Hallo!
Es tut mir sosososososososo SO leid, dass das neue kapitel so lange gebraucht hat :( Ich hab wirklich extrem viel zu tun gehabt, und hatte kaum Zeit zu schreiben. Das wird in Zukunft auch nicht viel anders sein, aber ich werde es versuchen :)
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„Im Jahr 1898 fanden Marie Curie und ihr Ehemann bei der Untersuchung von Uranblenden zwei neue Elemente, weiß zufällig jemand wie diese genannt werden?", mit erwartungsvollen Augen blickte Mr. Stark in die Reihen von Schüler, die ihm mehr oder minder mit offenen Augen entgegen starrten.
Die ersten Reihen waren totenstill und schauten ihn abwartend an, keiner von ihnen machte auch nur den Anschein seine Hand zu heben. Blaine, der seine gesunde Hand träge über seinem Kopf hielt und abwartete, rollte mit den Augen und räusperte sich. warf einen letzten enttäuschten Blick in die Runde und gab Blaine eine resignierende Geste, damit er antworten konnte. „Polonium und Radium?", gab Blaine wie von der Pistole geschossen zurück, schob seine Brille zu Recht und lächelte schüchtern nach vorne.
Natürlich war seine Antwort richtig, das wusste Mr. Stark und das wusste auch er aber Bescheidenheit kam immer besser an. Nicht einmal Lehrer konnten einen Besserwisser leiden. Das hatte Blaine in der siebten Klasse lernen müssen, als er eine ziemlich überraschende Rivalität mit seinem Klassenlehrer aufgebaut hatte. Dabei hatte Blaine den noch etwas jüngeren Lehrer andauernd verbessert, bis dieser irgendwann geplatzt war und Blaine für ständiges Hereinreden Nachsitzen verpasst hatte. Wozu er natürlich niemals aufgetaucht war.

Einer aus den vorderen Reihen äffte ihn mit verzerrter Stimme nach und der ganze Raum lachte. Erneut rollte Blaine seine Augen über dieses kindliche Verhalten und vergrub seinen Kopf wieder in seinem Chemie Lexikon. Genau deswegen hatte er sich nach ganz hinten gesetzt, obwohl es ihm schwerer machte, dem Unterricht richtig zu folgen. Am Anfang des Jahres hatte er in der ersten Reihe gesessen, so wie in jedem anderen Fach auch, aber nach einer Weile fingen seine Hintermänner an mit Papierkugeln auf ihn zu werfen und Müll in seine Schultasche zu stecken und er musste Mr. Stark bitten, ihn nach hinten zu versetzen. Dieser hatte ihn ganz mitleidig angeschaut und ihm einen Platz verschafft.
Mit einem lauten Knall ließ der Lehrer sein Buch auf den Tisch knallen und verschaffte sich sofort die ganze Aufmerksamkeit im Raum. „Ja das stimmt. Danke Blaine.", er räusperte sich und fuhr mit seiner Lektion fort. Mr. Stark war einer der wenigen Lehrer an dieser Schule, der sich etwas gegen das Mobbing einsetzte und auch nicht davor zurück scheute Strafen zu verteilen. Er hatte offensichtlich Mitleid mit Blaine und hatte schon des Öfteren versucht ein Gespräch mit ihm zu führen, was Blaine immer mit einem höflichen Lächeln ablehnte. Ihm war es, um es genau zu beschreiben, scheiß egal, was andere von ihm hielten. Das Mobbing beunruhigte ihn nicht im Geringsten und er sah die Sache auch nicht so schlimm. All der Hass, der ihm vorgeschoben wird, bestand nur aus Ignoranz und Neid und damit konnte er gut umgehen.

