Kapitel 6
Obwohl Snow nur zu gut wusste, dass Morningstar auf dem Hive einer Königin unter Königinnen aufgewachsen war, ärgerte sie sein selbstsicheres Verhalten in ihren Räumlichkeiten. „Ich hatte dich nicht aufgefordert dich zu setzen", fauchte sie, als der Cleverman den freien Sessel ansteuerte.
„Selbstverständlich nicht, meine Königin", erwiderte Morningstar glatt und senkte den Kopf.
Sie rümpfte die Nase, dann wies sie ihn mit einem Kopfnicken an, Platz zu nehmen. „Blueface und dir ist es also gelungen, die geänderte Anwahlsequenz zu Nightlilys Hive herauszufinden", stellte sie fest und fragte: „Was geschah danach?"
„Ah ja…", sagte Guide und verschoss einen tödlichen Blick auf den kleinwüchsigen Datentechniker, „wie schnell könnt ihr eine Sonde bereit machen?"
„Ich war bereits so frei, eine zu programmieren, Commander", antwortete Morningstar lächelnd und präsentierte eine etwas mehr als faustgroße Sondenkugel.
Guide hob den Kopf und schaute den Obersten der Clevermen über seine Nasenflügel hinweg kalt an. „Gut. Nehmt alles mit, was ihr braucht, wir werden die Sonde sofort starten." Damit wandte er sich um und verließ das Labor.
„Du hast gehört, was der Commander wünscht. Packe eine Ausrüstungstasche, wer weiß, was ihm sonst noch in den Sinn kommt. Ich möchte nicht unvorbereitet erscheinen", sagte Morningstar und runzelte die Stirn. Ich sollte auch noch eine eigene Tasche bereit halten, dachte er, Guide ist bekannt für plötzliche Aufbrüche, wenn ich die Clevermen hier richtig verstanden habe.
Blueface verbeugte sich und stürzte los, um seine Ausrüstung zusammenzusammeln. Morningstar seufzte innerlich. Seit er an Bord gekommen war, kämpfte er an allen Fronten mit Anfeindungen und Misstrauen. Selbst dieser etwas zu gutmütige, wenn nicht sogar manchmal naive Datenspezialist hatte ihn wissentlich auflaufen lassen. Andererseits… wer konnte es ihm schon verdenken? Abgesehen von seiner mangelnden Wraithkenntnis war der Junge brillant. Er hätte den Posten als Oberster der Clevermen mehr als verdient – aber Morningstar nun einmal auch. Hätten die beiden in einem echten Konkurrenzkampf gestanden, wäre es sicherlich niemandem leicht gefallen, eine Entscheidung zu treffen, wer dem legendären Guide nachfolgen sollte.
Aber nun hatte – wieder einmal – seine Mutter, Königin Raven, Primary ihrer Allianz, bestimmt. Morningstar atmete tief durch. Sicher, seine Mutter liebte ihn. Mehr, als jeden anderen ihrer Söhne. Aber warum musste sie sich bei allem einmischen, was ihn betraf? Seit seinem Schlupf hatte man ihn auf den Weg eines Blades vorbereitet gehabt. Seine Entscheidung der Kaste der Clevermen beizutreten war sein bisher erfolgreichster Protest gegen die Übermacht seiner Mutter gewesen. Als sie sich begann damit abzufinden, wendete Morningstar sich den Hinterlassenschaften der Lanteaner zu. Grundgütiger, was hatte sie geschimpft! Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er über die Forschungsergebnisse von Guide gestolpert war. Aber sie hatte ihm nicht gestattet, von selbst aus Kontakt zu Snows Hive und ihrem Gefährten Guide aufzunehmen. Er hatte einige Wochen in einer Zelle zubringen müssen, bis er sich dem Willen seiner Mutter doch wieder unterwarf.
