Kapitel 15
„Also wart ihr auf den Hive von Dreamer gebracht worden", schlussfolgerte Snow mit einem Seufzen, „und die ganze Geschichte, dass Dreamer Mirage angreifen wolle, war von Beginn an nichts als eine Finte."
„Ja, meine Königin", antwortete Ease, „diese beiden Königinnen arbeiten schon seit Längerem zusammen."
„Zumindest lang genug, um unsere Allianz zu täuschen und zu diesem Krieg zu verleiten, wobei wir uns weit von unseren eigenen Territorien und Nachschub entfernen müssen." Snow schnalzte ärgerlich mit der Zunge. „Berichte weiter…"
„Wie schön, dass du Concise sein Testobjekt wieder mitgebracht hast", meinte Adder kalt lächelnd nach einem Seitenblick zu Ease, „er war ziemlich ungehalten darüber, dass er seine Forschung nicht fortführen konnte nach eurer Flucht."
Ease erinnerte sich mit Unbehagen an den feindlichen Cleverman, der für seine seit Wochen anhaltende Übelkeit verantwortlich war.
„Mit diesem Concise hätte ich auch noch das eine oder andere Wort zu wechseln", knurrte Guide.
„Nein, du wirst – wieder einmal – meiner Königin vorgeführt", brummte Adder missmutig, „allerdings ist sie nicht sonderlich gut auf dich zu sprechen." Mit einem knappen Nicken befahl er die Tür zu öffnen und Guide und Ease wurden von je zwei Drohnen aus der Zelle gezerrt.
Ease fauchte, bis man ihn allein laufen ließ. Er besaß genug Selbstbeherrschung und Würde, um nicht unter den Achseln gepackt durch die Gänge geschleift werden zu müssen. Erst im Labor der Cleverman ergriffen die Drohnen ihn wieder und schnallten ihn auf einen Untersuchungstisch.
„Ich unterbreche meine Experimente nur ungern", ließ sich der Cleverman Concise vernehmen und trat in Eases Sichtfeld, „aber nun denn: wie geht es meinem Versuchsobjekt?"
„Du meinst abgesehen davon, dass man mich so weit geschwächt hat, dass der Hunger in mir bereits brennt?", fragte Ease lächelnd, „Oder dass mir seit deiner… Behandlung ständig übel ist?"
Der Cleverman strich sich über seinen Kinnbart und brummte missmutig vor sich hin. Dann meinte er: „Übel sollte dir nicht sein… das mit dem Hunger könnten wir allerdings bald erledigt haben…" Er winkte einen seiner Assistenten herbei und ließ sich eine Spritze reichen, die er Ease daraufhin in den Arm rammte.
Der Blade verzog sein Lächeln zu einer Grimasse, als die Injektionsflüssigkeit wie eisiges Wasser durch seine Adern zu fließen begann. „Ich fürchte nur, du hast wenig bis keinerlei Ahnung davon, was du eigentlich tust!", stieß er hervor. Er war Einiges gewohnt, aber die Experimente dieses Cleverman waren schlimmer als so Manches, das er im Großen Krieg gegen die Lanteaner erlebt hatte.
Concise zuckte mit den Schultern, bevor er entgegnete: „Auch jeder Misserfolg ist ein Schritt weiter auf der Straße der Erkenntnis."
Klingt beinahe nach Guides Lebensmotto, dachte Ease und atmete tief durch, als die Schmerzen langsam nachließen. Es folgten noch einige, nicht ganz so unangenehme Injektionen, bis die Clevermen von dem Untersuchungstisch zurücktraten.
„Und nun zur Fütterung…", sagte der Concise, als er sich wieder näherte und hielt eine Madras-Frucht vor Eases Nase. „Mund brav auf, sonst helfen wir nach…"
Ease starrte auf die rotpelzige Frucht, roch den süßen Duft, drehte den Kopf zur Seite und erbrach sich geräuschvoll auf die Stiefel der Drohne, die neben dem Untersuchungstisch gestanden hatte. Der Krieger knurrte laut, hob sein Stunnergewehr und brach Ease mit dem Kolben den Unterkiefer zum Dank.
