Finales Kapitel - Neue Wege
„Unsere fleißige Doktorin… schon so früh wach?"
John Sheppard lehnte sich an den weißen Medizinschrank, der in Dr. Kellers Labor stand. Er trug ein lässiges, schwarzes Shirt zu der Hose seiner Uniform und seine Haare sahen aus, als wäre er eben erst aus dem Bett aufgestanden. Jennifer hatte ihn gar nicht hereinkommen hören, so konzentriert hatte sie sich auf die Forschungsberichte, die sie vor sich auf dem Monitor in blauer Schrift angezeigt bekam.
„Ach du bist es."
lächelte sie und rieb sich die Stirn hinter der es langsam wirklich anfing zu schmerzen.
„Wie spät ist es denn?"
„6 Uhr 15. Sag bloß du hast die ganze Nacht durchgearbeitet?"
Jennifer Keller seufzte.
„Doch John. Es sieht wohl so aus. Ich habe gestern viel nachgedacht und habe vielleicht eine Lösung gefunden, die es möglich macht, das sich die Wraith nicht mehr an Menschen nähren müssen."
Der dunkelhaarige Mann legte ungläubig die Stirn in Falten.
„Du weißt… das letzte Mal als wir versuchten die Wraith genetisch zu verändern wurde fast Todds komplette Mannschaft vom Krebs zerfressen… und an die Zombie-Drohnen möchte ich gar nicht erst denken…"
„Diesmal ist das Risiko das so etwas passiert gleich null, denn ich habe nicht vor, ein Retrovirus einzusetzen oder den Körper der Wraith in irgendeiner Weise zu verändern."
Die Anzahl der Falten auf der Stirn des Leutnants schienen sich zu verdoppeln.
„Und was genau hast du dann vor?"
Jennifers sonst unsicher wirkendes Lächeln gewann an Stärke.
„Weißt du… gestern stellte mir Matthew eine Frage… Die Frage, warum der Mensch immer alles verändern muss. Je mehr ich darüber nachdachte umso klarer wurde mir, dass es für jedes Problem mehrere Lösungen gibt. Wir haben bisher nur verbissen daran gearbeitet, den Körper der Wraith nach unserem Ebenbild zu gestalten und sein menschliches Verdauungssystem wieder zu aktivieren. Aber was hatten wir bisher davon? Genau wie du bereits sagtest… es hat Todds Mannschaft getötet oder aus Wraith Menschen erschaffen, die unwissend und hilflos waren wie kleine Kinder und die wir selbst nicht im Stande waren zu versorgen. Also sollten wir uns nun auf den anderen Lösungsweg konzentrieren!"
„Worauf willst du hinaus?"
fragte John, den Jennifers enthusiastische Erklärungen bisher keinen Deut schlauer gemacht hatten.
„Ähm ok…Also worauf ich hinaus will…Es sollte möglich sein, die Substanzen künstlich nachzuzüchten, die das Nährorgan dem menschlichen Körper entzieht. Da wir nicht genau wissen, welche das sind, müssten wir allerdings unseren beiden Freunden in der Zelle eine Probe entnehmen…Ach, das könnte wirklich alles verändern!"
Obwohl sie müde gewesen war und eigentlich furchtbare Kopfschmerzen hatte, hatte sich die junge Doktorin so voller Eifer in die Erklärung ihres Planes hineingesteigert, dass sie sich nun wieder etwas frischer und motivierter fühlte. Einzig der Schweiß auf ihrer Stirn und die dunklen Augenringe waren noch Anzeichen für eine schlaflos verbrachte Nacht.
Der Leutnant ließ sich Jennifers Worte noch einmal durch den Kopf gehen und sprach dann in seiner gewohnt lässigen Art:
„Also schön. Dann lass uns die beiden besuchen gehen."
Ein kurzes Surren ertönte und eine Welle aus Licht fuhr über die Gitterstäbe von Ma´thus und Lo´reys Gefängnis, als das Schutzschild ringsum deaktiviert wurde. Die beiden Wraith, die zuvor noch in einer dunklen Ecke der Zelle gedöst hatten, fuhren erschrocken nach oben und sie starrten mit weit aufgerissenen, wachsamen Augen in die Dunkelheit um sie herum.
Wenig später öffnete sich die Eingangstür und Lt. Sheppard und Dr. Keller traten vor die horizontal verlaufenden Gitter des Gefängnisses. Nachdem die beiden Wraith alles von Jennifers Plan erfahren hatten, wandte sich John mit vor der Brust verschränkten Armen an Lo´rey.
„Ja, nun… langer Rede kurzer Sinn… Wir brauchen eine Probe eurer… „Nährflüssigkeit"…oder wie auch immer ihr das nennt, um sie zu untersuchen und die Substanzen nachzüchten zu können."
