Kapitel 4
„Beginne einfach dort, wo du deiner Meinung nach in die ganze Affäre verwickelt worden bist", sagte Snow besänftigend.
Blueface schaute sie groß an als wolle er sagen, dass das die Sache nicht unbedingt vereinfachen würde, biss sich dann aber auf die Zunge und rutschte noch weiter zur Sitzkante des Sessels vor, auf dem er saß. Er räusperte sich, schaute sich noch einmal unsicher um und begann zu erzählen:
„Was weißt du über die Königinnen Darkmoon und Silverfox?", fragte Bonewhite und drehte geistesabwesend den Spielstein in der Hand, den er bei seinem letzten Zug seinem Gegner abgenommen hatte.
„Nichts", antwortete Blueface verärgert und rümpfte die Nase, „warum hast du das gemacht? Ich habe etwas ganz anderes geplant gehabt… jetzt weiß ich nicht was ich tun soll!"
„Soll ich dir den Stein wiedergeben und einen anderen Zug machen?", fragte Bonewhite grinsend.
„Nein….", brummte Blueface missmutig.
„Also du weißt gar nichts über diese beiden Königinnen, nein?", fragte Bonewhite, lehnte sich weiter auf seinem Stuhl zurück und streckte die Beine aus.
„Nicht ganz… das Übliche eben", antworte der Cleverman und ließ seine Hand über dem Spielbrett schweben, unschlüssig, welchen Zug er als nächsten unternehmen sollte, „Herkunftslinien, Gebiete, Heimatplaneten. Aber das weißt du genauso gut wie ich."
„Keine von beiden hat je mit deiner alten Königin zusammen gearbeitet, nein?", fragte Bonewhite tonlos.
Blueface schmollte. „Selbst wenn, hätte ich damals nichts davon mitbekommen. Ich war gerade einmal ein Techniker auf meinem alten Hive, als ich vertrieben wurde…. Egal was ich mache, ich bin in drei Zügen geschlagen!"
„Nicht ganz", meinte der Blade und verkniff sich ein Grinsen, „wenn du die Purpurstadt öffnest, bist du schon in zwei Zügen tot…"
„Manchmal mag ich dich ganz und gar nicht", knurrte Blueface, biss sich auf die Lippen und verengte die Augen zu schmalen Schlitzen.
Bonewhite lachte auf und begann, das Spielbrett abzubauen. „Ich habe Cities seit Ewigkeiten nicht mehr gespielt, aber damals so oft, dass ich es im Schlaf spielen könnte."
„Und das sagst du mir jetzt", brummte Blueface und räumte ebenfalls mit ab.
„Ich wollte dir den Spaß nicht verderben", sagte der Blade leise lachend, „wir könnten das nächste Mal auch wieder Towers spielen."
„Davon habe ich schon Albträume!" Blueface schüttelte den Kopf, „da macht man die geschicktesten Züge und was ist? Du räumst trotzdem alles ab!"
„Ein Partie Würfel gefällig?", meinte Bonewhite daraufhin und zog einige bunte Würfel aus seiner Manteltasche.
„So weit bin ich nun noch nicht demoralisiert", schnaubte der Cleverman und lachte ebenfalls, „Außerdem muss ich ins Bett. Morningstar besteht darauf, dass wir uns schon eine Stunde vor Beginn der Tagzeit im Labor treffen, bevor die anderen auftauchen."
„Hm", brummte der Blade, „bist du zufrieden mit deinem neuen Vorgesetzten?"
„Abgesehen davon, dass er die Vorzüge eines ausgiebigen Nachtschlafs nicht zu würdigen weiß: ja. Er ist geschickt, fleißig und erwartet von anderen nichts, was er nicht auch selbst bereit ist zu tun", antwortete Blueface.
„Und?", fragte Bonewhite nach.
Blueface schaute seinen Freund erstaunt an, dann antwortete er: „Ich finde ihn unheimlich…"
Bonewhite legte den Kopf schräg und schaute seinen Freund fragend an, schwieg aber.
„Er ist so… ich weiß nicht… er ist so… selbstsicher. Er lächelt fast so viel wie Ease, aber… er ist seltsam. Und wenn wir allein sind morgens, dann redet er viel von den Erstmüttern, den Wiederholungen der Lebenszyklen, eben solche Sachen…", seufzte Blueface.
„Ein Fanatiker?", fragte der Blade tonlos.
„Nein, das nicht", antwortete Blueface, „dafür ist er zu sehr Wissenschaftler. Aber… vielleicht bin ich auch nur neidisch."
„Was meinst du, wie würde er reagieren, wenn du ihm vorschlägst, die Übertragungen von Darkmoon und Silverfox auf Viren zu überprüfen?", fragte Bonewhite bedächtig.
