Farbe des Meeres
Lo´rey stand seit Stunden stocksteif, das lange Betäubungsgewehr in der rechten Hand, an seinem alten Platz am Ende des Korridors zum Westflügel des großen Basisschiffes. Seine hässliche, graue Drohnenmaske hatte nicht nur den Nachteil, dass sie ihm jegliche Individualität raubte, sondern hatte durchaus auch Vorteile! So hatte es niemand bemerkt, als er zwischendurch einfach im Stehen eingeschlafen war. Er war gerade wieder erwacht und noch etwas schlaftrunken, als er auf einmal das Gefühl hatte, durch das geistige Netzwerk der Wraith mehr Bilder und Stimmen wahrzunehmen als sonst. Besucher aus einem anderen Basisschiff? Er konzentrierte sich stärker auf die neuen mentalen Kontakte um Genaueres zu erfahren. In seinem Geist schwebte er duch ein Labyrinth aus Eindrücken, Gefühlen, Bildern und Stimmen. Als er plötzlich Signale eines bestimmten Bewusstseins empfing, das ihm merkwürdig vertraut schien, lief ihm ein prickelnder Schauer das Rückrad hinab und seine Augen weiteten sich hinter der Maske. War es möglich, das heute der Tag war, an dem sie zurückkehrten?
Er hoffte, dass er sich das alles nicht nur einbildete oder gar noch schlief und träumte! Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass er davon geträumt hatte, sein kleiner Freund mit den blauen Augen käme zu ihm zurück. In diesen Träumen stand Lo´rey meist direkt vor einem Wraithkreuzer im Schiffshangar, dessen Luke offen stand, und sein kleiner Kobold kam stets herausgelaufen, noch in derselben Kindergestalt wie damals, und grinste ihn freudig an.
Seit die Drohne vor 20 Jahren vom Ausdünnen zurückgekehrt war und voller Entsetzen feststellen musste, dass sein kleiner Schützling fort war, hatte er sich wieder gefühlt wie damals. Leer… und furchtbar alleine.
Lo´rey erforschte noch eine Weile das so vertraut wirkende Bewusstsein mit seinem Geist. Es hatte sich verändert, war gereift, aber es sendete noch die gleichen Farben und Bilder aus wie damals. Es gab keinen Zweifel mehr für ihn, dass sich der „Kleine" an Bord befand, und Lo´reys Herz hüpfte wie wild in seinem breiten Brustkorb. Als plötzlich auch noch die Stimme einer seiner Kommandanten in seinem Kopf ertönte und ihm und ein paar anderen Drohnenbrüdern befahl, sich im Schiffshangar in Formation aufzustellen, kam der Krieger dem Ruf nur allzu gerne nach. Er bewegte sich so schnell ihn seine (vom Stehen steifen) Beine tragen konnten, durch den dunkelblauen Korridor mit den gelben Lichtern und schlug den Weg Richtung Hangar ein.
In der Zwischenzeit senkte sich langsam die Luke des Kreuzers auf den dunkelgrauen Boden des Schiffshangars innerhalb des Basisschiffes. Angeführt von ihrem Mentor traten der blauäugige Wraith, der finster dreinschauende Rakesh und all ihre Brüder hervor. Im Kegel des aus der Luke bis in den Hangar fallenden Lichtes stand bereits wartend ein Kommandant, seine gelben Augen leicht zusammengekniffen. Er hatte sehr breite Wangenknochen und unter denen ein senkrechtes Tattoo in drei Linien verlief.
Der Mentor der Jugendlichen blieb einen Moment vor ihm stehen. Es bedurfte keinerlei Worte. Beide tauschten einen hoheitsvollen Blick aus und der andere Kommandant machte mit seinem Arm eine Geste die geradezu sagte „Bitte hier entlang".
Böse schnaubend und mit gesenktem Kopf war Rakesh wiedermal der Erste, der der Aufforderung folge leistete und (natürlich ein paar Schritte hinter ihrem ehemaligen Lehrer!) in die angewiesene Richtung stapfte.
