Judas?

Scharen von Wraith strömten wie weißes Blut durch dunkle Adern in Reih und Glied in den Hangar. Lo´rey konnte das Szenario gut überschauen, da er weit über ihnen in der Höhle bereits in seinem beladenen Dart saß. Die innerliche Anspannung und Furcht, dass alles schief gehen würde, war nur noch als winziges Ziehen tief in seinem Inneren vorhanden. Nein, viel größer war nun der Zorn, der Wille, es ihnen allen zu zeigen, auszubrechen, Ma´thu zu beschützen und der tobende Hunger, der langsam seinen Verstand zu vernebeln versuchte.

Mit gebleckten Zähnen und einem kurzen, knurrigen Ton schloss er die dunkle Kuppel über ihm und sank tiefer in den weichen Bezug des Pilotensitzes. Keine zehn Pferde würden ihn aus diesem Schiff herauskriegen! Im Geist hörte er die Stimmen der Kommandanten, die die letzten Befehle durchgaben und alle durcheinander plapperten, wie es vor einem Ausdünnen immer der Fall war. Lo´rey schenkte ihnen keinerlei Beachtung und schottete sich völlig ab. Mit flinken, klauenbesetzten Fingern betätigte er die ersten Knöpfe der Jägersteuerung.

Die Bodentruppen versammelten sich, folgten ihren Befehlshabern in die großen, blauen Wraithkreuzer, die zuvor hinaus auf die Plattformen geflogen worden waren, erste Darts schossen surrend und wie weiße Pfeile aus ihren Höhlen in den Wänden. Unser Drohnenkrieger tat es ihnen gleich. Langsam erhob sich das kleine, spitze Schiff vom kalten Boden der Höhle. Das Heulen und Röhren des Antriebs ließ den Sitz unter Lo´rey vibrieren, als es aus ihr hinaus in den Hangar schoss. Wie zur Vorbereitung tanzten die Darts geradezu durch den runden Hangar, jagten in schnellem Flug hintereinander her, immer wie ein Wirbelwind um die Wände herum und mehr und mehr von ihnen schlossen sich dem Spiel an. Wenn alle die Schiffe besetzt hätten, würde sich die Luke am Boden des Basischiffes öffnen und ihnen den Weg ins Weltall freigeben. Und nun war es soweit! Unter ihnen lag die wunderbare, dunkelblaue Weite des Alls, die Sterne strahlten weiß und gelb und verheißungsvoll. In Lo´rey´s Geist schrie es: „Nichts wie Weg! Der Weg ist frei!" aber er riss sich zusammen, tanzte weiter mit den anderen den seltsamen Formationstanz um die Hangarwände, um nicht aus der Masse hervorzustechen. Erst als die Kreuzer das Basischiff verlassen hatten, steuerte der erste Dart nach unten, hinaus durch die Luke und die anderen reihten sich an ihn und folgten ihm wie eine Kette, die sich hinaus in das Dunkel des Alls schlängelte.

Normalerweise hätte der große Drohnenkrieger dies als eine willkommene Abwechslung zu seinem Bodentruppeinsatz gesehen, hätte, so romantisch veranlagt wie er unter seiner harten Schale heimlich war, das Formationsfliegen und das Eintauchen ins Universum genossen. Aber er konnte es nicht und wollte es auch nicht. Es bedeutete alles nichts. Und was er sich selbst eingestehen musste war, dass er froh war, zur Hälfte bereits ein Tier geworden zu sein. Er hatte es versucht zu unterdrücken, aber er verstand nun auch, dass es ihn zorniger machte und ihm damit seine Angst völlig raubte. Die Jäger umringten nun die mächtigen Kreuzer wie zum Schutz und allesamt steuerten sie den großen, erdähnlichen Planeten vor ihnen an, während die Sterne mit langem Schweif an ihnen vorbeizogen. Gefährlich grinsend wie der Wolf, den er zuvor selbst in sich erkannt hatte, tat Lo´rey es ihnen gleich.

Einige Zeit später:

Die Sonne brannte heiß auf den Rücken der Bauern hinab, die gerade dabei waren, ihr Feld zu besäen, welches in sorgfältig gezogenen Erdfurchen vor ihnen lag. Ihre Kleidung war recht einfach: Aus braunem oder grauem Baumwollstoff gefertigt, grob und lang die Hemden, die Hosen ausgebeult und die Sachen wollten keinem von ihnen so recht passen. Auf ihren Köpfen trugen sie undicht geflochtene, flache Strohhüte um sich vor den Sonnenstrahlen zu schützen.