„Das habe ich schon und er befürwortete meine Vorsicht", entgegnete Blueface, „ich habe Ewigkeiten gebraucht, die Systeme zu bereinigen und effizienter in der Datenverarbeitung zu machen, da lasse ich mir doch keine Laus ins Fell setzen von außerhalb!"
Nun grinste Bonewhite und schüttelte den Kopf. „…da habe ich dich doch wieder einmal unterschätzt!"
„Nun… so schlecht, wie ich Towers spiele, fällt das wohl auch leicht", erwiderte Blueface grinsend.
„Könntest du die Übertragungen wohl auch auf andere Unregelmäßigkeiten überprüfen?", fragte der Blade leise und schaute seinen Freund ernst an.
„Unregelmäßigkeiten welcher Art?", fragte Blueface ebenso ernst zurück.
„Nachträglichen Zusätzen, Manipulationen, inhaltlichen Widersprüchen, so etwas in der Art", antwortete Bonewhite gedämpft.
Blueface überlegte einen Moment, dann nickte er. „Ich müsste mich erst einlesen in die Übertragungen, aber es sollte möglich sein. Suchst du etwas Bestimmtes?"
Bonewhite schüttelte leicht den Kopf. „Nur eine Antwort darauf, warum mir das Ganze so unheimlich ist…"
Nachdem sein Gast gegangen war, saß Blueface noch eine Weile grübelnd auf der Bettkante, dann legte er sich hin und las einige Minuten von einem Datenpad – ein altes Abenteuer des ominösen Blades Hawk, dessen dubiose Berichte sich seit Jahrtausenden größter Beliebtheit erfreuten. Zwar war das Meiste ausgemachter Unsinn in diesen Erzählungen, aber es brachte Blueface auf andere Gedanken.
Am nächsten Morgen erschien er etwas unausgeschlafen zur Besprechung mit dem Obersten der Clevermen im Zentrallabor. Morningstar empfing ihn mit einem breiten Lächeln und sagte: „Du hast mich auf eine Idee gebracht neulich!"
Fragend legte Blueface die Stirn in Falten und betrachtete skeptisch die Manschetten, die Morningstar ihm präsentierte. „Ich habe die von dir entwickelten kleinen Granaten in diese Armbänder integriert – als Waffe!"
Blueface räusperte sich, dann fragte er: „Wie genau soll das funktionieren, Sir?"
„Nun… wenn jemand… ein Cleverman wie du oder ich… Gefahr läuft, gefangen genommen zu werden, dann ist es ihm möglich, sich selbst und seine Feinde in die Luft zu sprengen", antwortete Morningstar, „ich dachte, das wäre offensichtlich…"
„Sir… warum sollte ich mich selbst in die Luft sprengen wollen?", fragte Blueface unverblümt.
„Damit du nicht gefangen genommen werden kannst", fauchte Morningstar und verdrehte die Augen.
So hatte ich mir das eigentlich nicht gedacht, überlegte Blueface, nickte aber fügsam und hielt den Blick gesenkt.
„Ich werde diese Weiterentwicklung nachher dem Commander vorstellen und ich möchte, dass du dann zugegen bist", ordnete Morningstar an und schnaubte. „Nun zu dem, was Hasten gestern dem Transportersystem angetan hat… hast du eine Erklärung dafür, wieso für einige Stunden alle Transporte nur in den Schiffsrumpf führten?"
„Weil es durch die Waffentest zu einer Überlastung der Versorgungsleitungen auf den oberen Decks kam", antwortete Blueface leise, „daraufhin wurde die Sicherung aktiv, die Hasten vor einiger Zeit einmal programmiert hatte und… es dauerte etwas, bis er sich wieder an die genauen Schaltungen erinnerte und er..."
„Mit anderen Worten", unterbrach Morningstar, „er hatte keine Ahnung, wie er seine geniale Umleitung wieder deaktivieren sollte!"
„Ja, Sir", gab Blueface kleinlaut zu. Er mochte Hasten, aber das Transportersystem hatte der bullige Ingenieur noch nie unter Kontrolle gehabt. Angeblich kämpfte er damit schon seit der Zeit des großen Krieges.
Morningstar schnaubte. „Er sollte sich langsam wirklich entscheiden, ob er noch weiterhin ein Cleverman ist, oder aber endgültig als Pionier den Blades beitreten. So wie es sich im Moment verhält, fabriziert er nur Unruhe in allen Bereichen."
Blueface antwortete nicht, sondern nickte nur stumm.
A/N: Ja… dann scheint das neue Format ja nicht allzu schlecht anzukommen bisher :) Ich hoffe, es wird nicht doch noch zu verwirrend, weil sich natürlich einige der Erzählungen überschneiden werden, so wie hier mit Guides Bericht.
