Kapitel 3
„Das nächste Mal solltest du besser auf Bonewhite hören", kommentierte Snow die Erzählung ihres Vaters und rümpfte die Nase, „fahr fort, ich ahne schon, was nun kommt…"
Guide atmete tief durch und warf seiner Königin einen Blick zu der, der ihre Mutter früher immer zu besänftigen vermochte. Aber seine Tochter zeigte sich nur wenig beeindruckt. Also berichtete er weiter:
„Commander", begrüßte Lightning ihn auf der Brücke und nickte knapp. Gerade so viel, um nicht respektlos zu erscheinen aber doch wenig genug, um deutlich zu machen, wie wenig der Hivemaster von seinem ewigen Konkurrenten hielt. Bereits vor dem Krieg mit den Lanteanern…
„Schweif nicht ab, ich weiß sehr wohl, wie angespannt euer Verhältnis ist", ermahnte Snow ihren Vater und tappte ungeduldig mit ihren Krallen auf ihrer Armlehne.
„Status?", fragte Guide und baute sich neben dem Kontrollpult der Brücke auf.
„Alle Systeme arbeiten wie vorgesehen, nur an der Einflugschneise der Hangarbucht kommt es noch zu gelegentlichem Flackern der Positionslichter", antwortete Lightning tonlos.
„Ja, ich weiß", entgegnete Guide, „das war bereits während meiner letzten Wache ein Problem. Ich hatte gehofft, nach dem sich der Hive das nächste Mal genährt hätte, würde das von selbst vergehen, aber dem ist anscheinend nicht so."
„Fällt das nicht in den Bereich von Glow?", fragte Lightning mit gerümpfter Nase.
„Ja, unter anderem", gab Guide mit einem Seufzen zurück, „aber ich fürchte, die Struktur des Schiffes ist dort schon zu alt, um noch neue Versorgungsleitungen durchwachsen zu lassen. Ich werde Morningstar anweisen, einen neuen Einflugbereich anlegen zu lassen und den derzeitigen zu schließen."
„Hätte der Fremde nicht schon selbst darauf kommen müssen?" Lightning schüttelte den Kopf.
„Die Jungen lernen heute gewisse Dinge nicht mehr. Es ist einfacher, einen neuen Hive wachsen zu lassen, anstatt die alten instand zu halten", gab Guide zurück, „wie sieht es am Treffpunkt aus?"
„Die Hives der Primary, der Königinnen Wind, Firecat, Sungate und Bloodrose, sowie der Kreuzerverband um Farseer befinden sich bereits dort. Wir werden voraussichtlich in zwei Standardtagen ebenfalls eintreffen."
„Voraussichtlich?", fragte Guide nach, „sagtest du nicht, dass alle Systeme sonst wie vorgesehen arbeiten?"
„Ja", antwortete Lightning, „allerdings leeren sich unsere Vorräte zusehends. Sie waren voll aufgefüllt beim Erwachen, aber nachdem sich jeder Mann an Bord genährt hat…"
„…sind die Speicher wieder leer, ich verstehe." Guide brummte missbilligend.
„Wir könnten noch einmal auf Tempes ernten, aber damit gefährden wir den Fortbestand der kleineren Herdensiedlungen", meinte Lightning, „wir mussten zu früh erwachen… noch fünfzig oder sechzig Sternenjahre mehr und eine Wachphase wäre kein Problem. Aber so…"
„Hm. Ich möchte unseren besten Weidegrund nicht zu sehr schröpfen. Wie sieht es auf Artaga aus?" Guide strich sich bedächtig über seinen Bart und betrachtete die Anzeigen, die Lightning aufrief.
„Zu dünn besiedelt. Wir nehmen kaum Oberflächenaktivität wahr", befand der Hivemaster und überspielte die Bilder der zuletzt geschickten Aufklärungssonde auf den Hauptmonitor. „Allerdings…"
„Ja…", brummte Guide und zwinkerte Lightning zu, „wofür brauchen sie dann so viel Anbaufläche und Viehherden?"
„Sie könnten natürlich auch damit Handel treiben…"
„…nein. Wofür denn schon? Außer…"
„…außer sie sind wesentlich technisierter, als wir annehmen, aber…"
„…aber auch dann müssten wir von einer unterirdischen Besiedlung ausgehen."
„Ich weise Deeper an, einen Tiefenscan vorzunehmen. Sein Kreuzer befindet sich nur wenige Hyperraumstunden entfernt von dem Planeten." Lightning nickte Guide zu.
Sie versuchen es doch immer wieder, dachte Guide und lächelte humorlos, während er die Aufklärungsbilder weiter anschaute. Dann kam ihm eine Idee. „Haben wir noch zufällig die Anwahladresse von Nightlilys Sternenring auf ihrem alten Hive in den Datenbanken?", fragte er und blickte über die Schulter zu Lightning.
„Ja, sicher doch… aber nach ihrer Niederlage und der Übernahme durch Dreamer haben sie gewiss die Adresse geändert", antwortete der Hivemaster.
„Aber man kann sie nicht vollkommen verändern", meinte Guide und lächelte breit, „es gibt nur einige tausend Varianten… und wir haben genau den richtigen Cleverman an Bord, der diese auf ein absolutes Minimum reduzieren kann…"
„Meinst du etwa den Fremden?", fragte Lightning entsetzt.
