Kapitel 6
Sam hatte die Stirn auf die Hände gelegt und starrte geradeaus. Dean hatte ihn niedergeschlagen … Sein eigener Bruder hatte ihn in einen Raum eingesperrt und hielt ihn gefangen!
Sam war fassungslos. Wie konnte man seiner Familie nur so etwas antun? Wie konnte ER ihm so was antun? Was hatte Dean nur geritten?
Die unglaubliche Wut, die ihn überrollt hatte, war inzwischen abgeflaut, nicht zuletzt, weil ihm die Kraft fehlte, noch weiter zu schreien, zu schlagen und zu wüten.
Sein Hals tat schrecklich weh. Beim Schlucken dachte er, Stecknadeln im Hals zu haben.
Ein Bier wäre jetzt genau richtig, dachte Sam und schnaubte kurz auf. Naja, ein Glas Wasser würd's auch tun. Die Bedienung in diesem Scheißladen ließ echt zu wünschen übrig.
Er sah sich im Bunker um. Teile des von Sam in seiner Wut zerstörten Bettes lagen verstreut im Raum. Hätte er sich doch besser unter Kontrolle gehabt. Es wäre sicher bequemer gewesen, mit der Matzratze auf einem Bettgestell zu liegen, als auf dem harten Boden. Aber auch dann hätte er der Unterkunft keine 5 Sterne verliehen.
Sein Blick fiel auf den Eimer und die Wut kochte erneut hoch. Er sollte in einen quietschroten Eimer pinkeln und scheißen.
Zorn pulsierte in seinen Adern wie Gift und ließ ihn nicht länger still sitzen. Ruhelos tigerte er im Panikraum auf und ab.
„Irgendwas gefunden?" Deans Blick war glasig, als er von den Bücherbergen zu Bobby aufschaute. Sie suchten jetzt schon seit Stunden nach einer Möglichkeit, das Dämonenblut schnell aus Sams Körper herauszubekommen.
„Jop, wenn Sam bereit ist, täglich etwa vier Liter einer Teemischung zu trinken, wäre er in ein paar Tagen gereinigt. Wie hoch schätzt du die Chancen ein, ihn dazu zu bekommen?"
„Bei minus 10 % schätze ich", seufzte Dean und klappte sein Buch zu. „Aber im Notfall zwänge ihm jeden Schluck eigenhändig rein."
Er stand auf. Seine Knie fühlten sich nach dem stundenlangen Sitzen wackelig an und er beschloss, sich etwas die Beine zu vertreten.
„Ich bin in ner Stunde zurück."
„Hmm, hmm." Der ältere Jäger war schon im nächsten Buch vertieft und gestikulierte mit der Hand, dass er ihn verstanden hatte.
Nachdem Dean einen langen Spaziergang gemacht hatte, fühlte sich sein Kopf wieder klarer an und er hatte neuen Mut gefasst. Er würde mit seinem Bruder reden, ihn überzeugen, dass er das Gebräu trinken würde … und wenn er sich den Mund fusselig reden musste!
Er betrat Bobbys Haus und erwartete, ihn in der Küche zu finden – vielleicht mit einer Möglichkeit, Sam zu helfen, ohne seine Mithilfe dabei zu brauchen. Doch die Küche war leer, der Tisch nach wie vor beladen mit Büchern.
„Bobby?" Dean ging langsam ins Wohnzimmer und die Treppe hoch. Leise klopfte er an die Schlafzimmertür, die jedoch nicht richtig geschlossen war und nun leise aufging. Er stieß sie noch ein Stück weiter auf und sah … Bobby – gefesselt und geknebelt auf einem Stuhl in der Mitte des Raumes.
„Was zum Teufel?"
Dean, durch die vielen Jahre als Jäger perfekt trainiert, sah gerade noch rechtzeitig, wie ein Schatten auf ihn zustürzte.
Instinktiv reagierend, wich er zur Seite aus und die Gestalt verfehlte ihn um Zentimeter.
Er riss erstaunt die Augen auf – Ruby!
Doch noch ehe er sich fragen konnte, was hier los war, griff sie erneut an.
Dean, der ohne Waffen ins Zimmer gekommen war, war schon nach wenigen Augenblicken klar, dass er so keine Chance gegen einen Dämon hatte. Er musste nach unten zum Messer.
Gerade, als er die Tür erreicht hatte, stieß etwas mit ungeheurer Kraft gegen seinen Schädel. Er prallte gegen den Türrahmen und sackte bewusstlos zusammen.
