Wolf im Schafspelz
Endlich trat das ein, worauf der Soldat und der Verurteilte so sehnsüchtig gewartet hatten!
Die Königin hatte den Befehl gegeben, einen Weidegrund anzusteuern und das Schiff war bereits auf dem Weg dorthin. Lo´rey erfuhr dies nicht nur dadurch, dass das Basisschiff in den Hyperraum gesprungen war, sondern auch durch den flüchtigen Gedankenimpuls, den die zuständigen Kommandanten ihren Drohnentruppen zukommen ließen: „Jägerhangar. In genau 1 Stunde!"
Das Herz des Kriegers ließ wie wild sein schwarzes Wraithblut durch die Adern pulsieren, sodass es fast wehtat. „Jetzt muss alles schnell gehen!" dachte er und vor seinem inneren Auge lief noch einmal der Fluchtplan ab, den er sich zurechtgelegt hatte. Dieser war an sich gut durchdacht, jedoch konnte sich Lo´rey ausmalen, dass einige, simpel wirkende Stellen in seinem Plan in der Realität schwieriger umsetzbar sein würden. Zumindest wurde ihm an diesem Tag eine große Hürde erspart: Er hatte gerade Wachdienst in Ma´thus Quartier und würde sich später nur noch darum scheren müssen, die andere Wache vor der Eingangstür loszuwerden.
„Geht es los?"
drang es schwach von der Schlafstätte mit den schwarzen Tierfellen hinüber zum Ohr der Drohne. Der feinfühlige Ma´thu hatte ohne Lo´reys Gedanken zu lesen bemerkt, dass etwas nicht mit ihm stimmte. Es wäre ihm auch nicht möglich gewesen, diese zu lesen, denn während der Soldat über seinen Plan sinnierte, schottete er seinen Geist völlig von allem ab. Er durfte ihr Vorhaben auf keinen Fall verraten. Er traute sich deshalb nicht einmal, seinen Gedankenfluss nur auf Ma´thu zu richten, wie sonst auch und begann dafür, leise mit seinem Liebsten zu sprechen. Es war völlig überzogen, das wusste Lo´rey selbst, doch er hielt es auch irgendeinem Grund für die sicherste Methode.
„In nicht einmal einer Stunde… Der Plan läuft wie besprochen. Wir gehen hinaus in die Gänge und werden so tun, als gingst du spazieren und ich als würde ich dich bewachen. Die andere Drohne vor deiner Tür wird sich uns direkt anschließen, sobald wir hinaus in den Flur treten. Das ist eines unserer Probleme. Wenn es nicht anders geht werde ich sie ausschalten müssen, wenn wir kurz vor dem Hangar sind."
„Bist du sicher, dass niemand dort ist, wenn wir kommen?"
Lo´rey, der zum Zweck seines Flüsterns sehr nahe an die Schlafstätte getreten war und sich zu Ma´thu hinabgebeugt hatte, verstummte für einige Sekunden. Es war eine beklemmende Stille. Doch dann sprach er mit leiser, rauer Stimme:
„Genau weiß man das nicht. Ich weiß von meinen vorherigen Einsätzen auf den Planeten, dass sich so gut wie niemand im Hangar aufhält, bevor es nicht an der Zeit ist. Unsere Kommandanten für den Planeteneinsatz sind kurz vor dem Abflug stets sehr beschäftigt. Sie versammeln sich meist noch einmal, um ihre Taktiken zu besprechen. Und wir Drohnen halten uns strickt an unsere Befehle, somit kann ich davon ausgehen das die anderen erst später auftauchen."
„Hoffen wir es."
Der blauäugige Wraith, der bisher aufrecht vor Lo´rey gesessen hatte, stand nun vorsichtig auf und seine Bewegungen wirkten so behäbig, als wären seine Glieder aus schwerem Blei gemacht. Die Schwäche und die Schmerzen des Hungers hatten seine Kräfte zum Großteil aufgezehrt. Die wenige Nahrung, die ihm der Soldat gegeben hatte, hatte kaum geholfen. Auch Lo´rey kämpfte innerlich seinen ganz eigenen Kampf gegen die Qual in seinem Inneren, ließ sich dies bisher allerdings weniger anmerken. Er konnte nicht zulassen, dass das Tier in ihm durchbrach. Er musste seinen kleinen Wraith beschützen! Koste es, was es wolle!