Nach einigen Minuten hob Blaine wieder seinen Kopf aus dem Buch hervor und legte es geschlossen neben sich. Den ganzen Stoff kannte er bereits schon gut genug und es machte keinen Sinn Mr. Stark zuzuhören, der den ganzen Stoff immer und immer wieder für alle anderen wiederholen musste. Er rückte in seinem Stuhl etwas nach hinten und bückte sich nach seiner Tasche, die er achtlos auf den Boden gestellt hatte, um sein Handy herauszuholen. Nick hatte vorgehabt ihm heute die Uhrzeit für die Nacht zu schicken und langsam wurde Blaine etwas unruhig. Er musste genau wissen, wann es losging, damit er rechtzeitig die Alarmanlage im Haus ausschalten konnte. Er hatte den Dreh langsam rausbekommen aber aus einigen Fehlschlägen hatte er gelernt immer etwas Zeit mit einzuplanen, um sicherzugehen. Er konnte nie wissen, ob seine Mutter in einem plötzlichen Anfall den Code wieder geändert hatte oder ob sein Vater die zerbrochenen Lampen bemerkt hatte.

Er richtete sich in seinem Stuhl wieder auf und dabei fiel sein Blick auf Santana und Brittany die in der Reihe neben ihm saßen und ihre beiden Hände miteinander verschränkt hatten. Santana hatte ihr Bein unter das von Brittany gelegt und rieb mit ihrem Schienbein kontinuierlich an Brittanys Wade. Beide hatten ein kleines geheimes Lächeln auf den Lippen und schauten sich immer verstohlen an, wenn sie glaubten, dass keiner sie beachtete. ,so etwas machen keine Freundinnen, auch keine besten', dachte Blaine und musste sich ein Lädchen wirklich verkneifen. Er fand es immer interessant wie viele Schüler es hier schafften ihre Orientierung geheim zu halten. Von außen mag es zwar aussehen, als wären er und Hummel die Einzigen, aber wenn man wusste, worauf man achten musste, konnte man viele dabei ertappen doch nicht so Hetero zu sein, wie sie vielleicht allen weiß zu machen versuchten. Und obwohl er Erpresser Material für einen Großteil der Schülerschaft in der Hand hielt, hielt er seinen Mund. Natürlich hatte er einmal mit dem Gedanken gespielt aber ihn dann doch schnell wieder verworfen. Es war etwas zu grausam Leute gegen ihren Willen zu outen. Gerüchte wanderten schnell und schwul sein in Lima kam einem Todesurteil gleich.

„HUMMEL! Das ist jetzt schon das fünfte Mal, dass Sie mir nicht zuhören wenn ich sie etwas Frage! Das war die letzte Warnung! Noch einmal und sie bekommen Nachsitzen von mir!", Blaine schaute überrascht auf und starrte auf den Hinterkopf von Hummel, der seinen Kopf etwas einzog und seine Schultern versteifte. Er hatte seine Beine unter dem Stuhl angezogen und sah im gesamten ziemlich unkomfortabel aus. „J-Ja", murmelte er und fuhr vorsichtig mit der Hand an eine Stelle am Hals. Blaine war sich nicht sicher, ob das Licht ihm nicht einen Streich spielte, aber er glaubte einen ärgerlichen dunklen Fleck unter seinen Fingern zu sehen, die die Stelle zu verdecken versuchten. Mit gerunzelter Stirn fuhr sein Blick die ganze Länge seines Halses ab, der in dem fluoreszierenden Licht immer anders schattiert war. Der Haut Ton passte auch nicht ganz und sah etwas verschmiert aus. , Ist das Schminke?", fragte sich Blaine und lehnte sich wieder im Stuhl zurück, nachdem er unbewusst etwas nach vorne gewandert war. Ihm war selbst nicht so ganz klar, warum ihn das plötzlich so interessierte, aber er war sich sicher, dass diese Flecken keine Knutschflecke waren. Sie hatten eher die Form von Handspuren und das beunruhigte ihn irgendwie. Trotz, dass die Flecken von einer scheinbar dicken Schicht Schminke überzogen waren, konnte man sie dennoch als deutliche Abzeichnungen erkennen. Blaine bezweifelte stark, dass sie aus irgendeiner Form von Liebkosungen hervorgegangen waren.

