Der Sturm, der das Meer aufwühlt

Manchmal findet man etwas lange Gesuchtes wieder um es gleich darauf wieder zu verlieren. So ähnlich kam es Ma´thu vor, als er sich mit Lo´rey weiter und weiter von seinem Bruder entfernte. Seit einer halben Stunde schon war kein Zeichen von Rakesh mehr hinter ihnen zu sehen. Auch wenn sie sich nie wieder treffen würden, Ma´thu würde seinen Lieblingsbruder nie vergessen, so wie dieser nie wirklich an seiner Unschuld gezweifelt hatte.

Als der junge Wraith mit wehendem, milchweißem Haar von Lo´rey weitergezogen wurde, immer tiefer und tiefer in den Wald hinein, schien auf einmal alles um ihn herum nichtmehr greifbar und völlig unwirklich. Keine der bekannten, engen Korridore des Basisschiffes umgaben ihn, keine abertausende von Gedankenimpulsen surrten mehr durch seinen Kopf. Das Einzige was er empfing, waren die warmen Farben Lo´reys und das Einzige was er spürte, war seine große, warme Hand auf der seinen, während sie beide so schnell liefen wie sie konnten. Das rundliche, grüne Blattwerk der Büsche und Bäume um sie herum schien nur so an ihnen vorbei zu rauschen , wie es die Sterne an den Fenstern des Basisschiffes damals getan hatten. Die Nahrung, die durch ihre Adern pulsierte gab ihnen Kraft und sie liefen noch so manche Stunde ohne Pause und ohne ein Wort miteinander zu sprechen. Erst als die Sonne im Begriff war unterzugehen, trauten sie sich stehen zu bleiben.

Ma´thu, der den ganzen Weg über Stock und Stein mit blanken Füßen gerannt war, beugte sich hinab und setzte sich dann auf das feuchte Moos des Waldbodens. Er war sichtlich bemüht, mit seiner einzigen, noch zur Verfügung stehenden Hand die Steine und die Splitter des herumliegenden Geästs aus seinen Fußsohlen zu entfernen, welche sich auf dem Weg hierher tief in sein Fleisch gebohrt hatten. Er hatte während ihrer Flucht durch den Wald zuviel nachgedacht, als das es ihm hätte Schmerzen zufügen können.

Lo´rey stand immer noch aufrecht neben dem jungen Wraith und betrachtete schwer atmend die weiße Haut seiner Füße, über die sich ein Gitter schwarzen Blutes gelegt hatte.

Als er sah, dass die Wunden sofort wieder heilten, nachdem Ma´thu die Fremdkörper aus ihnen entfernt hatte, beruhigte es ihn etwas und er stieß ein kehliges Knurren aus, dass in diesem Moment genauso viel zu bedeuten hatte wie „Ah, gut".

Ma´thu stützte sich mit seiner linken Hand auf dem Waldboden ab, fand einen Weg in eine hockende Position und richtete sich danach langsam wieder auf. Seine blauen Augen betrachteten Lo´reys Gesicht von der Seite, da dieser mittlerweile nachdenklich in die Ferne schaute. Sicherlich um zu überlegen, wohin sie als Nächstes gehen sollten. Das letzte Licht der untergehenden Sonne lag wie ein orangener Schein auf seinen kantigen Gesichtszügen, die metallenen Ringe in seinem Bart funkelten. Ma´thu konnte nicht anders, als seine animalische Schönheit zu bewundern. Und nun würde diese nie wieder durch eine graue Maske verdeckt werden. Er würde dieses Gesicht für immer betrachten dürfen… Die hohen Wangenknochen, das breite Kinn, die dunkel umrandeten, goldgelben Löwenaugen, die seinen Blick nun erwiderten.

„Wir sollten nach einer Höhle zum Übernachten Ausschau halten, mein kleiner Wraith."

sprach er mit seiner dunklen Stimme. Er war immer noch etwas außer Atem vom vielen Laufen, doch Ma´thu ging es nicht anders. Lo´reys Kopf deutete kurz in die Richtung, in die er zuvor so nachdenklich geblickt hatte, bevor sich seine Augen wieder im Blau des jungen Wraith verloren.

