Selbstopfer
Ma´thu war verstört und fahrig, seit er seine Hand vor der Königin verloren hatte.
Er wusste, er würde sterben. Er würde langsam und qualvoll verhungern und es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Einige Tage waren vergangen und er lag nur stocksteif auf der Schlafstätte seines alten Quartiers, eingewickelt in dunkle Felle und starrte mit kalten Augen an die Wand ohne großartig zu zwinkern. Seine Brüder hatten ihn verstoßen. Von Rakesh hatte er zwar keine Feindseeligkeit empfangen, aber auch sonst nichts. Es war, als wollte er ihn nicht mehr gedanklich oder sonst irgendwie kontaktieren. Dachte er wirklich, dass sein blauäugiger Bruder ein Spion war?
Ma´thu konnte es kaum glauben. Er war auf dem Weg gewesen, ein hoch angesehener Wraith zu werden, hatte entdeckt, was Liebe ist und hatte seinen Lieblingsbruder Rakesh an seiner Seite gehabt. Nun hatten sie ihm die Uniform abgenommen. Er trug nur noch einen dunkelbraunen Stoffanzug ohne Ärmel, der ihn unverkennbar als niederstes Mitglied des Schiffes kennzeichnete, hatte keine Freunde mehr, würde sterben und bis dies eintrat hatte er Tag und Nacht eine Drohne im Zimmer und außerhalb seiner Tür stehen. Noch hatte er Lo´rey, der zwar bisher nicht persönlich die Aufgabe seiner Überwachung zugeteilt bekommen hatte, jedoch stets versuchte, mental mit ihm in Kontakt zu treten, aber der Blauäugige blockte seine Impulse meistens ab. Ma´thu wusste zwar, dass der Drohnenkrieger nichts für seine Bestrafung konnte und das es schlauer gewesen war, dass er nichts getan hatte. Aber trotz allem empfand er einen tiefen Schmerz, wenn er daran dachte, wie sein Lo´rey nur dagestanden hatte wie jede x-beliebige Drohne und zugelassen hatte, dass das mit ihm geschehen war. Es war ein Gefühl, dass der Verstand nicht erklären konnte und solange es andauerte, wollte er nicht mit ihm sprechen.
Weitere Tage später allerdings konnte er sich nicht mehr vor seinem großen Freund verstecken, denn Lo´rey hatte die Aufgabe erhalten, Ma´thu zu beobachten und stand plötzlich im Inneren von dessen Quartier. Langsam schritt er auf den Liegenden zu und sah, wie der Stumpf seines rechten Armes aus den Fellen hervorlugte. Er war völlig geheilt, aber eine zweite Hand würde dem jungen Wraith nie wieder wachsen. Die blauen Augen Ma´thus starrten weiter ins Leere und sahen den Krieger nicht an, auch nicht, als dieser das Wort an ihn richtete.
„Mein kleiner Wraith. Bitte hör mich an."
„Es wird mir nichts anderes übrig bleiben."
kam es leise von der Schlafstätte her und diese Worte taten der großen Drohne sehr weh.
Langsam setzte Lo´rey sich neben den Liegenden. Es war ihm egal, wenn jemand hereinkam würde er eine Ausrede finden, warum er nicht direkt vor der Tür Wache hielt.
Langsam fuhr seine große Hand mit den dunklen Klauen über das seidene Milchhaar von Ma´thu, der mit flatternden Lidern seine Augen schloss. Erst wollte er vor der Hand zurückweichen, aber dann ließ er es geschehen, da er eigentlich keinen Grund hatte auf seinen Lo´rey böse zu sein. Seit Tagen spürte er endlich wieder, das jemand für ihn da war und er genoß die warme Hand der großen Drohne auf seinem Haar und Gesicht, den Geruch von Stahl und Erde.
„Ich würde alles für dich tun mein Ma´thu. Das weißt du. Ich durfte nicht eingreifen, damit wir jetzt noch eine Chance haben. Mir…"
seine sonst so feste, dunkle Stimme wurde unsicher.
„ … mir hat es einen so großen Schrecken versetzt als sie das mit dir getan haben und ich nicht in der Lage war, dir zu helfen! Es war, als hätten sie mir selbst die Hand abgeschlagen!"
Ma´thu lächelte schwach auf seiner Schlafstätte.
„Ja. Das weiß ich doch."
er seuftzte.