Was für eine glückliche Fügung des Schicksals, dass Königin Dreamer mit ihren feindseligen Taten ein Treffen aller Allianzköniginnen provozierte! Die Sterne hatten es gut mit ihm gemeint, dessen war Morningstar fest überzeugt. Königin Snow selbst war keine Schönheit, aber sie war… eine Königin. Rein und kalt wie frisch gefallener Schnee, allerdings auch mit dem Hauch der Schärfe einer Alabasterscherbe… trotz allem war sie warmherzig und ihre Männer verehrten und liebten sie aufrichtig. Besonders dieser Schönling Ease, der geradezu eifersüchtig auf den neuen Cleverman reagiert hatte.
Unter der Herrschaft vieler Königinnen war es undenkbar, dass ein Cleverman je zu den privaten Diensten gerufen werden würde – aber hier war dies anders. Guide war nicht nur Snows Gefährte, er war auch ein Cleverman – gewesen. Und Glow, einer ihrer Favoriten, war nicht viel mehr als ein Wartungsarchitekt. Ein guter, aber davon abgesehen besaß er nur wenig, was ihn interessant machte. Er war ruhig und strahlte seine Ruhe und Gelassenheit weithin aus, nur wenig brachte ihn je aus dem Konzept.
Glow… mit dem hatte er eh noch zu sprechen. Während er eine eigene Ausrüstungstasche packte, rief er nach dem Architekten, der beinahe sofort im Zentrallabor erschien. „Weißt du mittlerweile, warum die Positionslichter in der Einflugschneise des Hangars immer noch flackern?", fragte Morningstar gereizt, „der Hivemaster verlangt Antworten und ich glaube nicht, dass ich erst selbst dorthin gehen und nachschauen muss, oder?"
„Sicherlich nicht, Meister", antwortete Glow und deutete eine Verbeugung an, „bei der Hüllenstruktur im Gebiet des Hangars handelt es sich um einen der ältesten Bereiche des Hives – das Gewebe dort ist versteinert und die neuen Versorgungsleitungen zu den Lichtern können nicht mehr durchgewachsen."
„Hm… und die alten waren abgestorben, sehe ich das richtig?", fragte Morningstar nach. Als Glow zustimmend nickte, meinte er: „Nun gibt es zwei Möglichkeiten… entweder, wir legen eine neue Einflugschneise an, oder aber, wir bohren uns durch die Versteinerung und legen so neue Leitungen. Was würdest du empfehlen?"
Glow schaute ihn erstaunt an, räusperte sich und antwortete: „Sich durchzubohren ginge bedeutend schneller, als eine neue Schneise anzulegen, Sir…"
Morningstar bedeutete dem Architekten weiter zu sprechen und legte den Kopf schräg.
„Andererseits neigen Versteinerungen dazu, sich auszuweiten und innerhalb von dreißig oder vierzig Sternenjahren wären die neuen Leitungen auch wieder abgestorben, Sir", gab Glow zu bedenken.
„Ja, das sehe ich ebenso", meinte Morningstar und fasste einen Entschluss: „Wir werden beides tun. Einer deiner Wartungstrupps wird sich durch die Hülle bohren und dafür sorgen, dass die Positionslichter so schnell wie möglich wieder funktionstüchtig sind. Es sind Kämpfe zu erwarten und sollte das automatische Leitsystem durch einen Treffer ausfallen, sind die Piloten darauf angewiesen, sich optisch zu orientieren." Er packte noch einen Stapel Datenkristalle ein und fuhr fort: „Ein weiterer Trupp wird mit dem Anlegen einer neuen Schneise beginnen. Und was ist nun mit den hinteren Waffenbänken? Ist Hasten dort schon weiter als mit dem Transportersystem?"
Einige Minuten später hatte Morningstar auch noch letzte Anweisungen gegeben und trat hinaus auf den Gang, wo er beinahe mit dem Taktikoffizier zusammenstieß, der gerade aus dem Labor von Blueface kam. Sie nickten einander zu und der Cleverman verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. Es war ungewöhnlich, dass sich ein Blade und ein Cleverman anfreundeten. Noch dazu, wenn sie so einen gewaltigen Altersunterschied aufwiesen wie Bonewhite und der kleine Blueface… aber nun gut, sie hatten in der Vergangenheit einige Wachen zusammen geleitet, wahrscheinlich lag es daran. Er schüttelte den Kopf, während er dem Blade hinterher schaute.