„Dort hinten erstreckt sich ein großes Felsgebiet. Vielleicht haben wir Glück."

Wieder fand die große, grünliche Hand die kleinere, weiße von Ma´thu und zog ihn hinter sich her. Sie liefen nicht so schnell wie vorher, es war ein eher gemächliches Trotten, da sie sich nun weit genug von allem weg fühlten, was sie noch bedrohen könnte. Der einhändige Wraith sah Lo´reys weiße Dreadlockmähne vor ihm hin und her schwingen, die metallenen Teile der Panzerweste schepperten monoton. Es hatte etwas hypnotisierendes. „Du ruhst nicht eher, bis wir vollkommen in Sicherheit sind und du für unser Wohlergehen gesorgt hast, nicht wahr Lo´rey?" dachte er bei sich und ein warmes Gefühl breitete sich in seinem Inneren aus.

Als sie sich nach einigen Minuten umringt von großen, mit Moosen und Farnen bewachsenen Felsen wiederfanden, war es bereits so dunkel das Ma´thu große Mühe hatte, etwas erkennen zu können. Wieder einmal verfluchte er seine außergewöhnlichen (zu menschlichen?) Augen dafür, dass sie nicht fähig waren in der Nacht zu sehen wie die der anderen Wraith. So folgte er einfach weiter Lo´rey, der anfing, die Felswände nach möglichen Eingängen abzusuchen, spürte in der völligen Finsternis das abendfeuchte Gras und die kleinen Steine unter seinen Fußsohlen. Und tatsächlich, nach einer Weile entdeckten beide eine kleine Höhle, die etwa 15 Meter weit hinein in einen riesigen Felsen führte, der am Ufer eines großen Sees lag.

Bevor sie sie allerdings betraten, hielt der Krieger inne und deutete mit einer schnellen Geste seiner rechten Hand an, Ma´thu solle hier draußen warten. Danach besah er sich alleine ihr potentielles, neues Zuhause, das Gewehr zum Schuss bereit in seinen Händen. Man konnte schließlich nie wissen, welche Bestie es sich hier bereits bequem gemacht hatte. Zu ihrem Glück stellte sich wenig später heraus, dass die Höhle völlig unbewohnt war.

Der ehemalige Drohnenkrieger stapfte wieder nach draußen zurück, packte sich einen Arm voll abgestorbenem Blattwerk und trockenem Geäst, verteilte dies auf dem trockenen Höhlenboden und entzündete es mit einem Schuss seines Betäubungsgewehres. Er persönlich wäre nicht auf ein Feuer angewiesen gewesen. Der Körper eines Wraith war sehr robust gegen Kälte und zudem konnte er im Dunkeln fast so gut sehen wie bei Tageslicht. Doch es ging dabei nicht um ihn. Er wollte, dass Ma´thu sehen konnte und es warm hatte. Vielleicht war sein Körper, der zu einem so hohen Anteil menschlich war, doch auf diese Wärme angewiesen. Lo´rey wollte kein Risiko eingehen. Seine Gedanken schwirrten ruhelos umher, als er wenig später mit in Falten gelegter Stirn in das offene Feuer starrte, vor dem er kniete. Sie könnten vielleicht ein bis zwei Tage hier bleiben, danach wäre es besser, das Stargate aufzusuchen um auf einen anderen von Menschen besiedelten Planeten zu gelangen. Am besten auf einen, auf dem die Menschen ähnlich primitiv lebten wie auf diesem und der nicht im Teritorium ihres Hives lag… Das würde sie mit genug Nahrung versorgen und zudem sicherstellen, dass die anderen von ihrem Basisschiff sie niemals finden würden… Und dann wären er und sein kleiner Wraith für i…..

