Kapitel 2.
Es ist seltsam, wie sehr Schmerzen einen von einer Sache ablenken lassen können. Er nistet sich in den Kopf ein und überschattet alle Gedanken. Man kann also nicht anders als an ihn denken ...
Es war mittlerweile die zweite Stunde bei Mrs. Fischers und Kurt hatte ernsthafte Probleme still zu sitzen. Keine Position, die er bis jetzt ausprobiert hatte, ließ den schmerzhaften Druck auf seinen geschundenen Rücken besser werden und er bewegte sich hilflos in seinem Stuhl herum. Bedacht darauf die Lehne auf keinen Fall zu berühren und eine Position zu finden, die seinen Rücken entlastete. Vergebens
Er würde im Moment alles dafür Geben zu Hause zu sein in einer heißen Badewanne oder mit einer warmen Wärmflasche am Rücken. Er drückte sein Kreuz ein weiteres Mal durch und verkniff sich ein Wimmern. Noch knapp eine halbe Stunde dann wäre die Stunde zu Ende. Santana , die in der Reihe hinter ihm saß, trat ihm gegen den Stuhl, sodass die Lehne ihm wieder gegen seinen Rücken stieß. Der Schmerz flammte erneut auf und er verkrampfte seine Hände an der Tischkante, die Zähne in seiner Unterlippe vergraben, um einen Aufschrei zu vermeiden. Innerlicht fluchte er lauthals auf.
Das geflüsterte „Hey! Lady-face! Hey!", ignorierte er gekonnt und ließ seinen starren Blick nicht von der Tafel weichen. Er hatte im Moment andere Sorgen und definitiv keine Lust ein weiteres fragliches Kommentar von ihr zu seinem „merkwürdig steifen Gang" zu hören. Seit Sie ihn heute Morgen dabei erwischt hatte, wie er versuchte „schmerzfrei" zu laufen, was ungefähr so elegant aussah wie ein watschelnder Pinguin, war sie ihm nicht von der Seite gewichen und bombardierte ohne ihn zu Fragen mit Thesen und Vermutungen, wie er zu diesem für sie verdächtigen Gang gekommen war. Zu seiner Verteidigung: Er hatte wirklich gedacht ihm würde keiner dabei zuschauen. Es tat einfach höllisch weh mit zwei komplett blauen Arschbacken normal zu laufen und er wollte den Schmerz nur etwas lindern. Das hatte er jetzt davon
Bei Santana dreht sich immer alles um Sex, eine Person läuft etwas steif bzw. komisch herum: Sex, jemand überkreuzt mehrfach die Beine: Sex, jemand niest: Sex, und so weiter. Ihrer Meinung nach wurde Kurt auch schon mehrmals flachgelegt. Sie war ganz Stolz darauf und gab sich selber das ganze Lob dafür, denn sie hatte schon unzählige Male versucht ihn zu verkuppeln und Kurt hatte nicht das Herz ihr mitzuteilen, das er noch Jungfrau war und es auch erst mal bleiben wollte. Sein Vater hatte mit ihm vor einiger Zeit „Das Gespräch" gehabt und ihn zum Nachdenken angeregt. Er war definitiv noch nicht bereit sich so verletzlich vor jemanden zu zeigen und diesen ernsten Schritt zu machen, egal wie sehr ihn seine Umwelt drängte.
Sein Vater hatte ihm gesagt er solle sich nicht herumgehen lassen als würde er nichts Wert sein und an diesen Satz hielt Kurt mit all seiner Macht fest, auch wenn immer mehr spürte, wie er in eine gewisse Richtung gedrängt wurde. Er glaubte nicht, dass es jemals so weit kommen würde, aber er hatte Angst dieses Letzte bisschen Kontrolle über sein Leben, seine Unschuld und seinen Körper bald auch noch zu verlieren.
Er seufzte auf und versuchte nicht daran zu denken und konzentrierte sich lieber auf trivalere Dinge in seinem Leben. Heute war definitiv nicht sein Tag. Das Haar Drama von heute Morgen, seine Haare hatten sich strikt geweigert die gewünschte Form frisieren zu lassen, , kombiniert mit dem komplett verhauenen Test, den er heute in Chemie zurück bekommen und der Aussicht, dass Karofski nach der Stunde auf ihn wartete, ließ seine Laune eisige Temperaturen annehmen.
Er tat es schon wieder.
Er konnte ihm nicht Mal in seinen Gedanken entkommen! Er spürte einen Druck hinter den Augen und blinzelte ein paar Mal um ihn zu lösen. Für ihn fühlte es sich an als würde er ersticken. Er war überall, in seinem Leben, seinen Gedanken, seinen Träumen. Albträumen. Es war ihm als würde er kein Entkommen finden.
Mit zittrigen Fingern kniff er sich in den Oberschenkel und atmete lang und tief aus.
Der Schmerz half ihm einen klaren Kopf zu fassen. Er war also doch zu etwas gut, dachte Kurt und lächelte grimmig.
Er ließ seinen Blick ohne wirklich auf etwas zu Achten durch den Raum schweifen, bis etwas Glänzendes seine Aufmerksamkeit erhaschte
.
Wenn es um Haarprodukte ging, war Kurt immer ganze vorne dabei. Haarspray war sein bester Freund und auch Haargel wurde ab und an benutzt. Was jedoch nicht bedeutete, dass Kurt diesen Verstoß gegen womöglich jede Haarpflegeregel die es wohl gibt, gut hieß. Blaine Andersons Rechnung im Drogeriemarkt muss gigantisch sein, nahm Kurt an.
Nicht nur waren seine Haare komplett an seinen Kopf geheftet und fast schon zu sauber gescheitelt, nein sie glänzten auch wie eine Speckschwarte. Er schüttelte seinen Kopf kaum merkbar und fragte sich, ob kleine Papierkügelchen wohl auf seinem Kopf festkleben würden, wenn er sie werfen würde. Als hätte er seine Gedanken gelesen drehte Anderson in diesem Moment seinen Kopf herum und warf einen kurzen ausdruckslosen Blick auf Kurt, der die in seiner Hand liegenden Papierkügelchen mit einem unschuldigen Lächeln zur Seite auf den Boden fallen ließ. Anderson verengte seine Augen und drehte sich mit einem letzten warnenden Blick wieder nach vorne um mit Mrs. Fischers, die gemerkte hatte, dass ihr wohl keiner außer Blaine in diesem Raum zuhörte außer, ein Gespräch anzufangen. Die Dame schien von dem, was auch immer Anderson ihr sagte, ganz beeindruckt zu sein und nickte immer enthusiastisch mit und setzte sich auf einen Stuhl ihm gegenüber.