Der Krieger sah den Leutnant nur weiter aus seinen großen, gelben Löwenaugen an, ohne eine Miene zu verziehen, während Licht und Schatten mit seinen Muskeln spielten und die Dreads wie eine weiße Lawine schwer auf seinen breiten Schultern ruhten.
„Nun ja…wir dachten da an dich, mein Großer. Ein bisschen was solltest du noch für uns übrig haben. Das Schild ist deaktiviert, du könntest einfach deine Hand ausstrecken und uns vielleicht ein paar Tröpfchen abgeben…"
Während er sprach schob John wie zur Verdeutlichung seiner Worte seine eigene rechte Hand nach vorne und öffnete diese, sodass die Handfläche nach unten zeigte. Danach ließ er die Hand seltsame, zuckende Bewegungen machen. War dies die Art wie sich dieser Mensch vorstellte, dass das funktionieren würde? Lo´rey verdrehte die Augen und stieß einen genervten Grunzlaut aus.
„Tja... oder so ähnlich!"
stieß John hervor und kratzte sich am Hinterkopf, obwohl es ihn eigentlich gar nicht juckte.
Ma´thu stand währenddessen neben seinem Freund vor dem Gitter und im Inneren tat sein Herz einen kleinen Hüpfer. Sollte dies alles wirklich funktionieren? Währe es tatsächlich möglich, ihre Nahrung künstlich nachzuzüchten? Das würde das komplette Verhältnis zwischen Mensch und Wraith ändern! Und nicht nur das, es bedeutete auch, dass er und Lo´rey noch einmal mit dem Leben davonkommen würden.
„Tu es…"
sprach er aufgeregt zum Geist der ehemaligen Drohne.
„Es ist unsere letzte Chance."
Lo´rey stimmte zu. Langsam trat er nach vorne und streckte seinen langen, blassgrünen Arm zwischen den Gitterstäben hindurch. Die tödliche Hand stieß genau in den Raum zwischen Jennifer und John Sheppard, die wie aus Reflex noch einen Schritt davor zurückwichen. Als der Krieger seine Handfläche langsam nach oben drehte und die klauenbesetzten Finger weiter nach hinten zog, traten die härteren Außenränder des Nährorganes noch deutlicher hervor. Die junge Doktorin sah in einer Mischung aus Angst und Faszination darauf hinab, was den großen Außerirdischen innerlich ein wenig erheiterte, während er die beiden Menschen ohne auch nur einmal zu blinzeln aus katzenhaften Augen ansah.
Dr. Keller überwandt nun ein wenig ihre Furcht vor dem todbringenden Nährschlitz und trat etwas näher heran. Mit leicht zittrigen Händen zog sie ein kleines Reagenzglas und eine Art winzigen, weißen Plastikschaber aus ihrer Jackentasche hervor.
„So, Ray. Falls es nicht so richtig will empfehle ich dir, einfach locker zu lassen und an einen Wasserfall zu denken, dann läuft es von ganz alleine."
witzelte John. Lo´rey wollte ihn zuerst wie gewohnt mit einem wütenden Knurren dafür entlohnen. Im Endeffekt ließ er es dennoch sein. Es würde bei diesem fürchterlichen Menschen sowieso keine Früchte tragen. Dafür konzentrierte er sich jetzt darauf, die Flüssigkeit behutsam austreten zu lassen. Langsam bildeten sich kleine Tröpfchen an den Rändern des Nährschlitzes, die eine gelb-bräunliche Farbe hatten und fürchterlich klebrige Fäden zogen, als Dr. Keller sie versuchte, mit dem Schaber aufzunehmen und in das Reagenzglas einzuführen.
„Schöne Farbe."
bemerkte John und an seinem Gesicht konnte man erkennen, dass dies eher ironisch denn ernst gemeint war.
„Ja. Vom menschlichen Blutplasma nehme ich an."
gab Lo´rey trocken zurück als wäre es das natürlichste auf der Welt. Oder wollte er den Leutnant absichtlich damit foppen? Ein nachfolgendes, breites Wraithgrinsen verriet es und Sheppard musste leicht angesäuert eingestehen:
„Tja. Eins zu null für den Großen."
Fünf Tage später
Ma´thus blaue Augen starrten hinaus auf das Meer. Sein Atem ging ruhig, salzige Seeluft füllte seine Lungen. Vor ihm tauchte der orangene Ball aus den Fluten auf und bemalte die Wellen mit herzerwärmendes Licht.
Der junge Wratih wusste nicht, wie lange er schon allein auf der Außenplattform stand und seine Freiheit genoss, doch es fühlte sich unheimlich gut an und er hatte keinerlei Verlangen danach, seinen Standort zu verlassen.
Seine Hand wanderte auf das Geländer. Das Metall war noch kalt von der Nacht.
Man hatte ihm Menschenkleidung geschenkt - eine dunkle Stoffhose und ein etwas zu großes, beigefarbenes Baumwollhemd mit aufgesetzten Brusttaschen. Er krempelte sich den Ärmel hoch und beäugte seine milchweiße Armbeuge, auf der das dunkle Einstichloch der Spritze prangte.