Ihr Dorf war nur wenige hundert Meter weit entfernt, die klobigen Männer hatten keine große Mühe, die großen Strohdächer ihrer Häuser von ihrem Feld aus zu erkennen. Das Dorf lag am Fuße eines großen Berges und war ebenso einfach, wie seine Bewohner. Sie besaßen keine Technik, keine Raumschiffe, lagen mit niemandem im Krieg und lebten ihr simples, glückliches Leben umringt von einer immer grünen Vegetation.

Als einer der Bauern, von der Sonne rot im Gesicht und mit einer etwas zu großen Nase darin, den Saatkorb abstellte, um sich den Schweiß aus der Stirn zu wischen, weiteten sich seine Augen vor blankem Entsetzen.

„D….Die Wraith! Die Wraith kommen!"

Noch bevor das markante, surrende Geräusch der Wraithdarts ertönen konnte, waren die Flugkörper bereits am Himmel zu sehen. Die Bauern ließen ihre Saatkörbe und Rechen fallen und rannten in Panik vom Feld aus in alle vier Himmelsrichtungen querfeldein. Sie hatten schon damals als Kinder vom Dorfältesten gelernt, sich so zu verteilen, sollten eines Tages Jäger am Himmel erscheinen. Das machte es den „Monstern" schwieriger, alle von ihnen mit ihren „Fanglichtern" zu erwischen, so wie die einfachen Leute dieses Planeten in ihrer Unwissenheit die Beamstrahlen der Darts nannten.

Die kleinen Raumschiffe machten keine Anstalten, die paar Bauern zu verfolgen, die weg vom Feld und in Richtung Wald liefen. Heulend wie ein Gespenst sausten sie einem der Bauern hinterher, den seine Beine vor Angst durch das kniehohe Gras und direkt hin zum Dorf trugen, während die Kreuzer mit den Bodentruppen im nahen Dickicht landeten. Die Jägerpiloten wussten genau, dass die Siedlung voll von frischer Nahrung war, die nur darauf wartete, geerntet zu werden. Der Bauer hatte beinahe das erste Haus am Rande seiner Heimat erreicht, als ihn der weiße Strahl des Darts über ihm traf und er für seine Familie und Freunde auf Nimmerwiedersehen im Speichertank des kleinen Schiffes verschwand. Für die Menschen, die ihm nahe standen, war dies sicher ein großer Verlust, für die Wraith nur ein winziger Erfolg in Hinsicht auf all die hungrigen Mäuler, die es an Bord des Basischiffes zu stopfen galt.

Die Frauen des Dorfes mit ihren verblassten Leinenkleidern und den weißen Häubchen auf dem Kopf zogen ihre vor Angst weinenden Kinder hinter sich her, Männer halfen denen die nicht schreiend in die Wälder ringsherum flüchteten dabei, sich vor dem Beamstrahl in die „Sicherheit" ihrer Hütten und Häuser zu begeben. Spätestens beim Eintreffen der Bodentruppen würde sich dies eher als Falle denn als Schutz herausstellen…

Eine halbe Stunde dauerte das Ausdünnen nun schon und Lo´rey hatte sich weiterhin unauffällig verhalten, war wie die anderen über das Dorf geflogen und hatte einige Menschen eingefangen. Ihm war das Leid auf dem Planeten unter ihm zwar nicht egal, dennoch kannte er es nicht anders und so stieg statt Mitleid nur die Gier sich zu nähren in ihm empor, wenn er auf die fliehenden Menschen herabsah. Langsam wurde es jedoch Zeit, den nächsten Teil seines Fluchtplanes in die Tat umzusetzen und dazu versuchte er, das Toben in seinem Inneren zu kontrollieren, was ihn viel Kraft kostete. Er begann mit dem Dart immer größere Kreise um das Dorf zu ziehen, um so unmerklich seinen Abstand zu den anderen zu vergrößern, seine Augen suchten ruhelos den Boden nach einem geeigneten Waldstück ab, eine Hand hingegen tastete nach der schwarzen Ledertasche an seinem Gürtel. Die silberne Kugel, die er daraus hervorzog, wäre ihm beinahe wieder aus der Hand gerutscht, so abgelenkt war er.