„Vielleicht…hatte ich auch ein wenig Angst du könntest wirklich denken, dass ich ein Verräter bin! Und das du mir deswegen nicht mehr helfen wolltest."
„Niemals!"
Lo´rey drehte Ma´thus Gesicht mit seiner Hand zu sich und sah ihm in die Augen.
„Du bist kein Verräter. Du wurdest nicht von den Menschen geschaffen! Es gibt keinen Weg das ich das glaube. Und selbst wenn es ein Gendefekt ist, der dich hat so werden lassen… Ich sehe dies nicht als Schande an! Du bleibst immer mein kleiner Wraith…"
Das Herz des Blauäugigen begann schneller zu schlagen, als er aus Lo´reys Geist lesen konnte, dass er es mit jeder Faser seines Körpers so meinte wie er es gerade gesagt hatte. Dann aber griff die Angst wieder nach Ma´thu und er wand seinen Blick aufs Neue ab.
„Trotzdem ist es nun zu spät. Ich werde verhungern, auch wenn ich kein Verräter bin."
„Nicht, wenn ich bei dir bin!"
langsam hob die Drohne ihre rechte Hand und der blauäugige Wraith schaute auf das große Nährorgan auf dem Handteller, dessen Öffnung wie ein großer, dunkler Schlitz darauf lag.
„Ein Nährorgan wird uns beiden reichen."
Ma´thu setzte sich auf und seine Augen huschten nachdenklich hin und her.
Plötzlich verstand er, was Lo´rey damit meinte!
„Du… du meinst du nährst dich für uns beide und hältst mich am Leben, indem du mir durch deine Hand Nahrung abgibst?"
Die große Drohne gab einen zustimmenden Laut von sich. Daran hatte Ma´thu vorher noch gar nicht gedacht! Wärme stieg ihm in die Wangen, als der größte Teil seiner Last mit dieser Erkenntnis von ihm genommen wurde. Er würde nicht Hungers sterben! Auch wenn der Rest seiner Zukunft noch im Verborgenen lag und gerade, als er darüber nachdachte, fuhr Lo´rey fort:
„Natürlich wird dies nicht lange unbemerkt bleiben, da die anderen sehen, dass du nicht verhungerst. Daher werden wir mit einem Dart fliehen, wenn das nächste Ausdünnen ansteht. Nur du und ich. Wir könnten von dem ausgedünnten Planeten aus durch ein Stargate gehen und lassen uns auf einem anderen bewohnten Planeten nieder, der nicht im Territorium unseres Hives liegt. Und von da an werde ich uns beide durchbringen."
Auf einmal wich der letzte Rest des komischen Gefühls in Ma´thu, das er seit seinem Todesurteil für die Drohne empfunden hatte. Er opferte seinen Platz an Bord des Schiffes, um mit ihm zu fliehen, wollte sich sein Leben lang um ihn kümmern. Das war sein Lo´rey. Und seine Liebe zu ihm, die etwas unterdrückt aber niemals weg gewesen war, flammte aufs Neue wie ein Waldbrand in ihm auf.
„Aber… wie willst du mich hier herausbekommen? Auch beim Ausdünnen werden sie mich bewachen!"
„Das müssen wir uns noch genau überlegen. Das nächste Ausdünnen wird noch eine Weile dauern. Bis dahin musst du durchhalten. Meine Rationen sind begrenzt wie die jedes anderen auf dem Schiff. Ich werde uns beide nicht gleichzeitig bis zu diesem Zeitpunkt ernähren können."
Ma´thu nickte sofort.
„Ja, ich werde durchhalten."
sagte er eisern, obwohl er dem großen Krieger verschwieg, dass der Hunger bereits leise anfing, in seinem Inneren zu nagen.
Zwischen den Planetenbesuchen, die zur Nahrungsbeschaffung dienten, lagen immer einige Wochen, die sich höchstens bis zu einem Zeitraum von 3 Monaten ausdehnten. Diese 3 Monate waren die Schmerzgrenze, die ein Wraith ohne Nahrung ertragen konnte. Lo´rey spürte das meist am eigenen Leib, da er seine Nahrung nur auf der Oberfläche des Planeten zu sich nehmen konnte. Als die Tage vorüber zogen, hoffte er inständig, dass das nächste Ausdünnen bald sein würde, damit er mit Ma´thu fliehen konnte und er ihm nicht vorher verhungern würde. Die letzte Nahrungsbeschaffung hatte kurz vor der ersten Nährung der Nachkommen stattgefunden und wenn sie Pech hatten, würde es bis zur nächsten noch lange dauern.
