Epilog
Morningstar kniete vor Snow und wagte es nicht, den Blick zu heben.
„Das war das letzte Mal, dass du es gewagt hast, etwas im Namen deiner Mutter zu unternehmen", befahl Snow kühl, „du hast dich mir angeschlossen und damit unterstehst du auch meiner Autorität – und nur meiner, verstanden?"
„Ja, meine Königin", antwortete der Meister der Clevermen zerknirscht. Sein Fehler war ihm durchaus bewusst – auch wenn seine Handlungsweise letztendlich zum Sieg in dieser Schlacht geführt hatte.
„Geh mir aus den Augen", sagte Snow frostig, „finde heraus, was man mit Ease angestellt hat und hilf ihm!"
Morningstar nickte knapp, dann erhob er sich, ohne den Blick zu heben und verließ eilig den Thronsaal. Von der Primary hatte er bereits kurz nach der Schlacht eine ähnliche Mitteilung erhalten, allerdings etwas schärfer formuliert. Er hätte nicht sagen können, was ihn mehr verletzte: die offene Wut seiner Mutter oder die noch größere Distanz, die Snow nun zu ihm aufgebaut hatte. So kalt… kalt wie Schnee, dachte er und fröstelte innerlich.
„Nun zu euch", meinte die Königin und wendete sich an Blueface, Bonewhite und Guide, die noch als letzte mit gesenkten Köpfen vor ihrem Thron standen. „Euch ist es zu verdanken, dass wir vorgewarnt waren was den Verrat von Darkmoon und Mirage angeht. Auch ist es euer Verdienst, dass sich Silverfox entschlossen hatte, auf unserer Seite mitzukämpfen. Aber…"
Guide trat einen Schritt vor und unterbrach: „Meine Königin… Cleverman Blueface hatte nichts mit dieser Sache zu tun. Ich bitte Euch…"
„Nichts zu tun?", zischte Snow und sprang von ihren Thron auf, wobei ihre schwarzen Röcke aus Leder und Seide rauschten, „Wer hatte denn die Manipulationen in den Übertragungen entdeckt? Den Anwahlcode für Nightlilys Hive herausgefunden? Wer hatte den Sprengsatz mit dem Zeitzünder unter den Arrow gebaut? Und wer war es, der die Betäubungsbombe so programmierte, dass der halbe Hive von Dreamer damit für eure Rettungsmission kurzfristig aus dem Verkehr gezogen wurde? Der Subraumpeilsender? Er war an allem beteiligt!"
„Aber er handelte nur auf Anweisung, meine Königin", ließ sich Bonewhite ruhig vernehmen und trat ebenfalls einen Schritt vor, „er konnte nicht wissen, dass dies alles nicht mit Euch abgesprochen war."
Wütend fixierte die Königin den Taktikoffizier und trat direkt vor ihn, zwang ihn, ihr in die Augen zu sehen, als sie knurrte: „Wer Guide und dich länger kennt, sollte wissen, wie eigenmächtig ihr handeln könnt… wahrscheinlich wirst du jetzt auch noch behaupten wollen, dass es deine Idee war, den Sternenring zu blockieren, damit Guide genug Zeit und eine Ausrede hatte, um mit dem Arrow zu Mirage zu reisen! Oder dass nur du dafür verantwortlich bist, dass Silverfox über ihre verstümmelten Mitteilungen und den Verrat von Darkmoon aufgeklärt wurde? Ganz sicher warst es nur du, dem in den Sinn kam, erneut auf den Hive von Dreamer einzudringen und zufällig unsere Leute zu befreien… von der Täuschung von Lightning einmal ganz abgesehen!"
„Eure Hoheit", begann Guide und räusperte sich, „auch Bonewhite handelte nur auf Anweisung – meinen Anweisungen. Er hätte sicherlich nie den Sternenring unseres Hives blockiert, wenn er gewusst hätte, dass er damit auch die Rückkehr der Clevermen Morningstar und Blueface behinderte… die im Übrigen gar nicht unseren Hive hatten verlasse sollen, was…"
„Still!", verlangte Snow donnernd, „Ihr beide habt die ganze Aktion zusammen ausgeheckt – du und Bonewhite! Und Blueface ist euch gefolgt! Ebenso wie diesem impertinenten Morningstar! Er bleibt hier und wird selbst sehen, wie es ist, wenn man mir nicht gehorcht!"