„Du verfluchter Idiot!", schrie Concise die Drohne an, „weißt du, wie lang es in seinem geschwächten Zustand braucht, bis die Knochen wieder verheilt sind? Wie, bei den Sternen, soll er denn ohne Kiefer kauen?"
Noch nie zuvor hatte sich Ease über einen Bruch gefreut – den Schmerzen zum Trotz. „Och, dach mach nichgs", stieß er hervor, „ich hach nichgs gechgen ne Chauche."
„Bitte?", fragte der Cleverman nach.
‚Ich meinte, dass das nicht so viel ausmachen würde, ich hätte nichts gegen eine Pause', gab Ease mental zurück. Wenn er es gekonnt hätte, er hätte dabei breit gelächelt. So aber würgte er nur etwas Blut aus dem halbgeöffneten Mund hervor bei dem Versuch.
Concise riss die Augen auf, schnappte nach Luft und bellte: „Bringt dieses Etwas wieder zurück in seine Zelle!" Dann drehte er auf dem Absatz um und rauschte davon.
Dieses Mal ließ sich Ease kichernd von den Drohnen unter den Armen gepackt durch die Gänge schleifen. Er hatte schon immer einen seltsamen Humor gehabt, aber nun näherte er sich eindeutig dem Wahnsinn. Noch eine Expedition mit Guide und ich werde endgültig irre, dachte er und kicherte lauter, was mit unsäglichen Schmerzen quittiert wurde.
In der Zelle erwarteten ihn Hasten, der nur den Kopf schüttelte, als man Ease an ihm vorbei zu Boden stieß und Tender, dessen Mundwinkel kurz zuckten. ‚Alles in Ordnung, Meister?', fragte er mental.
‚Bitte was?', fragte Ease mental zurück. Sein unfreiwilliger Schüler hatte ihn noch nie Meister genannt – und nun schien es keine Ironie zu sein.
‚Dafür werden diese Verräter bezahlen', gab Tender zurück und ballte die Fäuste. Heiß glühende Wut und bittere Verzweiflung begleiteten seine Gedanken, als er Ease aufhalf.
‚Ist bei dir endlich der Blitz der Erkenntnis eingeschlagen, Bengel?', fragte der Blade und straffte sich. Er spürte bereits, wie sich seine Kieferknochen allmählich richteten. Trotzdem würde es noch einige Zeit brauchen, bis er wieder laut sprechen können würde.
‚Der Commander… Adder hat mich angeschaut wie ein Stück Dreck in der Nebelkammer', entrüstete sich Tender, ‚als wäre ich das Widerlichste, was er je gesehen hätte!'
‚Und du wolltest so unbedingt wieder hierhin zurück', meinte Ease und schüttelte den Kopf, was er sofort bereute. Die Bewegung bereitete ihm noch weitere Schmerzen.
‚Nicht mehr', gab Tender wütend zu, ‚ich weiß jetzt, wo mein Platz ist, Sir… Meister.'
‚Sir genügt für den Anfang', meinte Ease und wendete sich mental an Hasten: ‚Was ist mit dem Commander?'
‚Bisher nichts', gab Hasten zurück, ‚obwohl… doch, da tut sich etwas!'
Etwas später wurde auch Guide unter den Armen gepackt zu ihrer Zelle geschleift und achtlos hinein gestoßen. Gemeinsam halfen sie ihm auf und Ease meinte trocken: ‚Na? Dieses Mal scheinst du nicht so viel Spaß gehabt zu haben!'
‚Zunächst schon', gab Guide giftig zurück, ‚aber dann… diese Königin hat Bedürfnisse und Gelüste, die ein einzelner Wraith gar nicht in der Lage ist zu erfüllen – und am Leben zu bleiben. Ich weiß überhaupt nicht, warum Adder so darauf besteht, der einzige… lassen wir das. Viel schlimmer ist, dass sie mir unseren Plan B nicht geglaubt hat.'
