Neue Welt
Der metallische Ring in dem kleinen Zopf, den Lo´rey ihm geflochten hatte, glänzte und funkelte in der Sonne, als Ma´thu durch das hohe, trockene Gras stapfte. Die felsige Gegend, in denen die beiden Abtrünnigen für etwa eine Woche gewohnt hatten, lag schon weit hinter ihnen und nun lag der Gesang von Vögeln in der schwülen Luft. Der Krieger lief etwa einen halben Meter hinter dem jungen Wraith und wie gewöhnlich ertönte dabei das monotone Scheppern seiner Panzerweste. Als er sie am Morgen in den Händen gehalten hatte, hatte er sich noch überlegt, ob er das schwere Ding einfach fortwerfen sollte. Aber dann hatte er es doch übergestreift. Immerhin würde die Weste die leicht sonnenempfindliche Wraithhaut auf ihrer Wanderung besser schützen und wer wusste schon, wann die dicken Panzerplatten nocheinmal von Vorteil sein würden…
„Das Gate müsste hinter dem Hügel liegen. Wir sind also bald da"
Hörte Ma´thu die ehemalige Drohne hinter ihm sprechen. Und auch, dass er ihn darum bat, anzuhalten.
„Warte. Es ist besser, du nimmst das hier an dich."
Der junge Wraith legte den Kopf schräg, als ihm Lo´rey sein Betäubungsgewehr in die Hand drückte.
„Wir wissen nicht, was oder WER uns am Gate erwartet. Du kannst dich damit besser verteidigen, sollte es jemand auf dich abgesehen haben."
Während er diesen Satz sagte, blickten Lo´reys Augen mit dem Kranz aus weißen Wimpern Ma´thu entschlossen entgegen. Die zwei von vorher drei Ringen in seinem etwas längeren Kinnbart reflektierten das warme Sonnenlicht. Der junge Wraith wog das Gewicht des Gewehres mit seiner Hand ab. Es war etwas schwer und nicht leicht mit nur einer Hand zu bedienen, aber es funktionierte.
„Aber wieso gibst du mir das, Lo´rey? Dann hast du gar nichts mehr…"
„Ich habe noch dies…"
Sagte der Krieger und ließ dabei einen kurzen Blick zu seiner rechten Hand hingleiten.
Ma´thu verstummte. Natürlich. Die besten Waffen eines Wraith besaß Lo´rey immer noch:
Zwei Hände voller scharfer Klauen… und ein tödliches Nährorgan. Und er selbst konnte im Nahkampf nicht (mehr) viel ausrichten. Da war er wieder, der kalte Schweiß.
Seine Hand krampfte sich um das Gewehr, als er sich mit wehenden Haaren umdrehte und weiter in Richtung des Stargates lief. Lo´rey starrte ihm einen Augenblick nach. Hatte es Ma´thu etwa verletzt, dass er auf seine Hand angespielt hatte? Bisher hatte er doch immer gewirkt, als käme er damit zurecht… Als der junge Wraith bereits dabei war, den Hügel vor ihnen zu erklimmen, machte sich der Krieger daran, ihm zu folgen.
Schon auf der Spitze des Hügels konnten sie erkennen, dass das Stargate tatsächlich dort unten lag und Gott sei Dank keine bösen Überraschungen auf sie warteten.
Nun standen die beiden direkt dem Gate gegenüber und Lo´rey stützte sich nachdenklich mit beiden Händen auf der Konsole des DHDs ab, während Ma´thu die offene Gegend um sie herum im Auge behielt. Angestrengt versuchte der Krieger, Adressen zu anderen Planeten in sein Gedächtnis zu rufen.