Sie zwang Guide und Bonewhite mental auf die Knie, bis die beiden Blades nach Luft schnappten und sich an die Kehlen griffen. „Und das ist erst der Anfang…" An Blueface gerichtet meinte sie: „Schau genau hin! Wenn die beiden dir das nächste Mal auffällige Befehle erteilen, wirst du mich gefälligst verständigen, klar soweit?"
Blueface nickte hektisch und unterdrückte ein Wimmern. Es tat ihm in der Seele weh, die beiden einzigen Blades, die er je wirklich respektiert hatte, so derart gedemütigt zu sehen.
#*#
Einige Stunden später hatte Morningstar seine Testreihe an Ease abgeschlossen und seufzte. „Ich habe eine gute und eine fürchterliche Nachricht…"
Ease setzte sich auf dem Untersuchungstisch auf und schloss Hemd und Mantel. „Sie wissen, was man mir verabreicht hat aber Sie können nichts dagegen tun?"
Der Cleverman schüttelte den Kopf. „Ja und nein. Ich weiß nicht genau, was für Mittel Ihnen gespritzt wurden, aber ich kann die angerichteten Schäden mit regelmäßigen Gaben von pulverisierten Garbatonkristallen reduzieren, was auf jeden Fall die Übelkeit innerhalb kürzester Zeit beheben sollte."
„Nun… das klingt doch gut", meinte Ease und sprang vom Tisch, „was soll daran so fürchterlich sein?"
In Morningstars Gesicht zuckte es kurz, dann verwies er mit einer Kopfbewegung die anderen Clevermen des Zentrallabors und ließ die Türmembran von außen schließen. „Garbaton hat Nebenwirkungen. Im Bereich der Fertilität."
Ease legte den Kopf schräg. „Ich verstehe nicht…"
„Es ist…", Morningstar atmete tief durch, „Sie werden weiterhin in der Lage sein, den Akt der Paarung zu vollziehen, nur… wird die Königin bereits nach der ersten Dosis nicht mehr von Ihnen empfangen können. Nie wieder."
Ein Schlag in die Magenkuhle hätte Ease nicht mehr treffen können als diese Mitteilung. Das Blut rauschte in seinen Ohren, seine Finger und Füße wurden eiskalt, dann riss er sich zusammen und meinte leise: „Das ist nichts, was ich allein entscheiden sollte."
Morningstar nickte schweigend und ballte die Fäuste, nachdem Ease gegangen war. Der Blade war niemand, den er besonders gemocht hätte – er wurde oft genug von Ease in der Öffentlichkeit bös kritisiert, aber so ein Schicksal hatte er nicht verdient. Immerhin konnte seine Unfruchtbarkeit den Rauswurf aus der Zenana bedeuten. Ich werde herausfinden, was genau mit ihm geschehen ist, schwor der Cleverman bei sich, und dann werde ich eine Möglichkeit finden, ihm anders zu helfen! Er wendete sich seiner Konsole zu und speicherte die Testergebnisse auf einem einzigen Datenkristall ab, den er an sich nahm.
#*#
„Dieses Mal haben wir es wohl wirklich zu weit getrieben", stellte Guide fest.
Bonewhite antwortete nicht, sondern knurrte nur ungehalten. Ihm dröhnte immer noch der Schädel und er war nicht sonderlich in Stimmung für eine Unterhaltung.
„Andererseits… wenn ihr nicht so viel an uns liegen würde, hätte unsere Bestrafung noch ganz anders ausgesehen", meinte Guide und lächelte verschmitzt.
„Tz…", kam es Bonewhite unbeabsichtigt über die Lippen und er schüttelte den Kopf.
„Ach komm schon!", sagte Guide und stützte sich auf seinem Besen auf, „sie hat schon andere wegen weit weniger durch eine Luftschleuse entsorgen lassen!"
