Kapitel 14

Ease war dieses Mal vorgewarnt was die… Verstimmung seiner Königin anging und fiel sicherheitshalber vor ihr auf die Knie, was er sonst nie tat, wenn er mit ihr allein in ihren Gemächern war. Zumindest nicht, wenn sie es nicht direkt von ihm verlangte.

Snow seufzte. „Setzt dich. Berichte mir einfach, wie es zu diesem Chaos mit Mirage kommen konnte…"

Der Arrow näherte sich rumpelnd und schwankend dem Militärstützpunkt von Königin Mirage, begleitet von den Darts, die lauernd über ihnen schwebten.

„Ich habe ein ganz dummes Gefühl bei der Sache", ließ Hasten sich vernehmen, während er nervös mit einer Strähne seines leicht gelockten Haares spielte.

„Ein wenig Optimismus täte dir nicht schlecht", knurrte Guide.

Ease besaß genug Optimismus für alle in diesem Gefährt zusammen, befand er, aber es reichte immer noch nicht aus, um die Visionen der schrecklichsten Folterungen und Todesarten aus seinem Bewusstsein zu verdrängen. „Ich wünschte, wir wären an Bord eines Hives hierher gekommen…"

„Ich wünschte, du würdest deinen vorlauten Schnabel halten, Milchbart", fauchte Guide zur Antwort, „wir sind als Diplomaten hier, nicht in feindlicher Absicht!"

„Ich dachte wir sind hier, weil du…", begann Ease, kassierte jedoch einen Hieb von Guides Krallen im Gesicht, bevor er weiter sprechen konnte.

„SCHLUSS JETZT!", donnerte Guide, „ich bin euer Commander! Ich weiß, was ich hier tue!"

Ganz sicher, dachte Ease und unterdrückte ein Knurren. Er spürte, wie die Krallenspuren auf seiner Wange verheilten, während aus dem Lautsprecher eine Stimme erklang, die sie zum Anhalten und Aussteigen aufforderte.

Sie taten, wie ihnen geheißen und Ease zwang sich zum Lächeln, als sich ihnen eine Delegation vom Militärstützpunkt aus näherte. Ein älterer Truppenführer in Begleitung von zwei blutjungen Blades trat ihnen mit ausdruckloser Miene entgegen.

„Guide also, ja?", sprach der Ältere ihren Commander an, „man nennt mich Lens und ich leite diesen Stützpunkt im Auftrag meiner Königin. Was ist Euer Begehr?"

Wie förmlich, dachte Ease und versuchte sich an die alten Sitten und Gebräuche zu erinnern, die irgendwann in den vergangenen Jahrtausenden ausgestorben zu sein schienen.

Guide deutete eine minimale Verbeugung mit dem Kopf an und antwortete mit fester Stimme: „Wir kamen hierher, um Eure Königin vor einem bevorstehenden Angriff zu warnen und die Unterstützung unserer Allianz im Kampf gegen die Aggressoren anzubieten."

Lens lachte schnaubend. „Seit wann ist der Commander einer untergeordneten Königin dazu berechtigt, Verhandlungen für eine ganze Allianz zu führen?"

Guides Lächeln gefror für den Bruchteil einer Sekunden, bevor er antwortete: „Seit wir uns bemühen, nicht allzu viel Aufsehen zu erregen in dieser Angelegenheit."

„Wie wenig Aufsehen erregt man denn mit einer Kriegserklärung gegen eine andere Allianz?", fragte Lens lauernd und die beiden jungen Blades in seiner Begleitung erlaubten sich ein kurzes Lachen, „Raven und ihre Verbündeten sind im Krieg mit Dreamer – und nun wollt Ihr uns mit hineinziehen?"

„Ihr werdet schon mit hinein gezogen", meinte Guide und seine Stimme klang unterkühlter, als es sein Lächeln war, „Dreamer hat vor, Mirage anzugreifen, weil sie mehr Weidegründe benötigt."

Lens legte den Kopf schräg und die Stirn in Falten. „Beweise?"

„Ja", antwortete Guide und zog einen Datenkristall aus seiner Manteltasche. Der fremde Kommandeur griff danach, doch Guide zog ihn außer Reichweite und meinte: „Ich fürchte, diese Daten sind zu sensibel, um sie einem untergeordneten Stützpunktkommandanten zu überantworten."

Touché, dachte Ease und sein Lächeln wurde um einiges breiter, als er die plötzliche Wut des fremden Kommandanten spürte, bevor dieser sich wieder im Griff hatte.

„Wartet hier", fauchte Lens, „ich werde mit meinen Vorgesetzen Kontakt aufnehmen – sollen die entscheiden, was mit Euch geschieht!"

Guide verbeugte sich wieder leicht und wies seine Begleiter an, es ihm gleichzutun. „Wir werden uns gedulden."

Nach einigen Minuten fragte Ease den Commander mental: ‚Was für Beweise hast du da eigentlich?'

Guide lächelte gequält, als er still antwortete: ‚Dass wir ein Energieleck in der mittleren Waffenphalanx haben und Hasten unfähig ist, mit dem Transportersystem unseres Hives zurechtzukommen.' Als Ease ihn entsetzt anstarrte fügte er hinzu: ‚Nur den Statusbericht der letzten Reparaturen – hätte ich geahnt, dass wir wirklich so weit kommen, hätte ich mir vorher ein Update der neuesten Truppenbewegungen eingesteckt!'

Wir sind ja so was von tot, schoss es Ease durchs Hirn. Neben ihm trat sein unfreiwilliger Schüler Tender von einem Fuß auf den anderen, während der bullige Ingenieur Hasten nervös ihre Umgebung betrachtete.