Wenige Handgriffe später rauschten schimmernde, blaue Wellen aus dem Stargate hervor. Es war aktiviert. Lo´rey richtete sich vor dem DHD auf, atmete tief ein und schmälerte die Lippen und seine gold-gelben Augen. „Bitte lass es die richtige Adresse sein…" rauschte es durch seine Gedanken und im Geiste malte er sich aus, was geschehen würde, wenn sie falsch war. Wenn der Planet den er angewählt hatte, nicht der mit der tropischen Flora war, auf dem ein primitives Menschenvölkchen lebte, sondern einer, auf dem die Menschen so zivilisiert lebten wie auf Sateda… oder der Erde, von der man sich auf dem Basisschiff erzählt hatte…
Keiner ihrer Rasse hatte sie bisher betreten, obwohl schon viele danach gesucht hatten. Die Erde… ein Planet, so voll von menschlichem Leben, dass er in der Lage war, auf einen Schlag alle aus dem Schlaf erwachten Wraith mit dringend benötigter Nahrung zu versorgen. Lo´rey wusste nicht, ob das Gerücht stimmte, aber in diesem Moment kümmerte es ihn wenig. Der Gedanke, dass hinter dem Gate ein ähnlich hochentwickelter Planet liegen könnte, ließ seinen Geist eher wund werden vor Sorge. Es wäre unmöglich für die beiden Wraith dort zu überleben…
Sanft glitten Ma´thus Finger in die Hand Lo´reys, fanden die freien Zwischenräume und glitten hindurch wie ein Puzzleteil in seine Lücke im Bild. Das raue, feuchte Nährorgan der ehemaligen Drohne streifte die Innenseite seines Handtellers, aber der junge Wraith beachtete dies nicht. Ein Löwe reißt mit seinen Zähnen, aber im Fell eines Artverwandten bedeuten sie pure Zärtlichkeit.
Ma´thus Stimme lachte kehlig im Kopf des Kriegers über dessen immerwährende Sorge. „Hat der Junge etwa wieder alles gehört?" Lo´rey schmunzelte „ Ich bin zu nachlässig mit meinem Geist." Dies war das letzte, was er denken konnte, bevor ihn die mutigen Finger zum Gate hin zogen.
Als der wasserblaue Spiegel des Gates die beiden auf der anderen Seite wieder ausspuckte, riss Lo´rey fauchend seine rechte Hand in die Höhe, das Nährorgan zur Abschreckung deutlich sichtbar nach außen gerichtet. Das Betäubungsgewehr des jungen Wraith mit den glatten Haaren fand den Weg von dessen Gürtel in seine gesunde Hand und auch er nahm eine bedrohliche Haltung ein. Seine blauen Augen huschten hin und her.
„Glück gehabt. Meine Erinnerung hat mich noch nicht im Stich gelassen…"
murmelte der ehemalige Drohnenkrieger und langsam begannen sich die nach hinten gezogenen Finger seiner Nährhand wieder zu entfalten wie die Blütenblätter einer Knospe während er sie nach unten sinken ließ.
Es war kein Lebewesen zu sehen, dass in der Lage war, sie zu bedrohen und beide standen auf einer verlassenen Waldlichtung. Die Luft war warm und schwül, gut genug um die stets leicht feuchte Wraithhaut gesund zu halten. Die trockenen, wunden Hautstellen, die sich die beiden vom Klima des vorherigen Planeten unweigerlich zugezogen hatten, würden bald Geschichte sein.
Die Pflanzen waren genau so, wie sie Lo´rey noch in Erinnerung hatte:
Kleinere Grünpflanzen mit breiten, gelb- und rotgestreiften Blättern wuchsen zwischen den gewaltigen Bäumen, an denen allerlei Schlingpflanzen emporkletterten, um an der Baumkrone angelangt einige Sonnenstrahlen zu erhaschen, die es nur vereinzelt schafften, den Waldboden zu berühren. Im Hintergrund des Ganzen hörte man Insekten ihr monotones, zirpendes Lied singen.