Anderson selbst saß aufrecht wie ein Stock und hatte die Hände flach auf den Tisch gelegt. Die eine Hand war mit einem Verband zweckmäßig verbunden worden und lag etwas gekrümmt aber unauffällig dar.
Kurt schnaubte, was hatte er erwartet? Der Junge war ein wandelndes Stereotyp. Angezogen wie ein alter Mann, dicke Brille auf der Nase und das Gesicht immer in Büchern vergraben.
Und auf der sozialen Leiter ganz, ganz weit unten.
Mit ihm gesehen zu werden war quasi Selbstmord für Kurts hart erarbeitetes Ansehen an der Schule. Aber andererseits, wenn er die Nachhilfe nicht annehmen würde, würde er aus den Cheerios geworfen werden und das kam am Ende auf genau das gleiche heraus.
Es würde wieder genau wie früher werden und dafür war Kurt definitiv nicht bereit, dafür war der Aufstieg zu schwer gewesen.
Die Note in Chemie zeigte ihm auch wie dringend er doch Blaines Hilfe in dem Fach brauchte, egal wie sehr sich sein Stolz in ihm sträubte. Mit mehr lernen schien die Sache einfach nicht getan zu sein, er hatte ziemliche Probleme auch nur annähernd zu verstehen, was im Unterricht durchgesprochen wurde.
Er verzog seinen Mund etwas gequält und fasste sich den Gedanken, wenn die Schule vorbei war, Blaine in irgendeiner verlassenen Ecke zu fassen und mit ihm zu reden, da der Junge es scheinbar nicht geschafft hatte Kurt auch nur irgendeine Nachricht zu hinterlassen nachdem er gestern, wie ein besessener abgehauen war.
Was Kurt dabei am meisten ärgerte, war, dass er es doch war, der auf die Nachhilfe bestanden hatte, nachdem Kurt ihm das Angebot gemacht hatte, einfach mehr zu lernen. Kurt verstand nicht, was mit dem Jungen abging, im ersten Moment war er noch ganz ruhig und freundlich (wenn auch etwas distanziert) und im nächsten Moment erschreckend kalt und fast schon grob.
Er fröstelte jetzt noch, wenn er an den Blick dachte, den er ihm zugeworfen hatte. Als würde er ihm am liebsten eine reinhauen. Und das Schlimmste daran war, Kurt hätte es ihm in diesem Moment zugetraut. Irgendetwas in seinem Blick verriet ihm, dass es nicht das erste Mal war, dass er jemanden Schmerz zugefügt hatte.
Ein weiterer Tritt von Santana riss ihn aus seiner Trance und er bemerkte Blaines Blick erneut auf sich. Mit heißem Gesicht wand er sich ab und funkelte Santana an, die sich unschuldig die Nägel feilte und ihn von unten heran anschaute. „Wird aber auch mal Zeit Süßer. Ich versuch schon die ganze Zeit mit dir zu reden.", sie beugte sich vor und legte die Feile klackend auf den Tisch. „Wie war ist das Gerücht von dir und McGelpants da vorne. Ich hörte da was von Nachhilfe" Kurt runzelte die Stirn und rieb sich unauffällig den schmerzenden Rücken.
Er war erstaunt, wie schnell die Neuigkeit die Runde gemacht hatte, und nahm sich vor mit dem herumschnüffelnden Schulreporter Jacob Ben Israel mal ein Wort zu wechseln. Er wusste doch, dass der Schatten vor dem Fenster in Sues Büro einem kleinen Afro geähnelt hatte. Diese miese Ratte hatte seine Nase aber auch in jeder Scheiße stecken.
„Da gibt's nichts zu erzählen, ich falle in Chemie und Mathe durch und werde aus dem Team geschmissen, wenn mir Anderson keine Nachhilfe gibt", zischte er und klackte mit seinen fein manikürten Nägeln an das Stuhlholz seiner Lehne. „Lass mich raten er hat sich vor Aufregung und Freude noch in Sues Büro in die Hosen gemacht! Du bist der feuchte Traum jedes Schwulen Jungens, er muss Luftsprünge gemacht haben! Lass hören!", sie leckte sich grinsend über die Lippen und beugte sich weiter nach vorne Mercedes neben ihr, Tat es ihr gleich. Die beiden Augenpaare machten ihn nervös und er leckte sich nervös über die Lippen.
Er schaute sich kurz um und beugte sich noch etwas weiter vor. Warum auch nicht, wenn sie was zum Tratschen wollten, würde er ihnen etwas geben. „Eher im Gegenteil. Sue musste ihn mit irgendetwas erpressen, bevor er zustimmte. Sie besitzt scheinbar eine Akte über ihn, die er auf jeden Fall zerstört haben will. Sie hatte ihm gedroht sie irgendwie gegen ihn einzusetzen.
Auf Santanas Gesicht breitete sich ein breites Grinsen aus. „Na da sieh an! Mr. Saubermann hat Dreck am Stecken! Das nenne ich doch mal einen Skandal! Hast du irgendeine Ahnung was da drinnen stand?", hakte sie nach und Kurt schüttelte den Kopf.
„Keine Ahnung er hat die Akte verdeckt, ich konnte nichts sehen."
Enttäuscht schnalzte Santana mit der Zunge. „Finde es heraus! Spionier bei ihm ein bisschen, wenn du mal Nachhilfe bei ihm hast! Das könnte der Skandal des Jahres sein!" Kurt schaute sie entgeistert an. „Ich soll in seinen Sachen herumwühlen? Also so tief bin ich auch nicht gesunken Süße." Santana warf ihm einen Blick zu, der nichts anderes als „Ach wirklich?" bedeute und Kurt rollte mit den Augen. In dem Moment läutete die Glocke und die Lehrerin vorne blinzelte verwirrt, als hätte sie damit nicht gerechnet. Sie lächelte Anderson entschuldigend an, richtete sich auf und machte sich zu ihrem Tisch auf. „Ich schau mal was sich machen lässt Tana", meinte er und warf einen letzten Blick auf Mercedes, die still danebensaß und seinem Blick auswich.
Sie hatte bis jetzt noch kein Wort mit ihm gewechselt und ihm verwirrend enttäuschte Blicke zugeworfen. Verletzt wand Kurt sich ab und sammelte sein Zeug zusammen, wenn sie nicht mit ihm reden wollte, zwang er sie nicht.
Im Moment konnte er sowieso keine Freunde gebrauchen, denen er erklären müsste, warum sein Leben im Moment so im Arsch war. Er brauchte kein Mitleid, sei es echt oder falsch und definitiv keine Freunde, die ihm sagen würden, dass er mit der Sache zu seinen Eltern oder dem Direktor gehen sollte. Es würde so oder so in einer Katastrophe enden und es war ihm lieber, wenn sein herzkranker Vater sich aus der Sache heraus halten würde.
