Der Stein beginnt zu rollen

Weitere Zeit verstrich und verstrich, in denen die beiden Wraith weiterhin in Atlantis gefangen gehalten wurden. Mittlerweile hatte Ma´thu Lo´rey wieder verziehen, dass er sich gegen ihn gestellt hatte. Zum einen war es unmöglich, sich in der engen Zelle auf Dauer zu ignorieren, auf der anderen Seite hatte es der ehemalige Krieger eigentlich nur gut gemeint.

Die Menschen von Atlantis hatten beschlossen, die beiden zusammen in der Zelle zu lassen.

Das Einzige, was gleich blieb, waren die Besuche von Jennifer Keller. Mittlerweile schien die junge, blonde Menschenfrau fast alles über das Leben des jungen Wraith mit den blauen Augen und seinem Begleiter zu wissen, soviel wie sie ihr erzählt hatten. Aber wen kümmerte es? Beide waren sie niemandes Regel mehr unterworfen und niemandem mehr zugehörig. Sollte das Menschenweibchen ruhig alles erfahren.

Meist war es Ma´thu, der wie auch an diesem Abend nah an den Gitterstäben stand, mit seinem seeblauen Katzenblick für die junge Frau raubtiergleich dreinblickte und sich mit ihr austauschte. Je mehr die Zeit verging, umso vertrauter schienen sie sich, auch wenn zuerst von beiden Seiten her Abneigung geherrscht hatte.

Oft vergaß Jennifer in ihren Gesprächen, dass es ein Wraith war, mit dem sie sprach. Schon bei den kurzen Gesprächen mit Todd war ihr aufgefallen, dass nicht alle Wraith gleich waren. Er besaß einen starken Gerechtigkeitssinn und hielt sich ehrlich an alle Abmachungen zwischen ihm und John, auch wenn diese nur stattfanden, wenn jeder einen Vorteil daraus zog. Auch dieser junge Wraith vor ihr bewies ihr jeden Tag aufs neue, wie menschlich ihre Spezies doch eigentlich war und das ihre Denkweisen nicht allzu verschieden waren.

Als der Blauäugige seinen letzten Satz beendet hatte, entstand eine kleine, fast unangenehm wirkende Gesprächspause zwischen den beiden Wesen. Jennifer konnte ihre Blicke nicht von dem hypnotischen blau der Wraithaugen lenken und schluckte , als eine Frage anfing, ihr auf der Zunge zu brennen. Nie hatte sie einen Wraith soetwas fragen können oder wollen, aber es war eine Frage, die nicht nur sie, sondern auch viele andere Menschen interessierte.

„Also…ähm…"

der Kopf des Wraith legte sich schräg. Mittlerweile wusste Jennifer, dass dies eine Geste der Neugier oder des Nicht-Verstehens war und versuchte, sich zu sammeln um die Frage über die Lippen zu kriegen.

„Bisher haben wir eure Rasse als … kaltherzig… gegenüber den Menschen erlebt. Ihr sammelt sie ein wie Vieh. Aber sag mir… so wie du mich nun kennst und mit mir sprichst… was denkst du da über die Menschen?"

Ma´thu richtete den Kopf wieder gerade und seine Augen huschten für einen Moment hin und her, als ob er stark nachdachte. Lo´rey stand derweil mit verschränkten Armen an die hinteren Gitterstäbe gelehnt und hatte die Augen wie zu einem Nickerchen geschlossen. Aber der junge Wraith wusste, dass er das Gespräch genauestens mithörte, während er auf diese Weise ausruhte.

„Wir sammeln sie ein wie Vieh, ja. Wir…nähren uns an ihnen, wie ihr euer Vieh esst. Aber im Moment sehe ich kein Vieh vor mir. Ich sehe ein intelligentes Individuum, dass mir nicht allzu unähnlich ist. Ja, mit dem man sogar im Stande wäre, sich zu verbünden."

er hielt kurz inne

„Dennoch… kommen wir nicht darum herum, dass wir Nahrung brauchen. Und das die Natur der Dinge vorgesehen hat, dass wir in der Nahrungskette über den Menschen stehen und uns an ihnen nähren müssen. Das Tier wehrt sich gegen den Menschen, möchte er es essen, um zu überleben. Und ebenso versuchen es die Menschen und hassen und fürchten uns und wollen uns töten, sobald sie uns sehen. Aber der Mensch an sich ist nicht viel besser… Er züchtet Tiere, die er für dumm und unter seiner Würde hält, nur weil er ihre Sprache nicht versteht… um sie zu essen. In der Zucht werden sie dann nur geboren, um von euch verspeist zu werden und leben bis dahin in Gefangenschaft. "

Jennifer klebte förmlich an Matthews Lippen, als er sprach, obwohl die morbide Bedeutung seiner Worte einen kalten Schauer über ihren Rücken sandte.