Normalerweise wurde es dem großen Drohnenkrieger sehr leicht übel, war er zu lange Flugturbulenzen ausgesetzt, diesmal jedoch zwang er seinen Magen zur Ruhe. „Du schaffst es, Lo´rey, du schaffst es!" machte er sich in Gedanken selbst Mut. Schließlich lenkte den Jäger steil nach unten auf ein Waldstück weit abseits des Dorfes zu, flog absichtlich Schlenker und Kurven, drehte sich in der Luft um die eigene Achse.

Ein lauter Knall und das Aufleuchten einer Explosion wenig später lenkten die gelben Schlangenaugen einiger Wraith am Boden und in der Luft von ihrer Jagd ab.

Zwei Kommandanten, die mitten im Dorf gerade dabei waren, ihre Soldaten in die letzten Häuser zu schicken um die restliche „Nahrung" herauszutreiben, wurden ebenfalls auf den ungewöhnlichen Vorfall aufmerksam, der sich in einem Waldstück mehrere hundert Meter von ihnen entfernt zugetragen hatte.

„Was war das?" zischte der Größere der Beiden dem anderen zu, seine Gesichtszüge zuckten misstrauisch, während seine Augen mit den geschlitzten Pupillen am Rauch hängen blieben, der über den Bäumen aufstieg. Der Kleinere legte den Kopf schräg, sodass seine weißen Haare unweigerlich auf einer Seite länger aussahen als auf der anderen.

„Es scheint so als sei einer unserer Jäger zu Boden gegangen..."

Damit war die Sache für die beiden Kommandanten erledigt. Sie machten einen Defekt des Jägers für den Absturz verantwortlich, denn die Menschen auf dem Planeten waren viel zu primitiv um eines der Wraithschiffe zu vernichten. Die beiden Befehlshaber wandten sich wieder ihren Bodentruppen zu.

Lo´rey schüttelte seinen maskierten Kopf, dass seine weißen Dreads nur so wirbelten.

Er stieß einen knurrigen Laut aus, der seine (nicht wirklich bezwingbar gewesene) Übelkeit zum Ausdruck brachte. Mit einem seiner muskulösen Arme drückte er von Innen an die dunkle Glaskuppel des Schiffes, die noch immer über ihm geschlossen war, und sie öffnete sich mit einem leichten Zischen. Mit einem Sprung, der wegen dem weiter anhaltenden Schwindelgefühl Lo´reys nicht wirklich elegant daherkam, beförderte sich dieser aus dem spitz zulaufenden Raumschiff und fand sich umringt von Bäumen wieder. Als sich der große Drohnenkrieger sicher war, dass dies nicht mehr seinen Zustand der Übelkeit verschlimmern würde, wagte er einen Blick nach oben in die Baumwipfel. Mit Freude sah er, dass einige Äste der Baumkronen Feuer gefangen hatten und qualmten.

„Jetzt müssen sie glauben, dass ich abgestürzt bin." Dachte er zufrieden und ein Lächeln huschte hinter der Maske auf seine Lippen, als er auf die schwarze Tasche mit den runden Wraithsprengkörpern klopfte, die an seiner Hüfte hing. Er hatte es im Flug geschafft, eine aktivierte Granate aus dem Dart abzuwerfen um so die Aufprallsexplosion des Schiffes zu simulieren. Es war zwar Ma´thus Idee gewesen, so vorzugehen, trotzdem fühlte Lo´rey Stolz in sich, dass er dies alles alleine geschafft hatte. Keine Gnade für den Feind, kein Mitleid für die Gefallenen. Das waren Grundregeln der Wraith. Niemand würde jetzt mehr nach ihnen suchen.

Als sich einige Zeit später ein Paar seeblaue Augen öffneten, bemerkte deren Besitzer, dass er nicht mehr im Basischiff war… Keine dunkelgrauen Wände des Hangars waren mehr zu sehen, kein heulender Wind mehr zu hören. Nurnoch ein Rauschen… ein Rauschen der grünen Blätter über ihm, auf die er blickte. Und dann wurde ihm klar, dass er auf dem Rücken im Wald lag, auf einem anderen Planeten. Langsam richtete er seinen schmalen Oberkörper auf. Plötzlich streckte sich ihm eine große, grünliche Hand entgegen und eine Welle sanfter Farben strömte in seinen Geist.