„Lo´rey…"

So jäh aus seinen Gedanken gerissen brauchte der müde Geist des Kriegers erst einmal einige Sekunden, um sich wieder zu fangen. Er fuhr sich mit seiner Nährhand einmal quer über sein flächiges Gesicht, bevor er über das Feuer hinweg zu Ma´thu hinüber blickte, der an die dunkelgraue Felswand gelehnt dasaß, die Arme um die angezogenen Beine geschlungen. Der flackernde, gelbliche Schein des Feuers färbte seine Augen fast grün und sein Haar blond, als er zu lächeln begann.

„Ich weiß das du dir immer noch Gedanken darüber machst, wie es weitergehen soll. Aber du solltest dir etwas Ruhe gönnen. Wir haben es geschafft, verstehst du, geschafft! Es ist vorbei! Und ich habe alles dir zu verdanken."

Sprach der Blauäugige weiter und in seiner Stimme überschlugen sich die vielen Untertöne vor Freude. Lo´rey blieb nichts weiter übrig, als ihn fassunglos anzustarren. Da saß er nun, sein kleiner Wraith, der noch vor einigen Stunden ein zum Tode verurteilter Gefangener gewesen war, der nur noch eine Hand besaß, der niemals der angesehene Wissenschaftler werden würde, der er immer sein wollte und nun diese schäbige, stinkende Höhle sein kurzweiliges Zuhause nennen musste… Aber er lächelte! War es wirklich nur er , Lo´rey, der dies in Ma´thu bewirkte? Der durch seine alleinige Anwesenheit all das wieder wettmachen konnte, was sein armer, blauäugiger Freund bisher durchmachen musste? Lo´rey schien innerlich so überwältigt, dass er nicht wusste, was er daraufhin sagen sollte. Er vermochte es kaum zu glauben, dass eine simple Drohne für jemanden so viel bedeuten konnte. Das ihm dieser Gedanke überhaupt durch den Kopf schoss, zeigte mal wieder, wie viel die Gehirnwäsche der letzten Jahre in ihm verändert hatte und Lo´rey kam sich dabei unheimlich dumm vor. Gerade jetzt, wo beide ihre völlige Freiheit erlangt hatten!

Immernoch sprachlos schürte er ein letztes Mal das Feuer mit einem langen, dicken Ast bevor er diesen neben sich legte und sich aufrichtete. Ma´thu war zuvor völlig gerade durch die Höhle gegangen, der Krieger allerdings musste dafür den Kopf etwas einziehen, so niedrig war deren unebene Decke. Er ließ sich sanft neben seinem kleinen Wraith nieder und bewegte sich kurz hin und her um eine gemütlichere Position zu finden. Ein gurrender Ton verließ seine Kehle, als er sich den immernoch strahlenden Ma´thu neben ihm betrachtete. Dann endlich konnte er sich aufraffen, zu sprechen:

„Du hast Recht. Wir haben es geschafft. Aber vielleicht sollte ich dir danken. Ohne dich wäre ich immer noch ein Sklave…"

kam es sanft über Lo´reys Lippen und mit einem ironischen Lachen fügte er hinzu:

„..und so etwas Spannendes wie heute hätte ich sicher auch niemals erleben dürfen."

Nach einem kurzen Lachen beiderseits trat eine ernstere, aber gemütliche Weile der Stille zwischen die beiden. Die Aufregung des Tages verebbte sanft, das Feuer ließ ihre müden Glieder wohlig warm werden. Langsam rückte Ma´thu näher an Lo´rey heran, lehnte seinen Kopf an dessen Schulter. Der Krieger zuckte kurz, da ihm das Kitzeln des langen, seidigen Haares an seiner Haut einen winzigen Schauer über die grünliche Haut sandten, dann begann er, das Gefühl zu genießen und hielt völlig still. Irgendwas stimmte nicht mit Lo´rey. Er verstand sich selbst nichtmehr. Er war stets darauf getrimmt worden, weder Tod noch Teufel auf dem Schlachtfeld zu fürchten, hatte seine Ängste bisher immer irgendwie bezwungen… aber seit er mit Ma´thu alleine in der Höhle saß und das Adrenalin der vorhergegangenen Flucht in seinem Blut so gut wie nicht mehr vorhanden war, fühlte er sich unsagbar nervös. Bald begriff er auch, wieso das so war.