Hummels Kopf neigte sich leicht zur Seite und Blaine konnte nun sein Profil sehen. Sein Mund sah von der Seite angeschwollen, fast schon zerbissen aus und die Augen huschten immer wieder von der Tafel zu einem Punkt etwas weiter hinter ihm. Blaine folgte seinem Blick und musste mit Verblüffung feststellen, dass er auf Karofski ruhte, der Hummel mit einem gesichtsspaltenden Lächeln und dunklen Augen entgegen grinste. Mit seiner Hand vollführte er eine obszöne Bewegung, die Blaine nicht einordnen konnte aber definitiv von sexueller Natur war und hob seine Augenbrauen spottend an. Hummel erstarrte sichtlich und es schien als würde der Rest seiner ohnehin schon hellen Gesichtsfarbe erblassen. Schnell zog er seinen Kopf wieder nach vorne, verschränkte die Arme vor seinem Oberkörper und griff mit seinen Händen in seine Seiten, als würde er sich warmhalten wollen.
Oder schützen.

Angespannt schaute er kurz nach links und rechts, griff dann in sein Mäppchen und umklammerte etwas was Blaine aus der Entfernung nicht sehen konnte aber vage an ein kleines Döschen erinnerte. Ohne seinen Blick von der Tafel vor ihm weichen zu lassen, ließ er das Döschen leise in seine Hosentasche gleiten und darin verschwinden. Er machte sich kleiner in seinem Stuhl und zog seine Schultern nach vorne. Seine Anspannung schien sich zu verflüchtigen und er schaute etwas entspannter aus. Egal was es war, aber das Döschen, oder wohl eher ihr Inhalt schien ihn sichtlich zu beruhigen. Blaines Vermutungen gingen zwar eher in Richtung von Schmerztabletten aber auch Drogen wollte er nicht ausschließen. Er kannte Hummel zwar nicht, aber auch er hatte die Veränderung an ihm bemerkt. Schon seit Blaine auf die Schule gekommen war vor ein paar Monaten, war Kurt ziemlich sprunghaft und leicht zu verärgern gewesen. Aber seit einigen Wochen hatte sich etwas in seinem Verhalten geändert.
Er wirkte gehetzt, ängstlich und war noch Reizbarerer als sonst und verschwand des Öfteren mal zwischen den Stunden. Blaine konnte sich nicht vorstellen was im perfekten Leben von Kurt Hummel ihn zu solchen Veränderungen drängen konnte aber es musste etwas ziemlich großes sein, um solche Reaktionen bei ihm hervorzurufen. Es gab keinen triftigen Grund, warum ihn das alles so interessieren sollte. Er kannte Hummel nicht, hatte noch nicht einmal richtig mit ihm gesprochen und doch brannte die Neugierde in ihm. Er wusste nicht, was es war, was Hummel in diesen Zustand gebracht hatte, aber er wollte es herausfinden.

Blaine beobachtete, wie Kurt zaghaft seinen Arm hob und mit dem anderen fest seine Mitte umschlang. Die Finger krallten sich so tief ein, dass es fast schon schmerzhaft aussah.
Es dauerte einen Moment, bis der Lehrer ihn bemerkte.

„Ja Mr. Hummel?", Blaine konnte Hummel von seinem Platz aus nicht genau sehen, aber er musste ziemlich schlecht aussehen denn Mr. Starks Gesicht sah ziemlich besorgt aus und legte seine Lektüre auf den Tisch. Kurt räusperte sich einmal um seine Stimme zu finden. „Mir geht's nicht gut Mr. Stark, könnten sie mir vielleicht einen Hallenpass geben, damit ich zur Krankenschwester könnte?", seine Stimme war fest geschult und bildete einen starken Kontrast zu seinem bleichen, immer noch eingesunkenen äußeren. Aus den Augenwinkeln konnte Blaine Santana sehen, die sich zum ersten Mal von Brittany abwandte und mit gerunzelter Stirn zu ihm nach vorne schaute. Sie schien eben erst bemerkt zu haben, dass es ihrem Freund nicht gut ging, und stierte ihm nun besorgt auf den Hinterkopf.

„Ja natürlich. Sie sehen etwas blass um die Nase aus, ich denke es wäre aber besser, wenn sie jemand begleiten würde. Ich will ja nicht, dass sie mir auf dem Weg umkippen", er wartete kurz ab und schaute in die Klasse als würde er erwarten, dass sich einer dafür meldete.