„Lo….Lo´rey…" stammelte Ma´thu verwirrt. Blätter hingen in seinem zerzausten Haar, als er schwach die Hand seines Freundes ergriff und sich von ihm auf die Beine ziehen ließ.

„Ich…kann mich nurnoch an den Hangar erinnern…sind wir…?"

„Wir haben es bis hierher geschafft, Ma´thu. Aber wir haben keine Zeit uns hier länger aufzuhalten. Sie werden sicher nicht nach uns suchen, aber mir ist es lieber, dass wir von hier verschwinden, solange der Rauch die Sicht über uns komplett verdeckt…"

Der kleinere Wraith nickte stumm. Innerlich empfand er Anspannung und Freude, dem Ziel der erfolgreichen Flucht vor dem Tod nun so nahe zu sein, wollte Lo´rey am liebsten packen und mit ihm davonrennen, aber er fühlte sich so schwach. Von seinem Körper wie losgelöst war der „Schlaf" in der Speicherkammer für ihn sehr erleichternd gewesen, da er keine Schmerzen mehr verspürt hatte. Nun, da er wieder in einem Stück materialisiert vor der großen Drohne stand, setzten die Hungerqualen wieder ein, die Haut brannte, sein Inneres verlangte nach Sättigung. Als diese Schmerzen wieder wie ein Blitz zu ihm zurückkehrten, kniff er gequält die Augen zusammen. Schweiß trat ihm auf die Stirn.

Lo´rey bleib einen Moment vor ihm stehen und betrachtete ihn, dann gab er einen unzufriedenen Knurrlaut von sich und stapfte eilig zurück zum Dart.

„Was hast du vor? Sagtest du nicht, wir müssten von hier fort? Lass uns keine Zeit verschwenden! Wir müssen tiefer in den Wald…"

kam es aus Ma´thu hervorgesprudelt, der sich plötzlich erbärmlich hilflos vorkam und wie aus Reflex seine gesunde Hand nach Lo´rey ausstreckte.

„Es nützt nichts…"

murmelte die Drohne, mit dem Oberkörper von der Seite über die Steuerung des Darts gebeugt.

„du kannst so nicht weitergehen. Du musst dich nähren…und ich mich ebenfalls…"

Lo´rey klang hart und entschlossen, schien abgespannt. Aber Ma´thu verstand, dass es für alles seine Zeit gab und nun war nicht die Zeit um Nettigkeiten auszutauschen oder zu trödeln. Sein Freund hatte viel durchgemacht um ihn zu retten und er versuchte es immer noch mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen. Das war das Einzige, was jetzt zählte.

Das helle Licht des Beamstrahls riss den Wraith mit den Opalaugen aus seinen Gedanken.

Der Drohnenkrieger hatte zwei eingefangene Menschen aus dem Speichertank materialisiert, die nun hinter dem Dart und ohnmächtig auf dem braunen, mit abgestorbenen Blättern übersäten Waldboden lagen.

Lo´rey verschwendete keine weitere Zeit und trat direkt auf die beiden Liegenden zu. Das Metal seiner gepanzerten Weste schepperte leicht bei jedem seiner hastigen Schritte, bis er sich über einen der beiden Körper beugte und sich sein rechter Arm anwinkelte, jeden Moment dazu bereit, seine Nährhand auf die Brust des Ohnmächtigen zu rammen.

Ma´thu hatte sich dabei erwischt, wie auch er näher herangetreten war, nun dicht neben der Drohne stand. Seine blauen Augen waren starr auf das Szenario gerichtet und schimmerten gläsern vor Gier, als die Drohne damit begann, mit einem Seufzen dicht gefolgt von tierischem Fauchen das Leben aus seinem Opfer zu saugen. Diese Seite hatte der junge Wraith an seinem Freund noch nie gesehen. Er war wie ein großes Raubtier, das in Ekstase brüllte und fauchte, während es sich in seiner animalischen Wildheit nahm wonach es verlangte. Ma´thu konnte sich Lo´reys Gesicht unter der Maske regelrecht vorstellen: Seine sonst so verschlafenen Löwenaugen waren sicher weit aufgerissen ebenso wie sein Mund mit den spitzen, weißen Zahnreigen. So sehr Ma´thus Körper in diesem Moment auch danach schrie, sich auf den anderen Menschen zu stürzen, er hatte die nötige „Ausrüstung" dazu nicht mehr.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zuzusehen und sich zu gedulden, bis ihn der Drohnenkrieger füttern würde.

