Kapitel 7

Du weißt schon, dass das eine sehr großzügige Auslegung der Anweisung des Commanders war?", fragte Snow und kniff sich mit Zeigefinger und Daumen in ihre Nasenwurzel, von wo aus sich ein schleichender Kopfschmerz ausgebreitet hatte.

Ja, meine Königin", gab Morningstar zu, „aber zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass an Bord der Primary nicht unbedingt ein Wachoffizier dabei sein muss, wenn…"

Berichte einfach weiter", stöhnte die Königin auf.

‚Hm', meinte Morningstar mental zu Blueface, der ihm mit zerknirschtem Gesichtsausdruck durch den Sternenring gefolgt war, ‚es wirkt so, als hätten diejenigen, die es bis hierher geschafft hatten, sich vorher an ihren Kameraden genährt…'

‚Ja, Sir', gab Blueface ebenfalls mental zurück. Es hatte keinen Sinn, sich lautierend zu unterhalten, wenn man in einer Atmosphärenschutzblase steckte. Die Blasen hüllten den gesamten Körper ein, wenn sie für Einsätze im All eingesetzt wurden. So aber ließen sie nur ihre Oberkörper von der schimmernden zähen Blasenflüssigkeit schützen, ohne die Arme vollständig mit einzubeziehen. Jede Bewegung der Arme war ein kleiner Kraftakt gegen die Oberflächenspannung der Blase und entsprechend verlangsamt.

Sie erreichten eines der untergeordneten Kontrollzentren und verschafften sich einen Überblick. ‚Kein Hinweis auf eine Fehlfunktion im Lüftungssystem', meldete Blueface.

‚Ja… auch sonst keine Fehlfunktionen. Die Bedrohung durch das Gas wurde erkannt und die Ausleitungssequenz eingeleitet, jedoch nicht mehr ausgeführt… sieh zu, was du tun kannst, ich suche nach der Quelle', befahl Morningstar und ließ Blueface mit zwei Drohnen zurück.

Die anderen beiden Drohnen folgten ihm, während er die Gänge entlang ging in Richtung Thronsaal. Dort wurde die höchste Konzentration des Taraxan-Gases auf seinem Scanner angezeigt. Sie hatten nur begrenzt Zeit, der Sauerstoff in den Schutzblasen wurde durch die kleinen Muscheln zwar bis zu einem gewissen Grad wieder aufbereitet, aber die Luft begann schon schal zu schmecken und die Temperatur zuzunehmen. Immer wieder mussten der Cleverman und die Drohnen über Leichen hinweg steigen, bis sie endlich ihr Ziel erreicht hatten. Dort hielten sie inne und Morningstar starrte entsetzt auf den Thron: Nightlily war eine schöne, sehr zartgliedrige Königin gewesen… beinahe so blass wie Snow, allerdings mit glänzendem blauschwarzen Haar. Ihre vollen Lippen hatten sich im Todeskampf blau verfärbt, ebenso wie bei dem Überbringer der tödlichen Gasbombe, der mit dem Kopf in ihren Schoß versunken immer noch das Paket hielt, das er ihr hatte überreichen wollen.

Der Cleverman trat näher und schaute in das Paket: eine silberne Ampulle mit konzentriertem Taraxan-Gas, dazu eine Botschaft die lautete: „Enttarnt!"

Morningstar fluchte leise und griff nach dem Gasbehälter, um ihn zu schließen. Es entströmte immer noch etwas des Giftes aus der beinahe Unterarm-langen Ampulle. Er hatte sich noch nicht völlig entleeren können, da der Blade, der das Paket geliefert hatte, geistesgegenwärtig seine Hand um das Ventil gelegt hatte, als er bemerkte, was für eine Gefahr von dem Gefäß ausging. Aber schließen hatte er es nicht mehr können – durch das Öffnen des Paketes war der Verschluss der Ampulle herausgerissen worden. Morningstar wies eine der Drohnen an, die Gasflasche aus einer Luftschleuse zu entsorgen und ballte die Fäuste. Er hatte davon gewusst, dass Nightlily als Spionin zu Dreamer übergelaufen war. Darum hatte die Primary auch unterbunden, dass er selbst die neue Anwahlsequenz des Hives herausfand.

‚Sir?', hörte er in seinem Kopf die mentale Stimme von Blueface, ‚die Ausleitung des Gases ist in einigen Minuten abgeschlossen. Wo sind Sie?'

‚Im Thronsaal', antwortete Morningstar und starrte gebannt an die Decke des Raumes. Das kann doch nicht sein, dachte er ungläubig und schüttelte den Kopf. Er ging zu einer Wand und runzelte die Stirn. Klettern und Springen in einer Schutzblase war nur bedingt möglich, aber er versuchte es dennoch.

Langsam erklomm er die Wand, bis er unter der Saaldecke war und eines der grünen Schmuckelemente erreicht hatte. Er hielt den Scanner daran und hätte jubeln können: tatsächlich ein Schutzschildgenerator der Lanteaner! Und hier waren hunderte von ihnen verbaut worden! Begeistert kratzte er mit seinen Krallen einen der Generatoren aus seiner Fassung und zuckte zusammen, als er unter sich eine Bewegung bemerkte.

„Sir!", rief Blueface, dann besann er sich eines Besseren und meinte mental: ‚Sie können die Schutzblase jetzt deaktivieren, Sir! Die Luft ist wieder ohne Gefahr atembar.'

