Anerkennung

Erschöpft machte sich Ma´thu auf den Weg zu seinem Quartier. Er öffnete die membranartige Tür mit den dunklen Nerven die darin verliefen und ließ sich mit der Brust nach vorne auf sein mit Fellen belegtes Bett fallen. Sein Gesicht vergrub sich tief in den dichten Tierpelz und es fühlte sich unheimlich angenehm und weich an. Fast wären ihm seine schläfrigen, blauen Augen zugefallen, als eine wohlbekannte Stimme in seinem Kopf ertönte.

Wie waren die Tests, mein kleiner Wraith?"

Lo´rey.

Ein sanftes Lächeln fuhr über Ma´thus Gesicht, als er sich langsam auf den Rücken rollte.

Jetzt sprichst du also wieder mit mir… ich habe seit meiner ersten Nährung gestern Mittag nichts mehr von dir gehört!"

sprach er zu Lo´reys Geist, mehr neckend als ernsthaft böse.

Ich wollte dich nicht die Nacht vor den Prüfungen wach halten, nur um meinen Wunsch mit dir zu sprechen befriedigen zu können, Ma´thu. So selbstsüchtig bin ich nicht. Obwohl ich deine Stimme vermisst habe."

Ein Schwall warmen Blutes schoss direkt in den Kopf des jungen Wraith, als die Bedeutung von Lo´reys Worten in seinem Geist klarer wurde.Wieder dieser Strudel an Gefühlen, der sich in Ma´thu drehte, sich gleichzeitig schlecht und gut anfühlte und einen ähnlichen Impuls fühlte er auf der Seite des Gegenübers.

Bist du an deinem alten Platz am Westflügel im Einsatzt? Wie du vielleicht weißt habe ich nun ein eigenes Quartier. Es liegt nicht weit weg von dir."

Eine Einladung?"

Vielleicht…"

Das Herz des Blauäugigen trommelte ein Stakkato in seiner Brust.

Ich könnte dir hier in Ruhe von den Tests erzählen…"

Ich werde nicht lange von meinem Wachtposten wegbleiben können, Ma´thu. Selbst wenn kaum einer meiner Befehlshaber um diese Zeit dort vorbeikommt, besteht ein Risiko. Und auch, wenn man mich in deinem Quartier sieht. Was mit mir geschieht kümmert mich nicht. Aber möchtest du Ärger riskieren, jetzt wo du noch einen relativ niedrigen Rang besitzt?"

Kurz huschten Ma´thus wasserblaue Blicke über die Oberfläche der Quartiersdecke, als würde er wirklich darüber nachdenken. Dann aber erklang seine Stimme wieder in Lo´reys Kopf und verkündete das, was für ihn von Anfang an außer Frage gestanden hatte:

Ja, das möchte ich."

Ein paar Minuten später spürte der junge Wraith die Präsenz des Soldaten vor seiner Tür. Er öffnete diese schnell, um sie direkt nach Lo´reys Eintreten wieder zu verschließen und sie von Innen abzusperren. Dies geschah durch die Eingabe eines bestimmten Codes an der Tastatur des DNA-Scanners.

Als sich Ma´thu vom Scanner weg und zu dem Soldaten drehte, hatte sich dieser bereits auf der Sitzbank am Fenster niedergelassen. Langsam schlenderte der junge Wraith mit der milchweißen Haut zu seinem Kameraden und setzte sich neben ihn. Als sie hinaussahen und die Sterne an ihnen vorbeizogen, konnte Lo´rey seine Blicke nicht von den Augen seines „kleinen Wraith" lassen.

Seine Augen sind wie die Oberfläche eines Sees, auf der des Nachts das Licht der Sterne tanzt." ging es ihm durch den Kopf. Ein Gedanke, den er erfolgreich versucht hatte, vor Ma´thu zu verbergen. Seit er in der einen Nacht im ehemaligen Geburtssaal das ganze Ausmaß der Gefühle des jungen Wraith hatte lesen können, war auch ihm klar geworden, dass er ähnlich empfand.

Bei der Ankunft der erwachsen gewordenen Wraithlinge hatte sich Lo´rey rein darauf gefreut, seinen damaligen Schützling wiederzusehen und sich wieder mit ihm anzufreunden. Aber je mehr sie sich unterhielten und sich sahen, umso dicker wurde der unsichtbare Faden, der beide verband… umso weniger ging ihm sein Ma´thu aus dem Kopf…

Lo´rey zog langsam die Maske ab, atmete tief durch und legte das zappelnde Etwas neben sich auf die freie Stelle der Bank.