Es gab hier draußen keinerlei Zwänge mehr für sie. Sie mussten sich in ihrer Liebe vor niemandem mehr verstecken. Es war beruhigend, doch gleichzeitig verursachte es eine neuartige Unsicherheit. Auf dem Schiff, als sie noch jeder hätte erwischen können, geschah alles wie von selbst, vielleicht weil sie sich beeilen mussten… Wie würde Ma´thu genau jetzt reagieren, würde er ihn nun einfach so von sich aus umarmen… oder auf diese wunderbare, menschliche Weise küssen… so wie damals?

Als die Sehnsucht seinen kleinen Wraith zu berühren in Lo´rey immer größer und verzehrender wurde, begann die unsichtbare Mauer Risse zu bekommen. Wenige Augenblicke darauf war sie ganz und gar in sich zusammengestürzt und der Krieger hielt den schmalen, festen Körper seines Ma´thu fest umklammert, presste ihn an sich, streichelte das seidene, lange Haar das seinen Rücken hinabfloss und küsste seine Stirn, dann seinen Mund.

Der Blauäugige war leicht überrascht, ließ dies dennoch sehr gerne mit sich geschehen. Sein kleiner gewachsener Körper mit den schlanken Gliedern schmerzte zwar leicht unter der innigen Umarmung seines starken Freundes, dennoch genoß er sie. Solange die Schmerzen von Lo´rey kamen, wollte er sie, jede Essenz dieser süßen Qualen! Langsam fuhren die großen Hände des Kriegers in die Armöffnungen von Ma´thus braunem Gewand, seine schwarzen Klauen an den Händen strichen mit der Zärtlichkeit eines Raubtieres über die milchweiße Haut seines Rückens und hinterließen ein ekstatisches Prickeln überall dort, wo sie sie berührten. „Oh Ma´thu…endlich gehörst du nur mir…" hämmerte es durch den Kopf des Kriegers. „Auf ewig…nur mir allein…"

Ein wohliges Schnurren ertönte aus dem Mund des Blauäugigen. Alles fühlte sich auf einmal surreal und wunderschön an und auch er gab seinem Verlangen nach dem großen Körper vor ihm einfach nach. Sein Gesicht vergrub sich in Lo´reys Haarmähne, seine Lippen suchten die warme Haut seines Halses, fingen an, sie mit unzähligen, kleinen Küssen zu bedecken, während er durch die Nase und seine Gesichtsöffnungen an den Wangen den bekannten Geruch von Stahl und Erde geradezu aufsaugte. Das rollende Schnurren des Kriegers erfüllte die Höhle wie das einer großen Raubkatze.

Nur allzu schnell erfüllte sich das unbändige Verlangen der Beiden, sich ganz zu gehören, den anderen völlig zu verschlingen. Ma´thus unbedeckter, schneeweißer Körper leuchtete auf dem dunklen Steinboden der Höhle, das Licht des Feuers glitzerte in jedem einzelnen Schweißtropfen auf seiner Haut. Er spürte weder die Kälte des Bodens noch dessen Rauheit, die seinen Rücken wundscheuerte, während er unter Lo´reys großem, hartem Körper vor nie gekannter Lust bebte und sich aufbäumte. Zu sehr war er eingenommen vom dominantem Rhythmus des Kriegers, zu sehr überflutet war sein Geist von herrlichen Farben, zu sehr hypnotisierten ihn die wilden Löwenaugen in dem vor Erregung schweißnassen Gesicht über ihm. Die Luft um sie herum wurde bald schwer und süß und das Einzige was fähig war, sie zu durchschneiden, blieben die kleinen Seuftzer, das Schnurren und Fauchen der beiden sich liebenden Wraith, die so fernab und verstoßen von ihrem Basisschiff und doch glücklicher waren als je zuvor.

