Der wahre Lo´rey
Es waren nun zwei Tage seit der Ankunft der jungen Wraith vergangen.
Der Mentor war immer noch nicht aufgetaucht, nur zwei Drohnen hielten stumm Wache am Ausgang aus dem Saal und ließen den Nachwuchs nicht nach draußen. An diesem Tag aber erschien ein Wissenschaftler, um sich die jeden Tag größer werdende Anzahl an sich öffnenden Nährschlitzen anzusehen.
Nachdem er bereits einige junge Wraith untersucht hatte, stand er nun vor Ma´thu und betrachtete argwöhnisch die dunkelgraue Linie, in der schon ganz deutliche Risse zu sehen waren. Langsam zog der Wissenschaftler mit seinem klauenbesetzten Daumen und Zeigefinger die Haut an der Handinnenfläche des jungen Wraith auseinander. Mit einem kaum hörbaren Geräusch, das klang als würde man vorsichtig ein Blatt Papier zerreißen, öffnete sich das Organ wie eine blühende Blume. Es blutete nicht, da die Haut über dem Schlitz bereits seit Tagen ausgetrocknet war. Verwundert führte Ma´thu die Hand vor sein Gesicht, betrachtete abwechselnd den Handrücken und dann wieder die Handfläche mit der rosafarbenen Öffnung.
Der Wissenschaftler grinste breit, erhob wieder sein Kinn und blickte sich in den Reihen der Sprösslinge um. Sein langer Kinnbart und sein Haar wippten bei jeder Kopfbewegung leicht mit. Plötzlich trat Rakesh neben ihn. Seine Haut war übermäßig verschwitzt und hatte eine kränkliche, graugrüne Farbe angenommen. Sein Haar war ungepflegt und zerzaust, denn er hatte es seit seiner Ankunft nicht mehr gekämmt.
„Wann?"
fauchte er den Wissenschaftler von der Seite an. Dieser gab keine Antwort von sich, sondern legte den Kopf schräg um anzudeuten, dass er nicht ganz verstand was der junge Wraith von ihm wollte.
„Nahrung. Wann bekommen wir endlich RICHTIGE Nahrung?"
verbesserte Rakesh und wirkte aufgewühlt und ungeduldig. Seine Nährhand zitterte.
„Ich verstehe."
Begann der Wissenschaftler zu sprechen.
„Eure erste Nährung findet statt, wenn alle die Wandlung durchlaufen haben. Dies ist Tradition."
„UND WIE LANGE SOLL ICH DARAUF NOCH WARTEN?"
heulte Rakesh laut auf, dass alle anderen im Raum zusammenschreckten.
„Ich war der Erste, der seine Reife erreicht hat! Ich bin so hungrig… ich ertrage es nicht mehr…! Ich brauche JETZT Nahrung!"
Der Wissenschaftler blieb mit völlig unbeeindrucktem Gesichtsausdruck vor dem tobenden Wraith stehen.
„Ich sagte doch: Eure erste Nährung findet statt, wenn alle die Wandlung durchlaufen haben. Bis dahin ist dies ein Test deines Willens. Der Hunger eines erwachsenen Wraith ist sein schlimmster Feind und auch seine größte Schwachstelle. Er bereitet Schmerzen, die sich anfühlen, als würde der ganze Körper verbrennen. Besonders für junge Wraith, die den Hunger zum ersten Mal spüren, ist es sehr schwierig diesen zu ertragen. Wenn du erst lernst, das dein Geist manchmal die Qualen des Fleisches lindern kann, wenn du ihn richtig einsetzt, kannst du Krisensituationen leichter überstehen."
