Kapitel 9

Dean war allein. Ruby war wieder einmal für mehrere Stunden verschwunden, wahrscheinlich, um irgendein anderes Leben für immer zu zerstören.
Er blickte stur zu Boden. Er wollte nicht zur Seite sehen. Tränen stiegen erneut in ihm hoch – er hasste es, konnte es aber nicht verhindern.

„Dean …" Bobbys Stimme war schwach, kaum mehr als ein Flüstern. Er sah ihm ein letztes Mal in die Augen, dann sackte sein Kopf auf seine Brust, die aufhörte sich zu heben und zu senken. Wie von Sinnen zerrte Dean an seinen Fesseln, schrie und zog, bis seine Stimme heiser war und seine Handgelenkte bluteten, weil die Seile in sein Fleisch schnitten.
„Bitte nicht … Bobby … Bobby … Bobbyyyy."

Dean blickte auf und sein Herz schien in seiner Brust abzusterben beim Anblick des väterlichen Freundes.

Nein – er konnte nicht. Er drehte seinen Kopf schnell weg. Er konnte ihn nicht ansehen, es ging einfach nicht. Es war seine Schuld, dass Bobby tot war.

Er hatte Ruby nie vertraut, aber hatte er sie erschossen, erstochen oder exorziert?
Nein! Und jetzt war einer der beiden wichtigsten Personen in seinem Leben tot und der andere würde nicht mehr er selbst sein.

Er hatte sich einlullen lassen … von Rubys Lebensrettungsaktionen und von Sams Beteuerungen, sie könne ihnen helfen.
Helfen – mein Gott, wie hatte er nur so blind sein können, so untätig?

Stunden der Selbstzweifel, des Hasses und der Sorge um seinen Bruder vergingen.
Gelegentlich tauchte der Dämon auf, hielt ihm breit grinsend ein Glas Wasser an die Lippen und ließ den einen oder anderen gehässigen Kommentar über die Folgen von Wasserverlust fallen.

„Halluzinationen, weißt du … gar nicht schön", lachte sie beim letzten Mal laut auf und verschwand dann wieder.

Jedes einzige Mal wollte Dean ihr das Wasser ins Gesicht spucken und doch ermahnte er sich, dass er seine Kraft brauchen würde, wenn … wenn Ruby beschloss, dass Sam genug gelitten hatte, setzte er in Gedanken schmerzhaft hinzu.

Trotz des Wassers, das sie ihm ab und zu gab, war er schrecklich durstig und es versetzte ihm einen Stich im Herzen, wenn er daran dachte, was Sam im Moment durchstehen musste.
Er war sich noch nie so hilflos vorgekommen in seinem Leben, nicht einmal, als die Zeit, bis die Höllenhunde ihn holen würden, langsam verstrich.

Das einzige, was Dean nicht aufgeben ließ, war die Vorstellung, was er mit Ruby tun würde, wenn er frei war. Er würde ihr bei lebendigem Leib die Haut abziehen und sie teuer bezahlen lassen für das, was sie ihnen angetan hatte.

„Hmm, der Alte fängt langsam an zu stinken", hatte sie ihm ins Ohr geflüstert, als zwei Tage verstrichen waren.

Dean ballte die Fäuste. Nein, sie würde nicht davonkommen, niemals!

Sam fühlte weiche Finger in seinem Nacken und an seiner Stirn. Dann hörte er eine hohe Stimme.

„Sam … oh nein … was ist passiert … Sammy?"
Sam öffnete die Augen und sah verschwommen dunkle lange Haare und ein hübsches Gesicht – Ruby!

„Wasser …", flüsterte er. Seine Lippen waren spröde und eingerissen, jede Bewegung schmerzte höllisch.
„Ja … warte…" Er hörte eilige Schritte, döste dann wieder weg.
„Hier Sam, trink das." Er fühlte wunderbar kühles Wasser an seinen Lippen und fing sofort an, gierig zu trinken.
„Langsam, Sam, du wirst …-"

Sam verschluckte sich und hustete und würgte gleichzeitig. Ruby hielt seinen Kopf, sprach beruhigend auf ihn ein.