Während Lo´rey dieser Gedanke durch den Kopf schoss, blickte Ma´thu, um ein entschlossenes Auftreten bemüht, auf die Stelle der grauen Maske des Kriegers, wo er dessen Augen vermutete. Und nachdem er den Kloß in seinem Hals herunter gezwungen hatte, sprach er:
„Dann lass es uns also versuchen."
Mit dem typischen „Wusch"-Geräusch glitt die Tür von Ma´thus Quartier nach oben und er und Lo´rey traten hinaus in den dunklen Flur. Wie erwartet gesellte sich der Wächter, der die ganze Zeit die Türe von außen bewacht hatte, sofort zu ihnen. Der Blauäugige hatte nun seinen Freund zur rechten, den ungewollten Störenfried zu seiner linken Seite, während sie den Gang hinab liefen. Noch begegneten ihnen einige Soldaten und Kommandanten, die aufgeregt und mit wehendem, weißem Haar durch die dunkelblauen Korridore hetzten und dabei den Nebel aufwirbelten, der wie gewöhnlich den Boden einhüllte. Die Stimmung unserer Beiden hätte angespannter nicht sein können… Der kleinste Fehler würde ihren Tod bedeuten! Bei dem Gedanken daran wurde Ma´thu regelrecht übel, aber er durfte sich nichts anmerken lassen. Seine Fußsohlen, die bei jedem Schritt brannten als würden sie sich von seinen Füßen ablösen, trugen nur dazu bei, weniger daran zu denken.
Sie bogen in mehrere Korridore ein, die alle gleich aussahen. Rechts, dann wieder links, geradeaus und um die Ecke wieder in den rechten Korridor… Immer weniger Wraith begegneten ihnen, als sie weiter in Richtung Schiffshangar vordrangen.
Als plötzlich ein Impuls in Lo´reys Kopf schnellte, erstarrte er, und auch Ma´thu hielt an und sein Blut schien vor Angst zu gefrieren, weil er nicht wusste, was auf einmal los war.
„Moment! Der Verräter darf den Hangar nicht betreten! Befehl der Königin!"
Die andere Drohne stellte sich vor den kleineren Wraith und wies ihm mit einer Armbewegung an, dass er wieder umkehren solle. Ma´thus blaue Augen mit den geschlitzten Pupillen huschten ungewollt ängstlich zu Lo´rey, der nun vor seinen Kollegen trat. „Was wirst du tun, Lo´rey? Willst du ihn hier schon ausschalten?" ging es durch den Kopf des jungen Wraith: Aber es beruhigte ihn daraufhin ein wenig, als sein großer Freund nicht Taten, sondern Worte folgen ließ.
„Falsch. Es liegt ein neuer Befehl vor. Wir sollen den Spion in den Speichertank eines Darts verfrachten. Die Königin wünscht, dass er auf dem Planeten ausgesetzt wird. Das erspart uns, seine Leiche wegzuschaffen und wir können unsere alten Posten wieder annehmen. Ich muss sagen, es ist mal wieder sehr klug ist von ihr… er kann sich dort doch sowieso nicht nähren, ob er nun hier vergammelt oder dort unten!"
Für unseren großen Drohnenkrieger war es hart gewesen, diese Worte auszusprechen, weil ihm dabei schreckliche Bilder in den Sinn kamen. Bilder, die zeigten, wie sein Ma´thu auf dem Planeten lag, tief im Wald, verlassen, vor Hunger ausgedörrt, seine blauen Augen im Tod starr nach oben gerichtet… Dennoch hatte Lo´rey es geschafft, seinen Worten einen realistischen, sarkastischen Ton zu verleihen und als er sie zu Ende gesprochen hatte, lachte er dreckig, um noch einmal sicher zu gehen, dass sein Kollege es ihm abkaufte. Noch dazu war dies wirklich von Anfang an ein Teil ihres Planes gewesen: Ma´thu sollte unbemerkt im Lagersystem eines Darts das Schiff verlassen.
„Von diesem Befehl habe ich bisher noch nichts gehört, aber es klingt einleuchtend. Lass ihn uns schnell verfrachten, dann haben wir ihn vom Hals."