Wer sagt dir, dass mir das nicht viel lieber wäre?, fragte sich Bonewhite in Gedanken und bleckte die Zähne. Wenn er es durch seine vorbildliche Führung des Hives während der Wachen überhaupt geschafft hatte, in der Achtung der Königin zu steigen, so hatte er dies alles durch die Geschehnisse der letzten Tage auf jeden Fall verspielt. Snow würde ihn nie wieder bitten, ein Kleid für sie auszusuchen. Oder gar, es ihr am Rücken zu schließen…
„Rede gefälligst mit mir", forderte Guide und richtete sich zu seiner vollen Größe auf.
„Ich wüsste nicht, welches Thema ich im Moment mit Ihnen besprechen könnte, Sir", gab Bonewhite mit ausdruckloser Miene zurück und schob weiter Dreck zu den Rosten im Boden.
„Ah, ist es wieder soweit, ja? Elender Dickkopf!", knurrte Guide und fletschte die Zähne, „Ich hätte dich und deinen Bruder schon damals jedes Mal übers Knie legen können, wenn ihr mit diesem Unsinn angefangen habt!"
„Uh", erklang es von der Tür, als Blueface eintrat, „uuuuhhh!"
„Was willst du denn jetzt hier?", fauchte Guide, dem es gar nicht zusagte, dass der kleine Cleverman ihn nun auch noch beim Säubern der Nebelkammern sah – der ekelhaftesten und entwürdigensten Strafe an Bord eines jeden Hives.
„Ihnen helfen, Commander", antwortete Blueface nasal und atmete nur kurz und wenig, um nicht zu viel von dem Gestank einzuatmen.
„Tut mir Leid, wir haben leider keine Besen mehr hier", knurrte Guide, „außerdem wird unsere Königin es gar nicht gern sehen, wenn auch du hier schuftest! Immerhin hat sie dich ja mehr oder weniger freigesprochen…"
„Ich habe auch nicht vor zu fegen", entgegnete Blueface und würgte bei den Ausdünstungen, die ihm aus dem Schlamm am Boden der Kammer entgegenschlugen, „ich war so frei, etwas mitzubringen, das wir auf meinem alten Hive für solche Tätigkeiten öfter benutzt haben…"
Guide runzelte die Stirn und auch Bonewhite hörte auf zu fegen und schaute auf.
„Es ist ein Pulver… hauptsächlich Kirakstaub, aber noch einige andere Zutaten", erklärte Blueface und zog ein Säckchen aus seinem Mantel hervor, „einer meiner älteren Schlupfbrüder hatte dieses Mittel entwickelt. Es verwandelt den Schlamm innerhalb weniger Minuten zu einer klaren Flüssigkeit, die vom Hive ohne weiteres absorbiert werden kann. In den Pumpen wird etwas Ähnliches verwendet, allerdings ist dieses spezielle Pulver zu aggressiv, um es dauerhaft einzusetzen." Er öffnete den kleinen Beutel und streute etwas blau glitzernden Staub auf den Boden vor seinen Füßen, dann trat er etwas zurück.
Fasziniert beobachteten Guide und Bonewhite, wie der Schlamm sich dort zu einem zischenden Schaum entwickelte und in einem immer größer werdenden Kreis den Dreck in harmlosen – und vor allem geruchsneutralen – Schleim umwandelte. Tatsächlich war die Nebelkammer, in der die beiden Blades zur Strafe hatten fegen müssen, in wenigen Augenblicken blitzblank. Nur sie selbst rochen noch unangenehm.
Blueface schnupperte an Bonewhites Ärmel und verzog das Gesicht. „Da hilft nur ein Bad…"
„Ja… was auch sonst…", stöhnte Bonewhite auf.
Guide lachte und schlug Blueface und seinem alten Freund freundschaftlich auf den Rücken. „Dann auf zur nächsten Lagune! Ich kann es gar nicht erwarten, diesen Dreck loszuwerden!"
ENDE
A/N: Ha! Doch noch zu Weihnachten geschafft! Die nächste Geschichte ist bereits in Planung, dieses Mal wieder mit Fever, der seinen Bruder in den Irrsinn zu treiben versucht. Titel weiß ich noch nicht, aber in den nächsten Tagen wird sich wieder etwas von mir tun.
Ich wünsche euch auf jeden Fall schon mal einen Guten Rutsch in 2013 – kommt gut rein und lasst euch nicht ärgern! Eure Silberkugel ;)