Ease legte den Kopf schräg und sog scharf die Luft ein bei den daraufhin folgenden Schmerzen im Kiefer. ‚Nur für Unbeteiligte wie mich: was ist Plan B? Und was war Plan A?'
Guide schaute den Meister der Drohnen skeptisch über seinen Nasenrücken hinweg an, dann antwortete er: ‚Plan A war, Mirage zu warnen und sich mit ihr zu verbünden. Da die aber schon mit Dreamer verbündet ist, kam Plan B ins Spiel: Dreamer vorzumachen, Snow wolle sich ihr anschließen weil sie erkannt hätte, wie schwach Raven ist.'
‚Du hast unsere Königin als Verräterin hingestellt?', fragte Ease entgeistert und ballte die Fäuste, ‚wie konntest du nur?'
‚Reg dich ab, Dreamer hat mir eh nicht geglaubt. Anscheinend war Nightlily eine Spionin und ihr Überlaufen vor einiger Zeit inszeniert, darum traut ihre Hinterhältigkeit im Moment keinem mehr über den Weg', winkte Guide ab, ‚und was ist mit dir geschehen?'
Ein Rumpeln durchfuhr den Hive, auf dem sie sich befanden, dann hörten sie ein gedämpftes elektronisches Geräusch und ihnen wurde wackelig in den Knien. „Was war das?", fragte Hasten und rang mit dem Gleichgewicht.
„Plan C", antwortete Guide und schüttelte die Benommenheit ab, „nun sollte es nicht mehr lang dauern…"
‚Plan C? Was ist das nun schon wieder?', fragte Ease und rappelte sich vom Boden auf.
‚Warte es einfach ab', gab Guide zurück.
Wenige Minuten später hörten sie Schüsse im Gang, dann stand Bonewhite mit gewohnt ausdruckloser Miene vor ihrer Zelle. „Das Signal deines Senders ist beinahe zu schwach", sagte er an Guide gerichtet und öffnete die Gittertür. Ihn begleitete ein halbes Dutzend Drohnen und zwei Blades, die Ease bisher nur wenige Male gesehen hatte.
„Würde er stärker senden, hätte man ihn sofort entdeckt – was ist mit Lightning?", fragte Guide, während sie ihre Zelle verließen.
„Glaubt, ich würde Deeper bei der Ernte helfen", antwortete Bonewhite knapp.
„Ah, gut", meinte Guide und gemeinsam rannten die Wraith so schnell es ging zum Hangar und zum Sternenring des Hives, von dem sie nun bereits zum zweiten Mal türmten. Überall auf ihren Weg lagen Betäubte in den Gängen und niemand stellte sich ihnen entgegen.
Vor dem Sternenring gab es einen Krater von gut fünf Schritten im Durchmesser im Boden und Hasten schüttelte den Kopf. „Wir müssen an dieser Betäubungsbombe noch wesentlich mehr verbessern!"
„Ach, glaubst du wirklich?", knurrte Guide, während Bonewhite eine Adresse anwählte, die sie auf einen neutralen Planeten bringen sollte, falls sie doch verfolgt werden würden.
Als sie aus dem Wurmloch heraustraten, empfingen sie Vogelgezwitscher, eine gerade aufgehende Sonne und Morningstar und Blueface, die sie entsetzt anstarrten.
„Hast du die etwa auch mitgenommen?", fauchte Guide Bonewhite an, der nur den Kopf schüttelte.
„Äh… Sir?", fragte Morningstar, „wir wollten gerade zurück auf unseren Hive…"
„Wo sind wir hier?", knurrte Guide und Bonewhite, Morningstar und Blueface antworteten gleichzeitig: „Bei den Häusern der Toten…"
Eine Erschütterung durchfuhr den Hive und Snow sprang auf. „Was ist das jetzt?"
Ease lauschte kurz ins mentale Netzwerk und antwortete: „Wir sind im Kampfgebiet angekommen, meine Königin…"
A/N: Tadaaa! Ab jetzt geht es wieder im normalen Erzählstil weiter. Mal gucken, ob ich diese Story noch zu Weihnachten fertig bekomme… ;)