Ein paar Plätze neben ihm schoss eine Hand in die Höhe und ein zufrieden grinsender Karofski richtete sich auf. „ich könnte das übernehmen, wenn sie einverstanden sind", meinte er und warf Kurt einen bedeutungsvollen Blick zu.
Dieser schrumpfte unbemerkt etwas mehr in sich zusammen und sah mit einem Mal nicht nur blass, sondern richtig grün aus. Trotz seiner Entfernung konnte Blaine das Zittern in seinen Fingern sehen. Mr. Stark schien etwas unschlüssig und wollte gerade zur Antwort ansetzen als Blaine einen Entschluss fasste und seine Hand hochschnellen ließ. Dieses Mal hatte er ausversehen seine verletzte genommen und zuckte bei dem plötzlichen Schmerz zusammen. Es tat immer noch extrem weh und schien auch nicht besser zu werden. „ I-Ich könnte Hummel zur Schwester bringen. I-Ich musste sowieso auf die Toilette. Außerdem ist es nicht so schlimm, wenn ich etwas Stoff verpasse.", er nahm seine Hand wieder runter, umgriff sie mit seiner anderen Hand um den Schmerz etwas zu lindern und biss sich auf die Lippen.
Blaine war noch nie ein besonders geduldiger Mensch gewesen. Wenn er etwas nicht wusste, eignete er es sich an. Wenn sich etwas vor ihm verbarg, machte er nicht lange herum und fand es raus. Und diese Ungeduld war es, die ihn schließlich dazu brachte freiwillig Zeit mit Kurt Hummel zu verbringen. Wenn er ihn mit zur Schwester begleitete, könnte er vielleicht herausfinden, was das für Flecken auf seinem Körper waren.

Sein Blick richtete sich auf Kurt, der sich in seinem Stuhl zurückgedreht hatte und ihn verständnislos mit weiten Augen und offenem Mund anstarrte. Karofskis Blick brannte wie Feuer auf ihm, und als er ihm in die Augen schaute, sah der Junge aus als wäre er bereit zu morden.
Der Raum war totenstill. Keine Lachte, keiner flüsterte keiner machte ein Geräusch. Alle hatten sich umgedreht und schauten nun auf Blaine.
Mr. Stark war der Erste der sich wieder fing und Blaine dankbar anlächelte, als hätte dieser ihm geholfen. „Das ist eine prima Idee Mr. Anderson. Mr. Karofski kann es sich leider nicht leisten auch nur ein bisschen Stoff zu verpassen bei seinen momentanen Noten", er lachte Karofski an, als hätte er einen Witz gemacht und kramte etwas auf seinem Tisch herum. Es war Blaine unbegreiflich, wie er diese unangenehme Anspannung im Raum ignorieren konnte. Mit einem flauen Gefühl im Magen stand Blaine von seinem Platz auf und ging durch die Reihen, bis er am Lehrerpult stand. Mr. Stark reichte ihm einen Pass und schaute fragend an ihm vorbei zu Hummel, der immer noch wie eine Salzsäule auf seinem Platz saß.

Blaine schaute zu, wie er den Schein entgegen nahm, und straffte seine Schultern durch. Egal was da eben passiert war, er würde Hummel einfach ohne irgendetwas zu sagen ins Krankenzimmer bringen und dann wieder verschwinden. Er wusste immer noch nicht, welches Pferd ihn da geritten hatte, aber eines hatte er bemerkt: Es war das erste Mal, dass er den Jungen so menschlich erlebt hatte und etwas daran interessierte ihn. Diese Schutzlosigkeit war ihm neu an Kurt und es verwirrter ihn, das eine Person die so unnahbar und kühl war auch zu so etwas wie Angst oder Schmerz fähig war. Natürlich wusste er, dass es lächerlich war. Jeder Mensch fühlte, aber bei Hummel hatte er sich schon einige Male gewundert, ob er tatsächlich dazu fähig war. Sein Eisköniginnen verhalten war noch nie gebrochen worden und ihn mal ohne seinen normalen bösen Blick zu sehen war für viele undenklich.

Kurt nahm den Schein entgegen und hastete zu seinem Platz zurück um sein Zeug mit zittrigen Fingern einzupacken. Wieder schien er vehement nicht aufblicken zu wollen und er verließ den Raum mit erhobenem Haupt aber keinem Abschiedswort. Blaine wartete bereits draußen und knackte etwas nervös mit seinen Fingern. Er schaute auf als Kurt durch die Tür kam und bemerkte sofort den Unterschied in seiner Haltung.