Gerade als er durch die Türschwelle getreten war, wurde er am Arm gepackt und beiseite gezogen. Es war Blaine, der seine Bücher wie ein Schutzschild vor sich hielt und Kurt mit einem an Feindseligkeit grenzenden Blick anschaute. Seine grün gestreifte Fliege saß etwas schief und Kurt musste überrascht feststellen, dass es ihm in den Fingerspitzen kribbelte, sie ihm wieder zu richten. Woher kamen den diese Gedanken?
„Ich mach es schnell, damit du nicht länger mit mir gesehen werden musst, ich weiß ja, wie sehr du das hasst", bemerkte er höhnisch und fuhr fort. „Nachhilfe Morgen gegen 17 Uhr in der Stadtbibliothek", er machte Anstalten einfach an Kurt vorbei zu gehen, dieser aber hielt ihn mit zwei Fingerspitzen am Hemd fest und manövrierte ihn wieder vor sich. „Sorry aber Bibliothek ist schlecht. Da darf ich bzw. die ganzen Cheerios, nicht mehr rein seit wir dort einen nicht ganz erlaubten Auftritt mit „Can't touch this", hingelegt haben.", er wurde etwas rot an die Erinnerung von knallbuntem Polyester, Harems Hosen und nicht jugendfreien Hüftbewegungen. Peinlich war gar kein Ausdruck gewesen. Blaine schaute ihn wie von allen Geistern verlassen an und rieb sich dann die Schläfe.
„Aber wie schafft man es aus einer Biblio- ach egal.", er seufzte. „Kennst du Lima Bean? Das Cafe?", „vergiss es, ganz McKinley geht dahin." Zähneknirschend schlug Blaine noch ein paar weitere Orte vor und mit zunehmender Anzahl wurden auch seine Vorschläge lächerlicher ( er schlug doch tatsächlich den Zoo vor (!)) und seine Laune immer genervter.
Gerade als Kurt den Mund aufmachen wollte, um Blaine davon zu überzeugen, dass er nur über seiner Leiche im McDonalds Nachhilfe Unterricht bekommen würde, sah er über dessen Schulter hinweg wie die massige Gestalt von Dave Karofski an seinen Spind lehnte und die beiden mit unverhohlener Abscheu beobachtete. Er schien zu warten und gab Kurt mit einer auffordernden Kopfbewegung etwas zu verstehen.
Mit Angstschweiß auf der Stirn und von einer plötzlichen Panik erfasst richtete er seinen Blick wieder auf Blaine der ihn etwas besorgt musterte. „Alles-", „O-Okay Morgen um 17 Uhr bei dir Zuhause. Du hast meine Nummer, schick mir deine Adresse, bye!" Stotterte er schnell hervor und hastete an ihm vorbei, noch bevor er etwas erwidern konnte. Schüler schwirrten von allen Seiten herbei und machten es Blaine unmöglich Kurt auch nur mit dem bloßen Auge zu verfolgen als dieser sich durch die Menge kämpfte.
Als Karofski um eine Ecke herum verschwand, schaute sich Kurt schnell um, ob er beobachtet wurde, und folgte ihm etwas zögerlich hinterher. Am liebsten hätte er auf der Stelle kehrt gemacht und wäre in die Massen von Schülern verschwunden. Aber er tat es nicht, alleine aus Angst vor den Konsequenzen.
Mit gesenktem Kopf öffnete er die Hausmeister Tür, in die der andere Junge vor ein paar Sekunden eingetreten war. Kaum hatte er die Tür geschlossen wurde er schon von einer großen groben Hand gepackt und gegen die Tür geschmissen.
Er zischte schmerzerfüllt auf, als sein Rücken fest auf dem Holz aufprallte und ihm schossen heiß die Tränen in die Augen. Der Schmerz bohrte sich tief in ihn hinein und durchfuhr seinen ganzen, bereits schmerzenden Körper. Sein leises Wimmern wurde erstickt als Karofski ihm eine Hand in den Nacken legte, ihn brutal zu sich hochzog und seine Lippen fest auf seine drückte. Sie waren nass und schwabbelig. Tiefer Ekel durchfuhr Kurt und er konnte nicht anders als zu erschaudern.
Seine eine Hand griff fest in Kurts Haar, während die andere fest auf Kurts Hintern verweilte und ihn grob massierte. Beinahe sofort schnellte seine Zunge heraus und strich über die fest geschlossenen Lippen Kurts, der seine Augen zugekniffen hatte, um seine Tränen aufzuhalten. Karofski zog einmal kräftig an seinem Haaransatz und nutze den leisen Schmerzensaufschrei aus, um seine Zunge in Kurts Mund zu schlängeln.
Der Geruch von Schweiß und der Geschmack von Burgern und Pommes ließen bittere Galle in Kurts Mund aufsteigen und er schluchzte trocken. Es war nicht sein erster Kuss gewesen, den hatte Karofski schon vor Jahren von ihm gestohlen, aber es war dennoch schmerzhaft für den Jungen der eigentlich vorhatte seinen ersten Kuss von seiner großen Liebe zu bekommen. Karofski küsste mit einer rohen Gewalt, die ihn Blut schmecken ließ. Bisse, saugen und zu heftige Bewegungen waren keine Seltenheit. Kurt hatte es mittlerweile aufgegeben nach der „ wahren Liebe" zu suchen. Er würde niemals von einem Ritter in weißer Rüstung gerettet werden, soviel hatte er mittlerweile auch verstanden. Er war allein und würde es auch immer bleiben. Keiner würde ihn so mehr nehmen, zerbrochen, benutzt, demoliert. Er war die Mühe einfach nicht wert.
Nach einiger Zeit wurde von ihm abgelassen und er lehnte seinen Kopf so weit wie möglich von dem Gesicht des Athleten weg.
Er empfand es jedes Mal so ekelhaft, dass er sich erst einmal sammeln musste, damit er nicht auf seine Füße brach.
Der Luftmangel ließ seinen Kopf leicht werden und er musste mehrmals Blinzeln, um wieder scharf sehen zu können. Die Tränen standen ihm immer noch in den Augen. Zufrieden mit seiner Arbeit betrachtete Karofski die geschwollenen, von Blutergüssen gezeichneten Lippen. Er beugte sich erneut vor. Alles in Kurt sträubte sich aber er zwang sich stillstehen zu bleiben, vielleicht ließ er ihn ja in Ruhe, wenn er sich nicht mehr bewegte oder reagierte. Es war eine blöde Logik aber irgendwie hoffte er immer, dass es klappte.