Und mit diesem Satz machte die einst störrische Drohne den Weg vor Ma´thu und Lo´rey wieder frei und begleitete sie weiter bis zum Hangar. Wie sollte sie auch wissen, dass ihr Kollege mit dem Verräter unter einer Decke steckte? Dem Blauäugigen Wraith fiel ein Stein vom Herzen…einer der VIELEN Steine, denn er wusste, dass immer noch etwas schief gehen konnte.
Ein weiterer Stein folgte dem ersten, als sie endlich im Schiffshangar ankamen und sich Ma´thu umsah. Es war niemand außer ihnen dort, wie angenommen. Nur die drei Wraith standen auf einer Plattform im gewaltigen, dunklen Hangar, der zu ihren weißen Haaren einen deutlichen Kontrast bildete. Wie damals blies ein leichter Wind pfeifend um die Löcher in den Wänden, in denen die Jäger bis zu ihrem späteren Einsatz ruhten. Bald schon würde das Heulen ihrer Triebwerke den Menschen auf dem angesteuerten Planeten Angst und Schrecken bereiten.
Lo´rey hatte keine Zeit all diese Dinge zu bemerken oder daran einen Gedanken zu verschwenden. Er musste bald handeln, um die andere Drohne loszuwerden, die nun verschwand, um einen Jäger hinaus auf die Plattform zu fliegen. Noch war Lo´reys Kollege nützlich, um Ma´thu sicher und schnell im Dart unterzubringen, danach aber würde leicht ans Licht kommen können, dass diese Aktion nicht von der Königin angeordnet worden war, würde der Drohnensoldat weiterhin ganz normal durch das Schiff laufen und seinen Dienst tun. Unser Krieger verspürte zuerst den Impuls, seinen einstiegen Kameraden zu töten, sich vielleicht auch an ihm zu nähren, aber dann schlug er sich dies schnell wieder aus dem Kopf. Eine verschrumpelte Wraithleiche an Bord würde nur zu Aufruhr führen und sie vielleicht verraten.
Röhrend landete das kleine Schiff, dessen spitze Forderseite an einen knöchernen Vogelschnabel erinnerte, vor Ma´thu und seinem Freund. Der dabei aufkommende Wind zerzauste dem jungen Wraith die sowieso schon struppig gewordenen Haare noch umso mehr. Langsam hob sich die dunkle, gewölbte Glaskuppel über dem Pilotensitz des Schiffes, und die andere Drohne schaute hervor.
„Platzier den Verräter vor dem Lagersystem, ich sammle ihn ein."
grunzte sie in Lo´reys Geist. Dieser packte Ma´thu sanft an seinem milchweißen, eher dünnen Arm und zog ihn hinter den Jäger, wo sich die Kammern des Speichers befanden, der sonst dafür genutzt wurde, Menschen darin zu lagern und zum Basisschiff zu transportieren.
Der Drohnenkrieger sah seinem kleinen Wraith noch einmal in die Augen, strich ihm mit einer schwarzen Klaue die drei kurzen Strähnen aus der Stirn und bemühte sich, seine Gedanken auf Ma´thu zu fokussieren. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, nicht mehr mit ihm zu sprechen, dennoch konnte er es nicht lassen ein letztes Mal im Geist mit ihm Kontakt aufzunehmen:
„Ich kann dir nicht versprechen, dass wir uns wieder sehen oder dass alles ab jetzt klappen wird. Aber wenn du im Speicher bist wirst du nichts mehr spüren. Man sagt es sei so, als würde man schlafen, ohne Schmerzen und Ängste. Und wenn wir es schaffen und du wiedererwachst, bin ich da und sorge für dich."
Ma´thus innere Angst, was geschehen würde, die brennenden Schmerzen auf seiner Haut und der Gedanke, Lo´rey nie wieder zu sehen, ließen ihm fast die Tränen in die Augen steigen. Dennoch schenkte er seinem Krieger ein breites, wenn auch unweigerlich trauriges Wraithlächeln, als dieser einige Schritte zurücktrat. Ein weißer Lichtstrahl fiel daraufhin wie ein Kegel aus dem hinteren Teil des Schiffes, erfasste die Gestalt des Blauäugigen und bald war nichts mehr von ihm zu sehen. Kein Lächeln mehr, keine strahlenden Opalaugen, keine milchweiße Haut, kein brauner Stoffanzug.