Diese Rede verfehlte seine Wirkung nicht. Als der Wissenschaftler auf der Sohle kehrt machte, um sich seinen anderen „Patienten" zuzuwenden. Stand Rakesh mit steinerner Miene da, unfähig, noch irgendwelche Widerworte zu geben. Ma´thu hatte wie alle anderen jungen Wraith im Saal alles mitbekommen und bekam Mitleid mit seinem Lieblingsbruder, der wirkte wie ein Häuflein Elend und für den er nichts tun konnte. Auf der anderen Seite machte ihn das leere Gefühl nervös, das sich von seiner Magengegend langsam auf den ganzen Körper ausweitete…
In der nächsten Nacht…
„Ma´thu…hey…Ma´thu!"
Die blauen Augen des jungen Wraith öffneten sich schläfrig.
Wieso war es denn so pechschwarz im Saal? Ah, es war ja noch Schlafenszeit und alle Lichter ausgeschaltet!
„Wach auf, kleiner Wraith!"
erklang es wieder in seinem Geist. Diesmal setzte sich Ma´thu auf und blickte in die Dunkelheit. Er verfluchte seine seltsamen Augen dafür, dass er nicht in der Lage war, wie die anderen in diesen Lichtverhältnissen noch gut sehen zu können.
„Lo´rey? Bist du hier?"
„Ja. Ich habe meinen Bruder fortgeschickt um seine Nachtwache zu übernehmen. Er hielt mich nun für völlig verrückt, war aber froh sich an meiner Stelle schlafen legen zu können. Komm ruhig zu mir, ich stehe direkt an der Tür."
Auf einmal verwandelte sich die ruhige Schläfrigkeit in Ma´thu in Freude und Aufgeregtheit.
Langsam tastete seine Hand unter dem schwarzen Fell, auf dem er geschlafen hatte, hin und her. Ah, da war es ja! Der junge Wraith zog vorsichtig eine kleine Apparatur hervor, die aussah wie ein kleiner, weißer Ball und die etwa faustgroß war. Als er mit dem Daumen einen kleinen Knopf an der Seite eindrückte, fing die Kugel an zu leuchten. Sie spendete nicht viel Licht, aber es reichte Ma´thu, um sich besser orientieren zu können. Dieses kleine Gerät hatte er schon damals auf dem Ausbildungsplaneten zusammengebastelt und es war für ihn seitdem zu einem ständigen Begleiter in der Dunkelheit geworden. Er hatte den wissenschaftlichen Unterricht damals schon immer sehr gemocht und sich sogleich daran gemacht, die kleine Kugel zu basteln, als er endlich die nötigen Grundkenntnisse besaß.
Zugegeben war dies noch die Arbeit eines blutigen Anfängers und nicht schwer zu nachzumachen, aber er war trotz allem stolz darauf.
Langsam und leise tappte er mit nackten Füßen durch den Saal. Seine Brüder schliefen fest auf ihren Betten in den Wandkuhlen. Er wollte sie auf keinen Fall wecken. Jetzt wo Lo´rey da war, sollte sie keiner stören.
Kurze Zeit später fand er sich vor dem großen Drohnenkrieger wieder, der ihn etwa 30 cm überragte. Er hielt die Leuchtkugel in seiner linken Hand ein wenig weiter nach oben, damit er ihn besser sehen konnte. Das Licht tanzte auf seinem Gesicht und in seinen Augen, die wie ein Opal darin badend die Farbe zu wechseln schienen.
„Lass uns mental miteinander sprechen, damit niemand aufwacht."
schlug Ma´thu vor ohne die Lippen zu bewegen. Lo´rey willigte ein. Im Licht der Kugel zeichnete sich auf der Oberfläche der grauen Maske ein raues Muster ab. Die dunklen Nerven in der membranartigen Oberfläche der Tür hinter ihm wirkten wie die Äste eines Baumes.
Die große Hand des Drohnenkriegers fuhr langsam nach vorne und erfasste Ma´thus Nährhand, um sich die Innenseite zu betrachten.
„Ich kann sehen, dass du nun vollständig erwachsen bist."
sprach Lo´reys dunkle Stimme nach einer Weile im Kopf des Blauäugigen.
