Kapitel 5

„Mußte es gleich so hart sein?" Bobby war zwei Schritte vorgestürmt, um Sam aufzufangen, der – von seinem Bruder niedergeschlagen – sonst ungebremst auf dem Boden aufgeschlagen wäre.

„Dean?"
Der Jüngere stand stocksteif, mit kreidebleichem Gesicht da und antwortete nicht, rührte sich keinen Millimeter.

„Dean!"

Wie aus einem Sekundenschlaf erwacht, zuckte der Angesprochene kurz zusammen und eilte zu Bobby, um mit ihm gemeinsam den Bewusstlosen vorsichtig auf den Boden zu legen.

„Ist der Schutzraum fertig?" Deans Stimme klang höher als normal.
„Jap, war ne Heidenarbeit, aber er ist fertig."
„Gut, dann lass uns ihn nach unten bringen."
„Wie? Dabei soll ich auch noch helfen?", setzte Bobby vorwurfsvoll hinzu, um gleich darauf unter Deans Blick Sams Schultern anzuheben.
„Na los, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit, um deinen Bruder spazieren zu tragen, pack schon an!"

Dean schmunzelte kurz und griff sich Sams Beine. Gemeinsam trugen sie ihn nach unten, wohl wissend, dass die derzeitige Stille die Ruhe vor dem Sturm war, bevor Sam aufwachen würde.

Übelkeit … Pochen … Warum tat sein Kopf so schrecklich weh?
Ohne die Augen zu öffnen, hob Sam langsam den Arm und fuhr mit der rechten Hand vorsichtig über seinen Hinterkopf. Sofort explodierten kleine Schmerzwellen in seinem Schädel. Sam ließ den Arm sinken und atmete tief ein und aus, um seinen Magen zu beruhigen. Zögernd öffnete er die Augen und blickte sich um.

Schatten und Licht rotierten und flackerten vor ihm und kurz dachte Sam, er sei noch nicht wieder voll bei Bewusstsein, doch dann erkannte er den Raum, in dem er war.

Er lag auf einer alten Notliege in … Bobbys Schutzraum! Der Panikraum, den der alte Jäger für plötzliche Angriffe von Dämonen oder Geistern gebaut hatte, weil er ein Wochenende frei gehabt hatte, wie er den Brüdern einmal erklärt hatte.

Doch der Raum sah ganz anders aus als das letzte Mal, als Sam in ihm gewesen war – er war leer.
Nichts war hier drin, abgesehen von dem Notbett, auf dem er lag, und einem leuchtend roten Eimer, der etwas rechts von ihm stand.
Was war hier los?

Sam stand langsam auf, was zur Folge hatte, dass die Welt kurz zur Seite kippte. Sein Schädel pochte noch stärker und er benötigte einige Sekunden, um die nächsten Schritte zu tun.
Leicht schwankend ging er zu der großen Tür und versuchte, sie zu öffnen. Sie rührte sich keinen Millimeter.

Sofort stieg Panik in ihm hoch. Er war eingesperrt – wie in seinem Traum …hilflos… allein …
Sam schlug mit der Faust gegen die Tür, auch wenn der daraus resultierende Lärm seinen Kopfschmerz verschlimmerte.

„Deeeeaaaan ... Bobbyyyyy …"
Er lauschte angestrengt, konnte aber nichts außer dem stetig zirkulierenden Ventilator an der Decke hören.
„Deaaaan!"
Wieder keine Antwort.

Wer hatte ihn niedergeschlagen? Wo waren sein Bruder und Bobby? Wer steckte hinter diesem Angriff? Dämonen? Geister?

Aber nein, das war unmöglich, schließlich konnte kein Dämon oder Geist auch nur einen Schritt in diesen Raum setzen, geschweige denn Sam hineintragen. Und dann war da Bobbys Stimme gewesen, als Sam in die Küche gegangen war. Angespannt hatte er geklungen, nervös. Was wäre, wenn … nein, unmöglich, das hätten sie ihm nie angetan! Oder doch?
Sam starrte einige Sekunden lang schreckensstarr die Tür an.

„Er ist wach, Dean."
Dean saß am Küchentisch, in sich zusammengesunken und hielt einen Becher heißen Kaffees umklammert. Bobby musterte ihn einen Moment und legte dann eine Hand auf seine Schulter, der darauf unmerklich zusammenzuckte.

„Na komm schon, Junge. Wenn es wahr ist, was du mir erzählt hast, tust du das einzig Richtige."

Dean schloß kurz die Augen, zog dann die Schultern ein wenig zurück und stand auf.
„Wir müssen schnell eine Möglichkeit finden, Rubys Blut aus seinem Körper rauszubekommen, Bobby, denn ich weiß nicht, wie lange ich das durchstehe."
Er warf seinem Vaterersatz einen verzweifelten Blick zu und ging dann in Richtung Keller.

„Holt mich hier raaaaus!"
Sam ging von der Tür weg, zu frustriert, um noch länger zu schreien und setzte sich auf das Bett. Sein Herz raste und als er sich mit den Händen durch das Haar fahren wollte, sah er, dass seine Hände stark zitterten. Ruhig, Sam, ermahnte er sich selbst. Keine Panik, Dean holt dich hier raus … er kommt bald …

„Sam?" Die Stimme seines Bruders klang leise und seltsam gedämpft, trotzdem glaubte Sam, sie sei das Schönste, was er seit Langem gehört hatte.
„Dean!" Er sprang vom Bett auf und stürzte zur Tür. Er hämmerte mit den Fäusten dagegen und schrie so laut er konnte: „Hol mich hier raus, ich bin eingesperrt!"

STILLE

Sam starrte die Tür an, in der Erwartung, sie würde sich gleich öffnen, doch nichts geschah.
„Dean?"
„Ich weiß, dass du eingesperrt bist, Sam ...-"
Sam lauschte, zu angespannt, um zu atmen.
„-… und du wirst es auch noch eine Weile bleiben müssen, tut mir leid."
„Ich… WAS?" Sam schüttelte leicht den Kopf, obwohl ihm klar war, dass sein Gegenüber keine Röntgenaugen hatte und ihn nicht durch Stahl hindurch sehen konnte.
„Was redest du da? Zum Teufel, hol mich endlich hier raus!" Seine Stimme war schrill, nahe dem Kreischen.
„Du wirst hier drin bleiben, bis das Dämonenblut aus deinem Körper raus ist, Sam, bis du wieder klar denken kannst und endlich wieder Vernunft angenommen hast."

Sam fühlte sich, als hätte man ihm einen Schlag in den Magen verpasst – etwa zehn Sekunden lang. Dann kam die Wut.

Ohne auch nur im Geringsten an seine Kopfschmerzen oder seine Fäuste zu denken, stürmte er auf die Tür zu und schlug auf sie ein. Er schrie … er schrie nach Leibeskräften, ohne wirklich viele Worte zu formen, doch das, was wichtig war, kam heraus:
„BRUDER … RAUS … HURENSOHN … TÜR AUF!"

Dean zuckte einen halben Meter zurück, Bobby ebenso.
Sie hatten mit einem wütenden Sam gerechnet und einen Wutanfall befürchtet, aber das hier glich einem Vulkanausbruch.
Dean brach es fast das Herz, seinen Bruder so unmenschlich schreien zu hören und das „Hurensohn" hallte in seinen Ohren klar und deutlich nach.
„Laß uns hochgehen, Junge", sagte Bobby und zog ihn halb mit sich, während es hinter der Tür polterte und krachte.

Oben angekommen, sackte Dean in sich zusammen und Bobby glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können: Er weinte!