Gebrochene Flügel

Langsam kehrte das Bewusstsein in den jungen Wraith zurück, während er noch immer mit geschlossenen Augen da lag. Immer mehr nahm er wahr, je mehr sein Geist erwachte, sein Körper sich jedoch noch nicht bewegen ließ. Er konnte spüren, dass er auf etwas weichem und warmem lag. Gerüche drangen in seine Nase, während er ruhig und sanft atmete. Es roch steril… und nach Menschen. Der Geruch von menschlicher Haut war so allgegenwärtig, dass es Ma´thu unruhig machte.

Und dann war da auf einmal ein Licht…nein…er hatte einen Spalt breit die Augen geöffnet.

Noch von dem Betäubungslaser benommen konnte er kaum einen klaren Gedanken fassen, davon abgesehen, dass er keinerlei Zeitgefühl mehr besaß und sich fragte, wo er sich gerade befand. Doch nun wurde die schwammige Sicht langsam klarer und die Konturen um ihn herum schärfer. Ein recht großer Raum manifestierte sich, mit vielen, blauen Monitoren, Gerätschaften und Medizinschränken darin. Am geschlossenen Ausgang standen steif zwei bewaffnete Wachen in dunklen Uniformen. Er blickte an sich hinab, erkannte, das er nun einen hellgrünen Kittel trug und konnte seine Beine sehen und das er wohl auf einer Art gepolsterten, weißen Liege lag, an deren eisernem Gestell alle Viere von ihm festgebunden waren.

„Ah. Du bist wach."

drang eine zarte, weibliche Stimme zu ihm herüber. Als Ma´thus Blicke nach oben wanderten, bemerkte er die junge, blonde Menschenfrau, die er im Dorf der Waldmenschen das erste Mal zu Gesicht bekommen hatte. Sie stand direkt neben seinem Bett und wand sich nun von ihrem Monitor ab, nur um ihn kurz darauf unsicher anzulächeln.

Plötzlich traf die Erkenntnis Ma´thus müden Geist wie ein Schlag:

Sie hatten ihn nach Atlantis verschleppt! Und Lo´rey… war er wirklich tot? Er strengte seinen Geist an, konnte die Präsenz seines Freundes aber nicht spüren.

Fauchend bäumte sich der junge Wraith auf, als ihn sein seelischer Schmerz aus Neue zu zerreißen drohte und dies veranlasste Dr. Keller dazu, vor Schreck einen Schritt zurückzuweichen. Beinahe hätte sie dabei mit ihrer nach hinten schwingenden Hand ihr eigenes medizinisches Handwerkszeug vom Rollwagen gestoßen. Die Wachen bewegten sich von der Tür auf sie zu, aber sie winkte ab und die beiden nahmen wieder ihre alte Position ein.

„Wo ist er? Ist er am Leben?"

schrie der junge Wraith.

„Du… du meinst sicher deinen Freund, nicht wahr?"

brachte Jennifer brüchig hervor.

„Ist…er…am…Leben?"

wiederholte Ma´thu scharf. Es machte ihn wahnsinnig nicht zu wissen, was genau mit Lo´rey geschehen war und das diese Menschenfrau vor ihm herumdruckste machte es ihm nicht leichter.

„Wir könnten ein Spiel spielen. Du verrätst mir etwas über dich und ich verrate dir, was mit deinem Drohnenfreund passiert ist."

Spiele spielen? Wollte diese Frau ihn veralbern? Mittlerweile war in Ma´thu bloß noch Zorn und die Sorge um Lo´rey zu finden. Die Furcht war verschwunden. So oft in seinem Leben hatte man versucht, ihn zu töten. Der Wissenschaftler auf dem Basisschiff, seine eigene Mutter, die Königin… Und nun lag er hier in Atlantis und dieses blonde Menschenweibchen versuchte mit geheuchelter Nettigkeit, ihm Geheimnisse zu entlocken, bevor sie ihn sowieso sterben lassen oder töten würde. Aber auch wenn es ihn anwiderte, ihr zu antworten… Er musste erfahren, was mit Lo´rey geschehen war.

Der junge Wraith stieß als Antwort nur ein schnaubendes Geräusch aus.

