Der Ernst des Lebens

Nachdem die Königin einige letzte Worte an ihre Kinder gerichtet hatte, verdunkelte sich der Raum wieder wie zuvor und die Schatten verschluckten sie, als sie mit rauschendem Gewand den Lichtkreis verließ.

Seit ihrer Geburt hatten die Geschwister die Königin nur am heutigen Tage zu Gesicht bekommen, obwohl sie ihre leibliche Mutter war. Aber alle wussten, dass es besser so war.

Die Wraith hatten mit diesem System bisher sehr erfolgreich überlebt. Wurde ein weibliches Wesen unter ihnen geboren, war sie bestimmt, Königin zu werden und bekam ihr eigenes Basischiff oder übernahm im Notfall die Nachfolge der Mutter. Eine Herrscherin hatte den kompletten Hive zu regieren und ihr Nachwuchs würde später in diesen integriert werden, würde ihr wie jeder andere im Schiff zu Diensten sein und so konnte sie sich keine emotionale Bindung zu ihnen leisten. Aus diesem Grund wurde ein enger Bund zur Königin von Anfang an vermieden. So konnte sich jeder auf seine Berufung konzentrieren.

Nachdem ihre fremdartige Mutter verschwunden war, mussten die jungen Wraith feststellen, dass nun für sie der Ernst des Lebens begann. Der Wissenschaftler war zur Seite getreten, als sich die hautartige Tür nach oben zog und einer der Kommandanten mit wehenden, fast bodenlangen Haaren und gefolgt von einigen Drohnen eintrat.

Ma´thu drehte leicht seinen Kopf und blickte mit seinen blauen Augen über seine eigene Schulter, als er spürte, dass einer der Soldaten Lo´rey sein musste. Als die Neuankömmlinge in den Lichtkreis traten, konnte der Wraith mit den drei kurzen Haarsträhnen erkennen, dass die Drohnen Masken in den Händen trugen. Der Kommandant mit der beeindruckenden Haarpracht, aber dem ansonsten eher gewöhnlichen, schmalen Gesicht, betrachtete schweigend diejenigen unter ihnen, die zu muskulösen Drohnen herangewachsen waren.

Mit einem Gedankenimpuls befahl er schließlich seinen Helfern, ihnen die grauen Gesichtsbedeckungen anzulegen. Blauschimmernde Augen hefteten sich neugierig an Lo´rey, der wie alle anderen Soldaten gehorchte und stillschweigend die 3 Tentakelverschlüsse der organischen Maske öffnete, um sie einer der jungen Krieger in spe anzulegen, der nun vor ihm stand und ehrfürchtig den Kopf beugte, um die Gabe zu empfangen. Dem Wraith mit den Opalaugen versetzte es einen Stich im Herzen zu sehen, dass Lo´rey ihn behandelte als wäre er Luft und schlichtweg den Befehlen des höherrangigeren Wraith gehorchte. Aber er wusste, dass sich der breitschultrige Krieger in dieser Situation nicht anders verhalten durfte und konnte.

Auf einmal kam Ma´thu alles so unfair vor. Es war nicht fair, den wunderbar eigenwilligen Geist Lo´reys derart zu unterdrücken. Es stimmte, dass er und die anderen sechs in der schwarzen Lehrlingsuniform damals gelernt hatten, dass sie von Geburt an „wertvollere" Wraith seien als ihre Drohnenbrüder. Aber Ma´thu war nie richtig von dieser Regelung überzeugt gewesen, vielleicht auch gerade deswegen, weil er sich schon als Kind heimlich mit Lo´rey angefreundet hatte.

Denkt daran: Eine Drohne gibt keine Widerworte. Eine Drohne gehorcht bedingungslos. Eine Drohne ist stets bereit, ihr Leben für das Basischiff zu geben. Mit dem Anlegen der Maske tretet ihr unwiderruflich in den Dienst des Hives."

verkündete der Kommander mit räuberischem Grinsen, als sich mit einem feuchten Schnalzen die oktopusartigen Fangarme der Masken an den Hinterköpfen der Nachwuchssoldaten schlossen.

Obwohl die grauen Masken keine Öffnungen zum Sehen besaßen, hatten sie doch die Funktion, sich im Inneren an die Augen des Trägers anzupassen und dessen Sicht um eine große Spannbreite zu erweitern. Dies war nur dadurch möglich, dass die Maske selbst lebendig war. Sie sah für die Wraith und projezierte ihnen das Bild auf ihre Netzhaut weiter. Alles in allem war es aber noch sehr ungewohnt für die jungen Drohnen und viele schüttelten verwirrt ihre Köpfe, als das technoorganische Oktopuswesen auf ihrem Gesicht begann, die Sichteinstellungen vorzunehmen.

