Kapitel 5
„Guides Standpauke für Morningstar habe ich bereits gehört, was ist danach geschehen?", fragte Snow ruhig. Blueface war immer noch der Panik nahe und schien sich gar nicht beruhigen zu können. Jedes Mal, wenn sie versuchte, seinen Geist sanft zu berühren, nahm seine Aufregung nur noch zu und er begann zu stammeln und zu stottern.
„Dann… dann…"
„Reiß dich zusammen!", knurrte Snow, der es allmählich zu bunt wurde. Sie hatte bereits öfters beobachtet, wie Guide und Bonewhite den kleinen Cleverman so zur Raison bringen konnten. Ein Versuch schadete sicher nichts…
Blueface schluckte, schaute seine Königin groß an, setzte sich aufrecht hin und erzählte relativ gefasst weiter.
„Das glaube ich jetzt nicht!", fauchte Morningstar und begann, wütend durch das Labor zu stapfen, wobei er aufgebracht gestikulierte. „Das ist doch nicht der wagemutige Guide, der vor nichts zurückschreckt! Nach dessen Abenteuern angeblich…" Er verstummte und hielt unvermittelt im Laufen inne, wendete sich Blueface zu und zischte: „Du wusstest, dass er so reagieren würde, nicht wahr?"
„Ich hatte es befürchtet, Sir", antwortete Blueface fast flüsternd.
Morningstar trat näher und musterte den kleinen Cleverman von Kopf bis Fuß. „Hätte die Primary nicht darauf bestanden, dass ich der Oberste der Clevermen werde, dann hättest du diesen Posten erhalten."
„Sir, ich wollte wirklich nicht…", begann Blueface sich zu verteidigen und wich zurück, bis er mit dem Rücken an eine Konsole stieß und nicht mehr weiter kam.
Morningstar war ihm schrittweise gefolgt und starrte mit unverhohlener Wut auf den Meister der Datenverarbeitung hinab. Dann entspannte er sich und meinte: „Du kennst ihn wesentlich besser als ich. Das nächste Mal, wenn ich etwas tue, was den Commander verärgern könnte, wirst du es mir sofort mitteilen, verstanden?"
„Ja, Sir", antwortete Blueface verstört und beobachtete, wie Morningstar sich zurück an seine Arbeitskonsole begab, als wäre nie etwas geschehen.
„Du hast zu tun, nehme ich an", sagte er und wies Blueface mit einer Kopfbewegung an, das Zentrallabor zu verlassen und in sein eigenes zu gehen.
Das ließ Blueface sich nicht zweimal sagen und stürzte hinaus auf den Gang, wo sich die anderen Clevermen an die Wände drückten. Hasten sprach ihn flüsternd an: „Was ist nun?"
Blueface schaute zu dem Ingenieur auf, der beinahe so groß gewachsen war wie ihr Commander und bleckte die Zähne. „Nun geht ihr alle gefälligst zurück an eure Arbeit!", fauchte er, dem das feige Gehabe der Wissenschaftler und Techniker gegen den Strich ging.
Die sind ja schlimmer als ich, dachte Blueface und betrat leise knurrend sein Labor. Seine Assistenten hatte er bereits am Vortag zur Unterstützung der Wartungsteams an den Waffenbänken und dem Transportersystem eingeteilt, so war er allein und machte seinem Ärger mit einem lauten Fauchen Luft. Er hasste es, wenn jemand seine Entwicklungen nahm und veränderte. Ganz besonders, wenn damit nur jemand beeindruckt werden sollte, anstatt einen echten Gebrauchswert zu erhalten.
Er biss sich verzweifelt auf die Lippen und wünschte sich zum hundertsten Male in den letzten Wochen, dass sein Labor eine Türmembran hätte. Aber diese war schon vor Urzeiten entfernt worden, damit man vom Zentrallabor aus immer hineinschauen konnte. Angeblich, weil Bonewhites Bruder Fever hier gelegentlich so derart rumgetobt haben sollte, dass Guide sich zu diesem Schritt genötigt sah. Unvorstellbar, dass ausgerechnet der stille Bonewhite einen so temperamentvollen Bruder gehabt haben soll, dachte Blueface und ballte die Fäuste.
Er wollte allein sein und endlich etwas Zeit für sich haben. Zeit, die Erfahrungen des letzten Abenteuers zu verwinden – wie es war, nicht zu wissen, wer man ist. Was Freundschaft bedeutete. Seine wieder aufkommenden Erinnerungen an die Flucht von seinem alten Hive.
„Alles gut bei dir?", fragte eine Stimme hinter ihm und Blueface drehte sich überrascht um. In der Tür standen seine beiden Schlupfbrüder Sweep und Morose und hatten fragend die Köpfe schräg gelegt.
„Nicht wirklich", presste Blueface mit einem falschen Lächeln hervor, „wobei kann ich euch helfen?"
„Eigentlich wollten wir dich das fragen", meinte Morose und lächelte schmal. Äußerlich glichen sich die drei Schlupfbrüder bis aufs Haar – was so einige an Bord schon zur Verzweiflung getrieben hatte.
„Man erzählt sich, Guide hätte Morningstar zusammengefaltet und der dann dich", sagte Sweep leise und trat näher heran, woraufhin auch Morose ins Labor hinein kam.
„Das war nichts", log Blueface, „ich hatte ihn nur nicht gewarnt, wie launisch Guide gelegentlich sein kann."