Nachdem dieser den Körper unter sich in eine vertrocknete Mumie verwandelt hatte, wandte er sich dem anderen Menschen zu. Wieder fand seine tödliche Hand den Weg auf die Brust des Ohnmächtigen , wieder ertönte das unvermeidbare Geräusch des Nährprozesses. Lo´rey jedoch schien nun ruhiger, entspannter. Kein tierischer Laut kam mehr über seine Lippen. Sein Körper brauchte diese Nahrung nicht mehr. Er nahm sie nur noch für seinen kleinen Wraith auf.

„Bitte Lo´rey…gib mir was…"

brachte Ma´thu schwach hervor, noch bevor die Drohne fertig war, dem Menschen den letzten Hauch von Leben zu stehlen. Ohne ein Wort zu verlieren erfüllte die Drohne seinen Wunsch, indem sie von dem Körper unter ihr abließ, vor Ma´thu trat und sanft ihre große Hand auf die Seite seines Halses legte. Mit ein wenig Druck zwang Lo´rey die festen Bestandteile des Nährorganes dazu, die milchweiße Haut zu durchstoßen. Auch Ma´thu konnte nun die Geräusche der Erleichterung, die über seine Lippen kommen wollten, nichtmehr zurückhalten, als die heiß ersehnten, gehaltvollen Körpersäfte von Lo´reys in seine eigene Blutbahn wechselten. Allerdings klang dies bei ihm eher wie ein Gurren denn wie das tierische Fauchen seines Freundes zuvor und es wurde begleitet vom genussvollen Verdrehen seiner seltsam gefärbten Augen.

Von einer auf die andere Sekunde riss ein reißender Schmerz in seinem Kopf Ma´thu aus der Trance, die ihm die so dringend benötigte Nahrung beschert hatte und auch Lo´rey stoppte im selben Moment die Fütterung des jungen Wraith, indem er seine große Hand mit einem schmatzenden Geräusch von dessen Haut zurückzog. Keiner von ihnen sprach einen Ton. Es war auch nicht nötig. Ihr Geist verriet beiden, was gleich geschehen würde. Wegrennen war zwecklos. Ma´thus Herz raste ähnlich schnell wie die Flügelschläge eines Kolibris in seiner Brust, seine Haut prickelte unbehaglich… Es war gut möglich, dass dies die letzten, langsam verebbenden Qualen des Feuers waren, die so lange Zeit durch seinen Körper getobt hatten. Doch der blauäugige Wraith wusste genau, dass es vielmehr ein Zeichen seiner eigenen Angst war. Der Angst, IHM in dieser Situation unter die Augen treten zu müssen. Ein leises Knacken von zerbrechenden Zweigen ertönte hinter Ma´thu, Lo´rey vor ihm versteifte seine Muskeln, packte sein großes Betäubungsgewehr. Er war bereit zum Angriff. Der blauäugige Wraith wagte es langsam, sich umzudrehen. Das Knirschen des Laubes unter seinen Füßen war das einzige Geräusch, das zu hören war. Trotz das es nur einige Sekunden dauerte, kam es Ma´thu vor wie eine halbe Ewigkeit, doch nun stand er da, starrte mit weit aufgerissenen, blau schimmernden Augen seinem Schicksal entgegen. Ein Schicksal, das eine lebende Form besaß, eine groß gewachsene Statur, voluminöses, weißes Haar, eng zusammenstehende Augen in einem Gesicht, dessen spitzer Kinnbart es noch länglicher erscheinen ließ, mit gelben Schlangenaugen, deren Ausdruck der junge Wraith mit der abgeschlagenen Nährhand nicht zu deuten vermochte.

Rakesh.

Ma´thus Oberlippe zuckte vor Nervosität nach oben, entblößte für eine Sekunde seine scharfen, weißen Zähne, während seine Augen weiterhin starr auf seinen Bruder gerichtet waren. Für einen Menschen hätte dies tierhafte Aggression zum Ausdruck gebracht, für die Wraith aber war dies ein Zeichen der Verunsicherung.