Als am nächsten Tag die Sonne aufging, sandte sie einen Lichtstrahl durch den Eingang der kleinen, versteckten Höhle. Von Stunde zu Stunde die verstrich tanzte er tiefer hinein, vorbei an der letzten, sterbenden Glut des nächtlichen Feuers und setzte sich warm und neckisch auf das Gesicht von Ma´thu. Es dauerte nicht lang und der grelle Schein entfaltete seine Wirkung: Erst begannen die friedlichen Gesichtszüge des jungen Wraith zu zucken, dann klappten sich vorsichtig die Lider seines rechten Auges auf. Ein knurriges Geräusch fuhr ihm über die blassen Lippen. Er war noch zu sehr die Dunkelheit des Basisschiffes gewohnt und es erschien ihm seltsam vom Schein der Sonne geweckt zu werden, auch wenn es sich wirklich warm und angenehm anfühlte. Umso mehr wunderte es ihn, dass Lo´rey bei diesem Licht weiterschlafen konnte… Und nicht nur das… er schnarchte auch noch. Hätte ein Mensch vor der Höhle gestanden und dieses mehrtonige Wraithschnarchen gehört, hätte er sicher denken können, ein Rudel Bären würde darin ein Schläfchen halten.

Erst jetzt, wo die Trägheit des Schlafes aus seinen Gliedern wich, bemerkte Ma´thu, das Lo´rey auf dem Rücken lag und er die ganze Zeit mit dem Kopf auf dessen Schulter gebettet geschlafen hatte. Er tastete mit seiner gesunden Hand nach dem Steinboden der Höhle und stämmte sich in eine aufrechte Sitzposition, die losen Kleider, die auf seinem ansonsten nackten Körper lagen, rutschten ein Stück an ihm hinab, ein Teil seines Haares fiel im wie ein Strom aus Silberfäden seinen schmalen Rücken hinab.

Ah, gut. Die Bisse und Kratzer die sie sich unbeabsichtigt zugefügt hatten, waren bereits wieder verheilt. Das konnte er sowohl auf dem Körper des friedlich schlafenden Kriegers als auch auf dem seinen erkennen. Der blauäugige Wraith legte unweigerlich beide seiner weißen, spitzen Zahnreihen frei, als er seinem Lo´rey in das vom Schlaf so friedlich wirkende, grüne Gesicht schaute, ihn anlächelte und auf Wraith ein sanftes „Ich liebe dich" in seinen Kopf hauchte.

Auch der Rest der losen Kleidung über ihm stolperte zu Boden, als er sich nun ganz aufrichtete und hinaus vor die Höhle trat. Die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht hatten einen anderen Eindruck auf ihn gemacht… in Wirklichkeit war es draußen ziemlich frisch! Das blassgrüne Gras unter seinen Füßen war feucht und kühl von der Nacht und zwischen den Felsen und Sträuchern um ihn herum und über das Wasser des kleinen Sees zog sich ein geisterhafter, weißer Nebel. Ma´thu erinnerte er unweigerlich an den Nebel, der stets den Fußboden der blauen Korridore im Hive bedeckt hatte und schüttelte seinen Kopf, um den Gedanken wieder loszuwerden… Er wollte nicht mehr an das Basisschiff denken, seine erlittenen Qualen, den zufriedenen Gesichtsausdruck der Königin, als seine Nährhand abgeschlagen worden war… Ma´thus linke Hand umklammerte seine schweißnasse Stirn als der Stumpf an seinem rechten Arm anfing beim bloßen Gedanken daran wieder neu zu schmerzen.

NEIN! Nein… Nichts würde ihm mehr geschehen. Nie wieder! Er würde glücklich und unbekümmert weiterleben…

Je mehr er sich diesen Gedanken im Kopf behielt, umso mehr beruhigte er sich, und die Ströme kalten Schweißes versiegten wieder auf seiner halbtransparenten Haut, der Boden unter seinen Füßen gewann wieder mehr an Festigkeit.

