Kapitel 8

Dunkelheit kroch in den Raum. Von Minute zu Minute erkämpfte sich der Schatten mehr Platz vom Bunker und vertrieb die Helligkeit. Sam konnte kaum noch die Zeiger seiner Armbanduhr erkennen. Kurz nach 11 Uhr. Abend – später Abend, verdammte Scheiße und er hockte noch immer hier drin.

Verdammt zur Untätigkeit. Dean und Bobby waren nicht wieder aufgetaucht, hatten ihm nichts zu essen oder zu trinken gebracht oder ihn zumindest damit zugetextet, auf was für einem ach so gefährlichen Weg er sich doch befand.

Sein Magen knurrte laut und Sam drückte mit seinem Unterarm in seinen Bauch, um den leichten Schmerz zu unterdrücken.

Entschlossen stand er auf und ging zur Tür.

„Deeeaaan", Sam legte alles an Kraft in seine Stimme, trotzdem hörte sie sich rau und kratzig an.
„Dean, verdammt noch mal, ich habe Hunger!"

NICHTS.

„Schleif gefälligst deinen Arsch hier runter, heyyyy", er trommelte gegen die Tür, doch die erhoffte Reaktion blieb aus.
„Das darf doch alles nicht wahr sein", murmelte Sam vor sich hin und setzte sich wieder auf die Matratze.

Nach wenigen weiteren Minuten saß der Jäger im Dunkeln und konnte nicht einmal mehr seine eigene Hand vor Augen sehen. Er hörte seinen Herzschlag in den Ohren, spürte ihn auch in der Kehle. Jetzt war es soweit, er war WIRKLICH in seinem Alptraum gelandet. Alptraum? Wohl eher Vision, korrigierte Sam sich selbst.

Erneut grummelte es laut im Bunker. Er versuchte sich abzulenken, in dem er an alles Mögliche dachte, nur nicht an Wörter wie Panik, Dunkelheit, Hunger oder Durst.

Er sah seinen Bruder vor sich, der ihn traurig ansah und Sam versuchte, zu ihm zu kommen, doch je näher er kam, desto dunkler wurde es um ihn, bis Dean schließlich ganz verschwunden war.

Sam glitt hinüber in einen unruhigen Schlaf, der immer wieder unterbrochen wurde, wenn er hochschreckte und erst nach Minuten wusste, wer und wo er war.

Die Sonne brannte gnadenlos und die Helligkeit, die durch Sams geschlossene Augenlider fiel, weckte ihn, holte ihn aus seinen Träumen, die immer gleich geendet waren:
Dean direkt über ihm, das Gesicht verzerrt, während er Sam die Kehle zudrückte.

Langsam setzte er sich auf. Sein Kopf dröhnte – viel schlimmer als gestern – und sein Mund fühlte sich an, als hätte er die Nacht über mit Sand gegurgelt.

Er sah auf die Uhr. Sieben Uhr morgens. Er hatte jetzt seit über 24 Stunden nichts getrunken oder gegessen.

Die nächsten Stunden kam sich Sam wie auf einer Achterbahn der Gefühle vor. Im einen Moment war er rasend vor Wut – auf Dean, auf Bobby, auf sein ganzes beschissenes Leben – auf Gott.

Dann wieder war er verzweifelt, mutlos und hätte am liebsten für immer die Augen geschlossen.

Zudem schwirrten immer die gleichen Fragen in seinem Kopf: Warum kamen sie nicht? Was sollte das alles hier? Wollten sie ihn quälen für das, was er – ihrer Meinung nach – falsch gemacht hatte?

Er schwitzte, seine Kleidung klebte an seinem Körper und er hätte alles für eine erfrischende Dusche gegeben.

Am späten Nachmittag merkte Sam zum ersten Mal wirklich, dass sein Körper Probleme hatte.

Seine Zunge fühlte sich viel zu groß an für seinen Mund. Seine Augen brannten, der Rücken schmerzte und ihm war durchgehend übel. Der Hunger war verschwunden, dafür signalisierte ihm jede Faser seines Körpers, dass er endlich seinen Arsch in Bewegung setzen sollte, um Frischwasser zu bekommen.

Sam stand auf, wobei sein Kreislauf deutlich wegsackte. Alles schwankte vor ihm und sein Sichtfeld schien von außen her dunkler zu werden. Er stützte sich schwer atmend an der Wand ab, während ihm abwechselnd heiß und kalt wurde.

Er stolperte mehr zur Tür, als er wirklich ging und schrie erneut nach seinem Bruder. Er schrie, als hinge sein Leben davon ab – und Sam dachte, dass die Realität von diesem Spruch nicht allzu weit entfernt war. Er würde nicht mehr sehr lange ohne Wasser aushalten – das mussten sie doch wissen …

Sam hielt kurz inne … sie MUSSTEN das wissen!

