Licht und Schatten
Eigentlich hatte sich Ma´thu vorgenommen, nichts mehr zu verraten, nachdem er nun gesehen hatte, dass Lo´rey noch lebte. Aber der junge Wraith hatte diesen Gedanken ganz schnell wieder über Bord geworfen, nachdem Ronon in den Raum gekommen war und angedroht hatte, dass er diesmal den Fehler korrigieren und den Wraithkrieger im Gefängnis endgültig töten würde.
Nun gut. Auch wenn seine Geschichte die Menschen nichts anging… er würde ihnen alles erzählen.
Mittlerweile war ein Tag vergangen und Dr. Keller schaute alle paar Stunden bei ihrem „Gast" vorbei, um ihn zu befragen und zu untersuchen. Stets lauschte sie gespannt den Erzählungen des jungen Wraith und Ma´thu fand es interessant zu sehen, wie sich ihre Gefühle in ihrem Gesicht dabei widerspiegelten. Zeigte sich nicht sogar manchmal Mitleid darin?
Auch jetzt kam Jennifer wieder in das bewachte Untersuchungszimmer, in dem sich der gefangene Wraith befand und zog sich, gefolgt von einem knarrenden Geräusch, einen Stuhl heran, um neben seiner Liege Platz zu nehmen.
„Wollen wir uns noch ein wenig unterhalten?"
Der junge Wraith ließ seinen Hinterkopf tiefer in sein weißes Kissen sinken und schloss die Augen. Mittlerweile wogte der brennende Schmerz des Hungers über seine gesamte Haut und sein Innerstes schien so leer, als würde es sich gerade selbst verzehren. Nur leises Stöhnen kam über seine Lippen. Die junge Frau betrachtete ihn ausgiebig. Seine milchweiße Haut schien heute noch transparenter, glänzte feuchter als zuvor und er wirkte unheimlich schwach.
In diesem Moment öffnete sich die Tür und der Mann mit den braunen, kurzen Haaren trat ein, der sich am vorigen Tag als Lt. John Sheppard vorgestellt und stets einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte. Ma´thu verstand nicht, wieso es den Menschen rein gar nichts ausmachte, ihren kostbaren Namen einfach so jedem Fremden zu verraten.
„Hey Jennifer. Wie geht es unserem Matthew?"
sprach der Besucher, gesellte sich neben Dr. Keller und stämmte seine Hände in die Hüften.
Matthew. So hatte dieser furchtbare Mensch Ma´thu gestern getauft. Der junge Wraith hatte sich sehr gewundert, dass dieser ausgedachte Name seinem wirklichen Namen recht ähnlich war, abgesehen davon, dass die Menschen keine fauchenden Untertöne bei seiner Aussprache verwendeten wie es auf Wraith typisch war.
Als Lt. Sheppard einen Blick auf den schwachen Gefangenen warf, runzelte er die Stirn. Es ließ sich nicht deuten ob dies eine ernst gemeinte oder doch eher typisch ironische Mimik seinerseits war.
„Wie ich sehe nicht sonderlich gut. Könnte einen kleinen Snack vertragen…"
witzelte er und erbte von Ma´thu ein Knurren.
Es war dem jungen Wraith zutiefst unangenehm, Schwäche vor diesen Menschen zu zeigen, aber der Hunger zwang seinen Stolz langsam auf die Knie.
„Bitte… bringt mich zu meinem Partner in die Zelle…"
seuftzte er, darum bemüht, die neu aufkommende Welle brennenden Schmerzes auf seiner Haut zu unterdrücken.
„Seltsam. Ich war eben noch bei Ray. Er bat mich ebenfalls darum, Matthew zu ihm zu bringen. Läuft zwischen euch vielleicht etwas mehr als nur…ein freundschaftliches Wraithverhältnis? Vielleicht interpretiere ich da auch zu viel rein und ihr wollt Fluchtpläne schmieden…"
„Nein, John. Ich kann mir denken wieso beide darauf bestehen, dass sie zueinander kommen."
unterbrach ihn Dr. Keller, denn als die junge Frau sich darüber Gedanken gemacht hatte, welchen Sinn überhaupt eine Flucht ohne Nährhand machte, war ihr plötzlich ein Licht aufgegangen.
„Die Wraith können Verletzungen bei Menschen heilen, indem sie ihnen „Lebensenergie" durch das Nährorgan zurückgeben, so wie du es schon einmal mit Todd erlebt hast. Aber wenn dieser Akt bei einem anderen Wraith ausgeführt wird, ist es gut möglich, dass dies einer Fütterung gleichkommt."
Nachdem Jennifer diesen Satz beendet hatte, zog John verwundert die Augenbrauen nach oben.
„Du meinst also wir sollten die beiden zusammenbringen, damit der Große den Kleinen „künstlich ernähren" kann?"