Er sah zwar immer noch recht angespannt aus, aber seine Schultern hatten sich etwas gelockert und sein Gesicht hatte wieder ein kleines bisschen Farbe bekommen. Er kaute auf seiner Lippe herum und hatte seinen Blick nun zum Boden gesenkt.

Auch auf seinem Gesicht konnte Blaine ein dünne Spur Make-up erkennen, die im grellen Licht der Lampen etwas gelblich wirkte. Während Blaine, Hummel still musterte hob dieser seinen Blick wieder an und tat dasselbe. Sein Gesicht war immer noch gekennzeichnet von Ungläubigkeit und Misstrauen. Seine Augenbrauen waren zu einer stillen Frage angehoben und sein Mund etwas verzogen. Aber vor allem sah er einfach nur Müde aus. Seine ausdrucksvollen Augen waren leer und wirkten dumpf.

Solche Augen hatte er schon häufig in seinem Leben gesehen. Es waren die Augen von Menschen, die sich aufgegeben haben. Menschen mit einer zerrissenen Seele und einem Haufen Probleme, von denen sie nicht wussten wie sie, sie lösen könnten.

Menschen die einsam waren.
Nach einiger Zeit öffnete er seine zerkauten Lippen und setzte zum Sprechen an, brachte aber nur ein kleines „Warum?" hervor.

Das war's.

Keine Tirade, kein Geschreie, keine Wut, keine Emotionen und kein Hohn. Es war nur eine Frage, gestellt aus Unsicherheit und Zweifel und Blaine war sich nicht sicher, wie er ihm antworten sollte. Er war neugierig ja, aber war das der einzige Grund? Es war für ihn absurd, aber er konnte sich selbst nicht leugnen, dass er sich auf irgendeine verdrehte Art und Weise Sorgen machte.

, Um ihn vor Karofski zu schützen', war der Gedanke, der in ihm hochkam, als er seinen Arm hob. Aber warum beschützen? Was gab ihm das Gefühl das er ihn vor Karofski beschützen müsste? Erneut Fragen, doch diesmal war er sich nicht sicher, ob er sie sich selbst beantworten wollte.
Er zögerte und Kurt schien immer noch zu warten, seine weiten blauen Augen auf ihn gerichtet. Blaine atmete tief ein und schallte sich einen Idiot. Warum zur Hölle zögerte er? Es war nur Kurt Hummel. Mehr als Auslachen konnte er ihn ja schlecht.

„Du sahst unwohl bei dem Gedanken aus, dass Karofski mit dir raus gehen sollte." Kaum hatte er diesen Satz gesagt, weiteten sich Kurts Augen drastisch und sein blasses Gesicht wurde wieder bleicher. Sein Atem schien ihm für einen Moment in der Brust stecken zu bleiben und seine Augen weiteten sich wie die eines erschrockenen Tieres.
Aber dieser Gesichtsausdruck wich sofort einem höhnischen Lächeln, dass seine Augen nicht wirklich erreichte. „Ach wirklich? Ich glaube wirklich das viele Gel was du in deine Haare tust hat Auswirkungen auf dein Gehirn. Oder deine Wahrnehmung eher.", er machte eine kurze Pause und schein auf den Effekt zu warten, bevor er weiter fuhr. „Warum zur Hölle sollte ich Angst vor einem Neandertaler wie ihm haben? Mhm? Ich wollte nur schleunigst aus diesem langweiligen Unterricht heraus und hab etwas vorgespielt. Kein Grund für einen Loser wie dich sich zu melden.", er stemmte seinen Arm in die Hüfte und blinzelte ihn herausfordernd an.

Es war eine ziemlich überzeugende schauspielerische Leistung gewesen und fast hätte Blaine es geglaubt, wenn er nicht das leichte Zittern seiner Hände bemerkt hätte und die Art wie Hummels blaue Augen immer wieder nach kurzer Zeit seinem Blick auswichen. Er schaute ihm nicht genau in die Augen und ließ seinen Blick über Blaines Gesicht schweifen.
Er verbarg etwas.