Als die Tage weiter vergingen konnte man beobachten, wie sich Ma´thus Zustand Tag um Tag verschlechterte. Er ging nur noch selten raus in die Korridore. Er wurde sowieso ständig von zwei Drohnen begleitet und die Wraith in den Gängen verspotteten ihn mit ihren Gedanken, fauchten ihn böse an und lachten über ihn. Selbst seine Brüder. Und wenn ihm Rakesh begegnete und der Blauäugige ihn verhalten grüßte, würdigte ihn dieser keines Blickes. Er konnte das alles kaum ertragen.
Als Lo´rey nach einiger Zeit wieder an der Reihe war, Ma´thu zu bewachen, bat sich ihm ein Bild des Elends. Sein kleiner Wraith saß auf seiner Schlafstätte, sein Körper gekrümmt, seine Haut kränklich grau und seine Haare hatten den seidigen Glanz verloren. Obwohl sie sich in der Zeit seiner Abwesenheit mental unterhalten hatten und Ma´thu ihm versichert hatte, es ginge ihm gut, konnte die Drohne nun sehen, dass seine schlimmsten Befürchtungen wahr geworden waren.
Als Ma´thus trübe, blaue Augen zu ihm hinaufsahen, fiel ihm für einen Moment das Atmen schwer.
„Da bist du ja wieder Lo´rey. Weißt du nun…"
Ma´thus Augen bekamen einen raubtierhaften Glanz.
„…wann das nächste Ausdünnen stattfindet?"
Lo´rey schüttelte den Kopf, sodass seine weißen Dreads nach rechts und links wirbelten und als sich Ma´thus Blick wieder senkte, sprach er:
„Du hast mich angelogen. Ich sehe, dass es dir nicht gut geht."
Der Blauäugige im braunen Stoffanzug lächelte müde.
Lo´rey ging mit stampfendem Schritt auf ihn zu und kniete sich vor die Schlafstätte, packte den jungen Wraith an den Schultern.
„Das ist kein Grund zu lachen, Ma´thu! Du weißt ich würde dir alles geben, was ich habe!
„Das genau ist das Problem…"
lachte Ma´thu, in dessen Stimme von den vielen Untertönen nur noch ein leises Rasseln zu hören war.
„…wenn ich so recht überlege möchte ich nicht, dass es dir am Ende schlecht geht… wegen mir Missgeburt… Eigentlich ist es besser du lässt mich sterben. So würdest du deinen Platz auf dem Schiff nicht gefährden…"
Kurz nachdem Ma´thus letzter Satz gefallen war, konnte er erleben, wie sich das stille Auge des Sturms vor ihm in einen Orkan verwandelte. Mit einem Ruck riss sich Lo´rey die Maske vom Gesicht und schleuderte sie auf den Boden, sodass das oktopussartige Wesen vor Schmerz quiekte und sich in den Freiraum unter der Schlafstätte verkroch. Sein kantiges, grünliches Gesicht mit dem langen Bart war nun direkt vor dem des Blauäugigen. Es wirkte, ganz untypisch für Lo´rey, auf einmal hart und wütend und er legte beide seiner spitzen Zahnreihen frei.
„Mein Platz auf dem Schiff… MEIN PLATZ AUF DEM SCHIFF! Was soll das für ein Platz sein? Der des Lückenbüßers und des lebenden Schutzschildes im Namen einer Königin, die das Einzige, was ich liebe, dem Tod in die Arme legt! Ohne dich Ma´thu… gibt es keinen Grund mehr hier zu leben. Entweder sterben wir beide, oder wir leben beide! Ich bitte dich…"
mit diesem Satz wurden seine Augen traurig und sein Gesicht wieder weicher und er vergrub es in den Fellen auf Ma´thus Schoß, vor dem er kniete.
„…nimm an was ich dir geben kann! Und wenn wir beide zu schwach sind zu fliehen, dann sterben wir wenigstens zusammen."
Der Wraith mit den drei kurzen Strähnen vor der Stirn schaute verdattert auf Lo´rey herab, der nun ganz still da lag, die Arme links und rechts um ihn geschlungen, und wunderte sich über die Mischung aus Härte und Sanftheit, die in dem Krieger wohnten. Aber so war er nun mal. Unverbesserlich liebenswert. Noch bevor er den Gedanken zu Ende gesponnen hatte, erinnerten ihn die Schmerzen wieder an seinen Hunger. Schmerzen, die seine Haut brennen ließen, als würde sie ihm jeden Moment vom Leib fallen gepaart mit dem Inneren Gefühl von unendlicher Leere. Seine Augen schmälerten sich.