Der junge Wraith mit den Opalaugen hielt noch einen Moment inne und ließ seine Blicke durch den Hangar gleiten, so wie er es vorher auch schon im Kreuzer getan hatte. Ja, so ähnlich hatte er es noch in Erinnerung. Die Decke lag wie ein schwarzes Gewölbe über ihnen, graue Plattformen und Brücken dienten als Landeplätze und Gehwege, unter denen ein tiefer Abgrund klaffte. Die Wände waren mit großen Höhlen und Löchern versehen wie wurmstichiges Holz, in denen die Jäger bis zu ihrem nächsten Einsatz ruhten. Der Wind, der von den immernoch laufenden Triebwerken des Kreuzers kam, heulte wie ein Gespenst als er an den Wandöffnungen vorbeizog. „Ich muss mich beeilen." Dachte der Blauäugige auf einmal, als er sah, dass er wieder der Letzte war, der noch beim Schiff stand und die anderen schon mehrere Meter weit vor ihm liefen.
Erst jetzt bemerkte er, dass rechts und links neben der laufenden Gruppe jeweils eine gerade Reihe Drohnen stand, die zum Salut eine Faust auf die Brust gelegt hatten. Sie sahen alle völlig symmetrisch aus, fast wie Statuen. Als er begann, schneller zu gehen, um wieder Anschluss an seine Brüder zu bekommen, durchzucken ihn auf einmal ein bekanntes Gefühl.
Helle Farben.
Große Kraft.
Innere Ruhe.
Das Auge des Sturms.
Lo´rey.
Wie vor eine unsichtbare Wand gelaufen blieb er stehen , drehte den Kopf leicht zur Seite und beobachtete eine der Drohnen, die links neben ihm stand und mit ihrer Maske genauso aussah wie alle anderen. Aber dieser Drohne ging nun ein leichtes Zucken durch den Körper, als ihn der junge Wraith mit seinen seeblauen Augen fixierte und sich ein Satz in ihrem Geist bildete: „Du bist es... nicht wahr, Lo´rey?" . Dann aber rief der genervte Mentor nach seinem ewig trödelnden Schüler und dieser musste gehorchen und folgen. Mit einem letzten Blick über die Schulter machte sich der Blauäugige auf den Weg, sein seidenes, weißes Haar, das bis zur Hüfte fiel, schwebte im Wind seiner Bewegungen.
Lo´rey allerdings blieb weiterhin eingefroren in seiner salutierenden Haltung stehen wie die anderen seiner Brüder. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Sein Schützling war zurückgekehrt und hatte ihn wiedererkannt. Und es war sogar fast so abgelaufen wie in seinen merkwürdigen Träumen.
Er war tatsächlich aus dem Kreuzer gestiegen und der Drohnenkrieger war da, um ihn zu empfangen. Nur sein Äußeres hatte sich – im Gegensatz zu seiner kindlichen Traumgestalt – verändert. „Nach zwanzig Jahren ist das ja auch kein Wunder" musste die Drohne schmunzelnd feststellen. Lo´rey war aufgefallen, dass er wirklich nicht besonders groß geworden war, denn als er vor ihm gestanden hatte, war er etwa einen ganzen Kopf kleiner gewesen als der Krieger. Aber seine Aura hatte umso beeindruckender gewirkt. Lo´rey war außerdem erleichtert, das sein Kleiner sich nicht zu einer Drohne entwickelt hatte. Das würde ihm einiges ersparen. Als er dort stand und auf den Befehl zur Auflösung der Formation wartete, hatte sich das Bild des ovalen Gesichtes mit den großen, meerblauen Augen nochimmer tief in seine Seele gebrannt.
„Ihr erinnert euch an eurer Quartier, als ihr noch Kinder wart?"
fragte der Mentor mit emotionsloser Stimme, als die Gruppe der jugendlichen Wraith sich wieder in dem Saal befand, in dem sie geboren worden war.
„Richtet euch hier ein, bis ihr in ein paar Tagen weitere Instruktionen von mir erhaltet. Und nun entschuldigt mich, ich habe noch einige wichtige Angelegenheiten zu erledigen."
Und mit diesem Satz drehte sich der Mentor auf der Sohle um und verließ mit rauschendem Mantel den Saal, eine Schar verdatterter, junger Wraith zurücklassend.