Ma´thu war bis auf ein einzelnes weißes Haar, das im Wind der Triebwerke davon trieb, in den Tiefen des Darts verschwunden, und Lo´rey kam schmerzvoll in den Sinn, dass er ganz allein war. Das Basisschiff und die anderen Wraith darin und somit um ihn herum, zählten nicht mehr. Ma´thu war fort und er allein. Das Gefühl würde erst wieder verschwinden, wenn er weit weg von hier auf einem Planeten sitzen würde, versteckt in den Wäldern, seinen „kleinen Wraith" fest in den Armen, die ihn nie mehr loslassen würden.
„Die Einspeicherung war erfolgreich."
Tönte es vom Cockpit des Darts zu Lo´rey hinüber. Als die Drohne darin sich wieder dem Kontrollfeld zuwenden wollte, um das Schiff zurück zu fliegen, richtete sich blitzschnell ein langes Betäubungsgewehr auf sie und dessen lähmender, blauer Schuss traf sie und ließ sie ohnmächtig auf dem Sitz zusammensacken. Ein dumpfer, metallischer Laut ertönte, als der Kopf der Drohne dabei mit der Maske voran auf die Schiffsapparatur knallte. Als er sicher war, dass sich sein Kollege nicht mehr rührte, ließ Lo´rey das Gewehr sinken. Er hob seinen einstigen Kameraden aus dem Sitz und zog ihn grob an den Armen hinter den Jäger. Obwohl er sehr stark war, machte ihm das tragen und ziehen der anderen Drohne Probleme, da auch sie genau wie er selbst sehr stämmig und muskulös war und zudem die gleiche, metallische Panzerweste trug. Dennoch versuchte er, es so schnell wie möglich zu tun. Schließlich könnte es ihm jeden Moment passieren, dass ein anderer Wraith vorbeikam! Es waren nur noch 20 Minuten, bevor der Hangar von den anderen nur so wimmeln würde!
Als Lo´rey die Drohne hinter dem Schiff abgesetzte hatte, aktivierte er den gleichen Beamstrahl, der zuvor Ma´thu erfasst hatte, und ließ die molekularen Einzelteile des Betäubten ebenfalls im Speichersystem verschwinden. Dieser Wraith stellte nun keine Gefahr mehr für sie dar. Beweise vernichtet.
Vorsichtig flog unser Drohnenkrieger den Dart wieder zurück in seine höhlenartige Abstellkammer in der dunklen Wand des Hangars.
Er war fürs Erste zufrieden. Ma´thu sicher unterzubringen war einer der gefährlichsten Teile ihres Planes gewesen. Als Lo´rey seine Füße in den schweren, eisenbeschlagenen Lederstiefeln aus dem Dart hinaus und wieder auf den kalten Boden des Hangars setzte, atmete er noch einmal tief durch. Sein ruheloser Geist arbeitete wie ein Uhrwerk.
Nein, es würde nichts bringen, jetzt zurück ins Schiffsinnere zu gehen. In einer Viertelstunde würde das Ausdünnen beginnen und er würde schon hier warten, um seinen Platz in dem Jäger zu sichern, in dem sich die verbotene Fracht befand. Niemand würde ihn oder seinen im Tank eingespeicherten Drohnenbruder vermissen, wenn sie im Bodentrupp fehlten, denn es wurde ja davon ausgegangen, dass 2 Drohnen den Verräter bewachten.
„Wieder einmal ist es ein Vorteil, dass wir alle gleich aussehen und sich keiner für uns als Einzelnen interessiert …" grinste Lo´rey triumphierend hinter seiner Maske. Immer war er ein „blödes" Schaf gewesen, das in der Herde nie von anderen zu unterscheiden gewesen war. Zugegeben, dieses System hatte den Wraith bisher große, militärische Vorteile gebracht, dennoch hatte es einen großen Fehler: Es war nun unmöglich, den Wolf unter den Schafen zu erkennen! Und die Rolle des Wolfs gefiel dem Drohnensoldaten außerordentlich gut.