Blaine war irritiert über den schnellen Charakterwechsel. Dieser Kurt Hummel war eher das, was er kannte und erwartet hatte, aber irgendetwas in ihm sagte ihm, das es nur eine Farce war. Dieser Kurt Hummel, höhnisch, zickig, arrogant und voreingenommen war nicht der echte. Oder zumindest nicht ganz. Er seufzte auf und massierte seine Schläfen. Damit hatte er jetzt keine Lust fertig zu werden. Es würde ihm jetzt nichts bringen noch weiter zu fragen, er würde nur auf eine starre Wand treffen. „Ich werde jetzt wieder rein gehen. Mach was du willst Hummel.", murmelte er und wand sich zur Tür um. Er hörte das Quietschen von Turnschuhen auf dem Linoleum Boden. Noch bevor er die Tür öffnen konnte, glaubte er einen leisen Schluchzer gehört zu haben. Aber vielleicht war das auch nur Einbildung.
Er stählte seine Schultern und trat ein.

Seit Blaine von der Schule losgefahren war, war das Einzige in seinen Gedanken nur noch eine heiße Dusche. Der Slushee, den er sich zwischen Geografie und Literatur eingefangen hatte, war ihm bis zum Hosenbund herunter gerutscht und breitete seine Kälte über seinen gesamten Rücken aus. Anstatt ihn wie gewöhnlich in das Gesicht geschmissen zu bekommen, hatten die Idioten ihn diesmal festgehalten und ihm das Kaltgetränk in den Ausschnitt seines Hemdes gekippt. Natürlich war genau heute der Tag, an dem Blaine keine weitere Kleidung in seinem Spind verstaut hatte und so musste er den Rest des Tages mit verklebter Kleidung herumlaufen. Das bisschen lauwarmes Wasser in der Jungen Toilette brachte nicht viel und Blaine versuchte es mit einem Zähneknirschen zu ertragen.

Er schmiss die Tür seines Autos mit etwas mehr kraft als nötig zu und trat die Treppen zum Anderson Anwesen hinauf. Noch bevor er die Tür öffnen konnte, schwang sie auf und Blaine blickte auf seine Mutter. Jospehine Anderson war eine zierliche asiatische Frau mit ausdrucksstarken braunen Augen und einem verkniffenen schmalen Mund. Blaine hatte sie zeit seines Lebens nie mit einem anderen Gesichtsausdruck gesehen. Ihre Gesichtszüge immer unverändert (wobei das wohl auf das Botox zurückzuführen wäre) und ihr Mund immer zu einem unfreundlichen Strich verzogen. Dass Einzige, indem sich bei ihr Emotionen widerspiegelte, waren ihre Augen. Dieselben Augen die auch Blaine besaß und für die er häufig gelobt wurde. Denn anders als bei seiner Mutter passten sie in sein ausdrucksstarkes Gesicht und komplimentierten seine Gesichtszüge.

Sie musterte Blaine in meinem kurzen abschätzenden Blick und trat dann zurück und schwang ihr halb gefülltes Weinglas elegant mit einer Hand. Ihr Blick sengte sich in sein verschmutztes Hemd ein und er spürte den forschen Blick tief in sich. „Schade um das schöne Hemd. Die Jugend würdigt scheinbar keine hochwertigen Klassiker mehr. Pass das nächste Mal besser auf deine Kleidung auf und wehe du lässt etwas auf den Teppich tropfen", schnalzte sie und nahm einen Schluck von ihrem Glas. Sie wand sich um und betrat das an den Foyer angrenzende Esszimmer. Blaine rollte mit den Augen. „Mehr hast du nicht dazu zu sagen?", murmelte er und stieg die Treppen mit mehr Elan als nötig hinauf, sodass kleine rote Sprinkler auf dem Holz und den Teppich flogen. In seinem Zimmer angekommen riss er sich praktisch die Kleidung vom Leibe und zielte sie vage in Richtung des Mülleimers. Mit etwas Mühe hätte man das Hemd vielleicht noch retten können, aber warum Mühe an etwas verschwenden, was mit Geld schnell ersetzt werden konnte? Schade war es Blaine ganz und gar nicht um die Kleidung. Je weniger er besaß, desto besser war es. Seine Mutter entschied, was getragen wurde und was nicht. Aus diesem Grund fühlte es sich dann für ihn auch immer fremd an bestimmte Sachen zu tragen, die seine Mutter ihm aufzwang.