Noch immer konnte er nicht fassen, wie schnell Dr. Keller den Nährstoff entwickelt und das es tatsächlich funktioniert hatte. Über eine Spritze hatte sie ihm und Lo´rey vor zwei Tagen das Serum verabreicht. Die brennenden Schmerzen des Hungers hatten sofort nachgelassen und bisher waren keine Nebenwirkungen aufgetreten. Doch auch wenn das Mittel sich als noch nicht ausgereift herausstellen sollte, Ma´thu würde alles in Kauf nehmen, um mit Lo´rey weiter an diesem Ort leben zu können - selbst schmerzhafte Folgeerscheinungen.
Zum ersten Mal nach seiner Bestrafung durch die Königin fühlte er sich endlich frei. Sogar mehr noch: Beschützt! Atlantis war genügend gewappnet, um gegen die Angriffe der anderen Wraith zu bestehen. Es war kein freies Feld, kein Ort, von dem die beiden Abtrünnigen überraschend entführt werden konnten. Sie mussten nicht mehr bangen – der Albtraum war vorbei! Auch, wenn es noch schwer werden würde, sich an die Verhaltensweisen der Menschen zu gewöhnen und sich in den Alltag Atlantis´ einzugliedern, die Zukunft sah rosig aus. Man hatte Ma´thu am Abend zuvor einen Wissenschaftler namens Rodney McKay vorgestellt – einen Mann, der von Natur aus stets ängstlich und vom Ausmaß seiner eigenen Intelligenz verwirrt zu sein schien. Die Aussicht, vielleicht irgendwann mit ihm zusammenarbeiten zu dürfen, gefiel Ma´thu.
Plötzlich riss der dumpfe Ton sich nähernder, schwerer Schritte Ma´thu aus seinen Gedanken.
Als er seinen Kopf drehte um zur Türe zu blicken, stand Lo´rey bereits neben ihm und legte eine seiner großen Hände auf seiner Schulter ab. Die große Drohne war in einen marineblauen Overall gekleidet, sein Atem streifte Ma´thus Wange.
Die Nährhand des Kriegers war in einen gusseisernen Handschuh gehüllt und sorgfältig darin eingeschlossen worden. Auch wenn die Wraith mittlerweile frei durch die Stadt wandern durften, die Menschen brauchten einfach die Sicherheit, dass die Drohne nicht in alte Verhaltensmuster zurückfiel.
„Die Menschen starren mich immer noch seltsam an. Geht es dir genauso?", fragte Lo´rey amüsiert.
Ma´thu lächelte.
„Besonders dieser Ronon kann sich noch immer nicht damit anfreunden. Er tötet mich jedes Mal mit Blicken, wenn ich an ihm vorbei gehe."
„Irgendwann werden sie sich daran gewöhnen.", sagte die Drohne mit Nachdruck. „Und wer weiß, was die Menschen noch mit dem Nährserum vor haben. Vielleicht werden noch mehr von uns dazukommen. Andere Verstoßene vielleicht. Oder vielleicht dieser Todd?"
Es stimmte. Sie wussten nicht, was die Zukunft brachte. Vielleicht hatten sie den Grundstein gelegt, der den Frieden zwischen Wraith und Mensch bedeuten konnte.
Noch lange beobachteten die beiden Wraith das Meer. So lange, bis die Sonne sich aus dem Wasser erhob und sich der Himmel in helles blau tunkte.
John Sheppard lief unterdessen den langen Flur entlang und geradewegs an der Tür zur Außenplattform vorbei, die weit offen stand. Eigentlich hatte er es eilig, denn eine wichtige Mission stand an. Als er jedoch die beiden Außerirdischen auf dem Balkon stehen sah, hielt er für einige Sekunden inne und betrachtete sie, während er sich mit flinken Handgriffen die Riemen an seiner Schutzweste festzurrte.
Ma´thu blickte in Lo´reys Gesicht. Die Augen der Drohne strahlten in der Sonne wie Bernstein.
„Endlich. Keine Angst mehr. Keine Schmerzen.", flüsterte er aufgeregt und legte seine Hand auf die von Lo´rey, der bestätigend nickte. „ Und nie mehr werde ich mir minderwertig vorkommen müssen."
"Nie mehr, mein kleiner Wraith. Von jetzt an soll uns das alles nicht mehr stören. Jetzt gibt es wirklich nur noch dich und mich."
Und als sich ihre Lippen zu einem langen Kuss trafen, verzog Sheppard das Gesicht.
Er fuhr sich mit den Fingern durch das Igelhaar, bevor er kopfschüttelnd den Weg zur Arbeit antrat.
„Man! An euch beide werde ich mich wohl nie richtig gewöhnen!"
Ende