„Die Wraith allerdings… züchten nicht und quälen nicht. Ich kann nicht für alle sprechen, aber wann immer ich mich nährte, tat ich es schnell, in wenigen Sekunden. Wir lassen die Menschen jahrelang in Frieden leben, unwissend, ob wir wiederkehren um ihren Planeten auszudünnen. Viele vergessen, dass wir jemals da gewesen waren und leben ein glückliches Leben. Aber wenn wir es müssen, schlagen wir zu und holen uns das was wir brauchen. Es ist klar, dass dies dem Menschen nicht gefällt, doch ich sehe nicht, was daran ein Unrecht ist."

„Ja. Der Mensch kann einfach nicht akzeptieren, dass er natürliche Feinde hat und sieht auch nicht ein, dass wir das alles tun müssen."

rasselte eine raue Stimme hinter Ma´thu und Lo´reys gelbe Augen glühten im Schatten hinter ihm auf.

„Aber glauben sie mir, Dr. Keller. Würde ein Mensch jemals die Schmerzen erfahren, die der Hunger einem Wraith zufügt, würden sie verstehen."

„Ja…ich habe davon gehört. Es soll brennen wie Feuer auf der Haut. Wir haben eine Allianz mit einem Wraith geschlossen, den wir Todd nennen. Wir wissen Einiges von ihm."

begann Dr. Keller in Richtung des Schattens zu sprechen, in dem die leuchtenden Augen wie zwei Glühwürmchen prangten.

„Und wenn wir gerade vom Verstehen sprechen… Ich bin zu einer neuen Erkenntnis gekommen, was den Gendefekt von Matthew angeht."

Auf einmal hatte die junge Ärztin die volle Aufmerksamkeit der beiden Gefangenen.

„Wir arbeiten seit einiger Zeit an einem Retrovirus, welches das Genmaterial des Iratuskäfers aus dem Körper der Wraith entfernt und sie zu Menschen machen kann. Die Formel zur Entwicklung dieses Virus´ stammt allerdings nicht von uns. Den Hinweis auf Experimente in diese Richtung fanden wir in den Aufzeichnungen der Antiker und führten sie lediglich fort. Das Virus das sie entwickelt hatten war vielmehr ein Prototyp denn völlig ausgereift, doch einige Dokumente besagen, dass es im Krieg bereits an Wraithschiffen ausprobiert wurde, allerdings keinen Erfolg zeigte. Wie wir wissen schlüpft ihr aus Zellen, die für eine Weile mit dem Organismus des Basisschiffes verbunden sein müssen. Wir vermuten dass…"

„…das Retrovirus nicht die Wraith selbst infizierte, dafür aber den Organismus unserer organischen Schiffe. Und die erhaltenen Spuren des Virus´ darin sind fähig, das Erbgut der Wraithlinge in den Zellen zu verändern, bevor sie schlüpfen…"

schlussfolgerte Ma´thu fast atemlos. Das konnte gut möglich sein! Die kalten Kacheln des Fußbodens fühlten sich auf einmal wie Eis unter seinen Füßen an.

„So ist es. Ich denke du wärst ein guter Doktor … oder Wissenschaftler geworden."

sprach Dr. Keller, strich sich eine blonde Strähne zurück hinter das Ohr und lächelte unsicher.

„Nun ja. Was euch beide betrifft… Ich habe daran gedacht, Todd zu kontaktieren und ihn zu bitten, euch in die Crew seines Basisschiffes aufzunehmen. Ich habe dafür noch nicht die Erlaubnis eingeholt, dennoch…"

„Unmöglich."

drang es aus dem Mund des Kriegers. Er ließ seine Arme nach unten sinken und brauchte gerade einmal zwei seiner mächtigen Schritte, um neben Ma´thu zur Vorderseite der Zelle zu treten. Jennifer, die ihren Vorschlag bisher für eine sehr gute Alternativlösung zum Hungertod der beiden Wraith gehalten hatte, zuckte unweigerlich bei dieser barschen Unterbrechung zusammen.

„Er hat Recht. Es ist unmöglich. Die Allianz zwischen Ihnen und… Todd…mag etwas Besonderes sein und vielleicht würde er ihnen den Gefallen tun. Doch die Wraith haben strenge, hierarchische Regeln. Meine fehlende Nährhand wird mich stets zum niedrigsten Wesen auf dem Schiff machen, auch wenn ich stets unschuldig war. Und Ray, wie ihr ihn nennt… Er wird wieder in seiner Persönlichkeit eingeschränkt werden. Eine Drohne, mit einer Maske statt einem Gesicht und ohne Namen. Und…"

„…wir werden wieder… getrennt sein. Dann wäre fast wieder alles so wie auf unserem Schiff."

vollendete Lo´rey den Satz des jungen Wraith und blickte dabei nachdenklich zu Boden.