Langsam glitt seine linke Hand hinab und packte die rechte des Kriegers. Er nahm sie, als wollte er sie schütteln, wie es bei den Menschen üblich war, aber stattdessen drückte er mit seiner Linken ruckartig zu, sodass die harten Stellen an der Öffnung des Nährorgans die dünne Haut seiner Handballen durchstieß. Als hätte Lo´rey nur darauf gewartet, dass Ma´thu sein Angebot annahm, begann er sofort damit, das nährende Elixier in den Körper seines Gegenübers zu pumpen. Heiß und stoßweise schwappte es in die Adern des jungen Wraith, als würde es von Lo´reys Herzen selbst dorthin befördert und sein Körper nahm es gierig auf. Der Blauäugige konnte ein befreiendes Seufzen und Fauchen nicht unterdrücken, als endlich wieder süßes Leben in ihn einströmte und er bemerkte kaum den Inneren Kampf der großen Drohne unter ihm.
Lo´rey hielt während des Vorgangs seine Augen geschlossen, sog tief die Luft ein, als er Ma´thu mit der wenigen Nahrung fütterte, die sein Körper noch beherbergte. Für ihn war die Fütterung an sich nicht schmerzhaft, dennoch konnte er fühlen, wie er mit jeder Welle, die an seinen Liebsten hinüberschwappte, selbst hungriger wurde, seine Kraft schwand, wie seine Haut anfing zu prickeln, dann zu brennen. Kein gutes Zeichen… und trotzdem wollte er Ma´thu soviel geben, wie er nur konnte. Wie er zuvor gesagt hatte, er konnte sie mit dem was er zu sich genommen hatte nicht beide ernähren. Und das er sich das letzte Mal etwa zur selben Zeit wie Ma´thu genährt hatte ließ darauf schließen, wie wenige Reserven er selbst nur noch zur Verfügung hatte, jetzt da beinahe 3 Monate ins Land gegangen waren.
Als der Blauäugige plötzlich bemerkte, dass die große Hand des Kriegers zu zittern anfing, wurde das überschwängliche Gefühl der Nahrungsaufnahme im Keim seiner Sorge um Lo´rey erstickt. Schnell riss er seine Hand los, auf deren weiß-grauem Handballen sein Blut und letzte Tropfen des nährenden Lebenselixiers klebten. Sich nicht darum kümmernd legte er sie auf Lo´reys Haarschopf und zog seinen Kopf nach oben.
„Sieh mich an!"
„Es… geht mir gut, mein kleiner Wraith."
„Jetzt lügst du mich an. Ich gebe es nicht gerne zu, aber darin bist du genauso gut wie ich! Ich…danke dir…"
schmunzelte der junge Wraith, als er sich Lo´reys müde, gelbe Löwenaugen besah, die ihm aus dem markanten Gesicht entgegenleuchteten. Und dann, nach der sanften Müdigkeit der minutenlangen Stille zwischen den beiden geschah etwas. Etwas, dass nur allzu menschlich war. Etwas, dass zu tun sich Ma´thu nicht im Stande sah, sich selbst zu verbieten.
Er beugte sich langsam hinab, während er mit Daumen und Zeigefinger das Gesicht Lo´reys am Kinn näher zu sich führte. Sanft fanden seine Lippen wie selbstverständlich den Weg zu denen des Kriegers, die unerwartet weich, trocken und warm erschienen. Als die Drohne bemerkte, was geschah, konnte er sich zuerst keinen Reim darauf machen, was diese Geste zu bedeuten hatte. Verwundert ließ er es geschehen und als er in Ma´thus Gedanken las, welche Bedeutung sie haben sollte und spürte, welche Gefühle sie in ihm selbst auslöste, schlang er seine Arme um seinen „kleinen" Wraith und erwiderte den Kuss heftig, stets darauf bedacht, dessen Lippen nicht mit seinen scharfen Zähnen zu verletzen. Ihre Körper verlangten mit derselben Intensität nach einander, wie sie vor Hunger brannten, und ihr Kuss war lang und verzweifelt, denn keiner der beiden wusste, ob er vielleicht der erste und der letzte zugleich war.