Hahaha. Wenn ich so weiter mache, gewöhne ich mich noch daran, das Ding nicht mehr zu tragen.

Und nun mein kleiner Wraith, erzähl mir, wie die Tests verlaufen sind. Ich hoffe, sie ergeben das, was du dir wünschst. Du würdest einen guten Wissenschaftler abgeben! Dann könntest du mir vielleicht ab und an mal erzählen, was sie sagen. Ich habe nämlich von den technischen Sachen die sie reden garkeine Ahnung…"

sprach der Drohnenkrieger amüsiert in Ma´thus Richtung.

Dieser hatte allerdings nicht richtig zugehört. Seine beiden Hände ruhten verkrampft auf seinem Schoß, als er weiter ins All hinausstarrte.

Damals als Kind hatte er Lo´rey stets umarmt, heute wusste er, dass sich dies bei seiner Art in der Öffentlichkeit nicht gehörte. Es war etwas Intimes, dass nur in den Quartieren stattfand, wenn zwei Wraith sich nahe standen.

In den Quartieren….

Gerade als der Soldat mit der Panzerweste seinen Kopf schräg legen wollte, weil eine Antwort Ma´thus weiterhin ausblieb, lehnte sich der junge Wraith nach vorne. Seine von der Uniform nicht bedeckten Arme schlangen sich fest um die des Drohnensoldaten, sein Kopf mit dem milchweißen Haar legte sich an seine Brust. Der Blauäugige spürte die Härte und die Kälte des Brustpanzers an seinem Gesicht, doch es kümmerte ihn nicht. Lo´reys gelbe Augen weiteten sich, die Pupillen wurden dünn wie schwarze Fäden. Einen Moment schien die Zeit still zu stehen. Nur die Sterne, die im Hintergrund mit langen Schweifen an den Bewegungslosen vorbeizogen verrieten, dass es nicht so war.

Der kurze Moment kam Ma´thu vor, wie eine kleine Ewigkeit. Eine Ewigkeit, in der er Lo´reys Arme mit dem festen Fleisch an seiner Haut spüren konnte, in der er hörte, wie sein großes Herz in der Brust schlug. Er nahm den sanften Geruch der Drohne war und der war der gleiche geblieben wie damals. Eine Mischung aus seinem ganz eigenen Geruch gemischt mit Aromen von Stahl und Erde.

Ma´thu…"

Bitte sag nichts, Lo´rey. Nicht jetzt…"

„…!"

Der Krieger war verwirrt. Es fühlte sich gut an, dennoch hatte er nicht damit gerechnet.

Er hatte immer gedacht, er würde auf einer Mission sterben und vergessen werden, bevor ihm jemand derart wichtig werden könnte. Jetzt lag dieser jemand in seinen Armen…und Lo´rey war noch quicklebendig!

Langsam legte auch der Soldat seine Arme um den anderen Wraith und setzte sein Kinn vorsichtig auf dessen Hinterkopf auf. Oh, wie weich doch Ma´thus Haare waren, und wie gut es sich anfühlte, seine Körperwärme zu spüren.

Langsam fuhr die große, grünliche Hand des Drohnenkriegers hinab zur Rechten des Blauäugigen. Er erfasste sie sanft am schmalen Handgelenk und hob sie hoch zu seinem Gesicht, während sein „kleiner" Wraith ihn aus großen Opalaugen ansah, den anderen Arm immer noch um Lo´rey geschlungen als hätte er Angst, er könnte davonlaufen.

Der Krieger erinnerte sich, dass es Ma´thu gefallen hatte, als er das empfindliche Organ an seiner Hand mit den Fingern nachgefahren hatte.

Während sein sanfter Schlangenblick die blauen Opale gefangen hielt, berührte er es sanft mit den Lippen.

Einmal.

Zweimal.

Der junge Wraith mit der perfekten, weißen Haut zuckte bei jedem Hautkontakt zusammen und schnurrte wie eine Katze. Und auch ein Feuerwerk an Impulsen im Geist Lo´reys verriet ihm, dass es Ma´thu auch diesmal gefiel.

Noch eine ganze Weile verbrachten sie die Zeit damit, sich auf unschuldige Weise zu erforschen, berührten gegenseitig ihr Haar, fuhren mit den Händen die Konturen ihrer Gesichter und Arme nach. Für beide war es spannend und merkwürdig zugleich, als würde das Weltall, das nur durch ein Glas von ihnen getrennt war, nicht existieren.