Dr. Kellers Herz verkrampfte sich leicht. Nicht viele Menschen aus Atlantis oder gar der restlichen Galaxie würden sich überhaupt für die beiden Wraith interessieren, es sei denn, sie wären tot und begraben. Aber sie war immer ein gutmütiger Mensch gewesen und hatte zudem schon zuviel Zeit mit den beiden verbracht, um in ihnen blutrünstige Bestien zu sehen, obwohl sie ihr von ihrer Art doch ab und an noch Schauder über den Rücken jagten.

„Also…Es wäre auch möglich, euch das Virus zu verabreichen und euch zu Menschen zu machen. Ihr bräuchtet euch dann nicht mehr zu nähren und würdet hier geduldet. Dennoch…"

sie schluckte. Das, was sie nun erzählen wollte, konnte sie den beiden ebenso gut verschweigen und ihnen einfach das Virus verabreichen! Aber trotzdem zwang sie irgendetwas in ihrem Inneren, die Wahrheit offen darzulegen.

„…solltet ihr euch dafür entscheiden, werdet ihr zwar überleben, danach aber keinerlei Erinnerung mehr an euer vorheriges Leben als Wraith haben."

Ma´thu schloss die Augen.

„Ah…Vergessen. Keine Pein mehr, keine Qualen der Erinnerung an die Gräueltaten auf dem Basisschiff…" dachte er. Doch er hatte mehr zu verlieren als zu gewinnen.

„Nein. Ich möchte nicht vergessen."

Er blickte zu Lo´rey, dessen helle Farben im Kopf des jungen Wraith tanzten und rebellierten, und wieder zu Jennifer zurück.

"Niemals."

Dr. Keller nickte leicht.

„Ja. Ja das…dachte ich mir bereits."

Innerlich beschimpfte sie sich selbst. Sie war selbst schuld. Diese Antwort hatte ja kommen müssen.

Der blauäugige Wraith fuhr sich mit den Fingern seiner gesunden Hand durch seinen kurzen Kinnbart, der ihm seit einiger Zeit gewachsen war, während er die Menschenfrau weiter ansah.

Sie versuchte wirklich, ihnen zu helfen. In Ma´thu stieg eine seltsame Rührung auf. Auch die beiden Wraith hatten sich schon zu lange mit ihr abgegeben, als das sie nicht eine gewisse Sympathie für sie empfanden. Einzig die Tatsache, dass diese Menschen dabei waren, ihn und Lo´rey in der Zelle sterben zu lassen, würde sich keine andere Lösung mehr finden, ließ noch eine große Mauer der Distanz erhalten bleiben.

Jennifer lächelte noch einmal ihr unsicheres Lächeln, dass sie wie ein junges Mädchen erscheinen ließ und drehte sich mit wippendem Pferdeschwanz zum Gehen.

„Dr. Keller…"

Die junge Doktorin hielt kurz vor dem Ausgang inne und lauschte Matthew, dessen Blicke sich in ihren Rücken gruben wie Pfeile.

„… sagen sie…wieso versuchen die Menschen immer alles nach ihrem Belieben zu ändern, was sie fürchten oder nicht verstehen?"

Jennifer schürzte die Lippen und überlegte kurz, bevor sie Luft holte und sprach:

"Das liegt wohl in unserer Natur."

In dieser Nacht war es der jungen Doktorin nicht möglich, einzuschlafen. Mit weit offen stehenden Augen lag sie in ihrem Bett mit dem weißen Laken, der ebenso weißen Bettwäsche und nur in ihre weiße Pyjamahose und das weiße Feinripp-Top gekleidet, und starrte die weiße Decke ihres Zimmers an. Seltsam, dass ihr erst jetzt in dieser schlaflosen Nacht auffiel, dass alles in ihrer Unterkunft etwas mehr Farbe vertragen könnte. Aber das war es nicht, was ihr hauptsächlich durch den Kopf ging. Nein. Es war ein Satz, der immer wieder durch ihren Verstand hallte. Der Satz, der von dem jungen Wraith in der Zelle stammte.

„…wieso versuchen die Menschen immer alles nach ihrem Belieben zu ändern, was sie fürchten oder nicht verstehen?"

Ihr Oberkörper fuhr im Bett hoch, als eine Idee wie ein Blitz durch ihren Geist zuckte.