„Genau das. John, ich habe von Matthew erfahren, dass seine Königin ihn verurteilt hat, weil etwas mit ihm nicht stimmt. Die Gewebeprobe, die ich ihm entnommen habe, zeigt deutlich, dass er mehr menschliches Genmaterial besitzt als jeder andere Wraith, den wir bisher hier untersucht haben. Ich möchte herausfinden, was der Auslöser dieser Genmutation war. Vielleicht können wir durch ihn ganz neue Fortschritte mit in unseren Forschungen machen! Aber um das zu erreichen darf er nicht sterben. Nicht jetzt."
Lo´rey hatte einige Zeit sitzend in der Ecke seines Gefängnisses verbracht, völlig gelangweilt und wie immer in stetiger Sorge um Ma´thu. Eigentlich hatte es ihm auf dem Basisschiff nie etwas ausgemacht, in dunklen Ecken herumzulungern und nichts zu tun zu haben außer Wache zu stehen, aber dies hier war etwas völlig anderes. Seine gelben Augen öffneten sich schlagartig, denn jetzt spürte der große Krieger ein bekanntes Pulsieren in seinem Kopf. Stärker und stärker wurde es, bildete in seinem Geist Farben und Formen. Ein rasselndes Geräusch entfuhr seiner Kehle, als sich die Eingangstür vor seinem Käfig öffnete und sein kleiner Wraith eintrat, in einen hellen Kittel gekleidet wie ein kranker Mensch. Hinter ihm liefen die blonde Frau, die Lo´rey bereits auf dem Urwaldplaneten zu Gesicht bekommen hatte und der Menschenmann, John Sheppard, der dem jungen Außerirdischen eine Pistole an den Rücken hielt. Weitere Sicherheitsmaßnahmen hielten sie bei einem unbewaffneten Wraith ohne Nährhand wohl nicht für nötig.
Der ehemalige Drohnenkrieger hatte sich bisher ruhig und unauffällig verhalten, nun aber stämmte er sich vom Boden ab und kam in Windeseile auf seinen, in schweren Stiefeln steckenden Beinen zum Stehen. Ebenso schnell war er auch am äußeren Gitter seines Käfigs angelangt, welches jetzt das Einzige war, was zwischen ihm und Ma´thu stand, der ihn aus glasigen, blauen Augen ansah und über dessen Lippen nun ein kleines Wraithlächeln huschte, das schnell wieder verebbte.
„Ihr konntet es gar nicht erwarten euch wiederzusehen, was?"
witzelte Sheppard.
„Ich bringe dir deinen Freund zu eurer kleinen Dinnerparty vorbei. Aber bevor ich ihn zu dir lasse, müsstest du dich erst wieder in deine Ecke begeben, Ray."
Einen Moment lang blieben Lo´reys gelbe Augen auf Ma´thu gerichtet, bevor er reagierte. Dann knurrte er den Menschenmann leise an und machte einige Schritte rückwärts, bis er wieder auf seinem Platz in der Ecke stand. Er verschränkte seine Arme um zu zeigen, dass er nicht vorhatte, seine tödliche Hand zu benutzen, und wartete ungeduldig darauf, dass man den jungen Wraith zu ihm eintreten lassen würde. Das von oben kommende Licht zeichnete dunkle Schatten auf sein Gesicht mit dem langen Bart und den tiefen Gesichtsschlitzen.
„Braver Junge."
John Sheppard gab den beiden Gefängniswächtern den Wink, dass Gitter zu öffnen. Die Menschen setzten sich nicht der Gefahr aus, in Lo´reys Zelle einzutreten. Stattdessen stieß der Leutnant den ausgehungerten Wraith mit einer Hand hinein und ließ die Gittertür sofort wieder schließen. Nun, da die beiden „Raubtiere" keine Gefahr mehr darstellten , lockerten sich auch Dr. Kellers Gesichtszüge wieder, die die ganze Zeit über sehr angespannt gewesen waren.
Lo´rey für seinen Teil konnte sich nun nicht mehr zurückhalten und stürmte zu Ma´thu.
„Ich bin froh, dass sie dir nichts getan haben… so froh…"
sprach es im Geiste Lo´reys, doch obwohl Ma´thu spürte, dass der Krieger ebenso dachte, verließ kein Wort dessen Lippen.
„Ah, dass ist so typisch für dich …" huschte es ein letztes Mal durch den Kopf des jungen Wraith, als er spürte, wie sich Lo´reys rechte Hand anstelle einer Antwort auf die Seite seines Halses presste.
Wenige Sekunden später erfüllte das seltsame Geräusch des Fütterungsvorganges begleitet von Ma´thus Schnurren den Raum, während die Menschen vor dem Gitter mit einer Mischung aus Neugier und Abscheu dem Prozess zusahen.
„Ich finde es immer wieder faszinierend"
kam es leise über Jennifers Lippen, die nicht fähig war, ihre Augen von dem Szenario vor ihr abzuwenden.
„Faszinierend ist wohl nicht der richtige Ausdruck hierfür."
John Sheppard verzog das Gesicht zu einer Grimasse.