Es gab Liebe unter den Wraith, auch wenn sie sich stets bemühten, bei ihren Feinden als emotionslos zu gelten und diese sie deswegen genau so einschätzten. Ihre eiskalte Fassade nach außen hin war nur ein Mittel zum Zweck, um für ihre Feinde uneinschätzbar zu bleiben, oder aber, um sich gar nicht erst mit der „Nahrung" anzufreunden. Dies würde ihnen nur Ärger bereiten und sie ins Verderben treiben… Tatsache war, dass sie sich nicht nur nähren mussten wie jedes andere Lebewesen, sie liebten auch wie jedes andere lebende Geschöpf. Und diese Liebe war es, die die beiden unterschiedlichen Wraith miteinander verband und die sie sich immer wieder gegenseitig in Gedanken gestanden, als sie in dieser Nacht das erste Mal alleine sein durften…

Einige Tage später standen die Ergebnisse der Eignungstests fest!

Innerlich aufgeregt standen die 7 jungen Wraith nebeneinander und warteten, welcher Berufung sie zugewiesen werden würden. Mit ihnen in der großen, dunkelblauen Halle mit den gelben Monitoren an den Wänden standen ein paar Drohnen sowie die beiden Wissenschaftler die sie bei den Prüfungen überwacht hatten. Dies taten sie in gleicher, gelassener Haltung mit demselben Ausdruck in den Augen und einem breiten Wraithgrinsen auf dem Gesicht. Sie wussten bereits, wer welche Zukunft an Bord des Basisschiffes hatte und nach dem Gesichtsausdruck zu urteilen schien das Ergebnis zufrieden stellend zu sein. Auch der alte Mentor mit dem gezackten Tribal auf der Stirn war anwesend und blickte entspannt auf seine ehemaligen Schüler herab.

Ma´thu bemühte sich, den Kopf aufrecht zu halten und würdevoll auszusehen, wie ein wahrer, erwachsener Wraith. Er fühlte Stolz in seiner Brust. Er würde ab heute tatsächlich ein vollwertiges Mitglied des Schiffes werden, seiner Königin dienen und sie stolz machen mit dem, was er tat. Angespannt wartete er darauf, dass die Begrüßungsrede des Mentors endlich enden und die Wissenschaftler die Ergebnisse verlesen würden. Wenige Minuten später war es auch schon soweit. Nicht nur, dass die beiden sich bis aufs Haar ähnelten, sie begannen nun auch, gleichzeitig und völlig synchron, jeden Einzelnen der Sieben mental aufzurufen. Der Erste Gedankenimpuls ging an Rakesh.

Wie immer ist er der Erste…dann wäre es kein Wunder wenn ich in der Reihenfolge der Letzte bin der drankommt." dachte der blauäugige Wraith bei sich. Es war bisher immer so gewesen!

Sein Bruder war ein großer Wraith mit Ehrfurcht gebietendem, gelben Schlangenblick. Er war zudem ein perfekter Kämpfer. Er hatte den Mentor als Erster seiner Geschwister im Kampf bezwungen, hatte zuerst sein Nährorgan bekommen und sich als Erster richtig genährt, trödelte nie wenn es galt, sich Herausforderungen zu stellen.

Ma´thu hingegen war damals als Letzter aus seiner Eikapsel geschlüpft und nur mit Hilfe des Wissenschaftlers, der beinahe sein Ende bedeutet hatte. Er war ein ungewöhnlich klein gebauter Wraith mit eher zerbrechlichem Körperbau und mit blauen Augen, deren Blicke eher beruhigten als provozierten und zudem im Dunklen nichts taugten. Im Kampf war er zu schwach und zu versteift auf den Sieg um je gut darin zu werden und er hatte sein Nährorgan auch erst sehr spät bekommen. Er war auch immer der, der träumte und trödelte und so war er immer Schlusslicht der Gruppe geblieben.

Ma´thu schüttelte sich den Gedanken schnell wieder aus dem Kopf. Es würde jetzt nichts bringen, Rakesh und ihn weiter miteinander zu vergleichen. Das deprimierte ihn nur noch mehr, und gerade heute wollte er stark wirken!

Sein großer Bruder mit dem Spitzbart war inzwischen mit schwingenden Haaren und quietschendem Leder nach vorne getreten. Nun stand er da und wartete in gerader Körperhaltung darauf, seine Berufung zu erhalten.

Bestes Ergebnis bei der Anwendung von Kampftechniken der gesamten Gruppe , ausgezeichnete Waffenkenntnis und ausgezeichnete Leistungen in jeglicher strategischer Hinsicht."

verkündeten die beiden Wissenschaftler nun wie aus einem Mund.