„Warum zur Hölle redest du mit diesem Scheiß Streber, huh? Bin ich dir etwa nicht gut genug?", zischte Karofski zwischen zwei Küssen hervor und biss Kurt heftig auf die Lippe.
Dieser spürte, wie ein dünner faden warmen Bluts sein Kinn hinunter lief und schluckte. Seine Stimme versagte. Karofski knurrte wütend auf und schmiss Kurt diesmal gegen die Wand neben der Tür, wohl wissen, wie schmerzhaft es für den kleineren Jungen war. Schließlich war er es der für die Blutergüsse verantwortlich war.
„Antworte mir du kleine Schlampe bevor dein Rücken nicht nur grün und blau, sondern auch noch rot wird", drohte er und Kurt drehte seinen Kopf etwas weiter weg, als ein Schwall Mundgeruch ihm entgegen wehte.
„ I-ich...", er musste schlucken, bevor er weiter reden konnte. „E-Es ist nur Nachhilfe, ich falle durch und werde aus dem Team geschmissen w-, wenn er mir nicht hilft", wimmerte er leise. Karofski schien mit dieser Antwort zufrieden zu sein und drückte ihn wieder mit seinem gesamten Körper gegen die Tür. Sein Mund fand den blutigen Kurts wieder und küsste in erneut. Das Blut schien ihn nur noch mehr anzumachen und Kurt musste mit anhöre, wie er aufstöhnte und mit noch mehr Elan an die Sache heranging.
Wieder schlang die Zunge sich in Kurts Mund und wieder musste er die Galle herunter schlucken. Sein Rachen brannte.
Die eine Hand löste sich von seinem Nacken und wanderte schnell nach unten zu der anderen. Dabei betatschte er so viel Körperfläche wie möglich. Immer wieder kniffen und massierten sie seinen Hintern, bis er sicher war, auch dort noch mehr blaue Flecken zu bekommen. Es fühlte sich schrecklich unangenehm und schmerzhaft an und Kurt hatte Angst das Karofski das irgendwann Mal nicht genug war und er auch mal unter die Hose griff. Mit einem letzten herzhaften Biss in die Unterlippe und einem schmerzhaften Griff in den Schritt ließ Karofksi schließlich von ihm ab.
Sein Mund war geschwollen und zu einem breiten dreckigen Grinsen verzogen. Allein bei dem Gedanken das, das seinetwegen war, schauderte Kurt auf und ein paar mehr tränen schossen ihm in die Augen. Seine Sicht verschwamm immer mehr und er hielt die Luft an um den Schluchzer im Hals zu ersticken.
„Bis zum nächsten Mal Hummel", er hatte noch die Unverschämtheit zu Zwinkern, bevor er schnell die Tür aufriss und den Raum, mit einem Sprung im Schritt, verließ
Kurt wusste, dass er noch einige Minuten im Raum bleiben musste, damit die Leute nicht verdacht schöpften und meistens brauchte er diese Minuten auch um sich wieder zu sammeln. Nachdem Karofksi den Raum verlassen hatte ließ auch die Kraft in seinen Beinen nach und er sank an die Tür gelehnt auf den Boden. Sein ganzer Körper sackte in sich zusammen und er ließ die Luft raus, die er zuvor angehalten hatte. Er kniff seine Lippen fest zusammen um keinen Laut von sich zu geben, zuckte aber zusammen, als er den dumpfen Schmerz spürte, der von ihnen ausging.
Er fasste sie vorsichtig an und schloss resignierend die Augen, als er sah, wie sich Blut an seinen Fingerspitzen sammelte. Es fühlte sich an als wäre sein Mund vergewaltigt worden und er sah auch sicher so aus. Seine Schultern hoben und sanken unregelmäßig und schließlich schaffte der erste Schluchzer seinen Weg nach draußen. Verwirrtheit, Angst, Trauer, Wut alle Gefühle stiegen auf einmal hoch und überwältigten ihn.
Er hob seine Hand vor den Mund und umklammerte sein Gesicht, die Augen zugekniffen und ein stetiger Strom von Tränen fanden ihren Weg über sein Gesicht. All die zurückgehaltene Angst breitete sich kalt in ihm aus und ließ seinen Körper und Geist erzittern. Es war so schwer gewesen an der gleichen Stelle zu bleiben, während er sich an ihm vergriff. Sein ganzer Körper hatte geschrien und sich dagegen gesträubt.
Er hatte fliehen wollen, rennen aber zur gleichen Zeit hatte ihn die Angst gelähmt. Er konnte es einfach nicht.
Er erinnerte sich wie Karofskis großen Hände sich auf seinem Körper anfühlten und wie sein feuchter Mund sich auf seinen Zwang. Sein Geruch lag ihm immer noch schwer in der Nase und er hatte das Gefühl nach ihm zu riechen.
Es war alles einfach zu viel für ihn, er wollte das alles nicht. Mit jedem Mal wurden diese Episoden schlimmer und Karofskis Berührungen intensiver, es war als würde er auf etwas aufbauen und Kurt hatte immer mehr Angst davor. Was wenn er es wirklich irgendwann einmal durchziehen würde? Würde er um Hilfe schreien können? Würde Karofski ihn danach töten, sowie er es versprochen hatte, als er ihn das erste Mal bedrängt hatte? Würde es überhaupt jemanden interessieren? Würde sich jemand um ihn kümmern, wenn er irgendwo kaputt dalag? Abgenutzt und kalt? Würden sie den Kurt betrauern, der als Cheerleader auf der Pyramide stand, oder würden sie den Kurt vermissen, der es liebte Broadway zu singen und jede Woche mindestens ein Mal das Grab seiner Mutter besuchte, um darauf zusammenzubrechen und zu weinen? Wer würde mehr vermisst werden?
Er stellte sich diese Fragen jedes Mal wenn er sokurzdavor stand es selbst zu Ende zu bringen. Die Klinge, die Tabletten, das Seil in der Hand. Und immer hatte er das gleiche Bild vor Augen. Sein Vater, zusammengesunken auf der Couch sitzend. Die Hände vorm Gesicht und die breiten Schultern von Schluchzern durchschüttelt kurz, nachdem er von der Beerdigung seiner Frau nach Hause gekommen war und Kurt in sein Zimmer geschickt hatte. Kurt hatte sich damals auf den Treppen versteckt und kauerte sich auf den Stufen. Es war ein so bizarrer Anblick gewesen seinen Vater, der nie weinte, der immer Lachte, der so stark war das Er Kurt hochhob als wäre er eine Feder, nun wie ein Häufchen Elend in sich zusammensank und weinte. Damals wie heute brach ihm dieser Anblick das Herz und er wünschte sich, dass sein Vater nie wieder so etwas durchmachen musste. Und allein dieses Bild, dieser Gedanke zog ihn immer wieder an die Oberfläche und hielt ihn, wenn er drohte, wieder herabzusinken. Sein Vater würde zerstört werden, wenn er starb. Er war das Einzige, was er noch hatte. Und auch wenn Carol und Finn bei ihm waren wusste er, dass er das nicht wirklich verkraften würde.