„Ich deute dies mal als ein „Einverstanden". Ähm…

Mein Name ist Dr. Jennifer Keller. Ich habe schon gehört das ihr was das verraten eurer Namen angeht eher zurückhaltend seid, oder…?"

sie wartete kurz, aber es folgte keine Reaktion von dem gefesselten Wraith.

„Ja... das, ähm…dachte ich mir."

sagte sie zurückhaltend und schaute unsicher zur Seite.

„Fragen Sie schon, was sie wissen möchten."

schnaubte Ma´thu während er die Frau, nein, Dr. KELLER, nicht aus den Augen ließ. Der intensive Geruch nach Menschen und ihr Anblick erinnerten ihn schmerzvoll an den Hunger, der in ihm tobte. Er spürte, wie ihm das Wasser im Mund zusammenlief und fragte sich, ob diese nur allzu menschliche Reaktion bei jedem seiner Rasse eintrat, wenn er hungrig und umgeben von Nahrung war, die unerreichbar für ihn schien. Vielleicht geschah es nur bei ihm, weil er eine Missgeburt aus Mensch und Wraith war…

„Also gut…ähm…Wieso warst du und dein …"Freund" … auf dem Planeten? Was ist mit eurem Hive?"

Ma´thu schluckte schnell den Speichel in seinem Mund hinunter.

„Wie ich bereits sagte, Dr. Jennifer Keller. Um in Frieden leben zu können."

„Seid ihr mit einem Kreuzer abgestürzt und habt als Einzige überlebt? Hast du vielleicht deswegen deine Hand verloren, wenn sie dir angeblich keiner der Va´thiki abgeschnitten hat?"

Va´thiki? Ma´thu hatte dieses Wort noch nie gehört. Er konnte sich bloß vorstellen, dass sie damit den Stamm der Waldmenschen meinte, der ihn gefangen genommen hatte.

„Überlegen Sie, Dr. Keller und Sie werden feststellen, dass diese Fragen überflüssig sind. Ich sagte, dass wir kamen um in Frieden auf diesem Planeten zu leben. Das sagt bereits aus, dass es keinen Frieden mehr für uns in unserem Hive gibt. Die Schuld dafür, was mir angetan wurde, lastet allein auf den Schultern meiner eigenen Rasse."

Dr. Kellers Augen weiteten sich. Das konnte nur bedeuten, dass der Außerirdische mit den blauen Augen vor ihr ein Aussätziger war. Vom eigenen Basisschiff verstoßen. War dies eine Methode der Wraith, ihre eigene Art zum Tode zu verurteilen? Die Nährhand abschlagen, um ihre Besitzer verhungern zu lassen?

Es stimmte, dass die Wraith für ihr eigenes Wohl unschuldige Menschen töteten, aber in Jennifer regte sich gegen alle Angst und Vernunft das Gefühl von Mitleid. Schnell versuchte sie, es wieder zu unterdrücken.

„Dann sag mir: Was war der Grund für deine Bestrafung? Und wieso hat die Drohne dich überhaupt auf den Planeten begleitet?"

Für die junge Doktorin ergab das alles noch nicht viel Sinn und sie war neugierig auf die Geschichte des jungen Wraith. Dieser jedoch stöhnte, als wäre ihm das alles zu viel.

„Sie haben versprochen, mir zu sagen, was mit meinem Partner geschehen ist… Ich habe Ihnen etwas verraten, nun sind Sie an der Reihe."

Dr. Keller schluckte. Dann nickte sie und öffnete ein neues Fenster auf ihrem Monitor. Ma´thu verdrehte den Kopf, um genug sehen zu können und schmälerte die Augen für eine schärfere Sicht. Das Fenster zeigte eine dunkle Gefängniszelle aus der Vogelperspektive. Darin lag eine menschlich anmutende, weißhaarige Gestalt und rührte sich nicht. Lo´rey!

„Er hat überlebt. Sonst hätten wir uns nicht die Mühe gemacht, ihn in diese Zelle zu sperren."

fügte die junge Frau dem Computerbild hinzu und obwohl Ma´thus Herz in diesem Moment einen Sprung machte vor Freude, wurde ihm wieder eines bewusst: Noch lebte Lo´rey… aber seine weitere Zukunft hier in Atlantis war gefährdet wie die des jungen Wraith.