Schlurfend betrat Blaine das angrenzende Badezimmer. Mit einem blinden aber gezielten Handschlag machte er das Licht an und trat sofort in die einladende Dusche. Diese nahm knapp die Hälfte des Raumes ein und war nur durch eine schmale Glaswand von Rest des Raumes getrennt. Das heiße Wasser wusch jegliche künstliche Verfärbung von seinem Körper und ließ seine Haut prickeln. Wenn Blaine es sich aussuchen könnte, würde er wahrscheinlich den ganzen Tag unter der Dusche stehen und sich das heiße Wasser über die Schultern laufen lassen. All die Verspannung und Anstrengung schmolz quasi von seinen Schultern und die heiße Luft brachte seinen Kopf zum Drehen. Er wusch sich gründlich am ganzen Körper und ließ seine Hände schließlich an seinen Lenden halten, wo er sein Glied umfasste.
Masturbieren an sich, war für ihn als Jungen natürlich nichts Neues. Es gehörte eigentlich schon zu seiner Routine sich mindestens alle zwei Tage einen runter zu holen, aber heute verließ ihn ungewöhnlicherweise jegliche Lust.
Er entfernte seine Hand und fuhr sich seufzend durchs dichte nasse Haar. Er blieb noch unter dem heißen Wasserstrahl stehen und machte nach kurzer Zeit die Hähne aus. Die Luft war dicht von weißem Dampf gefüllt und Blaine musste sich aus der Dusche heraus tasten, bevor er sich sein Handtuch greifen konnte. Er trocknete sich mit ein paar geübten Handgriffen ab und dachte über den bevorstehenden Abend mit den Warblers nach, als er in seinem Zimmer sein Handy leise klingeln hörte. Mit einem genervten Stöhnen schwang sich das Handtuch über die Schultern und öffnete die Badezimmertür. Er trat durch den Dampfschwall hindurch und versuchte sich zu erinnern, wo er sein Handy hingeschmissen hatte. Nach etwas herum suchen und Angestrengtem hören fand er es und sah eine SMS aufblinken. Blaine war sich nicht sicher, was er erwartet hatte, vielleicht eine Nachricht von Nick oder jemand anderen aus der Gruppe, aber Kurt Hummel war sicher nicht das Erste gewesen, auf das er getippt hatte.

-Ich bin's Kurt. Diese kleine Ratte Jacob ist zwar unglaublich nervig aber er hat auch seine Nutzen. Ich hab heute Zeit und du wirst dir welche schaffen müssen. Ich steh in 15 Minuten vor deiner Haustüre. Für die Nachhilfe versteht sich.-

Blaine knurrte laut auf und schmiss sein Handy zurück auf sein Bett. Natürlich musste sich Hummel auch gerade die besten Zeiten aussuchen, um seine kleinen Machtspielchen zu demonstrieren. Von der kleinen Episode heute Morgen schien sich die Eiskönigin wieder erholt zu haben. Wahrscheinlich wollte er Blaine genau das beweisen, aber daran konnte er im Moment nicht denken. Er riss das Handtuch von seine Schultern machte sich mit gezielten Schritten zu seinem begehbaren Kleiderschrank auf. Die Nachricht wurde vor ungefähr fünf Minuten geschickt und Blaine gab sich mühe in weniger als Zehn Minuten ein halbwegs präsentables Bild abzugeben. Präsentabel im Sinne von Mrs. Anderson. Während er sich die Fliege um den Hals band, hörte er es unten Klingeln und verzog das Gesicht. Das würde jetzt witzig werden. Seine Mutter war nicht gerade die beste Besetzung zur Begrüßung Kurt Hummels gewesen. Das Begrüßen von Gästen übernahm nicht umsonst meistens er.

Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und streckte sich selbst im Spiegel die Zunge heraus. Keine Produkte drinnen. Fantastisch.