„Und ich dachte, wir würden jetzt unsere Mutter, die Königin sehen. Stattdessen sind wir hier eingesperrt wie früher."
murmelte einer der Brüder enttäuscht an der Seite des Blauäugigen.
„Ja. Das dachte ich auch."
gab dieser nur geistesabwesend zurück. Ihm machte der Aufenthalt in dem altbekannten Saal oder das nach hinten verschobene Treffen mit der Königin am wenigsten Kopfzerbrechen. In seinem Kopf hatten zur Zeit nur drei Dinge Platz:
Lo´rey, das Verhalten von Rakesh und…. OH GOTT warum hörte die verdammte Hand nicht endlich auf zu jucken?
Als am späten Abend der lange Tisch für die Jugendlichen mit allerlei Fleischsorten und traubenähnlichen Früchten gedeckt wurde, ließen sie sich nicht lange aufhalten und nahmen entlang der Tafel Platz. Sie hatten seit dem frühen morgen nichts mehr gegessen und waren sehr dankbar für das Mahl. Alle saßen nun nebeneinander, sprachen amüsiert und aufgeregt darüber, was wohl alles in den nächsten Tagen passieren würde oder wie ihre Mutter die Königin wohl aussah und pflückten sich dabei die kleinen, runden Früchte von den Reben und nagten mit spitzen Zähnen das Fleisch von den Knochen.
Auch unser junger Wraith kämpfte gerade mit einem trockenen Brocken Fleisch in seinem Mund, als ihm Rakesh auffiel , der am Ende der langen Tafel saß, und den er nur noch wie gebannt anstarren konnte.
Einem seiner Brüder fiel auf, das der Blauäugige nun völlig verstummt war.
„Was ist mit dir?"
fragte er den abwesenden Wraith mit den drei kurzen Haarsträhnen, als dieser ihm mit einem Gedankenimpuls ein verwirrtes „Sieh dir nur Rakesh an!" in den Geist dringen ließ.
Der Wraith mit dem voll entwickelten Nährorgan saß wie alle anderen da und aß. Ungewöhnlich war aber, WIE er dies tat! Auf dem Platz vor ihm türmte sich ein Berg an Speisen, über dem er mit gebeugtem Oberkörper saß. In beiden Händen hielt er eine gebratene Beinkeule, von denen er abwechselnd abbiss, ließ dann eine davon wieder fallen, um sich eine handvoll der kleinen Früchte in den noch vollen Mund nachzustopfen. Es dauerte nicht lange, bis auchnoch der letzte seiner Brüder das Szenario mitbekam und bald waren 18 gelbe und 1 blaues Augenpaar allein auf Rakesh gerichtet.
Als der spitzbärtige Wraith nach einigen weiteren Minuten des Schlingens bemerkte, dass er angestarrt wurde, hielt er inne und schenkte seinen Brüdern nacheinander einen giftigen Blick.
„Was starrt ihr so? Schaut gefälligst woanders hin!"
Schnaubte er und biss noch einmal von der Keule ab. Doch als er den Bissen runtergeschluckt hatte, betrachtete er sie ärgerlich und warf sie daraufhin vor Wut fauchend an die Wand, sodass seine Brüder erschreckt zusammenzuckten. Der Rest seines Essens vor ihm folgte der Keule nach einem gezielten Schwung seines Armes ebenfalls auf den kalten Fußboden.
„Ha ! Ich werde euch nicht weiter mit meinem Verhalten belästigen! Das ich diesen Müll hier esse bringt sowieso gar nichts mehr! Reine Zeitverschwendung!"
knurrte Rakesh und erhob sich vom Stuhl. Wutschnaubend warf er sich auf seinen Schlafplatz, der sich in einer extra für diesen Zweck erschaffenen Ausbuchtung in einer Wand befand und mit Fellen ausgelegt war.
Einen Moment noch blieben die Blicke auf ihm haften und bohrten sich wie Pfeile in seinen Rücken, dann begannen die meisten langsam weiter zu essen. Dem kleineren Wraith mit den blauen Augen allerdings war der Appetit schlagartig vergangen.
Rakesh war den ganzen Rest des Tages in derselben Position liegen geblieben und langsam legten sich auch die anderen zum Ausruhen nieder.