So passend wie diese Welt den beiden erschien, so mühselig machte sie es ihnen in den nächsten Tagen, einen geeigneten Unterschlupf zu finden. Der komplette Boden schien eben, es gab keine Felsen, keine Höhlen, keine Verstecke. Beide schliefen unter freiem Himmel, obwohl es hier viel regnete. Und es war kein sanfter Regen. Er war zwar warm und nicht alles Wasser erreichte den Waldboden durch die dicht beblätterten Baumkronen, doch es reichte, um beide pudelnass werden zu lassen. Nach einer Weile hatten sie sich daran gewöhnt und aufgegeben, ihre nasse Kleidung ständig wieder auszuwringen, denn kaum war sie trocken, brach der nächste Schauer los. Lo´reys Gemüt änderte sich nicht. Er sorgte sich wie immer und diese Sorge verlieh ihm weiterhin die Kraft, durchzuhalten und weiterzumachen bis er ein zu Hause für beide gefunden hatte. Dafür trotzte er Sturm und Regen. Ma´thu allerdings schlug die ewige Feuchtigkeit deutlich auf das Gemüt. Was konnte man schon daran gut finden, dass einem in diesem Regen die feuchten, strubbeligen Haare abstanden wie bei einer nassen Albino-Katze? Während sich der junge Wraith mit leichtem Knurren weiter beregnen ließ, als er neben Lo´rey auf dem Waldboden zwischen Farnen und den bunt gestreiften Gewächsen saß, blieben seine blauen Augen plötzlich auf etwas haften und er erhob sich langsam.
„Lo´rey…sieh nur, da!"
Der ehemalige Drohnenkrieger, der an den Stamm eines großen Baumes angelehnt dasaß und kurzzeitig weggenickt war, öffnete erschrocken seine Augen und fuhr mit dem Kopf hin- und her, dass die Dreadlocks nur so flogen.
„Wie…wo…was ist los? Haben sie uns entdeckt?"
Ma´thu gab ein unzufriedenes Grunzen von sich.
„Hör auf dir ständig Sorgen zu machen. Du bist unmöglich. Natürlich nicht!"
Danach folgte ein breites Wraithgrinsen auf dem Mund des Blauäugigen.
„Ich habe ein neues Zuhause für uns entdeckt…"
Als sich der Krieger erhob und seine Löwenaugen das Szenario um sie herum abtasteten, blieben auch sie plötzlich an etwas kleben. Es war ein großer Baum, der einige hundert Meter von ihnen entfernt stand. Nein, groß war gar kein Ausdruck…Er war geradezu gigantisch! Und was noch wichtiger daran war: Eine große Spalte klaffte in dessen Rinde, so groß, das ein Mensch mühelos hindurch gehen konnte. Er musste innen hohl sein.
Noch ehe es sich Lo´rey versehen konnte, war Ma´thu aufgesprungen und lief mit schnellem Schritt in Richtung des Baumes. Seine Haare wehten diesmal nicht anmutig hinter ihm her, sondern klebten vor Nässe fest an seinen Rücken und wippten nicht einmal.
Mit scheppernder Weste versuchte die ehemalige Drohne, ihren Freund aufzuholen.
Es dauerte nicht lange und beide standen im Inneren des hohlen Baumes. Der junge Wraith mit den 3 kurzen Haarsträhnen sah sich mit vor Staunen offenem Mund darin um. Wie viel Platz hier drinnen war! Die Innenseite des Baumes umgab die beiden kreisrund mit einem Abstand von mindestens 5 Metern. Er war hohl bis fast zur Krone, doch war er oben geschlossen, sodass kein Wasser in ihn hineinfließen konnte. Dies hatten sich bereits einige kleine Nagetiere zum Vorteil gemacht, die Lo´rey wenige Minuten später meisterlich aus ihrem neuen Zuhause vertrieb, indem er hastig auf den Boden vor ihnen stampfte und sie wild gestikulierend durch den Ausgang hinausscheuchte. Nur die großen, libellenartigen Insekten, die weit oben an den Innenwänden des hohlen Baumes saßen, ließen die beiden weiterhin bei sich wohnen, denn ihre Flügel leuchteten in den schönsten Farben und erhellten den ganzen Raum. Ma´thu wurde nicht müde, diese schönen Geschöpfe anzusehen.