Lo´reys Oberkörper fuhr ruckartig nach oben und seine gelben Löwenaugen standen weit offen, als er schlagartig sein Bewusstsein wiedererlangte. Um ihn herum war es relativ dunkel, nur ein kleines Deckenlicht spendete etwas Helligkeit. Es überraschte ihn fast, wie ähnlich die Lichtverhältnisse denen seines ehemaligen Hives waren. Aber er war hier nicht unter den Wraith. Nein. Er musste ebenfalls von Menschen gefangen genommen worden sein. Er erkannte es an dem Baustil und dem Geruch um ihn herum und zudem erinnerte er sich. Er erinnerte sich an den großen, dunkel gekleideten Mann, der seine Haare ähnlich wie er getragen hatte. Er hatte ihn mit seiner Laserpistole getroffen…mit wie viel Schuss wusste er nicht mehr zu sagen.

Lo´rey atmete tief durch und war froh, noch zu existieren. Das er sich zuvor an zwei Menschen genährt hatte, musste ihm das Leben gerettet haben. Zugegeben, er war einfach plump in das kleine Dorf gestürmt, um Ma´thu zu befreien. Das war vielleicht sein Fehler gewesen, wie aber hätte er ahnen können, dass sich genau zu diesem Zeitpunkt moderne Menschen mit hoch entwickelten Waffen in der Siedlung befunden hatten?

Der Krieger versuchte, diese Gedanken abzuschütteln und konzentrierte sich nun darauf, seine mentalen Fähigkeiten einzusetzen. Da! Er konnte ihn spüren… Ma´thu lebte! Erleichtert atmete Lo´rey aus.

„Die Gerüchte stimmen also doch. Weißt du, wir hatten schon des öfteren „Vorgesetzte" von dir zu Besuch, aber noch nie eine Drohne selbst. Und das sogar ohne Maske. Wie lebt es sich so als Handlanger?"

Lo´rey blickte sich um. Vor den horizontal verlaufenden Gitterstäben stand ein männlicher Mensch mittlerer Körpergröße. Er trug eine schwarze Unifrom und seine Haare waren kurz und dunkelbraun und standen ein wenig von seinem Kopf ab. Der Ansatz eines Drei-Tage-Bartes zeigte sich in seinem Gesicht. Er grinste. Lo´rey fragte sich, ob er nicht ebenso grinsen würde, wären die Rollen der beiden in diesem Moment vertauscht.

„Oh verzeih. Wahrscheinlich haben sie dir das Sprechen gar nicht erst beigebracht…"

sprach der Mann mit dem losen Mundwerk weiter und blickte etwas perplex, als sich die ehemalige Drohne komplett aufrichtete und näher an ihn herantrat. Sie wirkte breit wie ein Schrank im Gegensatz zu dem Besucher vor ihr und überragte ihn zudem in ihrer Größe. Das von oben kommende Licht ließ die Schatten auf ihren muskulösen Armen tanzen.

„Ich kann sehr wohl mit Ihnen kommunizieren. Und das nutze ich gleich um Ihnen zu sagen, dass Sie sich ihre Sticheleien sparen können."

Wenn Sie mich töten wollen, dann tun Sie es doch einfach. Das war es, was Lo´rey beinahe noch herausgerutscht wäre, aber er schluckte diesen Satz gerade noch rechtzeitig hinunter.

Er durfte den Menschen nicht noch auf dumme Gedanken bringen. Dem Krieger war sein eigenes Leben wie immer sehr wenig wert, aber er dachte an Ma´thu. Und das, wenn es doch nur die kleinste Chance geben sollte aus diesem Schlamassel wieder herauszukommen, ihn sein kleiner Wraith weiterhin brauchen würde.

Der Menschenmann stand wie vom Donner gerührt vor den Gitterstäben und starrte den großen Drohnenkrieger ungläubig an.

„Wow. Das ist das Letzte womit ich gerechnet habe, ganz ehrlich."

Er nahm eine etwas gefestigtere Haltung ein und räusperte sich.

„Mein Name ist Lt. John Sheppard. Und damit ich weiß wie ich dich für die Zeit deines kleinen Urlaubs bei uns nennen kann, werde ich dir einen Spitznamen geben. Das hat bei uns so Tradition, weißt du?"

Der Mann, Lt. John Sheppard, überlegte kurz und meinte dann:

„Ich hab´s. Wie wäre es mit Ray?"

Die Antwort darauf war nur ein dunkles Grollen aus den Tiefen von Lo´reys Kehle.