Langsam fuhr er mit seinen Fingern über die Furchen des Nährschlitzes. Er tat dies sehr sanft und es schien als hätte er völlige Kontrolle über seine scharfen, dunklen Fingernägel. Es war die Zärtlichkeit eines Raubtieres.
Die direkte Berührung des empfindlichen Organes sendete kleine, prickelnde Schauer über Ma´thus Haut. „ Ein recht angenehmes Gefühl", dachte der blauäugige Wraith bei sich, und konnte gerade noch so verhindern, dass seiner Kehle ein wohliges Schnurren entwich. Er verfluchte seine Gedanken allerdings wieder, als er Lo´reys amüsiertes Lachen in seinem Kopf vernahm. Er musste endlich besser daran denken, dass der Drohnensoldat alles mithören konnte!
Die beiden so unterschiedlichen Wraith standen noch eine ganze Weile voreinander, sprachen über allgemeine, nichts sagende Dinge. Zwischendurch herrschte immer mal wieder eine Zeit des Schweigens, die nur durch die Schlafgeräusche der jungen Wraith um sie herum gebrochen wurde. Hätte ein Dritter neben Lo´rey und Ma´thu gestanden, so hätte er die Anspannung zwischen den beiden deutlich spüren können. Aber weder der Smalltalk noch die Schweigeminuten waren für beide unangenehm. Sie genossen in erster Linie die Zweisamkeit, die nach all den vielen Jahren wieder zwischen ihnen herrschte. Eine Sache hatte sich Ma´thu allerdings damals schon vorgenommen, seinen großen Freund zu fragen, wenn er ihn wieder sehen würde. Die Neugier loderte plötzlich hinter seinen blauen Augen, als er die Stille mit seiner Stimme unterbrach.
„Weißt du, damals als Wraithling dachte ich immer, dass die Masken von den Soldaten keine Masken wären. Ich dachte immer, es wären eure Gesichter. Sehr töricht, ich weiß."
Wieder ertönte ein raues, kehliges Lachen von Lo´reys Seite.
„Ha ha ha. So töricht ist das nicht einmal, mein kleiner Wraith. Ich komme mir mittlerweile vor, als wäre die Maske tatsächlich mein Gesicht.."
„Ich würde… sehr gerne einmal dein richtiges Gesicht sehen…"
kam es aus Ma´thu nur so herausgesprudelt, kaum das der Krieger seinen Satz beendet hatte.
Schweigen.
„Unsere Befehlshaber befürworten das Abnehmen der Maske nicht, Ma´thu. Ich könnte Schwierigkeiten bekommen, sollte ich sie abnehmen."
„Es ist niemand von Belang hier. Bitte…ich möchte den wahren Lo´rey sehen."
Wieder setzte die Stille ein.
Der Drohnenkrieger war sich nicht sicher, was er tun sollte. Er hatte nicht wirklich Angst davor, man könnte ihn bei der Abnahme der Maske erwischen. Was ihm wirklich Angst machte, war das Offenlegen seines Gesichtes vor einem anderen Wraith. So viele Jahre hatte er diese Maske getragen… So viele Jahre war er unauffällig im Heer der gleich aussehenden Drohnen untergegangen, dass ihm das „im Mittelpunkt stehen" nicht mehr behagte. „Soweit hat die Gehirnwäsche mich schon gebracht." dachte er leicht nervös.
„Nur einen kurzen Augenblick. Du kannst sie sofort wieder aufsetzen…"
versuchte es Ma´thu weiter, nachdem sich der Spieß umgedreht hatte und er diesmal alles mit angehört hatte, was Lo´rey so bedrückte.
„Einverstanden.."
sprach der Drohnenkrieger nach ein paar weiteren Sekunden der Bewegungslosigkeit und lehnte das lange Betäubungsgewehr an die membranartige Tür hinter ihm, um beide Hände frei zu haben.
Seine Hände wanderten an den Hinterkopf. Langsam öffnete er den Griff der drei oktopusartigen Arme der organischen Maske, wobei ein schmatzendes Geräusch erklang.