Es stimmte, dass er gelöster war als je zuvor, allein weil er Lo´rey bei sich hatte und die Zwänge des Basisschiffes und des strengen, sozialen Gefüges der anderen Wraith um sie herum gestorben waren… doch vielleicht hatten die Torturen an Bord seines Hives mehr Schäden in ihm angerichtet als er sich zugestehen und anderen zeigen wollte… LO´REY zeigen wollte…

Auf einmal besann sich Ma´thu wieder dessen, wieso er nackt hier draußen vor der Höhle stand. Er hatte ja im See baden wollen!

Langsam verschwanden erst seine Knöchel im klaren, eiskalten Wasser, dann stand er schon bis zu den an der Hüfte fein definierten Muskeln darin und schließlich hüllte der auf der Oberfläche tanzende Nebel ihn völlig ein, verschluckte sein weißes Haar und seine Haut völlig, als wäre er eins geworden mit der Natur.

Es war nun schon fast eine Woche her, dass Lo´rey mit Ma´thu an Bord des Jägers auf diesen Planeten geflohen war und langsam wurde der große Krieger unruhig. Als sein kleiner Wraith eines Morgens wie so oft vom Baden kam, sich beiläufig am Seeufer seine braunen Klamotten über den nassen Körper streifte und begann, sich die langen Haare auszuwringen, schien es Lo´rey an der Zeit, mit ihm zu sprechen. Ma´thu brauchte sich nicht umzudrehen, allein der Geist der ehemaligen Drohne verriet ihm, das dieser sich ihm näherte. Der Wraith ohne Nährhand spürte, wie Lo´reys große Hände zu seinem Haarschopf wanderten, begannen, am Hinterkopf Strähnen abzuteilen und diese in traditioneller Weise am Hinterkopf zu flechten.

Viele Hochrangige ihrer Rasse trugen das Haar auf diese Art und das ließ den jungen Wraith schmunzeln.

„Ma´thu, ich hoffe du sagst nicht wieder, ich würde mir zu viele Gedanken machen. Aber wir sollten nun wirklich von diesem Planeten fort gehen. Für meinen Geschmack sind wir schon zu lange hier."

begann die ehemalige Drohne hinter ihm in rauchigem Ton zu sprechen.

Die blauen Augen des kleineren Wraith verfolgten einen seltsamen, achtbeinigen Käfer, der auf der Wasseroberfläche hin- und hertanzte.

„Weißt du denn genau, wo das Stargate auf diesem Planeten liegt?"

„Es liegt nur wenige Stunden von hier entfernt. Wir bekamen beim Ausdünnen die Koordinaten auf unserem Monitor angezeigt."

Das lustige Insekt zog weiter seine Bahnen auf der spiegelnden Wasseroberfläche, zirpte und surrte, als urplötzlich der Kopf eines silbernen, fischartigen Wesens aus dem Wasser auftauchte und dessen breites, zahnloses Maul nach ihm schnappte.

„Ich möchte heute noch gehen" sprach Lo´rey ganz auf das Flechten konzentriert.

„Ich werde das Gefühl nicht los, dass uns jemand von unserem Schiff hier am Ende noch aufspürt, wenn wir nicht gehen".

Der widerliche, gelbäugige Fisch hatte den lustigen, kleinen Kerl nur an einem Bein erwischt. Bevor das Scheusal ihn mit in die Tiefe reißen konnte, opferte der Käfer lieber die eine seiner acht Extremitäten indem er sie abfallen ließ. Mit nurnoch sieben seiner Beine breitete das Krabbeltier seine Flügel aus und flog direkt an Ma´thus Kopf vorbei und dem blauen Himmel entgegen.

„Ja…" meinte der junge Wraith wie in Trance. „… du hast Recht. Wir sollten wirklich weiterziehen."