Kapitel 3
Der Rest der Fahrt verlief schweigend. Dean drückte voller Wut aufs Gaspedal, bevor er sich nach einigen Minuten selbst ermahnte, sie beide nicht heute Nacht auf dieser einsamen Landstraße umbringen zu wollen.
Sam hingegen starrte betrübt aus dem Fenster. Er hatte diese Reaktion erwartet und zugleich befürchtet, und doch hatte ein kleiner Teil in ihm gehofft….
Ja, was hatte er gehofft? Dass Dean ihn unterstützen würde?
Nein, natürlich nicht, dafür kannte Sam seinen Bruder zu gut und wusste, wie er Sams Fähigkeiten gegenüberstand. Aber ein wenig Verständnis dafür, dass Sam doch letztlich keine Wahl gehabt hatte und dafür, dass manchmal der Zweck eben doch die Mittel heiligte.
Sam fuhr sich durch die Haare. Er war so müde, fühlte sich ausgelaugt. Er glaubte nicht, die Kraft aufbringen zu können, den sich ihm bevorstehenden Weg allein beschreiten zu können. Nicht ganz allein, natürlich, denn Ruby würde an seiner Seite sein bis zuletzt, doch ohne Dean…?
Allein der Gedanke daran, dass sich ihre Wege nach dieser Fahrt wahrscheinlich schnell trennen würden, ließ Sam das Herz schwer werden. Doch genau darauf würde es hinauslaufen, so viel war sicher, denn Dean war ein sturer Esel und Sam hatte keinen Zweifel daran, dass er seinen Willen um jeden Preis würde durchsetzen wollen.
Sam nahm ihm diese Haltung nicht übel, denn Dean hatte Sams Bestes im Sinn und hatte Angst um ihn, doch das machte die Situation nicht besser.
Er musste Lilith aufhalten, er musste es und er wollte es. Er musste es, um die Apokalypse zu verhindern und wollte es, um jene grauenvolle Nacht und die unerträglichen Monate nach Deans Tod zu rächen.
Zudem schätzte Dean die Lage vollkommen falsch ein.
Sam war immer noch er selbst, entschied selbst und handelte selbst und nicht ferngesteuert oder sonst was von irgendeinem Blut. Das Blut war nur Mittel zum Zweck und auch wenn es Sam widerstrebte, sich dessen zu bedienen, so mussten manche Opfer eben gebracht werden. Er war immer noch er selbst, er würde damit fertig werden!
Sam sah hinaus in die finstere Dunkelheit, die nur selten durchbrochen wurde durch ein erhelltes Fenster am Straßenrand irgendeiner Seele, die um diese Uhrzeit noch auf den Beinen war.
Er hatte keine Ahnung, wohin Dean eigentlich fuhr, verkniff sich aber eine Frage, da er im Moment keine Kraft hatte, einem eventuellen weiteren Streit standzuhalten.
Nach einer Weile fielen ihm die Augen zu und er war froh über die Gelegenheit, nicht mehr denken zu müssen…
Dean hatte sich alles genau überlegt. Sicherlich war es extrem und Sam würde alles andere als einsichtig reagieren, aber nein… mit der Zeit würde er verstehen, dass es der richtige Schritt war.
Dean sah auf die Uhr. Wenn alles glatt lief, könnten sie morgen früh bei ihm sein. Dann hing es nur noch davon ab, ob er mitspielen würde.
Er warf einen Blick auf Sam, dessen Kopf zur Seite gefallen war. Ein kleines Lächeln huschte über Deans Gesicht.
„Wir bekommen das wieder hin, Sammy, ich versprech's dir", flüsterte Dean mehr zu sich selbst als zu seinem Bruder und zum ersten Mal seit Stunden regte sich wieder etwas Hoffnung in ihm.
Dean fuhr bei der nächsten Tankstelle von der Landstraße herunter, stellte den Impala ab und schloß beim Aussteigen leise die Tür hinter sich. Dann zog er sein Handy aus der Jackentasche und ging einige Meter vom Impala weg, dabei immer Sam im Auge behaltend, der jedoch glücklicherweise nicht aufgewacht war.
Er wählte die Telefonnummer und atmete einmal tief ein und aus. Von diesem Anruf hing vieles ab, denn ohne seine Unterstützung würde er seinen Plan nicht durchstehen.
„Es ist spät, du Idiot!"
Als Dean die bärbeißige Stimme des Freundes hörte, hatte er keinen Zweifel mehr. Er würde ihm helfen, so wie er es immer getan hatte.
Da die Zeit knapp war, erzählte Dean ihm sein Vorhaben ohne Umschweife, den Blick starr auf das schlafende Gesicht seines Bruders geheftet.
Komme, was wolle, er würde ihm helfen …
