. Plötzlich konnte er sich denken, was seinen Bruder so veränderte. „Rakesh hat recht. Wir anderen werden das wohl erst verstehen, wenn wir es selbst erleben." dachte er bei sich und sah weiter den vorbeiziehenden Sternen zu.