„Unfug!", wehrte Guide ab, „ich meine natürlich Blueface! Wenn du dich je mit ihm beschäftigt hättest, dann wüsstest du, dass der Junge zu ganz erstaunlichen Dingen in der Lage ist!"
„Ja… zu ganz erstaunlich dämlichen Dingen!" Lightning schüttelte den Kopf. „Wie zum Beispiel weglaufen, beinahe von einem Teppra gefressen werden, sich von Ease den Kopf einschlagen lassen… ich lese durchaus die Wach- und Missionsberichte, Guide!"
„Das ist gut zu wissen", knurrte Guide, „aber der Bengel hat vor allem ein Händchen für Algorithmen und Codierungen. Ich werde ihn ein Programm schreiben lassen, das…"
„Das was?", fragte Lightning, als Guide nicht fortfuhr.
„Wir finden die Adresse von Nightlilys Hive heraus, senden eine Aufklärungssonde dorthin, ohne das Leben unserer Männer zu gefährden und werden wissen, warum ihr Hive zurückgelassen wird." Guide lächelte triumphierend. „Und wenn uns keine Gefahr droht, können wir eine Truppe hinschicken, den Hive übernehmen und bestenfalls sogar noch an Daten über Dreamer herankommen…"
„Ja… und ganz klar gegen die Anweisung der Primary verstoßen, die uns jede offensive Aktion verboten hat, bis unsere Allianz formiert und bereit zum Kampf ist!" Lightning fauchte leise.
„Ach, diese Anweisung hat sie gegeben, bevor Nightlilys Hive hinter Dreamers Verband zurückblieb", entgegnete Guide kampflustig, „die Situation hat sich verändert… es wird Zeit, dass wir uns einen Vorteil verschaffen!"
„Wir besitzen bereits einen Vorteil: die Informationen von Darkmoon und Silverfox!"
„…denen du genauso wenig vertraust wie jeder andere im Kommandostab!"
„Die Primary vertraut ihnen – und wir sind ihr Gehorsam schuldig", ließ sich Lightning nicht beirren.
„Dieses kleinkarierte Denken wird noch mal der Untergang unseres Volkes sein!" Guide ballte zornig die Fäuste. „Zuerst war es Coldamber, die befahl, dass wir uns zu vermehren hätten, bis wir die Lanteaner zahlenmäßig überrennen konnten, ohne zu bedenken, wie wir uns nach dem Krieg ernähren können würden. Dann der absolute Stillstand seit Tausenden von Jahren… nein, so werden wir nicht…"
„Deeper ist auf dem Weg nach Artaga", unterbrach Lightning den Commander eisig.
Guide schnappte nach Luft, dann nickte er knapp. „Informiere mich, sobald er mit den Scans beginnt." Er verließ die Brücke und kehrte zurück in den zentralen Laborbereich. Inmitten dieses verwirrend aufgebauten Clusters lag das Datenverarbeitungslabor, das Guide vor langer Zeit für seinen Schützling Fever hatte einrichten lassen. Und in dem nun Blueface arbeitete.
Der kleine Cleverman saß auf einem Hocker und brütete über Kolonnen von Zahlen und Schriftzeichen, war so konzentriert, dass er gar nicht mitbekam, wie der Commander eintrat. Nach einer Weile räusperte sich Guide und Blueface sprang erschrocken von seinem Hocker. „Commander!"
Guide konnte das Herz des Clevermans selbst drei Schritte entfernt noch panisch pochen hören, schüttelte den Kopf und trat an die Konsole heran, an der Blueface gearbeitet hatte. Er überflog die Anzeigen und fragte skeptisch: „Du überprüfst die Datenübermittlungen von Darkmoon auf versteckte Virenprogramme?"
„Ja, Sir", antwortete Blueface, „ich hatte das Cleverman Morningstar zur Vorsicht vorgeschlagen und er hatte dem zugestimmt."
Ohne mich darüber zu informieren, dachte Guide missmutig. „Nur Darkmoons oder auch…"
„Auch die von Silverfox, Sir", antwortete Blueface und duckte sich, „ich war davon ausgegangen, dass Sie Bescheid wüssten."
„Lassen wir das. Ich habe eine Aufgabe für dich, über die du Morningstar nicht zu unterrichten hast." Guide rief eine andere Datenbank auf, suchte Nightlilys alte Sternenringadresse heraus und meinte: „Finde den aktuellen Anwahlcode heraus und melde dich dann wieder bei mir, verstanden?"
„Ja, Sir", sagte Blueface und runzelte die Stirn.
„Das reicht vorläufig", unterbrach Snow Guides Ausführungen und schob das Kinn vor. „Du wirst dich im Thronsaal weiterhin bereithalten wie die anderen, als nächstes befrage ich Blueface."
„Wie meine Königin wünscht", sagte Guide, erhob sich von seinem Sessel und verbeugte sich tief, bevor er den Raum verließ.
A/N: Ja, ein etwas anderes Format dieses Mal. Ich hoffe, es ist nicht allzu verwirrend für euch…?
