Zahnloses Raubtier

Einige Wochen strichen ins Land, in denen sich unsere beiden verstoßenen Wraith in ihrem tropischen neuen Reich eingelebt hatten. Bald verstanden sie, dass es hier nicht immer regnete. Auf lange Zeiten des Regens folgten lange Zeiten des Sonnenscheins und langsam lernten Ma´thu und Lo´rey, wann welche Phase des Wetters zu erwarten war und richteten sich danach.

Im Inneren des Baumes sah es fast so leer aus wie damals, als sie ihn entdeckt hatten, denn sie besaßen nichts, was sie darin hätten aufbewahren können. Nur ein wenig Asche in der Mitte des Raumes verriet, dass sie abends ein Feuer anzündeten und ein großes, dunkelbraunes Fell lag auf der gegenüberliegenden Seite des Eingangs, ihrer Schlafstätte. Es stammte von einem großen Tier, dass keiner der beiden Wraith so recht zu benennen wusste. Eines Tages hatte es Lo´rey tot aus dem Wald mitgebracht. Ma´thu hatte gar nicht glauben können, dass der Krieger in der Lage gewesen war, diesen 3 Meter großen Koloss zu erlegen und ganz allein zu ihrem Baum zu ziehen. Fasziniert hatte der junge Wraith dabei zugesehen, wie Lo´rey eine Klaue auf die Haut des Tieres gesetzt und sie zerteilt, vorsichtig das buschige Fell abzogen und es zum Trocknen über einen Busch gehängt hatte.

„Heute Abend werden wir etwas bequemer schlafen können."

hatte er mit seiner rauen Stimme gesagt, bevor er zum Fluss im Norden gegangen war, um das Blut von seinen Händen zu waschen.

Mittlerweile war es draußen Nacht geworden und beide saßen auf eben jenem Fell. Lo´rey lehnte an dem dunklen Holz des Baumes und Ma´thu mit dem Rücken an seiner Brust an, den Hinterkopf auf die Schulter des Kriegers gebettet. Das allabendliche gelbe Licht des gemütlich prasselnden Feuers erhellte den Raum und die Insekten, die sonst friedlich an den Wänden schliefen, flogen aufgeregt im Kreis darum herum.

So friedlich die Stimmung auch war, Ma´thu fand im Inneren keine Ruhe.

Genau jetzt spürte er die ersten, leisen Anzeichen, mit dem er schon die letzten Tage über gerechnet hatte…sein Inneres fühlte sich leer an, die Haut fing zeitweise an zu prickeln. Er wurde hungrig. Der Gedanke daran löste Panik in ihm aus… Es war nicht nur die Angst vor dem Gefühl des Hungers, wie sie jeder Wraith in sich trug, sondern vielmehr die Erinnerung an Früher, die mit dem Hunger wieder auflebte und die sein Herz zum rasen brachte. Selbst das Feuer vermochte es nicht zu verhindern, dass ihm der altbekannte, kalte Schweiß auf die Stirn trat und sein Handstumpf schmerzte. Und das andere, was ihn beunruhigte war die Tatsache, dass er die Menschen dieses Planeten aufsuchen müsste, um sich zu nähren… Aber was war mit Lo´rey? War er auch hungrig? Er müsste ihn darum bitten, mit ihm auf die „Jagd" zu gehen. Der junge Wraith dachte zurück an das letzte Mal als sie sich genährt hatten…bei ihrer Flucht, kurz bevor Rakesh vor ihnen aufgetaucht war. Der Hunger hatte zu diesem Zeitpunkt seine Gedanken so vollkommen umnebelt und ihn körperlich ausgezehrt, dass ihm alles egal gewesen war und er Lo´rey angebettelt hatte, ihm Nahrung zu geben. Seine eigenen Worte von damals hallten ihm durch den Geist wie ein Echo… „Bitte…gib mir was! Bitte…" und er kam sich unheimlich armselig vor. In diesem Moment spürte er wieder deutlich, dass er Wraith war, mit einen antrainierten Stolz, der ihm im Grunde selbst im Weg stand. Er wusste genau, dass er Lo´rey nur darum bitten musste und er würde es gerne für ihn tun.

Ma´thu senkte seinen Blick hinab zum Feuer und musste innerlich kurz Anlauf nehmen, bevor er sprach.

„Ich…werde langsam hungrig, Lo´rey…"

Sanft fuhren die Klauen des Kriegers durch das seidenweiche Haar des jungen Wraith und er gurrte zustimmend

„Ja. Es ist besser für uns beide wenn wir uns bald Nahrung suchen…"

Nachdem er das Offensichtliche ausgesprochen hatte, hielt er inne und sein Ton bekam eine leicht traurige Farbe, als er weitersprach.

„Ich bin froh das du dich… doch noch überwinden konntest, es mir zu sagen."