Wieso war Rakesh hier? Warum musste ausgerechnet er es sein, der Lo´reys und seinen Untergang bedeuten würde, so kurz vor dem Ziel?

Der große Bodentruppenkommander ließ seine weit offenen Augen von Ma´thu zu der Drohne gleiten und hinab zu den beiden Menschen, an denen sich der Drohnenkrieger zuvor genährt hatte, sein Mund öffnete sich und entblößte fauchend seine beiden Zahnreihen.

Lo´reys Muskeln waren zum bersten gespannt. Es war nicht mehr möglich, Rakesh etwas vorzuspielen. Er hatte mitangesehen, wie die Drohne seinen Bruder gefüttert hatte, konnte sehen, dass der Jäger hinter den beiden noch voll funktionstüchtig war. Als die Drohne flüchtig ihre Gedanken durch das Waldstück schweifen ließ, konnte sie die Präsenz ihrer Kollegen aus dem Bodentrupp deutlich spüren. Sie waren da, nicht allzu weit entfernt. Es würde nur einen kurzen mentalen Ruf ihres neuen Anführers benötigen und sie wären in wenigen Minuten- vielleicht sogar Sekunden- bei ihnen.

Lo´rey beschloss, dass Ruder herumzureißen, bevor es zu spät war. Mit nur einem beherzten, weiten Schritt trat er vor Ma´thu, der weiterhin ohne zu blinzeln auf Rakesh starrte, als hätte er ein leibhaftiges Gespenst vor sich stehen. Mit beiden seiner muskulösen, grünlichen Arme hob der Drohnenkrieger sein stabartiges Betäubungsgewehr an. Ein helles Summen ertönte, als er es mit nur einem Handgriff betriebsbereit machte und die Spitze der Waffe daraufhin anfing, hellblau aufzuleuchten.

Rakesh wich nicht zurück. Nur seinem Mund entfuhr ein rasselndes Fauchen, als sich seine wütenden Augen schmälerten, seine Pupillen nicht mehr als schwarze Nadeln.

„Denke nicht daran, Verstärkung zu rufen, oder es wird dir Leid tun."

ertönte es daraufhin in fester, rauer Stimme hinter der organischen Gesichtsmaske. Für jede andere Drohne wäre es undenkbar gewesen, so mit einem Übergeordneten zu sprechen. Aber in Lo´rey hatte sich mittlerweile ein Gefühl der Leere breitgemacht, wie damals, als er Ma´thu aus den Klauen des Wissenschaftlers befreit hatte. Er hatte nicht länger das Bedürfnis, zu kuschen. Das Einzige, was ihn sich noch lebendig fühlen ließ, war der Gedanke an das gemeinsame Leben mit seinem Liebsten fernab des Basisschiffes. Alles was dem im Wege stand, galt es zu vernichten.

Rakeshs Mund entfuhren einige leise, knurrende Laute, die klangen wie ein sarkastisches Kichern.

„Was haben wir denn hier? Eigentlich sind wir einigen Menschen in den Wald hinein gefolgt… aber das ich meinen Bruder hier auf dem Planeten antreffe … hätte ich am wenigsten erwartet! Und dann noch zusammen mit solch einem rebellischen Soldaten! Was glaubst du, mit wem du sprichst, Drohne?"

drang es aus dem Mund von Ma´thus Bruder, jedoch verließ kein Gedankenimpuls als Schrei nach Verstärkung seinen Geist. Die Ruhe vor dem Sturm? Oder hatte er tatsächlich Angst, das Lo´rey seine Waffe benutzen würde?

Rakeshs Augen wanderten wieder zu seinem Bruder, sein Kopf lag schräg und deutete an, dass er nicht verstand, welche Beziehung sein verstoßender Bruder zu der Drohne hatte.

Plötzlich riss sich Lo´rey, mit der Waffe immer noch auf den Störenfried zielend, die Maske vom Gesicht und schleuderte sie zu Boden, sodass sie quiekend neben den Überresten seiner Mahlzeiten liegen blieb.