„Oh ja, das kann er sein", meinte Morose grinsend, „wisst ihr noch, wie…"
„Nehmt es mir nicht übel, aber könnten wir heute Abend bei einem Spiel weiterplaudern?", fragte Blueface und warf misstrauische Blicke ins Zentrallabor hinüber.
„Uh… heute Abend? Ich weiß nicht, ob unsere Blades dann Zeit haben", wandte Sweep ein.
„Was spricht dagegen, wenn wir uns auch einmal so treffen?", fragte Blueface, dem es derzeit gar nicht recht war, wenn er Cud über den Weg lief. Der Blade hatte ihn in seiner schwärzesten Stunde erlebt und geradezu ins Leben zurückgeschüttelt. Ihn aus dem Meer gezogen, in dem Blueface sich hatte ertränken wollen. Seitdem hielt der kleine Cleverman verbissen an seinem Leben fest. Er war vielleicht nicht so mutig wie Guide oder ein Blade, aber sich selbst in die Luft sprengen erschien ihm vollkommen sinnlos. Er hatte Morningstar ganz bewusst nicht erzählt, dass dieser sich mit seiner neuen Entwicklung beim Commander unbeliebt machen würde.
Sweep und Morose versprachen, sich trotzdem darum zu bemühen, ihre anderen Fluchtgefährten über den gemeinsamen Spielabend zu informieren und gingen wieder zurück an ihre eigene Arbeit. Blueface seufzte und setzte sich an seine Konsole. Es dauerte nicht lang, bis er ein Programm geschrieben hatte, um die Datenübertragungen der Königinnen Darkmoon und Silverfox auf jene Unregelmäßigkeiten hin überprüfen zu können, um die Bonewhite ihn gebeten hatte.
Konzentriert starrte er auf die Zeichenkolonnen, die über seinen Bildschirm liefen und schreckte auf, als er hinter sich ein Räuspern hörte. „Commander!", rief er aus und sprang von seinem Hocker.
Wie sich herausstellte, war Guide von Morningstar nicht darüber informiert worden, dass sie die Übertragungen auf Viren überprüften. Aber der Commander hatte eh eine andere Aufgabe für ihn, die ihn die nächsten Stunden beschäftigen sollte.
Ein Warnton ließ ihn aufhorchen und Blueface trat zu der Konsole hinüber, wo er die Übertragungen überprüfte. Stirnrunzelnd schaute er auf den Monitor und presst die Lippen aufeinander. Interessant, dachte er und ließ noch eine ältere Übertragung durch sein neues Programm laufen.
„Was tust du gerade?", hörte er Morningstar fragen und fuhr erschreckt zusammen.
Der Oberste der Clevermen beugte sich über die Anzeigen der anderen Konsole, an der Blueface an dem Anwahlcode arbeitete und knurrte leise. „Wer hat dich dazu beauftragt? Oh, lass mich raten: der Commander. Sehr schön. Wann wolltest du mir davon berichten?"
„Sir, ich bekam Anweisung, Ihnen nichts zu…", begann Blueface, aber Morningstar brachte ihn mit einer Geste zum schweigen.
„Ja, ja, schon gut, nun bin ich selbst darüber gestolpert, mach dir keine Sorgen", sagte sein Vorgesetzter und schüttelte den Kopf. „Nein, das ginge weitaus schneller, wenn du nicht auch das vierte Symbol als Variable mit einbeziehst. Dreamers Clevermen sind nicht einmal halb so sorgfältig wie du."
„Sir?", fragte Blueface und trat zu seinem Vorgesetzen hinüber.
Morningstar lächelte. „Ich hatte mich vor einiger Zeit mit genau diesem Problem befasst, bis die Primary es mir untersagte. Selbstverständlich habe ich mich vorher darüber informiert, wie es bei unseren Gegnern insgesamt gehalten wird… Königin Dreamer und ihre Alliierten legen mehr Wert auf militärische denn wissenschaftliche Entwicklungen."
Nun wurde Blueface neugierig und er fragte: „Warum hat man Ihnen verboten, an der Dechiffrierung zu arbeiten, Sir?"
„Weil ich etwas zu laut gesagt hatte, dass ich der feigen Überläuferin Nightlily zu gern einen ganzen Stock Iratus-Käfer durch ihren Sternenring schicken wollte", antwortete Morningstar ungeniert und grinste.
„Hätten… hätten Sie das wirklich getan, Sir?", fragte Blueface verunsichert und legte den Kopf schräg.
„Nein… aber ein oder zwei Granaten schon", erwiderte Morningstar, „nun gut, lass uns sehen, wie wir die neue Anwahlsequenz etwas schneller herausfinden…"
Einige Stunden später konnten sie Guide zu sich ins Labor rufen, der nicht erfreut darüber war, dass Morningstar ihm die Ergebnisse präsentierte. Aber Blueface hielt den Kopf gesenkt und vermied den Blick des Commanders.
„Das genügt mir vorläufig", sagte Snow und seufzte. „Es tut mir Leid, dass du so viel durchmachen musstest. Ich werde dich weiter beschützen, wie ich es dir und deinen Freunden damals versprochen habe, sei dir dessen gewiss."
Blueface nickte stumm und presste die Lippen aufeinander.
„Ich fürchte, ich werde dich noch einmal rufen lassen müssen", meinte die Königin und entließ den Cleverman zunächst wieder.
A/N: Ich habe ein paar Tage Urlaub, mein Auto muss in die Werkstatt – beste Vorraussetzungen, diese Geschichte voran zu bringen ;)