In diesem Moment wurde dem Blauäugigen klar, dass Lo´rey seinem Geist bereits alles entnommen hatte, was er zuvor gedacht hatte und als er spürte, dass er den Krieger damit gekränkt hatte, kam er sich noch weit dümmer vor. Er stützte sich nach vorne ab und drehte seinen Oberkörper, um den hinter sich sitzenden Lo´rey ansehen zu können. Es ziepte an seiner Kopfhaut, als sich die Klauen des Kriegers dabei aus Ma´thus langen Haaren lösten.

Dem jungen Wraith kam es vor, als würde ein Kloß aus Eis seinen Hals hinabrutschen, als er sich Lo´reys Gesicht betrachtete: Groß, kantig, mit der für Wraith typischen Emotionslosigkeit im Gesicht, doch seine halb geschlossenen, gelben Augen sprachen Bände.

Wie sehr er dieses Gesicht doch liebte, und dennoch schämte er sich jetzt fast, es länger anzusehen und wandte seinen Blick ab, wusste nicht recht, was er sagen sollte.

„Ich kann dich ja verstehen, mein kleiner Wraith."

Begann der Krieger zu sprechen, als von Ma´thus Lippen und seinem Geist kein Wort zu ihm drang und er legte eine Hand unter dessen Kinn und zwang den Jüngeren, ihn anzusehen.

„Aber glaube mir einfach, dass es mir wirklich nichts ausmacht, für dich zu sorgen. Das wird es auch niemals. Die Tage hier sind vielleicht etwas eintönig, denn wir sind noch zu sehr gewohnt, einem Zweck zu dienen, dem wir jetzt nicht mehr folgen müssen. Dennoch bereue ich trotzdem nicht, mit dir geflohen zu sein und werde immer für dich da sein. Es macht mich einfach traurig, dass du dich vor mir schämst."

Ma´thu hob seinen rechten Arm mit dem Stumpf, an dem zuvor seine Nährhand gesessen hatte, genau vor das Gesicht des Kriegers.

„Sieh es dir an, Lo´rey. DAFÜR schäme ich mich. Es hat nichts mit dir zu tun oder das ich dich nicht liebe und dir vertraue. Aber…"

Verzweiflung übermannte Ma´thu und ließ ihn fast panisch werden.

„… sag mir, was bin ich denn noch wert? Ich bin genetisch gesehen kein vollwertiger Wraith, und nun ist mir auch noch das genommen worden, was mich als einen unserer Art ausgezeichnet hat. Ich werde… diesen Druck einfach nicht los, Lo´rey. Auch wenn ich daran denke, dass ich hier frei bin und du mich so akzeptierst wie ich bin und mir hilfst… Du musst für mich jagen und mich ernähren, weil ich es nicht mehr kann. Und was ist, wenn du stirbst?

Dann bin ich Abschaum Schuld daran, dass das fort ist, was mir am meisten im Universum bedeutet und ich werde dir außerdem unweigerlich ins Grab folgen."

„Dann sag mir, Ma´thu… Wenn du so armselig bist, was bin dann ich? Würde ich heute noch den Regeln unserer Rasse unterliegen, säßen wir beide nicht hier. Eine Drohne hat keine eigenen Interessen, darf keine eigene Meinung äußern und ohne Befehl eigenständig Dinge in die Hand nehmen, dennoch lehnte ich mich dagegen auf. Frag nicht, wie es zeitweise innerlich in mir aussah deswegen! Aber letztendlich sind wir deshalb nun frei. Hilf dir selbst dabei, dass deine Seele frei bleibt, indem du zumindest versuchst, die alten Wunden heilen zu lassen. Was mit uns weiterhin geschieht, steht in den Sternen."

Wieder konnte Ma´thu den Krieger nur anstarren und ihn bewundern. Er hatte Recht. Wie so oft hatte er Recht. Wäre Lo´rey damals nicht zur Drohne gereift… sicher wäre er heute bei der Königin hoch angesehen.

„Ich werde es versuchen…"

Kam es schüchtern aus Ma´thu heraus, als ihn die Arme des Kriegers umfassten und er ihn an sich drückte. Wieder fanden die Klauen der ehemaligen Drohne sanft den Weg in das milchweiße Haar des jungen Wraith. Seine Kopfhaut kribbelte, wo die dunklen Fingernägel behutsam ihre Linien zogen.

Als der nächste Morgen graute, und Ma´thu seine ungewöhnlichen Augen aufschlug, schlief Lo´rey noch tief und fest und die einzelnen Zöpfe seiner Haare schlichen wie weiße Schlangen durch das dunkle Haar des Pelzes unter ihm.

