Kapitel 12

Mit gesenktem Blick trat Blueface in Snows Gemächer ein und nestelte verlegen an den Ärmeln seines Mantels herum.

Setz dich", seufzte die Königin. Der kleine Cleverman trieb sie mit seiner Schüchternheit noch zur Weißglut. So hatte er sich doch früher auch nicht aufgeführt! „Nachdem ihr entdeckt hattet, dass ihr nicht allein an Bord von Nightlilys treibendem Wrack wart und unseren Hive nicht anwählen konntet, was geschah dann?"

‚Achtung – im nächsten Gang erfasse ich Lebenszeichen', warnte Morningstar mental und die beiden Clevermen und die vier Drohnen schlichen in einen freien Raum mit Türmembran.

Sie waren noch nicht weit gekommen, seit sie den Hangar verlassen hatten und Blueface trat an die nächste Konsole, um einen Bauplan des fremden Hives aufzurufen, auf dem sie nun festsaßen. Morningstar bleckte frustriert die Zähne, während vom Gang her Schritte in schweren Stiefel zu hören waren.

Blueface schaute gehetzt auf und sah noch, wie Morningstar einen toten Blade nach Waffen absuchte, bevor er zu ihm hinüber trat und still fragte: ‚Wo genau sind wir?'

‚Nicht weit vom Hauptmaschinenraum entfernt', gab Blueface ebenso still zurück, ‚ich könnte Zugriff auf die gesamten Schiffssysteme erhalten, wenn wir es bis dorthin gelangen könnten…'

‚Das werden wir schaffen, verlass dich drauf', gab Morningstar gereizt zurück, ‚und wenn wir uns den Weg bis dorthin freischießen müssen!'

Nicht unbedingt gerade eine Option die mir zusagt, dachte Blueface und hielt seine Miene ausdruckslos als er entgegnete: ‚Ich kann nicht schießen, Sir.'

Morningstar rollte mit den Augen. ‚Dann wirst du es sehr schnell lernen müssen!', meinte er und drückte Blueface einen Stunner in die Hand. ‚Und jetzt los! Wahrscheinlich haben unsere Gegner die schiffsinternen Sensoren ausgeschaltet, nachdem sie uns geortet hatten – das heißt, sie wissen ungefähr wo wir sind und haben uns die Gelegenheit genommen herauszufinden, wie viele die sind!'

Überrascht, wie sehr sein Vorgesetzter wie ein Blade dachte, setzte Blueface sich in Bewegung und folgte Morningstar durch die Gänge. Dieser kontrollierte immer wieder ihren Weg mit dem Handscanner, bis sie endlich im Hauptmaschinenraum angekommen waren. Dort stürzte Blueface sich sofort auf die nächste Arbeitskonsole und bekam nur am Rande mit, wie die Drohnen die Tür versiegelten, indem sie den Öffnungsmechanismus der Tür kurzschlossen.

Auch Morningstar begann, an einer Konsole zu arbeiten und innerhalb weniger Minuten hatten sie sämtliche Schiffsfunktionen auf ihre Zugänge umgeleitet. „Gut", meinte er und tastete nach einem mentalen Netzwerk. „Es sind auf jeden Fall Wraith", erklärte er, „aber sie halten ihre Gedanken verschlossen. Ich kann nicht sagen, von welcher Allianz oder gar welchem Hive sie stammen…"

„Ich könnte sie durch die Sprechanlage rufen, Sir", sagte Blueface und bereitete alles für eine Kontaktaufnahme vor.

„Hm. Nein", beschloss Morningstar und schüttelte den Kopf, „zuerst werden wir sie festsetzen. Es sind keine weiteren Schiffe in der Reichweite eines Darts zu erfassen, also kamen sie ebenso wie wir durch den Sternenring des Hives. Blockiere die Zugänge zum Hangar", befahl er und rümpfte die Nase, „dann leg die Brücke vollständig lahm. Ich will nicht, dass dieses Schiff auf eine Reise geht, die nicht wir bestimmen können."

„Aber Sir", gab Blueface zu bedenken, „von hier aus können wir den Hyperraumantrieb nicht steuern! Wenn ich die Brücke von der Energieversorgung ausschließe, dann…"

„Pah", winkte Morningstar ab, „ich will ja auch gar nicht in den Hyperraum springen. Aber vor allem will ich nicht, dass die anderen die Möglichkeit dazu durch die mentale Steuerungseinheit auf der Hauptkommandokonsole erhalten könnten!"

Blueface dachte an die Steuerkonsole auf ihrem Hive, an dem sein Freund Bonewhite während ihrer Wachen so oft stand und arbeitete. Die Hände in den Griffschalen, mental völlig versenkt in die Systemprogramme des Hives… Er biss sich auf die Lippen. Wäre Bonewhite hier, wäre Blueface wesentlich wohler zumute als nur in Begleitung von Morningstar und ein paar Drohnen, die sich im Ernstfall wahrscheinlich sogar gegen sie wenden konnten. Es bedurfte nur eines erfahrenen Wachoffiziers und die tumben Kämpfer würden die geistige Kontrolle des Clevermans abschütteln – vermutlich. Immerhin hatte Ease so erst vor wenigen Wochen Tender seines „Kommandos" beraubt, den jungen Blade entführt, wieder zum Anwärter degradiert und zu seinem Schüler erklärt. Etwas, das sich noch früh genug rächen würde, fürchtete Blueface und schüttelte sich innerlich. Sicherheit ist wohl nur eine Illusion, dachte er verzweifelt. Er wollte zurück auf ihren Hive und sein Labor nie wieder verlassen. Sicher könnte er sich auch eine Schlafecke dort einrichten. Er besaß sowieso nicht viel… es gab im hinteren Bereich des Labors noch einige freie Fächer in den Wänden, wo er alles verstauen könnte und…

„Nun gut", riss Morningstar ihn aus den Gedanken, „Zeit, unsere Gegner zu kontaktieren. Stell mich auf die Lautsprecher."