Er schluckte und versuchte nach Luft zu ringen.
Seine Hände fanden, ohne das er es merkte ihren Weg zu seinem Oberschenkel.
Er drückte, drückte mit all seiner Kraft. Irgendwann trat der ersehnte Schmerz ein und er beruhigte sich etwas. Scharf und dumpf zugleich. Ein kleiner unauffälliger Blutfleck bildete sich, der aber in dem rot der Trainingshose nicht auffiel.
Nach kurzer Zeit bekam er seine Atmung wieder unter Kontrolle und die Angst war nur noch schwach in seinen Gedanken vorhanden, sie war immer da, wie ein schwaches Summen im Hintergrund. Es war als würden alle Gedanken und Gefühle aus ihm heraus strömen und die Leere hinterlassen, die er sich so sehr wünschte. Nichts zu fühlen hieß auch keine Schmerzen zu verspüren, keine Angst, keine Panik.
Er war wieder er selbst.
Mit ruhigen Fingern zog er einen kleinen Handspiegel aus seiner Tasche und versuchte es so gut es ging wieder herzurichten. Ein Kurt Hummel weinte nicht. Und schon gar nicht waren seine heiligen Haare zerwühlt. Mit einem letzten schweren Blick auf seine geschwollenen Lippen klappte er den Spiegel wieder zu machte sich daran sich mit schwachen Beinen wieder aufzurichten.
Er taumelte etwas, fing sich aber an der Wand ab und konnte sich aufrichten. Vorsichtig zupfte er etwas an seiner Kleidung herum, bis diese wieder in Form saß, und nahm seine Sachen vom Boden.
In dem Moment, als er aus dem Raum heraus trat, läutete es. Er runzelte die Stirn und zog sein Iphone aus der Tasche um einen Blick auf die Uhr zu werfen.
10:25 Uhr.
Er war länger weg gewesen, als er dachte, aber noch könnte er es in Englisch schaffen. Flink vergewisserte er sich, dass er die nötigen Bücher hatte und machte sich dann so schnell er konnte auf den Weg in seinen Raum.
Als er in den Raum trat, stockte seine Lehrerin in ihrem Vortrag und schaute ihn vorwurfsvoll an. Kurt speiste sie mit einem Kurzen: „ Coach Sylvester wollte etwas von mir", ab und setzte sich, ohne irgendjemandem ins Gesicht zu schauen auf seinen Platz in der letzten Reihe. Die Lehrerin schnalzte erbost mit der Zunge, wagte es aber nicht noch ein Wort an ihn zu richten und machte mit ihrem Unterricht weiter, der wegen ihm unterbrochen wurde. Die Ausrede mit Sue Sylvester zog jedes Mal, da es keiner der Lehrer wagte auch nur indirekt ein Wort gegen sie zu richten. Wenn jemand ein Problem mit den Cheerios anfing musste diese Person auch damit rechnen, dass Coach Sylvester persönlich in diesen Streit einmischte, und das wollten die meisten Vermeiden.
Der Rest des Tages zog an Kurt vorbei ohne, dass er etwas davon registrierte.
Sein Kopf war in Richtung Fenster gerichtet und er blendete die Stimmen der Lehrer aus, bis sie nur noch ein stetiges Summen im Hintergrund waren. Und obwohl er aussah, als würde er über etwas brüten, versuchte er seine Gedanken neutral und leer zu halten. Er legte seinen Kopf auf seine Hand und strich mit seinem Daumen kleine Kreise auf seinem Oberschenkel. Das schwache Ziehen half ihm seinen Kopf frei zu halten und beruhigte ihn weiter.
Als er dann schließlich aus Geometrie, seiner letzten Stunde des Tages, entlassen wurde, wollte er nichts lieber als sich in sein Auto zu setzen, nach Hause zu fahren und einfach mit dem Kopf vor raus in sein Bett zu fallen. Aber noch, bevor er auch nur in Richtung seines Autos gehen konnte, hatte Santana sich schon an seine Seite geheftet und zog ihn, ohne zu merken, wie er sich leicht dagegen sträubte, auf den Football Platz wo das Cheerio Training stattfand. Er stöhnte innerlich auf. Das Training hatte er total vergessen und er dankte Santana in Gedanken, da sie ihn von einer Strafe gerettet hatte, die schlimmer gewesen wäre als der Tod.
Er trennte sich von Santanas Griff und setzte sein überzeugendes Lächeln auf. „Geh schon mal vor Süße, ich muss noch schnell was aus meinem Schrank in der Umkleide holen.", er küsste sie auf die Wange und machte sich mit schnellen Schritten auf die Umkleidekabine der Mädchen auf.
Seit Sue ihn unter ihre Fittiche genommen hatte, hatte er einen speziellen Platz in der Mädchen Umkleide gewonnen, den er dann auch dankend annahm. Sie wusste genau, wie schwer Kurt es mit den Jungs der Footballmannschaft hatte, die zur gleichen Zeit Trainierten wie die Cheerios und ihm das zu ersparen war einer der vielen Versuche gewesen ihn zu schützen. Denn auch wenn Sue Sylvester von außen einem unnahbar und kalt vorkam, machte auch sie sich Sorgen. Das war auch einer der Gründe, warum sie ihm diesen Platz in der Mannschaft angeboten hatte, dass er flexibel war und singen konnte war ein glücklicher Zufall gewesen, der ihn schnell höhere Positionen einnehmen ließ.
Er war Co-Kapitän zusammen mit Santana Lopez und stand deshalb auch nur knapp hinter Quinn Fabray, dem eigentlichen Kapitän. Es war selten für eine Cheerleader Mannschaft einer dreier Spitze zu haben, aber für eine so große Gruppe an Mädchen klappte es hervorragend und wurde auch nicht hinterfragt.
Kurt selbst war in der Mannschaft ziemlich flexibel. Als Junge beteiligte er sich öfters an Springfiguren und warf die federleichten Mädchen in die Luft um sie wieder sicher aufzufangen. Außerdem war er selbst so leicht, dass auch er leicht von einigen Mädchen oder den wenigen anderen männlichen Cheerleadern, die eigentlich nur deshalb im Team waren und beim eigentlichen Auftritt eher im Hintergrund standen, hochgeworfen oder getragen werden konnte.