Der junge Wraith erhob sich und glättete seine Kleidung mit seiner linken und einzigen Hand. Seit Wochen trugen die beiden nun schon die Klamotten, die sie schon bei ihrer Flucht am Leibe hatten. Ma´thu rümpfte die Nase und legte dabei seine weißen, spitzen Zahnreihen frei.

Ja, es war gut, dass sie bald die Menschen aufsuchen müssten. Dabei könnten sie sich gleich etwas Neues zum anziehen besorgen.

Nach diesem Gedanken kam in dem jungen Wraith der dringende Wunsch auf, sich zu waschen und er tappte noch leicht verschlafen hinaus aus dem gigantischen, hohlen Baum, über Wurzeln hinweg und durch allerlei Gewächse hindurch in Richtung Norden zum Fluss. Auch in dieser Welt bedeckte allmorgendlicher Nebel den Waldboden, allerdings war dieser hier stets warm wie heißer Wasserdampf und nicht klirrend kalt wie der auf dem Planeten, auf dem sie geflüchtet waren.

Endlich erreichte Ma´thu sein Ziel und stand nun am Ufer des Flusses, das Moos unter seinen Füßen fühlte sich warm und weich an. Auf der Wasseroberfläche blühten orangefarbene Lilien, deren Wurzeln im schlammigen Grund verankert waren und die so zwar in der Strömung hin- und herwogten, aber nicht mitgerissen wurden. Langsam ging er in die Hocke und schöpfe mit seiner Hand ein wenig Wasser, um kurz darauf sein Gesicht damit zu waschen. Es war sehr warm, doch die Wärme war für ihn kaum zu spüren, denn im Vergleich zu dem deutlich stärker gewordenen Brennen auf seiner Haut fühlte es sich fast kalt an. Der junge Wraith schloss seine Augen. Er musste Ruhe in sich einkehren lassen. Er atmete einmal ein, dann zweimal. Ja, er wollte allen Methoden der Wraith entsagen, wollte nur er selbst und frei sein, dass hatte er unter anderem Lo´rey versprochen. Dennoch gab es Dinge die ihm damals gelehrt wurden, die sich weiterhin als nützlich erwiesen. So zum Beispiel die Meditation, um den Hunger ein wenig in Zaum zu halten. In diesem Stadium wirkte es noch. Das Brennen erlöschte ein wenig, die unangenehme Leere in seinem Inneren blieb. Ma´thu seuftzte. Langsam öffnete er seine Augen… und erschrak!

In etwa 10 Metern Entfernung, am gegenüberliegenden Ufer des Flusses, standen zwei Menschenkinder. Der Wraith ohne Nährhand kannte das Aussehen der Menschen dieses Planeten bereits. Als sie durch den Dschungel geirrt waren, um nach einer Bleibe zu suchen, waren sie fast über eine Gruppe von ihnen gestolpert. Sofort hatten sie sich hinter Bäumen und Gewächsen versteckt, man hatte sie nicht gesehen. Damals waren es Jäger gewesen, halb nackte Leute, dunkelhäutig und zäh, die große, zuvor erlegte Tiere an Stäbe gebunden mit sich trugen, indem sie eines jeweils zu zweit geschultert hatten. Leise waren ihnen die beiden Wraith gefolgt und wussten seither, wo sich ihr kleines Dorf befand. Da keine Notwendigkeit bestanden hatte, sich zu nähren, fanden sie es damals besser, es und seine Menschen zu meiden. Nun aber hatten sie Ma´thu entdeckt, hier oben im Norden, weit weg von ihrem Dorf.

Der Blauäugige blieb ganz ruhig und verharrte in seiner hockenden Position und auch die spärlich bekleideten Kinder mit der dunklen Haut starrten ihn nur an und rührten sich nicht. Nur die Tonkrüge in ihren Händen zitterten. Sicher waren sie zum Wasser holen hier herauf gekommen.

„Ich habe das Betäubungsgewehr nicht mitgenommen." rauschte es durch Ma´thus Geist und er verfluchte sich im selben Moment dafür. Das Einzige, was die eisige Stille zwischen ihm und den Kindern brach, war das Zirpen der Insekten und das Rauschen des Flusses, während der junge Wraith darum bemüht war, sich ganz auf Lo´rey zu konzentrieren. Es kam keine Antwort. Sicher schlief er noch! Ein Knacken hinter ihm riss ihn plötzlich in die Realität zurück. Aber genauso schnell wie er sich umdrehte spürte er auch schon den mächtigen, dumpfen Schlag auf seinem Kopf. Er spürte, wie sein eigenes, warmes Blut feucht über seine Stirn hinab rann. Sein Blick trübte sich immer mehr, und das einzige, was er noch sehen konnte, war das grinsende Gesicht eines dunkelhäutigen Mannes, der mit einem großen Ast in der Hand über ihn gebeugt da stand. Dann wurde die Welt um ihn herum schwarz.