Ma´thu spürte, wie ein Knoten seinen Hals zuschnürte und er fragte sich, ob es den anderen wohl auch so ging. Seine Drohnenbrüder, die die ganze Zeit mit allen anderen Geschwistern zusammen gewesen waren, bisher ganz normal mit allen gesprochen hatten und mit allen an einem Tisch gegessen hatten als sie die Reife nochnicht erreicht hatten, standen nun in Reih und Glied vor dem Kommandanten, verbargen ihren Geist vor anderen und sprachen kein Wort. Von nun an waren sie Werkzeuge, alle sahen gleich aus und agierten gleich. Das war ihr vorbestimmter Weg seit ihrer Geburt.

Bereits in der Ausbildungsbasis hatte man angefangen, die zu Drohnen gereiften Brüder von den anderen Geschwistern in Sachen Unterricht zu trennen, kurz nachdem sich bei ihnen der typische, muskulöse Körperbau abgezeichnet hatte. Sie hatten ab diesem Zeitpunkt nur noch dem Kampf- und Waffentraining und dem Flugunterricht für das Steuern der Jäger beigewohnt, während die anderen sieben etliche weitere Ausbildungsgänge zu absolvieren hatten.

Als der Kommandant mit hinter ihm herfegendem, silberweißem Haar aus der Tür verschwand, zog er die in gerader Linie hinter ihm laufenden Drohnen wie einen Rattenschwanz mit sich aus dem Saal.

Als Ma´thus blaue Augen die übrig gebliebenen sechs Brüder ansahen, bemerkte er schnell an ihren gelangweilten Gesichtern, wie egal es ihnen war, was nun mit den Drohnengeschwistern geschehen würde.

Ich bin froh, dass ich Lo´rey, kennen lernen durfte als ich noch ein Wraithling war. Sonst hätte ich im Unterricht genauso ein schlechtes Bild von den Soldaten in den Kopf gepflanzt bekommen wie meine Brüder…"

dachte der junge Wraith mit den Opalaugen.

Wenig später wurden auch Ma´thu und seine restlichen Geschwister von einem Kommandanten abgeholt, der eine Überraschung für die sieben bereithielt: Jeder von ihnen sollte ein eigenes Quartier bekommen!

Schon kurze Zeit später machten sich alle daran, ihre wenigen Habseeligkeiten in ihre Wohnräume zu verfrachten.

Die Räume waren nicht allzu groß und sahen alle gleich aus. Auch sie hatten die typischen graublauen Wände. es gab eine Liege zum Schlafen, die an der linken Wand stand und eher wirkte, wie ein aus demselben Material wie die Wände geformter Tisch. „Es wird schon gemütlicher werden, wenn ich ein paar Felle darauf lege." dachte Ma´thu und sah sich neugierig weiter um. In der gegenüberliegenden Wand war ein Monitor integriert, der orange leuchtete und davor stand ein Pult mit Knöpfen. Darüber würde er später Zugriff zur großen Datenbank des Schiffes haben, kam es Ma´thu in den Sinn, als er darüber nachdachte, wozu er so etwas in seinem Quartier hatte. Und sollte er tatsächlich als Wissenschaftler tätig werden, wäre das Gerät sicher auch nützlich!

Kurz nachdem der blauäugige Wraith seinen Gedanken zu Ende gebracht hatte, entdeckte er etwas im Raum, das ihn dazu brachte, schlagartig den Sack mit seinen wenigen Besitztümern darin fallen zu lassen. Die Wand gegenüber der Eingangstür war keine wirkliche Wand… Die gesamte Fläche war aus Glas und bot einen herrlichen Anblick hinaus ins All!

Wunderschön, nicht wahr?"

drang plötzlich eine wohlbekannte Stimme von hinten in Ma´thus Ohr.

Sein Bruder Rakesh stand hinter ihm in der offenen Tür und schritt dann langsam zu dem Wraith mit der milchweißen Haut und den blauen Augen, der verträumt vor zum Außenfenster geschlendert war. In ihren Augen mit den geschlitzten Pupillen spiegelten sich die Lichter der Sterne, als nun beide nach am Glas standen und hinaussahen. Nur das Knacken von Rakeshs Genick unterbrach nach kurzer Zeit die Stille.

Damals als Kinder haben wir die kleineren Fenster in den Korridoren schon so sehr gemocht und nun haben wir solch große ganz für uns alleine."

Sie sind so groß, dass es einem vorkommt, als ob der eigene Körper schwerelos im All treiben würde, wenn man hinaussieht."

kam es immer noch verblüfft von Ma´thu.

Der kleinere Wraith schaute seinen Bruder nun mit wölfischem Grinsen von der Seite an.

Ich bin froh, dass man jetzt wieder normal mit dir reden kann, Rakesh."

Dieser stieß nur ein zustimmendes Grunzen aus.

Ich möchte das nicht noch mal erleben. Ich bin froh, wenn ich ich selbst bleibe, so wie jetzt. Der alte Rakesh."