Er öffnete seinen Spind und nahm ein kleines Handtuch und eine Flasche Wasser aus dem Schrank warf einen kurzen routinierten Blick in den kleinen Spiegel, der an der Tür hing, und warf die Tür wieder zu. Seine Sachen lagerte er darunter ab und mit schnellen Schritten eilte er aus dem Raum und den Gang entlang der zu den Tribünen und dem Platz führte. Der eigentliche Footballplatz war im Moment vom Team belegt, welches Sit-ups und andere Aufwärmübungen machte während Coach Beaste sie kontinuierlich anschrie und in ihrer Trillerpfeife blies.
Er fühlte Karofskis Blick im Nacken, blickte aber starr geradeaus und machte sich ohne, dass er dem Team auch nur einen kleinen Blick zuwarf, in Richtung der Cheerios auf. Die Cheerleader hatten zwischen der linken Tribünenhälfte und dem eigentlichen Feld einen kleinen Fleck Rasen, auf dem sie ungehindert trainieren konnten, ohne mit den Jungs in Kontakt zu kommen. Was natürlich nicht hieß, dass beide Parteien sich nicht gegenseitig mit Blicken und flirtenden Verhalten ablenkten.
Als Kurt an dem Stück Grass ankam, befand sich die ganze Mannschaft im Moment auf dem Boden und führte komplizierte Dehnübungen aus. Sue hatte der Mannschaft den Rücken zugedreht und redete gerade auf Becky ein, die eifrig mitschrieb, was Sue ihr offensichtlich auftrug. So leise er konnte tippelte er dazu, setzte sich etwas außen ab und fing sofort an sich zu dehnen, als wäre er nie zu spät gekommen. Die anderen warfen ihm belustigte oder böse Blicke zu, die er mit einer hochgezogenen Augenbraue und einem „Bitchface", wie Santana es nannte, erwiderte.
Nach kurzer Zeit bemerkte er, wie sich jemand neben ihn setzte. Er blickte auf und war überrascht Mercedes zu sehen, die ihr Bein ausgestreckt hatte, und versuchte den Fuß zu fassen. Sie schien ihm etwas sagen zu wollen, schloss den Mund aber immer wieder, wenn sie zum Sprechen ansetzte. Nach einigen Minuten reichte es Kurt und er seufzte resigniert auf. Er hörte mit der Dehnübung auf in der er sich im Moment befand und schaute Mercedes genau ins Gesicht. „Was ist los?", fragte er und beobachtete, wie Mercedes sich etwas versteifte und dann auch schließlich ihre Hand wieder zu sich nahm.
„Okay, ich will dich was fragen Kurt. Und du musst mir ganz ehrlich antworten, okay?", sie spielte mit dem Saum ihrer Uniform und schaute Kurt abwartend an. Dieser war etwas überrascht über ihre Ernsthaftigkeit, nickte dann aber schnell. Mercedes holte Luft. „Bist du mit Absicht auf Blaines Andersons Hand getreten?", Kurt zog seinen Kopf zurück und schaute sie vollkommen entgeistert an.
„ I-ich meine ich weiß du würdest so etwas nie machen ... Aber du hast dich so verändert in letzter Zeit u-und... Als ich gesehen habe, wie du einfach weggegangen bist, nachdem du ihm wahrscheinlich die Hand gebrochen hattest, da hab ich mir halt schon irgendwie Gedanken gemacht und ...", sie hörte auf, als sie merkte, wie sie nur noch drum herum schwafelte, und schaute Kurt abwartend an.
Im ersten Moment hatte er keine Ahnung, von was Mercedes redete, aber er konnte sich dunkel daran erinnern, wie er Blaine auf dem Boden im Gang gesehen hatte, als er gerade aus einem verlassenen Klassenzimmer gestürmt kam in dem Karofski und er die Pause verbracht hatten. Es war einer der schlimmeren Tage gewesen.
Karofski hatte die Absage von einer seiner Traum Universitäten bekommen, bei der er sich wirkliche Chancen ausgerechnet hatte, und besaß an dem Tag besonders schlechte Laune, die er natürlich an Kurt ausließ.Dieser Tag war der Grund, warum er sich kaum setzten konnte, ohne Schmerzen in seinem Unterleib zu verspüren. Dass er ihm auf die Hand getreten war, war keine Absicht gewesen. Und nun wurde ihm auch klar, warum der Junge plötzlich so böse wurde, als er seine Hand nebenbei erwähnt hatte. Natürlich dachte er, dass Kurt das mit Absicht gemacht hatte. Was sollte er auch anderes Denken?
Aber das er Anderson auf die Hand getreten hatte, hatte er gar nicht realisiert und sofort stieg sein schlechtes Gewissen auf. Natürlich war er nicht die netteste Person, aber ein Monster das andere körperlich verletzte, war er auch nicht.
Ja, er hatte sich in den letzten Monaten stark verändert.
Er stieg aus Glee aus, wendete sich von seinen Freunden ab und wurde zum Cheerleader. Auch stieg ihm die Sache mit Karofski langsam zu Kopf und er fühlte sich immer Hilfloser und überfordert mit der Sache. Sein Körper schmerzte mit jedem Tag mehr und mittlerweile konnte er nicht mal mehr im Schlaf dieser Qual entgehen. Es war einfach nur noch ein großer Aufwand für ihn jeden Morgen aufzustehen und den Tag über sich ergehen zu lassen.
Mit Freunden hatte er schon lange nichts mehr gemacht und er verbrachte die meiste Zeit in seinem Zimmer, abgeschottet von der Außenwelt und las, oder hörte Musik. Alleine zu sein nahm ihm den ganzen Stress von den Schultern, den er in der Schule ertragen musste und er fühlte sich wohler als in der Gesellschaft von anderen Leuten. Wenn er alleine war, konnte er der sein, der er sein wollte und nicht irgendjemand der zu allem ja sagte und sich den Entscheidungen der anderen unterordnete. Es war das einzige Stückchen Freiheit, was er in seinem Leben noch besaß.
Klar er fühlte sich einsam dabei, aber er hatte schon lange aufgegeben sich nach Beziehungen und Verständnis zu sehnen. Beziehungen konnte man nicht kontrollieren, sie verliefen unkoordiniert und daher unvorhersehbar. Sie konnten einem Freude machen, aber der Schmerz, der darauf folgte, war meist unerträglich. Zumindest für Kurt. Und Verständnis konnte er von keinem Erwarten. Keiner würde sich jemals in seine Lage versetzen können.
Ihm war auch klar das Santana, Brittany und Mercedes sein Verhalten bemerkte, es war ja schon ziemlich auffällig, aber das Mercedes wirklich von ihm dachte, dass er andere mit Absicht verletzte, traf ihn tief. Gerade sie müsse wissen, dass er keiner Fliege wirklich etwas zuleide tun könnte. Sie wusste von seiner Liebe zum Broadway, dem Singen, dem Hochzeitsplanen und all die anderen kleinen Dinge die sonst niemand wusste. Sie wusste jedoch nichts von Karofski und das sollte auch so bleiben.