Immer wieder kreisten über ihnen Darts, darum bemerkten sie jenen Kampfflieger gar nicht, der sie mit seinem Transporterstrahl einfing. Einem Transporterstrahl, der so geändert worden war, dass er auch Wraith betäubte, sobald sie aus dem Musterspeichern herausgeholt wurden.

Ease wachte mit dröhnendem Schädel in einer Zelle auf und fletschte die Zähne. Neben ihm erwachte gerade Hasten, Tender befand sich noch in tiefer Bewusstlosigkeit und Guide knurrte leise vor sich hin, während er das Gitter ihres Kerkers begutachtete. Von seinen Drohnen empfing Ease keinerlei Lebenszeichen mehr.

„Kein Wort jetzt", fauchte der Commander, als Ease zum Sprechen ansetzte, „ich weiß, dass das hier nicht so gut gelaufen ist!"

Widerwillig schluckte der Blade den bissigen Kommentar, der ihm auf der Zunge gelegen hatte, hinunter und rappelte sich auf. Er fühlte sich elend. Misstrauisch kontrollierte er seinen Brustkorb und entdeckte verblassende Abdrücke eines Nährmundes dort. Es war üblich, Gefangene zu schwächen… womit auch ihr derzeitiger Status geklärt war. Man war offensichtlich nicht daran interessiert, sie weiterhin als Diplomaten zu behandeln.

Hasten stöhnte. „Was werden die jetzt mit uns anstellen?"

„Nun… dich werden sie wahrscheinlich niemals an ihren Transportersystemen arbeiten lassen", knurrte Ease und fixierte Guides Rücken mit tödlichem Blick, „denn den Datenkristall dürfte unser Commander ja nun nicht mehr besitzen…"

Guide antwortete nicht, stattdessen fragte der Ingenieur: „Was hat mein Pech mit unserem Transporter mit dem geplanten Angriff von Dreamer auf Mirage zu tun?"

„Ignorier diesen zu groß geratenen Schlüpfling einfach", erwiderte Guide mit bedrohlichem Knurren, „er hat nur Angst, wieder mit Obst bis zum Erbrechen gefüttert zu werden!"

Hasten schüttelte benommen den Kopf, dann rief er aus: „Mein Arrow! Sie haben meine Erfindung!"

„Ach, Hasten…", seufzte Guide, „ich fürchte, den haben sie nicht mehr. Und die Explosion, die ihn vernichtete, hat unsere Lage wahrscheinlich nicht gerade eben verbessert…"

„Explo… was? WAS?" Hasten sprang auf die Beine und machte Anstalten, auf Guide loszugehen, doch Ease trat ihm in den Weg. ‚Lass es! Er ist immer noch unser Commander!', ermahnte er den aufgebrachten Ingenieur mental.

„Ich hatte eine kleine Überraschung eingebaut – zur Absicherung. Nur für den Fall, dass wir unfreundlich aufgenommen werden sollten… mit Zeitzünder. Dieser sollte – wenn ich alles richtig berechnet habe und die Zeitanzeige dort drüben stimmt – vor etwa fünf Stunden ausgelöst worden sein", erklärte Guide ruhig.

„Wenn man bedenkt, dass es ungefähr vier bis fünf Stunden dauert, bis ein Wraith aus einer durchschnittlichen Transporterbetäubung erwacht", seufzte Ease, „dann wäre auch geklärt, warum wir in einer Zelle gelandet sind."

Hasten atmete tief durch, dann fragte er: „Soll das etwa heißen, bis mein noch nicht abgeschlossenen Projekt, in das ich Wochen und Monate an Arbeit gesteckt und für das ich jetzt vielleicht endlich einen Piloten gefunden hatte, in tausend Einzelteile gesprengt wurde, waren wir noch gar keine Gefangenen sondern nur diplomatische Gäste in Sicherheitsverwahrung?"

Guide zuckte mit den Schultern. „Wenn du es so ausdrücken willst… ja."

Ease schloss schicksalsergeben die Augen. Was jetzt käme, würde nicht besonders hübsch werden.

„Nun…", begann Hasten erstaunlich ruhig, „dann hoffe ich, es hat ordentlich laut gekracht und möglichst viel Schaden angerichtet. Sir."

„Ja, das sollte es", meinte Guide, „es würde mich wundern, wenn von dem Stützpunkt, vor dem wir den Arrow abgestellt hatten, noch mehr als die hinteren Mauern stehen. Wenn sie ihn zur Untersuchung in das Gebäude geholt haben, dann…"

„Wir sind so gut wie tot", schlussfolgerte Hasten lächelnd und nickte Ease zu.

„Davon können wir wohl ausgehen", meinte Ease und nickte dem Ingenieur ebenfalls lächelnd zu. Ja, es ist nur eine Frage der Zeit, wann man in Guides Gesellschaft endgültig überschnappt, dachte er bei sich.

„Nun… noch nicht ganz", meinte Guide, als er sah, wer da durch den Gang auf ihre Zelle zukam.

„Und wieder ist es der unvergleichliche Guide, den die Sterne mir als Prüfung auferlegen", stöhnte Adder und schüttelte den Kopf, als er an der Gittertür angekommen war.

„Lang nicht mehr gesehen, alter Feind", begrüßte Guide den Commander von Königin Dreamer.

A/N: Dass auch Wraith von einem Transporterstrahl betäubt werden können, ist im fünften Legacy-Band „Secrets" nachzulesen. Dort wird einer von Guides Cleverman entführt und ebenso wie unsere „Helden" hier dadurch geschwächt, dass man sich an ihm nährt.

Adder kennt ihr schon aus „Fever – verzweifelt gesucht", als Guide und Ease bereits einmal von Dreamer gefangen genommen worden waren. Zur Erinnerung: er mag Guide nicht sonderlich *ggg*