Seine sonst so ruhigen und halb geschlossenen Löwenaugen waren nun weit aufgerissen und zeigten Entschlossenheit , seine Dreadlocks standen ihn zu allen Himmelsrichtungen vom Kopf ab. Ab jetzt war er nicht mehr „die Drohne". Er war er, Lo´rey, ein wilder Krieger. Hier stand er, verteidigte den Wraith den er liebte und sollte er dabei sterben, täte er dies zusammen mit ihm und als freies Wesen.

„Ich spreche mit einem Wraith, so wie ich selbst einer bin. Nicht mehr, nicht weniger. Wir werden gehen, Ma´thu und ich. Und Nichts wird uns daran hindern. Nicht einmal du."

Diesmal ertönte kein kicherndes Geräusch von Rakeshs Seite. Stattdessen wirkte sein Gesicht nun ernst.

„So…"Ma´thu" und du…"

er starrte seinem Bruder weiterhin in die blauen Augen.

„ Du trägst bereits einen neuen Namen, kleiner Schatten… Diese seltsame Drohne und du… ihr scheint euch näher zu stehen als es erlaubt ist. Aber was sind schon Verbote für die Aussätzigen?".

Ja, es stimmte. Diese Liebe wäre für immer eine verbotene Frucht geblieben, selbst wenn Ma´thu niemals als Verräter gebranntmarkt worden wäre. Es war äußerst selten, das ein Weibchen zur Welt kam und wenn war es ihr bestimmt, Königin zu werden. Es war nur dem stärksten Kommander des Hives vorbestimmt, sich mit der Königin zu paaren.

Mit der Zeit war unter den Wraith dadurch eine Offenheit entstanden, die es zu nichts mehr Besonderem erscheinen ließ, wenn zwei Männchen zueinander fanden. Dennoch war es nicht erlaubt und zudem auch noch nie vorgekommen, dass sich ein Paar wie Ma´thu und Lo´rey zusammengefunden hatte. Ein Hochrangiger und eine minderwertige Drohne…

Doch nun waren sie beide in den Augen der Wraith gefallen und der eine nicht minderwertiger als der andere.

Wieder entstand eine unbehagliche Stille zwischen den beiden Flüchtlingen und dem jungen Bodentruppenkommander. Jede Aktion konnte jetzt eine fatale Folge nach sich ziehen und es schien, als steckte jeder von ihnen in dieser Situation fest, unfähig, etwas zu tun. Nur die Luft schien vor elektrischer Spannung zu knistern, während sie nur wenige Meter voneinander entfernt standen, nah genug, sie dunklen Adern unter der halbtransparenten Haut des jeweils anderen betrachten zu können, zu sehen, wie die Blicke des jungen Kommanders zwischen Lo´rey und seinem verstoßenen Bruder hin und her glitten, wie sich Ma´thus Gesichtsschlitze vor Spannung weiteten.

Doch ganz plötzlich war es Rakesh, der anfing, sich zu bewegen. Allein aus Reflex hätte Lo´rey beinahe sein Gewehr abgefeuert, doch der spitzbärtige Wraith vor ihm machte keine Anstalten, anzugreifen. Stattdessen richtete er sich gerade auf, ließ sein Genick knacken, so wie es für ihn immer üblich gewesen war. Sein Gesicht wirkte immer noch ernst, fast nachdenklich und dann begann er zu sprechen:

„Geht nach Westen. Dort sollte euch keine Drohne aus meinem Bodentrupp begegnen."

In Ma´thus Kopf kreisten die Gedanken auf und ab. Seit seiner Enttarnung als angeblicher Verräter hatten ihn alle verachtet, beschimpft und vermieden. Rakesh hatte sich nie wieder bei ihm blicken lassen oder gemeldet, obwohl sie beide immer ein tiefes Band als Brüder verbunden hatte. Ein tieferes, als das es bei den Wraith je erwünscht gewesen wäre. Es gab keine andere Erklärung, Rakesh musste ihn seit damals zutiefst hassen. Aber wieso wollte er ihnen nun helfen? Und genau das war die Frage, die dem jungen Wraith im braunen Anzug nur brüchig und allzu schwer über die Lippen kam.

Der spitzbärtige Wraith stieß ein schnaubendes Geräusch aus, während er Ma´thu tief in die blauen Augen sah.