Diese Sache musste er selbst durchstehen, alleine.
Aber sie war das, was er am ehesten eine beste Freundin nennen konnte und es tat weh sich einzugestehen das doch noch mehr alleine mit sich selbst war, als er eigentlich dachte.
Es war dumm von ihm zu glauben, dass es irgendjemanden interessierte, wie er sich wirklich fühlte, was er wirklich dachte und wer er tatsächlich war.
„Nein Mercedes. Ich bin ihm nicht mit Absicht auf die Hand getreten", erwiderte er und atmete tief durch, als er einen Druck hinter den Augen verspürte. Keiner würde ihn jemals wieder weinen sehen.
Mercedes atmete erleichtert aus und weitete ihren Mund zu einem Lächeln. „Hey, wie wär's du und ich könnten heu-", fing sie an, unterbrach sich aber selbst als Kurt aufstand und wegschaute. „Spar dir das", murmelte er und lief zur anderen Seite des kleinen Platzes, wo er sich wieder hinsetzte und ganz alleine seine Dehnübungen fortführte. Er hatte keine Lust etwas mit Mercedes zu unternehmen.
Wo war der Sinn dabei, wenn sie nur über belanglose Dinge quatschen konnten, die ihn weder interessierten noch weiter halfen. Er würde sie für einige Zeit meiden. Es hatte ihn wirklich verletzt, wie wenig sie ihn doch wirklich kannte und wie schnell sie verurteilte. Er brauchte nicht noch mehr emotionalen Ballast, den er herumschleppen musste und auf die Dauer waren Freundschaften eben genau das. Man investiert alles herein und bekommt nichts dabei raus. Es war klar, dass er das erst bemerkte, wenn es zu spät war.
Sue hatte sich mittlerweile Becky weggeschickt und stand nun neben einer großen Musik Anlage, ihr Megafon in der einen Hand und eine Stoppuhr in der anderen. „So ihr mickrigen Ausreden von Cheerleadern. Ihr tanzt jetzt so lange, bis ihr kotzt und die Sache hier perfekt läuft. 1 und 2 und-", sie drückte auf den Knopf der Anlage. Die Anfangssequenz von „ For Your Entertainment", von Adam Lambert tönte überlaut aus den Lautsprechern und die Cheerios versuchten so schnell wie möglich in ihre Positionen zu kommen, bevor die Choreografie anfing.
Kurt rappelte sich auf, schnappte sich den Stab, der am Seitenrand lag, und hechtete gerade noch rechtzeitig in Position.
Er stand im Mittelpunkt, die Mädchen standen in gekauerten Positionen genau neben ihm. Ihre Hände hielten ihn am ganzen Körper fest und spannten sich über seine Brust. Der Stab war vor ihm auf dem Boden. Der Takt änderte sich und Kurt fasste sich mit seiner Hand an den Mund, um sie dann seine Brust herunter zu ziehen. Die Mädchen bewegten dabei ihre Arme im Takt der Musik und streckten sich in pulsartigen Bewegungen.
Adam Stimme tönte nun aus den Lautsprechern und Kurt stampfte mit beiden Händen an dem Stab, drei Mal auf den Boden auf.
So hot out the box
Can we pick up the pace?
Turn it up, heat it up
I need to be entertained
Push the limit, are you with it, baby don't be afraid
Imma hurt you real good baby
Alle sanken gleichzeitig auf den Boden. Kurt in die Hocke und die Mädchen auf allen vieren, während sie sich in kreisenden Bewegungen nach vorne beugten.
Plötzlich erhob sich Kurt und schwang den Stab erst langsam nach rechts und dann langsam nach links. Die Beine der Mädchen der Bewegung synchron folgend.
Let's go, it's my show, baby, do what I say
Don't trip off the glitz that I'm gonna display
I told you, Imma hold ya down until you're amazed
Give it to ya till you're screamin' my name
Einige rollten sich dann nach vorne ab und sprangen dann mit einem seitlichen Rad zur Seite ab und machten eine Reihe von komplizierten Figuren. Kurt, der immer noch in der Mitte stand, bewegte seine Lippen zur Musik und versuchte die im Musikvideo vorkommenden Bewegungen Adams nach zu machen. Den Stab umherschwingend und immer wieder auf den Boden stampfend. Die ganze Gruppe musste sich das Video so oft anschauen, bis sie alles auswendig und die sinnlichen Bewegungen bis zur Perfektion kopieren konnten.
No escaping when I start
Once I'm in I own your heart
There's no way to ring the alarm
So hold on until it's over
Die Mädchen um Kurt herum sprangen in ihrer Sitzhaltung erst in den Spagat und anschließend fließend in eine Stand Position in der sie dann die eine Hand um ihren Kopf fassten und die andere Links ausgestreckt hielten. Mit Kurt zusammen bewegten sie ihre Hüften in ausladenden Gesten. Dieser schwang den Stab ein weiteres Mal, positionierte ihn dann zwischen seinen Beinen auf den Boden und Hüfte in die Hocke.
Er rollte seinen Körper nach vorne und die beiden Cheerios die ihn Flankierten bewegten sprangen mit zwei Flicflacs nach hinten ab, während die vorderen sich nach vorne gebeugt hatten und mit ihrem Hintern im Takt der Musik bewegten. Mit einer plötzlichen Handbewegung von Kurt, der sich wieder aufgestellt hatte und von einigen Mädchen Händen wieder betastet wird, spreizten die Seitlichsten ihre Beine wieder bis zu einem Spagat und sanken herunter. Die Anderen bewegten ihre Arme und Beine in der vorgegeben Choreografie und rollten ihre Hüften.
Oh!
Do you know what you got into
Can you handle what I'm 'bout to do?
'Cause it's about to get rough for you
I'm here for your entertainment
Santana und Brittany, die beide genau neben ihm standen bewegten sich näher an ihn heran und rieben ihre Körper an seinen. Er legte ihnen seine Hand auf die Brust und drückte sie erst runter und zog sie dann anschließend wieder hoch. Nun löste sich die Gruppe vollständig auf und bewegte sich eine großen Kreisform um Kurt herum, der eine typische Pose aus dem Video, mit dem Stock eingenommen hatte und ihn nun nach vorne ausstreckte und von links nach rechts schwang.
Oh!