Morningstar verdreht die Augen und ließ sich fallen. Einigermaßen elegant kam er auf dem Boden auf, deaktivierte die Schutzblase und zeigte Blueface seinen Fund und fragte: „Kennst du so etwas wie das hier?"

„Nein, Sir", antwortete der schmächtige Cleverman nach einem flüchtigen Blick auf den vieleckig geformten grünen Stein und wandte sich der bizarren Szene um den Thron zu: „Was ist hier geschehen?"

„Königin Dreamer vermutete wohl zu Recht, dass Nightlily als Spionin zu ihrer Allianz übergelaufen war", erklärte Morningstar seufzend, „einer Schönheit wie ihr sollten Geschenke gemacht werden – allerdings nicht solch tödliche."

„Spionin? Aber…"

„Eine lange Geschichte mit noch längerer Planungszeit", unterbrach Morningstar ihn, „belassen wir es dabei. Ich wurde auch erst spät eingeweiht. Wie auch immer… versuch, so viel Informationen wie es geht aus den Datenbänken zu holen, ich werde mich derweil mit diesen kleinen schätzen hier beschäftigen!" Er grinste und sprang – nun ohne Behinderung durch die Schutzblase – aus dem Stand hoch an die Decke des Saales.

Blueface schaute ihm verwundert nach, dann drückte ihm eine der Drohnen die Ausrüstungstasche von Morningstar in den Arm und der kleine Cleverman verließ kopfschüttelnd den Thronsaal.

Mit etwas Mühe gelang es Morningstar, ein gutes Dutzend der Schutzschildgeneratoren aus den Fassungen an der Saaldecke zu bekommen. Geradezu barbarisch, dachte er, diese wertvolle Technik zur Dekoration zu degradieren… Selbstverständlich war ihm auch bewusst, dass man nichts mit den Schildgeneratoren anfangen konnte, solang sie nicht aktiviert worden waren. Aber dazu benötigte er nur jemanden, der das spezifische Gen der Lanteaner besaß. Obwohl Blueface sich wohl auch da schon sehr kreativ gezeigt hatte…

Schließlich hatte er seine Beute auf seine beiden Drohnen verteilt und suchte nach Blueface, den er auf der Brücke des Hives aufspürte. „Was tust du hier? Wäre ein Datenlabor nicht logischer zum Herunterladen der Daten?", fragte er missmutig den kleinen Cleverman, der es tatsächlich wagte, ihm gegenüber kurz die Zähne zu blecken.

„Es gibt keine Daten mehr aus der Zeit der kurzen Koalition dieses Hives mit der Dreamer-Allianz", antwortete Blueface gereizt, „irgendjemand war vor uns schon hier und hat sie gelöscht…"

„Bitte?", fragte Morningstar und trat näher, „der Hive treibt doch erst seit zwölf Stunden führungslos… auch hat sich die Totenstarre bei den erstickten noch nicht gelöst und wir sind schon einige Zeit hier, wann…"

„Das versuche ich gerade herauszufinden, Sir", fauchte Blueface, „aber die schiffsinternen Sensoren sind deaktiviert worden. Vor weit weniger als zwölf Stunden!"

„Mäßige dich", knurrte Morningstar bedrohlich, „Soll das heißen, wir könnten unter Umständen nicht allein an Bord sein? Denn vorhin lief doch noch alles einwandfrei…"

„Ja, Sir, das könnte es bedeuten", antwortete Blueface nun wesentlich gedämpfter und versuchte weiterhin, die Systeme wieder vollständig zu aktivieren.

„Lass das", befahl Morningstar, „ich trage einen Lebenszeichendetektor bei mir. Die Reichweite ist begrenzt, aber auf unserem Weg zurück zum Sternenring wird er uns vor Überraschungen warnen."

Eilig kehrten die beiden Clevermen und die vier Drohnen zum Sternenring im Hangar zurück und gaben die Anwahlsequenz ihres eigenen Hives ein.

„Der Ring lässt sich nicht aktivieren", stellte Blueface entsetzt fest, „es wird kein Wurmloch gebildet!"

„Hm", sagte Morningstar, „wahrscheinlich ist unser Hive gerade im Hyperraum unterwegs."

„Und was sollen wir jetzt tun?", fragte Blueface ängstlich.

„Uns an einem sicheren Ort verbarrikadieren, hoffen, dass außer uns doch niemand mehr an Bord ist und Kontakt zu unserem Hive aufnehmen", antwortete Morningstar gefasster, als er sich fühlte.

Was ja nicht ganz so gut verlief, wie wir wissen", knurrte Snow und ballte die Fäuste.

Meine Königin, ich versichere Euch…", begann Morningstar, aber eine Geste der aufgebrachten Königin ließ ihn verstummen.

Nie wieder wirst du ohne vollständige Eskorte diesen Hive verlassen, hast du mich verstanden, Cleverman?", fauchte Snow und zwang Morningstar aus dem Sessel und auf die Knie vor ihr, „du wirst dich wie die anderen weiterhin zur Verfügung halten! Als nächstes will ich erfahren, was es mit dieser Explosion im Hangar auf sich hatte!"

Als der mentale Druck auf ihn nachließ, atmete Morningstar tief durch und verließ stolpernd die Gemächer seiner Königin. Mit so viel Zorn hatte er wahrlich nicht gerechnet!