Als sich die Hand Lo´reys schmatzend von der Haut seines Gegenübers löste, zog sie einen zähen Faden aus Blut und Nährflüssigkeit mit sich und Ma´thu atmete tief durch. Er fühlte sich satt und die brennenden Schmerzen auf der Haut waren erloschen.
„Verzeih mir. Aber das hatte Vorrang."
sprach der Krieger nun endlich. Er umarmte Ma´thus zerbrechlichen wirkenden Körper, strich ihm das milchweiße Haar aus dem Gesicht und sah ihm in die blauen Augen, bevor er mit weichen Lippen einen Kuss auf seine Stirn drückte.
Hätte die Aufmerksamkeit im Raum dem Leutnant vor den Gitterstäben gegolten, so wäre jedem sein vor Staunen offener Mund aufgefallen. Er hatte bisher Vieles erlebt, aber Wraith die sich so verhielten waren für ihn neu.
„Okay. Also DAS ist jetzt wirklich faszinierend. Ich hatte wohl doch recht was euch beide angeht…"
„Es ist gut möglich, dass sich mehrere solcher Wraithpaare bilden. Denk dran, John, es gibt immer nur eine Königin."
kam es langsam über Jennifers Lippen, als sie sich von der Szene vor ihr losriss und zu Sheppard hinübersah.
Lo´rey hatte ihre These mitbekommen und bleckte seine scharfen Zähne. Es war wahr. Viele Wraithmännchen fanden sich aus dem Grund zusammen, dass sie nie eine Königin ihr eigen nennen würden. Aber die Beziehung von Ma´thu und ihm war anders. Besonders. Niemand durfte sie mit dieser stupiden, rein aufs Körperliche beschränkten Pärchenbildung vergleichen.
„Lass sie. Sie wissen es nicht besser."
sprach Ma´thu seinen Freund auf Wraith an.
Der Krieger hielt ihn immer noch im Arm, sodass das harte Metall seiner Panzerweste dem Blauäugigen fast wehtat. Er zögerte kurz, bevor er weitersprach.
„Es ist schon ironisch. Wir sollen wohl einfach nicht frei sein. Es scheint wie eine Macht zu sein, die über uns steht und uns immer wieder ins Verderben leitet."
der Wraith mit dem milchweißen, hüftlangen Haar löste sich aus der Umarmung und drehte dem Krieger den Rücken zu, der verwundert seine muskulösen Arme sinken ließ und ihm mit seinen ruhigen Blicken folgte, während sein Kopf in Schräglage glitt.
„Ma´thu…"
„Nein. Sag nichts. Ich weiß, dass du mich kennst und genau weißt, was jetzt kommt. Und ja: ICH bin an allem Schuld. Ich wurde verurteilt, mich haben sie auf dem Urwaldplaneten gefangen genommen. Und du musst nun mit mir sterben. Ich habe es gewusst, Lo´rey. Mein Gefühl hat mich nicht im Stich gelassen. Ich habe zu dir gesagt, dass ich Angst habe, dass du wegen mir sterben könntest. Und nun…"
der junge Wraith lachte leise und traurig.
„…sieh, wie schnell es Realität wurde."
Er machte einige Schritte auf die Gitterstäbe zu, vor denen Sheppard und Dr. Keller standen und weiter darüber spekulierten, wie ein solches Verhalten der beiden Wraith zu erklären war.
Seine Gesichtszüge wirkten nun wieder glatt und emotionslos, sowie es die Menschen von seiner Art gewohnt waren und seine Haltung war gerade und anmutig, jetzt wo er sich gestärkt hatte.
„Dr. Keller….Lt. Sheppard…"
er ließ seinen Blick vom einen zum anderen gleiten.
„Ich weiß, dass es mir in meiner Lage nicht zusteht, einen Gefallen zu erbitten… Aber dennoch wage ich es."
John runzelte die Stirn.
„Und was mag das sein?"
„Lasst meinen Partner, Ray, gehen…ICH bin es, der euch interessiert, nicht er."
„Tja, ich bedaure."
antwortete Sheppard und fuhr sich mit der Hand über das stachelige Haar, das sofort darauf wieder in seine alte Form zurücksprang.
„Hier sind schon Wraith gestorben die uns weit weniger interessiert haben als Ray. Bob zum Beispiel…oder Steve…"
„Machen Sie sich keine Mühe. Ich bleibe auch wenn sie mir erlauben würden zu gehen."
Lo´rey war neben Ma´thu getreten und blickte finster durch die Gitterstäbe und dann hinunter zu dem jungen Wraith. Seine Gesichtsschlitze waren vor Ärger schmal geworden und auch seine katzenartigen Pupillen waren nur noch dünn wie Bindfäden. Angespannt schaute der junge Wraith zwischen Sheppard, der aussah als würde er seine Meinung so schnell nicht ändern und dem wütenden Lo´rey hin und her, bevor er sein ebenmäßiges Gesicht zu einer Grimasse verzog. Fauchend seine weißen, nadelspitzen Zähne zeigend wandte er sich von allen ab und verzog sich in eine Ecke der Gefängniszelle. Das war alles zu viel!