„Nein", wisperte Sam und Tränen stiegen ihm in die Augen. „Nein, bitte nicht!"

Wollten sie ihn hier sterben lassen?

Waren sie deswegen nicht mehr hier heruntergekommen, weil sie das Elend nicht mit ansehen konnten? Wollten sie ihn nicht hören, während er starb?

Sam wich von der Tür zurück, rückwärts immer weitergehend, bis er mit dem Rücken an die gegenüberliegende Wand stieß. Er sackte zusammen, ließ sich an der Mauer runtersinken und fing unbewusst an, seinen Oberkörper langsam vor- und zurückzuwippen.
Das konnte nicht wahr sein … nein, nicht Dean, nicht Bobby.

‚Sie halten dich für einen Freak, noch schlimmer, für ein Monster', flüsterte eine leise gehässige Stimme in seinem Kopf.

‚Sie denken, sie retten die Welt … vor dir!'

Er schluchzte auf und hielt sich den Kopf.

Irgendwann gab Sam auf.
Er wusste nicht mehr, wie spät es war, konnte die Zeiger auf seiner Uhr nur noch verschwommen erkennen. Und selbst wenn er sie hätte lesen können … er wusste nicht mehr, wie lange er schon hier drin war. Zwei Tage … drei? Vielleicht auch vier. Sein Zeitgefühl war verschwunden, wie auch jede Hoffnung in ihm.

Er driftete immer wieder ab – eine Mischung aus Schlafen und Wachsein, in der er entweder die Augen geschlossen hielt oder an die Wand starrte.

Er würde hier nicht herauskommen … weil Dean es so geplant hatte. Es gab keinen Fluchtweg – nichts in dem Raum hätte ihm helfen können, sich zu befreien … weil Dean es so wollte.

Er würde sterben – hier in Bobbys Keller, während die beiden über ihm in der Küche einen Kaffee tranken. Sein eigener Bruder würde ihn töten.

Sams Magen revoltierte. Bittere Magensäure stieg ihm die Kehle hoch. Er robbte in letzter Sekunde zum Eimer und übergab sich.
Dann hörte er etwas hinter sich. Sam wischte sich den Mund an seinem Hemd ab und drehte sich langsam um.

„Dean!"

Dean stand ihm gegenüber und sah ihn ausdruckslos an.

„Ich … brauche … etwas zu … Trinken, Dean bitte …-"

Das Sprechen fiel ihm unglaublich schwer und auch, sich lange genug zu konzentrieren, um ein Wort zu formen.

„Hilf mir bitte …-"

Er sagte nichts, starrte ihn nur weiter an. Hier lag er und verdurstete … und sein Bruder antwortete ihm nicht einmal.
Er kroch auf ihn zu und als er aufblickte, um ihn zu berühren, war Dean verschwunden. Die Tür war zu … wieder oder nach wie vor?

Sam war sich sicher, er hatte mal über so was gelesen … bei Dehy …Dehyd … Sam fielen die Augen zu. Wie war das Wort noch mal dafür?

Er riss Gordon mit bloßen Händen den Kopf ab … doch der auf dem Boden liegende Schädel sprach zu ihm.

„Hab ich's dir nicht gesagt, Sammy? Ich wusste es! Du bist ein Monster! Dean hätte dich damals schon töten müssen. Jetzt hat er es endlich eingesehen, hat erkannt, was du bist." Der Kopf lachte laut auf. Sam hielt sich die Ohren zu. Aufhören! Das tut weh, Stopp!

Das Bild flackerte und Sam sah … Madison.
Ihre Stirn war blutverschmiert, die Augen glasig.
„Nein", keuchte Sam.
„Oh doch, Sam! Du hast mich erschossen, dabei bist du das Tier, das Ungeheuer!"
„Hör auf, bitte …", stammelte er entsetzt und wich vor ihr zurück.

Madisons Kopf verwandelte sich in den von Dean.

„Du…", Sams Stimme überschlug sich vor Zorn. Dean grinste hämisch.
„Durstig?" Seine Stimme klang vergnügt.
„Du mieses Arschloch … ich … bring dich … um!" Sam rappelte sich auf, torkelte auf seinen Bruder zu und holte aus. Der Schlag ging ins Leere und brachte ihn selbst zu Fall.

Gelächter klingelte in seinen Ohren, wurde immer lauter.
Er presste seine Handflächen gegen die Ohrmuscheln, doch das Lachen seines Bruders schien aus seinem eigenen Kopf zu kommen. Es gab kein Entrinnen …

Das war's jetzt, dachte Sam und der letzte Gedanke, den er hatte, bevor er das Bewusstsein verlor, galt Dean und dem Wunsch, jemand würde ihn in die Hölle zurückschicken, in die er gehörte.