I bet you thought that I was soft and sweet
You thought an angel swept you off your feet
But I'm about to turn up the-
Die Musik hörte mit einem Mal abrupt auf. Die Mädchen, die noch mitten in ihrer Tanz Choreografie waren, stoppten plötzlich und stolperten übereinander, sodass die meisten hinfielen und ausgestreckt auf dem Boden lagen. Sue griff nach ihrem Megafon und brüllte in voller Lautstärke herein. „Das war, um es mal gelinde auszudrücken, so sexy wie der Macarena im Altenheim, bei dem ich letzte Woche eingebrochen bin, um diesen Stock zu klauen!", Kurt schaute mit verzogenem Gesicht auf seine Hände und ließ den Stab ins Gras fallen. „Unser Ziel ist es Lamberts Skandal Auftritt bei den „Critcs Choice Awards" zu toppen aber so schlecht, wie ihr seid, müssten ihr die ganze Routine nackt machen, um auch nur ein bisschen sexy rüber zu kommen! Das wird alles noch mal gemacht! Sue Sylvester duldet kein Versagen! Und junge seid ihr Scheiße!", die Mädchen stöhnten auf und sammelten sich wieder.
Nach 2 Stunden, die sich für Kurt jedoch mehr wie 10 anfühlten, war das Training zu Ende und er dankte jedem Gott der ihm einfiel dafür. Sein ganzer Körper fühlte sich an wie ein ganzer großer Blauenfleck und jede Bewegung, ja fast jeder Atemzug tat ihm weh. Wie er sich noch auf den Beinen halten konnte, wusste er nicht. Er saß schweigend auf dem Boden und nippte immer mal wieder an seiner Flasche und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Über die Hälfte der Gruppe hatte sich bereits aufgelöst und er war fast der Einzige, der auf dem Platz übrig war. Mercedes hatte ihm einen letzten Blick zugeworfen und war dann zusammen mit Britney und Santana abgezogen.
Nachdem er sichergegangen war, dass absolut niemand mehr da war, rappelte sich Kurt auf und humpelte über den Platz in Richtung der Umkleiden. Der Platz war komplett leer, das Training des Football Teams hatte schon vor einer Stunde geendet und selbst die Coaches der Teams waren bereits gegangen. Die Umkleide war menschenleer. Kurt zog einen letzten Schluck aus seiner Flasche und überlegte ernsthaft hier zu duschen, als ihn eine kräftige Hand packte und gegen die Spinde drückte. Den Aufschrei konnte er sich dieses Mal nicht verkneifen, dafür waren die Schmerzen zu überwältigend und er presste seine Augen zu. Ein nasser Mund drückte sich auf seinen und noch bevor Kurt auch nur seine Augen öffnen konnte waren sie Weg und er schaute auf den breiten Rücken Karofskis, der ihm die Hand zum Gruß hob und mit erhobenem Haupt aus dem Raum stolzierte
Mit klopfendem Herzen und rauschenden Ohren stützte sich Kurt am Spind ab und fasste sich an den Mund. Er war überall. Überall und er konnte ihm nicht entkommen. Egal wie sehr er es versuchte. Er war immer da um ihn zu unterwerfen, ihn und seine Gedanken zu verschmutzen, ihn zu zerbrechen. Und er konnte es nicht verhindern, es nicht kontrollieren oder vorhersagen.
Er war machtlos.
Er öffnete den Spind mit zittrigen Fingern, griff zielsicher bis ans hintere Ende und zog eine kleine schwarze Schachtel hervor. Er drückte sie fest an sich und stolperte in eine Duschkabine herein. Er drückte den Hebel und ließ einen Schwall eiskalten Wassers über sich laufen. Der Schock brachte ihn mit einem Mal zurück in die Wirklichkeit und heiße Tränen schossen ihm in die Augen.
Verzweifelt wischte er sich mit der Hand über den Mund. Er war dreckig, schmutzig .
Er wollte wieder sauber werden.
Aber egal wie sehr er versuchte den Dreck von ihm zu wischen, er blieb haften, tief in seiner Haut versteckt und für alle außer ihm unsichtbar. Sein Schluchzer wurde von dem prasselnden Wasser übertönt. Sein ganzer Körper war durchtränkt und seine Haare fielen ihm in die Augen und Wasser tropften sein Gesicht herunter. Die Kälte schmerzte aber es war nicht genug.
Er brauchte es … Etwas … Irgendetwas … Etwas das hilft … Etwas das säubert.
Sein Blick fiel auf das Kästchen. Seine Hände flogen automatisch zu ihm und riss es auf. Die Klingen fielen heraus. Kurts Hände zitterten, als er eine der Klingen aufhob und in seine Hand presste, bis ein feines Rinnsal Blut seinen Weg auf den Boden fand. Mit der anderen Hand zog er seine klitsch nasse Hose herunter und sein Oberteil nach oben. Plötzlich wurde seine Hand komplett ruhig. Der Geist eines Lächelns umspielte seinen Mund und er führte die Klinge an seine Haut. Der erste Schnitt war immer der schmerzhafteste, aber auch der beste.
Immer und immer wieder fuhr er mit der Klinge über seine Oberschenkel, deinen Bauch, seinen Seiten. Mal tiefer mal leichter aber nie wirklich stoppend. Irgendwann, als seine Hand fast komplett rot war, stoppte Kurt. Er ließ die Klinge fallen und betrachtete sein Werk. Bauch und Oberschenkel waren mit roten Striemen übersäht, deren Blut von dem Wasser weggewaschen wurden. Zwischen den frischen roten Striemen konnte man einige alte und fast verheilte sehen die sich überschnitten und ein sonderbares Muster bildeten. Zärtlich fuhr er mit seinen Fingerspitzen einige nach und schloss die Augen. Er war ruhig, die Hysterie war komplett aus ihm verschwunden und er genoss diesen Moment. Dieser Schmerz war willkommen. Dieser Schmerz hatte er verursacht und gehörte nur ihm.
Manchmal war er stolz, dass er einen Weg gefunden hatte, mit seiner Situation umzugehen ohne das jemand es mitbekam und manchmal ekelte es ihn an. Er fühlte sich wie der König der Welt und gleichzeitig wie das letzte Stück Müll, aber er konnte nicht aufhören. Es war sein letzter Ausweg. Seine letzte Chance nicht den Kopf zu verlieren und durchzudrehen. Der Schmerz lenkte ab, ließ ihm einige Minuten der Seligkeit.
Er schenkte ihm Macht und das Gefühl die Kontrolle zu haben.
Er konnte bestimmen wann und wo er es tat, wie tief die Wunden waren und wie viele er sich zufügte.
Der Schmerz gehörte nur ihm und niemand anderem, auch nicht Karofski.
Er lehnte seinen Kopf an die Fließen der Kabine und wartete, bis das Wasser die letzten Spuren seines Ausbruchs weggewaschen hatte und seine Glieder starr werden ließ.