Ma´thu musste verwundert feststellen, dass sich die Maske wehrte, abgenommen zu werden. Auch als sie Lo´rey ganz abgenommen hatte, zuckte die noch in seinen Händen, die langen Fangarme schwangen leicht nach rechts und links.
Langsam strich Ma´thu seine drei kurzen Haarsträhnen aus dem Gesicht, als seine Augen von den Händen und der Maske hinauf zum Gesicht des Drohnenkriegers glitten.
Lo´reys gelbe Schlangenaugen sahen den jungen Wraith fast fragend an. Er war sich der Attraktivität seines Gesichtes selbst nichtmehr sicher, so lang war es her, dass er sich selbst hatte betrachten können. Dann aber konnte er in Ma´thus Geist lesen, dass sich der junge Wraith den Krieger fast genauso vorgestellt hatte.
Behutsam glitten die wasserblauen Blicke über die dunkel umrandeten Augen Lo´reys, seine hohen Wangenknochen bis hinab zu dem etwas breiteren Kinn, das seinem Gesicht eine gewisse Kantigkeit verlieh. Er trug einen etwas längeren Kinnbart, in den drei Ringe eingeflochten waren. Hinter seinen Dreads, die wie die Mähne eines Löwen sein grünes Gesicht umrandeten, erkannte Ma´thu, dass sein Freund einen Ohrring trug, der aussah wie ein breiter Knochensplitter. Alles verlieh ihm den Ausdruck von Stärke, die Aura eines wilden Jägers.
„Ich erinnere mich wieder. Damals nach der Grundausbildung, als ich zum ersten Mal die Maske aufsetzen sollte, habe ich mir diesen Ohrring angelegt und den Bart so geflochten. Vielleicht auch deswegen, weil es so untypisch für einen Wraith ist. Es war so etwas wie eine letzte Rebellion bevor ich in der Masse unterging. Ich dachte wenn ich wüsste, dass ich unter der Maske völlig anders aussehe als die anderen, würde mir das doch noch ein wenig Individualität lassen."
Der blauäugige Wraith, der erst völlig fasziniert dagestanden hatte, fühlte nun im Inneren tiefste Bewunderung für den großen Drohnensoldaten. Er würde sich immer in irgendeiner Weise von der Masse abheben, er war anders. Und das obwohl man immer versucht hatte, ihn in eine Rolle hineinzudrücken. Keine andere Drohne hätte ihn damals gerettet und sich somit dem Befehl eines Höherrangigeren widersetzt. Lo´rey hatte es wie selbstverständlich getan.
Das Herz des blauäugigen Wraith trommelte einen schnellen Takt in seiner Brust. Irgendetwas geschah mit den beiden, je näher sie sich nach der langen Zeit wieder kennen lernten. Und es fühlte sich … anders an, als die Freundschaft die die beiden damals verbunden hatte. Es war merkwürdig und spannend zugleich für den jungen Wraith, ein dunkler, magnetischer Strudel, aus dem er seine Gefühle nicht mehr herausziehen konnte. Es war schwer für ihn, diese noch nie erlebte Welle an Emotionen einzuordnen….
Lo´reys gelbe Augen wanderten unruhig hin und her, als der blauäugigen Wraith vor ihm plötzlich angespannt wirkte und schwieg. Dann aber, als er die Emotionen tief in Ma´thu lesen konnte, wurden seine Augen sanft wie die eines müden Löwen.
Langsam drehte sich der Wraith mit den Opalaugen um, um zu seinem Schlafplatz zurückzukehren.
Es bedurfte in dieser Nacht keine weiteren Worte denn was soeben geschehen war, war wie ein ausgetauschtes Bekenntnis von beiden Seiten, ein stilles Verstehen, dass beide Herzen von da an im gleichen Takt schlagen ließ. Als Ma´thu langsam einschlief, während der Drohnenkrieger weiter über ihn und seine Brüder wachte, verfolgten ihn die sanften, gelben Augen noch bis tief in seine Träume hinein.