Am nächsten Tag begann eine Odyssey an Tests, die die sieben Brüder zu bewältigen hatten und durch die sich jeder junge Wraith, der sich nicht zur Drohne entwickelt hatte, einmal im Leben durchkämpfen musste. Sie waren nötig, um die körperlichen und geistigen Fähigkeiten und Talente der jungen Erwachsenen festzustellen. Später würde man daraus erkennen können, wer sich gut als Wissenschaftler oder als Bodentruppenkommandant, Schiffskommandant oder Erkundungsflieger eignen würde.

Ma´thu saß nervös hinter einer Glaswand und beobachtete mit wild hin- und herhuschenden Augen das, was dahinter geschah, während die dunklen Fingernägel seiner linken Hand leichte Spuren in seinen Oberarm kratzten. Er und seine Brüder hatten bisher einige theoretische Tests ablegen müssen, in denen sich unser blauäugiger Wraith recht gut geschlagen hatte, nun aber war die Prüfung dran, vor der er sich am meisten fürchtete: Der Nahkampf. Er schämte sich innerlich dafür, denn ein Wraith mit guten Kampfkünsten galt als besonders angesehen und stark, aber er war nun mal nicht der Beste in diesem Gebiet. Ganz anders war da sein Bruder Rakesh, der hinter der Glasscheibe im Kampfring herumwirbelte und gegen den ihr alter Mentor vom Ausbildungsplaneten als Prüfer eine immer schlechtere Figur machte.

Neben dem blauäugigen Wraith saßen seine Brüder, die alle mit gleichem Gesichtsausdruck ebenfalls den Kampf verfolgten, nur in ihren gelben Raubtieraugen konnte man ihre innere Anspannung sehen. Auch zwei Wissenschaftler, die fast aussahen wie Zwillinge befanden sich mit im Zuschauerraum. Einer war stets darauf konzentriert, jede Bewegung des Kampfes mitzubekommen während der andere die Kampfstatistiken auf seinem Monitor verfolgte. Ab und zu tauschten die beiden mental das Resumé ihrer Beobachtungen aus.

Der dumpfe Laut brechender Rippen ertönte, als der Mentor von Rakeshs Hieb getroffen auf die Knie sank. Er wischte sich fauchend ein dünnes Rinnsaal schwarzen Blutes aus dem Mundwinkel, bevor er sich langsam wieder erhob. Es würde wieder heilen, aber der Test war vorbei. Ein Mensch wäre jetzt bereits tot. Der junge Wraith mit dem Spitzbart war der eindeutige Sieger. Die beiden Wissenschaftler in ihren schwarzen, schmucklosen Uniformen nickten sich wohlwollend zu, als Rakesh stolzerhobenen Hauptes durch die türartige Öffnung in der Glaswand und in den Zuschauerraum trat. Mit einem zahnvollen Grinsen setzte er sich neben Ma´thu, der ihn sogleich beglückwünschte. Als der kleiner gebaute Wraith allerdings daraufhin von seinem Mentor bei seinem alten Namen gerufen wurde, zuckte er unwillkürlich zusammen.

Oh nein…nicht jetzt!" dachte er, darum bemüht, einen seriösen Gesichtsausdruck beizubehalten.

Der mächtige Kommandant mit dem bartlosen Gesicht und dem gezackten Tribal auf der Stirn sah bereits wieder fit aus und wartete mit entspannter Miene darauf, das Ma´thu seine Prüfung bei ihm ablegen würde. Der blauäugige Wraith musste ersteinmal Schlucken, bevor er sich, von Rakesh in Gedanken angefeuert, erhob, und steif in den Ring trat.

Blaue Augen trafen auf gelbe, als sich beide wie damals im Ring umkreisten. Weiße Haare und schwarze Uniformen schwangen im Takt ihrer Bewegungen.

Dieser Kampf war keineswegs schnell, dafür aber auch nicht zu Ma´thus Vorteil ausgegangen.

Der junge Wraith war durch seine geringe Körpergröße und den schmalen Brustkorb in der Lage, sehr gut den Schlägen seines Angreifers auszuweichen, aber er besaß einfach nicht die Kraft, sich gegen ihn zu behaupten. Zudem hatte er wieder die selben taktischen Fehler wie damals gemacht, als ihn wieder einmal der blinde Eifer zu gewinnen gepackt hatte.

Nun fand er sich auf dem Rücken liegend wieder, über ihm das triumphierende Gesicht des Mentors, der ihn in typischer Manier auf den sandigen Boden drückte.

Als Ma´thu innerlich geknickt aber mit gewollt emotionsloser Wraithmiene wieder in den Zuschauerraum schlich, konnte er den beiden Wissenschaftlern ansehen, dass er versagt hatte.

Es folgten viele weitere Tests, die zum Beispiel die Handlungsfähigkeit in Krisensituationen prüften, Tests, in denen es technische Problem zu lösen galt oder welche, in denen das Feingefühl bei der Steuerung von Schiffen geprüft wurde.

Am Abend waren die anstrengenden Tests vorbei und die Auswertung würde einige Tage dauern.