„Sir, werden wir auch Atmosphärenscanner benötigen?", fragte Blueface und zeigte ihm ein kleines, fast würfelartiges Gerät.
„Hm… ich denke nicht", antwortete Morningstar, „die Sonde sollte die Eckdaten der Atmosphäre erfassen können. Allerdings traue ich Dreamer alles zu… ja, nimm ihn mit, wer weiß, wozu es gut ist."
Gemeinsam gingen sie zum Hangar, wo sich der Sternenring ihres Hives befand. Guide erwartete sie dort bereits, ebenso Sudden, der frisch ernannte neue Meister der Darts. Der Commander schaute streng und ließ die beiden Clevermen deutlich spüren, dass sie für seine Begriffe zu viel Zeit vertrödelt hatten. Schweigend befahl er Sudden, den einsam im All treibenden Hive anzuwählen.
Der Ereignishorizont des Wurmlochs bildete sich mit einer zischenden Wolke aus Energie und wieder dachte Morningstar an seine Jünglingstage zurück: als er das erste Mal sah, wie ein Sternenring aktiviert wurde, musste er unbedingt in Erfahrung bringen, wie das Ganze funktionierte. Seine wissenschaftliche Neugierde war geweckt worden und er trieb seine Lehrer mit seinen Fragen schnell an den Rand der Verzweiflung.
Auf eine Geste hin aktivierte Blueface die Sonde und Morningstar hob den mit ihr verbundenen Scanner hoch. Es dauerte eine Weile, dann bekamen sie die ersten Übertragungen: Bilder von Leichen. Guide atmete hinter ihm heftig aus und strahlte unbändige Wut aus. „Was haben die nur getan?", fragte der Commander zornig.
„An einigen der Toten wurde sich genährt", kommentierte Morningstar so gelassen wie möglich die Bilder, während sich die Sonde weiter in das Innere des feindlichen Hives fortbewegte, „andere hingegen wirken, als wären sie erstickt…"
„Die Atmosphärendaten der Sonde sind unauffällig", ließ sich Blueface vernehmen, „soll ich…?"
„Ja, wirf den Scanner einfach durch den Ring", sagte Morningstar, der zum ersten Mal seit er an Bord war, völlig vergessen hatte, dass er unter Guides strengen Augen handelte.
Kaum hatte der kleine Cleverman den würfelartigen Atmosphärenscanner auf den Weg geschickt, gab es am anderen Ende des Hangars eine Explosion. Sudden entfernte sich fluchend, Piloten und Drohnen rannten in die gleiche Richtung, nur Guide und die beiden Clevermen blieben am Sternenring stehen.
„Diese verdammte…", begann Morningstar zu fluchen, „Commander, in der Luft auf dem Hive ist Taraxan-Gas messbar… und nicht nur Spuren davon!"
„Was?", fauchte Guide und riss den Scanner an sich, um selbst die Werte abzulesen.
„Sir, ich empfehle, den Hive in Schutzatmosphäre zu betreten und das Gas auszuleiten, bevor wir weitere Untersuchungen anstellen", schlug Morningstar vor.
Schüsse aus Stunnern erklangen und Guide wendete den Kopf.
„Sir? Blueface und ich sind ausgerüstet, wir könnten sofort…"
Guide knurrte: „Nicht ohne eine Eskorte", dann bewegte er ebenfalls auf den Unruheherd zu.
Blueface seufzte und packte seine Sachen ein, aber Morningstar hielt ihn auf: „Was tust du da? Na los, wir brauchen die Schutzblasen!"
„Aber Sir, der Commander hat doch gesagt…"
„Nicht ohne Eskorte, ich weiß…", sagte Morningstar und winkte vier Drohnen heran, „ich kann eine Patrouille führen. Nur brauchen diese Männer Schutz vor dem Gas – also?"
Widerwillig kramte Blueface die winzigen Feratmuscheln hervor, aus denen sie Schutzblasen gewinnen konnten, um in giftiger oder gar keiner Atmosphäre arbeiten zu können.