Blueface tat wie ihm geheißen und beobachtete Morningstar trotz gesenktem Blick ganz genau. Sein Vorgesetzter straffte und räusperte sich, bevor er in das Mikrofon der Konsole vor ihm sprach: „Schluss mit dem Versteckspiel – ihr dürft euch ergeben, wir haben die Kontrolle über das Schiff. Legt eure Waffen nieder und versammelt euch in der untersten Großen Halle, dann…"

„Wer denkst du eigentlich, wer du bist?", unterbrach eine verärgerte Stimme aus dem Lautsprecher ihn, „wir wissen, wo ihr seid und haben euch umstellt! Also kommt raus aus dem Maschinenraum und unterwerft euch uns!"

Blueface lief es eiskalt den Rücken hinab. Es war ihren Gegnern gelungen, die schiffsinternen Sensoren zu aktivieren – und waren gerade dabei, weitere Systeme zu übernehmen. Hastig begann er gegenzusteuern und tippte wie wild auf seine Konsole ein.

Morningstar riss die Augen auf und nickte ihm zu. ‚Mach weiter! Ich halte sie hin!' Laut sagte er ins Mikrofon: „Der einzige Grund, warum ihr noch Sauerstoff habt ist der, dass wir für heute bereits genug Tote zu Gesicht bekommen haben!"

Der andere lachte, was aus den Lautsprechern blechern und hohl klang. „Guter Vorschlag – den Sauerstoff ablassen. Aber euch sollte bewusst sein, dass es wesentlich einfacher ist, nur einen Raum zu entlüften als den gesamten Hive, oder?"

Morningstar schnaubte schmollend und suchte in den Ausrüstungstaschen nach den kleinen Feratmuscheln, falls ihre Gegner Ernst machen sollten, während er weiter sprach: „Dazu müsstet ihr zunächst einmal Zugang zu den Lebenserhaltungssystemen erhalten! Und die haben wir mehrfach codiert – das wird nicht gerade einfach werden!"

Mehrfach codiert… gute Idee, ich wünschte nur, ich käme dazu, dachte Blueface und biss sich die Lippen blutig, während er gegen die gegnerischen Programmierer anarbeitete, das müssen mindestens drei Clevermen gleichzeitig sein, die… Moment! Er fauchte, drehte sich um und schoss mit dem Stunner auf die Halterung der Hauptenergiezelle.

Mit einem Seufzen fuhren sämtliche Schiffssysteme auf einmal herunter und nur noch die Notbeleuchtung spendete etwas Licht.

„Erinnere mich daran, dir nie wieder einen Stunner in die Hand zu geben", knurrte Morningstar in der Dunkelheit.

Es dauerte eine Weile, bis sich seine Augen an den plötzlichen Wechsel der Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, dann erkannte Blueface wieder etwas und kniete sich nieder. „Ich erkläre Ihnen das gleich, Sir…"

„Na, auf die Erklärung kann ich verzichten", brummte Morningstar missmutig, „du hast gerade eine Gezom-Zelle vernichtet, gratuliere."

„Nicht ganz, Sir…", meinte Blueface und lächelte, als seine Konsole wieder mit Energie versorgt wurde und hochfuhr, „nur die Halterung etwas beschädigt. In einer Stunde hat sich das System wieder regeneriert und wir bis dahin Zeit, einige Vorkehrungen zu treffen."

„Und wie soll ich in der Zwischenzeit Kontakt mit unseren Gegnern halten?", fauchte Morningstar.

„Sekunde…", meinte Blueface, „…jetzt können Sie wieder sprechen, Sir." Er tippte weiter auf seine Konsole ein und steuerte die Systemwiederherstellung manuell.

Morningstar schaute ihn misstrauisch an, dann zuckte er mit den Schultern und fragte ins Mikro: „Gefällt es euch im Dunkeln?"

Es dauerte eine Weile, dann meldete sich die gleiche Stimme wie zuvor aus dem Lautsprecher: „Ihr müsst ja arg verzweifelt sein, wenn ihr schon den ganzen Hive lahm legen müsst, um noch ein paar Minuten zu gewinnen!"

„Oh, verzweifelt sind wir ganz und gar nicht", entgegnete Morningstar im Plauderton, „allerdings störten uns eure stümperhaften Versuche, die Kontrolle über die Systeme zu erlangen etwas. Wir haben nämlich noch etwas zu erledigen, bevor wir wieder gehen…"

Blueface lauschte nur halb dem belanglosen Schlagabtausch zwischen seinem Vorgesetzten und dem Unterhändler ihrer Gegner, bis ihm der Atem stockte und er entsetzt inne hielt. „Sir…", meinte er schließlich, „wir haben ein Problem. Ein großes Problem."

Verärgert unterbrach Morningstar den Funkkontakt und schaute zu ihm hinüber. „Was gibt es?"

„Eine Explosion. In wenigen Minuten. Wir sollten dieses Schiff schleunigst verlassen, Sir…" Blueface schluckte hart und biss sich auf die Lippen.

A/N: Ja, ich weiß: letzte Woche gab es kein Update – aber so kurz vor Weihnachten nimmt mein RL leicht überhand und ich habe es leider nicht geschafft, mich zum Schreiben hinzusetzen, sorry.

Was für eine Energiequelle die Wraith benutzen ist bis jetzt noch nicht geklärt. Ich stelle mir vor, sie haben lebendige Batterie-Zellen – Gezom genannt. Kein Canon, mein Mist!