„Es wird alles wieder gut, ich versprech's dir!"
„Es waren Dean und Bobby", krächzte Sam, bevor er weitertrank.
„Was? Nein! Wie konnten sie dir das nur antun?" Sam hörte das gleiche Entsetzen in ihrer Stimme, das er auch empfunden hatte und spürte jäh eine Welle der Zuneigung für die Frau an seiner Seite.

Er antwortete nicht, sondern trank das Glas in zwei weiteren Zügen leer.
Ruby ging aus dem Raum, um frisches Wasser zu holen. Als sie zurückkam, sah sie, wie Sam – wie ein Häufchen Elend – die Hände vor die Augen haltend weinte, auch wenn keine Tränen erschienen, weil sein Körper die dafür notwendige Flüssigkeit einfach nicht mehr besaß.

Er hörte, wie sie näher kam und blickte sie verzweifelt an, das Gefühl in sich, als würde sein Herz zerreißen. Sie legte ihre Arme um ihn, hielt ihn fest und streichelte durch sein Haar.
„Er wollte mich umbringen, Ruby, Dean wollte …", er schluchzte in ihr Haar, das ihr auf die Schultern fiel und ließ all die Trauer, den Schmerz über seinen Bruder heraus.

Rubys Mund formte sich hinter Sams Rücken zu einem Lächeln. Sie hatte ihn genau da, wo sie ihn haben wollte, von Anfang an. Bald schon würde er wieder ihr Blut trinken. Mit jedem Schluck würde seine Wut und sein Zorn auf Dean anwachsen und er sich selbst mehr verlieren.
Sie konnte den Tag kaum erwarten, an dem sich die Brüder wieder gegenüberstehen würden …

Dean wachte am nächsten Tag nach einem unruhigen Traum auf. Er fuhr sich mit der Hand über die verklebten Augen und stutzte … -

Er war nicht mehr gefesselt, Arme und Beine waren frei!

Dean wollte loslaufen – zu Sam, ihm sofort sagen, was dieses Miststück getan hatte, doch seine Beine knickten sofort weg, als er den ersten Schritt tat.

Seine Muskeln waren vom tagelangen Sitzen entkräftet und der leere Magen tat sein Übriges.
Dean war das alles egal! Er musste zu Sam, so schnell wie möglich, musste versuchen, das Schlimmste zu verhindern.

Dean krabbelte, stand auf, fiel hin, kroch weiter, brach sich an der Kellertreppe fast das Genick, um dann schon einige Meter vorher zu sehen, dass die Tür weit offen stand.
Er ging in den Schutzraum und sah, was er befürchtet hatte. Abgesehen von einem zertrümmerten Bett und einem roten Eimer war der Raum leer.

Er schloss die Augen und ging dann nach einigen Sekunden langsam wieder nach oben.
Sam war fort, weggegangen mit Ruby, in dem festen Glauben, dass sein eigener Bruder ihn hatte umbringen wollen.

Die nächsten 24 Stunden hätte Dean am liebsten für immer aus seinem Gedächtnis gelöscht.
Sicher, er hatte etwas trinken und essen können – wobei sein Appetit anscheinend das Zeitliche gesegnet hatte – und konnte endlich wieder stehen und laufen.

Doch … er hatte Bobby …

Dean blinzelte gegen die Sonne und sah dann wieder auf den Leichnam.

„Ich schwör's dir, ich werde die Schlampe für dich leiden lassen, Bobby", murmelte er, zündete das Feuerzeug an und warf es auf den mit Benzin und Salz übergossenen Körper.

Bevor die Flammen ganz hochgeschossen waren, hatte Dean sich umgedreht und ging los, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen.

THE END