„Zuerst dachte ich, die Königin habe Recht und du seist ein Verräter, kleiner Schatten. Ich wusste nicht, wie ich dir gegenübertreten sollte, wo ich doch mit mir selbst und meinen Gedanken darüber noch so im Unklaren war. Auch ich habe mich im ersten Moment verraten gefühlt, ich, dein Bruder und bester Freund seit all den vielen Jahren. Und auch deine anderen Brüder schäumten über vor Hass. Für sie war das Wort der Königin von Anfang an das einzig Wahre. Aber nicht für mich. Ich habe lange darüber nachgedacht und mir am Ende selbst gesagt, dass ich niemals daran glauben werde, dass du ein Verräter bist. Ich verstand, dass es die Königin hätte den Kopf kosten können, hätte sie nicht gleich alles darauf ausgelegt, dass sie verraten wurde. Würde die Wahrheit herauskommen, dass sie einen Wraithling mit einem genetischen Defekt zur Welt gebracht hat ohne fremde Einwirkung… dann wäre sie die längste Zeit Königin gewesen. Kein Baischiff braucht eine Herrscherin mit defektem Genmaterial. Nein, ein neues, gesundes Weibchen würde sie vom Thron stoßen, gäbe sie es zu! Und genau davor hatte sie sicherlich Angst.

Doch obwohl ich diesen Gedanken hatte… Ich hatte keine Wahl, konnte dir nichtmehr helfen. Und ich schäme mich auch zuzugeben, dass ich nie soweit gegangen wäre…"

Rakesh unterbrach sich. Die nächsten Worte kamen nur schleppend über seine Lippen.

„…mich gegen den Hive zu stellen und solch eine Flucht durchzusetzen.

Doch nun, wo du hier stehst und es von mir abhängt…ob du lebst oder stirbst... Nein, es soll nicht mehr an MIR scheitern! Sag mir, dass ich keinen Fehler mache, indem ich dir nun helfe, kleiner Schatten… Sag es mir…"

Ma´thu stand da wie versteinert. Es war durchaus möglich, dass dies der Grund war, weshalb ihn die Königin so schnell und erbarmungslos zu solch einem grausigen Schicksal verdammt hatte. Langsam ergab das alles für ihn einen Sinn.

„Bruder… du machst keinen Fehler. Ich war nie ein Verräter. Das Urteil der Königin traf mich wie ein Schlag. Ich bin unschuldig. Und das Einzige, was ich mir nach all dem was mir angetan wurde wünsche…"

der kleinere Wraith trat nun direkt neben Lo´rey, der immer noch so verkrampft sein Gewehr auf Rakesh gerichtet hielt, das es ihn beinahe schmerzte, und packte diesen mit seiner linken und einzigen Hand am Arm.

„…ist das er und ich in Frieden und Abgeschiedenheit zusammen leben dürfen."

Der junge Bodentruppenkommandant hob langsam sein Kinn, seine Gesichtszüge wurden weicher. Es vergingen einige weitere Sekunden. Dann konzentrierte Rakesh seinen Geist auf seine Bodentruppen, die im Wald verteilt waren und sendete auch für Ma´thu und Lo´rey lesbar einen mentalen Impuls aus.

„Alles hat seine Richtigkeit. Zurück zum Dorf!"

Der ehemalige Drohnenkrieger ließ das Gewehr sinken und der blauäugige Wraith trat einen Schritt auf seinen Bruder zu.

„Rakesh…"

„Kleiner Schatten… Geht nach Westen, so wie ich es euch gesagt habe. Beeilt euch."

knurrte der Spitzbärtige. Lo´rey beschloss, seine Meinung zu ändern. Dies wäre der letzte Befehl, den er jemals wieder ausführen würde. Mit scheppernder Panzerweste und wild fliegenden Dreadlocks stampfte er an Rakesh vorbei, Ma´thu an seiner Hand. Wieder hörte man nur das Knirschen der brechenden Äste und das Rascheln der abgestorbenen Blätter unter ihren Füßen, als sie sich von der Silhouette des Kommandanten immer weiter entfernten. Als sich Ma´thu im Laufen noch einmal umdrehte und er Rakesh kaum noch erkennen konnte, wandte er sich zum letzten Mal in Gedanken an ihn:

"Werden wir uns wieder sehen?"

„Eines Tages, kleiner Schatten. Vielleicht eines Tages…"