Eine Drohne trat hinter ihnen hervor und überreichte Rakesh eine wunderschöne, schwarze Lederuniform, die bis zum Boden reichte und schon deren lange Ärmel mit Lederplatten verstärkt waren.

Du wirst als Kommandant einer eigenen Bodentruppeneinheit eingesetzt."

Ein sehr guter Einstieg. Rakesh gurrte und hob stolz sein Kinn, als er die Kommandanten-Uniform entgegennahm. Mit diesem Status könnte er sich leicht emporarbeiten, wenn er sich auf seinem weiteren Weg als stark und mit genügend Führerqualitäten ausgestattet erwies. Mit der Zeit würde ihm vielleicht die Befehlsgewalt über einige Sektoren des Basisschiffes erteilt werden und vielleicht könnte er sogar den zweiten Befehlshaber der Königin von seiner Position verdrängen und seinen Platz einnehmen.

Als er sich wieder in die Menge seiner Geschwister einreihte, konnte er in ihren Gedanken lesen, dass sie ihn gleichzeitig beneideten und beglückwünschten und dies ließ seinen goldenen Blick noch mehr funkeln.

Kleiner Schatten."

Einen Moment herrschte Stille. Dann begriff Ma´thu, dass er gemeint war und das machte ihn völlig perplex. Nicht nur, dass er nicht damit gerechnet hatte, als Zweiter aufgerufen zu werden. Er hatte auch einen Moment vergessen, dass man mit „Kleiner Schatten" eigentlich ihn meinte! Zu Lange hatte er sich schon daran gewöhnen können, dass er von Lo´rey in „Farbe des Meeres" umbenannt worden war! Das Blut schoss ihm heiß in die Wangen, als er endlich nach vorne trat. Er bemühte sich weiterhin emotionslos und stark zu wirken und verfluchte dabei seine vor Aufregung weit geöffneten Gesichtsschlitze, die einfach nicht so wollten wie er und ihn verrieten.

Davon unbeirrt begannen die Wissenschaftler mit einer Zunge weiter zu sprechen und ihre langen Kinnbärte wackelten rhytmisch bei jeder Bewegung ihrer Kiefer.

Deine Nahkampfprüfung war absolut katastrophal! Jemand der so schwach ist, ist eine Schande für das gesamte Basisschiff."

Ma´thus Opalaugen verengten sich. „Also wurden hintereinander der Beste und der Schlechteste aufgerufen…" ging es ihm durch den Kopf und sein Magen fühlte sich an, als wäre er mit Blei gefüllt.

Dennoch…"

fuhren die beiden Forscher fort und ihr zuvor fauchender Unterton verschwand völlig aus ihren Stimmen.

„…hast du außerordentliche Ergebnisse in allen theoretischen Testteilen erzielt und warst auch der Beste im wissenschaftlichen Praxisteil. Alle in der Prüfung simulierten, technischen Probleme hast du mit Bravour unter Zeitdruck gelöst. Dein weiterer Weg wird somit als Wissenschaftler an Bord dieses Schiffes erfolgen."

Ma´thus Herz klopfte ihm bis zum Hals. Das war genau das, was er sich gewünscht hatte! Und er war ausnahmsweise sogar der Beste in seinem Gebiet! Der Blauäugige freute sich, dass das Ergebnis nun bewies, dass er nicht nutzlos war und das er das erreichen konnte, was er wirklich wollte! Stolz erhob er nun ebenfalls sein Kinn und nahm seine Uniform aus den Händen der Drohne entgegen, die nun vor ihm stand. Er drückte das weiche Leder fest an sich, als er sich wieder in die Reihe seiner Geschwister begab und der Nächste aufgerufen wurde. Mit blauen Augen die leuchteten wie die Wellen eines Ozeans betrachtete er das glänzende Leder seiner neuen Dienstkleidung und es war ihm egal das diese nur bis zu den Knien reichte und bis auf ein paar Schnallen und Nähte nicht sonderlich verziert war. Für ihn zählte das, was diese Uniform ausstrahlte und was er in ihr darstellen würde. Auf einmal hörte er Rakeshs Stimme in seinem Geist.

Ich bin stolz auf dich, Kleiner Schatten."

Und nun da Ma´thu sah, dass ihn sein großer Bruder ihn trotz seiner eigenen hohen Position lobte und anerkannte, war alle Eifersucht auf ihn wie weggeblasen.