Unser junger Wraith hatte es aufgegeben, mit seinem Bruder über dessen Benehmen reden zu wollen und schloß die Augen, um seinen Geist im Schiff schweifen zu lassen. Er hatte sich wie die anderen entkleidet und lag nun nurnoch in einer schwarzen, leichten Stoffhose und ebenso schwarzem Unterhemd da, das dunkle Fell auf dem er lag wärmte angenehm seinen Rücken. Nach einigem suchen fand sein Kopf endlich den Link zu dem Bewusstsein, dass er gesucht hatte!
„Lo´rey. Hörst du mich?"
„Ich höre dich, kleiner Wraith."
Ein kaltes Kribbeln lief über die milchweiße Haut des Blauäugigen, als in der Dunkelheit seines Geistes Lo´reys raue Stimme ertönte, als stünde er direkt neben ihm.
„Ich hatte Recht. Das vorhin im Hangar warst DU. Es ist schön, deine Stimme wiederzuhören. Ich hatte erst Angst davor, du würdest wütend auf mich sein."
„Ha ha ha. Ich? Wütend?"
Lo´rey hatte Recht. Schon damals war er immer sehr ruhig im Inneren gewesen und war nie leicht zu verärgern. Sein Name passte wirklich wunderbar zu ihm. Von Außen verströmte er unbändige Kraft durch seinen muskulösen Körperbau, genau wie der Strudel eines Wirbelsturmes. Aber von Innen glich er tatsächlich dem Sturmauge, indem es stets windstill und sicher war. Der Blauäugige musste bei dem Gedanken schmunzeln.
„Ah. So denkst du also über mich. Du vergisst, dass ich dich hören kann."
lachte Lo´rey und fast war es unserem jungen Wraith etwas peinlich, dass er nicht daran gedacht hatte.
„Aber um auf das Thema zurückzukommen: Ich war nicht wütend auf dich. Ich wusste, dass ihr bald zur Ausbildungsbasis übersiedeln würdet, so wie ich damals und viele andere Wraithlinge vor uns. Ich hatte nur nicht gedacht, dass es so rasch geschehen würde und dann auch noch als ich nicht an Bord unseres Basischiffes war. Ich habe dich vermisst, du kleiner Kobold."
„Ich bin nicht mehr klein, Lo´rey! Es kann nicht mehr lange dauern, bis sich mein Nährorgan komplett öffnet. Ich kann schon Risse an der Haut erkennen."
Einen Moment herrschte Stille, dann fuhr der Blauäugige fort:
„Jedenfalls… kam es für mich damals alles auch sehr überraschend. Ich hätte dich gerne noch einmal gesehen. Ich konnte dir ja nicht mal mehr meinen Namen nennen bevor ich weggebracht wurde."
„Hrrrm. Immer wenn ich an dich dachte, hatte ich stets den Namen im Kopf von dem ich finde, dass er wie für dich gemacht ist."
„Und der wäre?"
„….Ma´thu…"
… Farbe des Meeres…
Der Klang und die Bedeutung dieses Namens gefiel dem jungen Wraith um einiges Besser, als der Name, der ihm eine Weile nach seiner Geburt per Gedankenimpuls gegeben worden war. Sein eigentlicher Name bedeutete übersetzt etwa „kleiner Schatten".
„Du hast Recht, dieser Name passt nicht zu dir. Du hast zwar einen kleineren Körperbau beibehalten, aber was dich mit einem Schatten verbinden soll ist mir ein Rätsel."
anscheinend hatte Lo´rey wieder alles mitgehört.
„Für mich bleibst du Ma´thu."
„Ja. Nenn mich von nun an so, es gefällt mir gut. Sag Lo´rey… ist es möglich, dass wir uns bald wieder sehen?"
„Vielleicht kann ich einen meiner Brüder, der bei euch Wache hält, wieder dazu bringen, die Plätze mit mir zu tauschen. Das habe ich damals auch schon getan. Aber ich denke, dass es dir auch demnächst gestattet wird, dich alleine im Schiff zu bewegen. Spätestens dann könnten wir uns sehen. Vorerst muss das hier genügen."