Er konnte den verärgerten Blick seiner Mutter quasi schon auf sich spüren. Seit Blaine denken konnte tat sie alles in ihrer Macht stehende um Blaines Lockenmähne im Zaun zu halten. „Es gehört sich nicht so auszusehen wie ein Obdachloser", pflegte sie stets zu ihm zu sagen, wenn er wegen des Gels herumgeheult hatte.
Er strich sich die Haare so gut es geht glatt und schwang sich dann mit schnellen Schritten die Treppe hinunter. Im Eingangsbereich konnte er bereits seine Mutter an der Tür sehen, die Kurt mit einem sehr abgeneigten Blick, aber freundlich aufgesetzten Lächeln entgegen blickte. Dieser schien von der Feindseligkeit nichts zu spüren und lobte seine Mutter aufgeregt um die Einrichtung des Hauses. „Vielen Dank Herr Hummel. Und warum sagten sie noch mal sind sie hier?", sie blitzte wieder eines ihrer typischen Lächeln. Kurt schaute auf und erblickte Blaine hinter seiner Mutter. Er schien ihm mit seinem Blick etwas Stilles mitzuteilen, aber Blaine konnte seine Intentionen nicht verstehen. „Ihr Sohn Blaine ist seit Neustem als mein Tutor in Chemie und Biologie aktiv. Er ist so gut in jedem Fach, es ist wirklich erstaunlich, wie intelligent er ist.". Blaine rollte mit den Augen und musste sich ein Brechgeräusch verkneifen. Man konnte es auch übertreiben.

Seine Mutter nahm das Kompliment mit einem stillen nicken hin und wand sich anschließend zu Blaine um. Ihr Gesicht komplett von Kurt abgerichtet. „ Blaine Liebling. Du hattest mir nicht erzählt, dass du einen so charmanten jungen Mann Nachhilfe gibst.", ihre Augenbrauen hoben sich. „Wenn es dir nichts ausmacht, könnt ihr das Esszimmer als Sitzplatz benutzen. Leider müssen dein Vater und ich gleich zu einem Geschäftsessen. Hätte ich gewusst, dass wir Besuch bekommen hätte, ich natürlich abgesagt." Blaines Gesichtsausdruck verhärtete sich und er hob seine Mundwinkel leicht an. Seine Augen wichen kurz zu Kurt, bevor sie seine Mutter herausfordernd anblitzten. „Ich denke es wäre, wenn Kurt und ich in meinem Zimmer die Nachhilfe abhalten würden, denkst du nicht auch Mutter? Und wenn du mich jetzt entschuldigen willst, wir sollten uns gleich an die Arbeit machen.", er gab Kurt ein aufforderndes Kopfnicken und bewegte sich auf die Treppe zu. Seine Mutter schaute ihm mit verkniffenem Mund an und verabschiedete sich knapp von Kurt, der sich aufmachte um Blaine zu folgen.

Innerlich sich selbst verfluchend öffnete Blaine die Tür zu seinem Zimmer. Dass die beiden in seinem Zimmer lernen sollten, war für ihn eigentlich nicht geplant gewesen und wurde eher aus einer Kurzschlussreaktion gepaart mit dem Trotz gegen seiner Mutter geboren. Sein Zimmer war zwar relativ aufgeräumt, dafür platzte der begehbare Kleiderschrank mittlerweile fast aus den Nähten, nachdem Blaine in binnen von fünfzehn Minuten alles abgehängt und anprobiert hatte. Außerdem hatte er keine Zeit mehr gehabt die Broadway Poster und Mode Magazine wegzuräumen, die sich an der Wand und auf seinem Schreibtisch tummelten. Broadway war ein heikles Thema für ihn und seine Eltern. Für ihn stellte es eine mögliche Karriere dar, für seine Eltern war es ein albernes Hirngespinst, was ihn davon abhielt, Rechtswissenschaften zu studieren. Er konnte mittlerweile nicht mal mehr mitzählen, wie oft er und sein Vater schon wegen dieser Sache aneinandergeraten waren, besonders jetzt, wenn er selbst bald anfangen musste, Bewerbungen für die Universitäten zu schreiben. Jedes Mal, wenn eins der seltenen Anderson-Abendessen stattfand, wurde immer und immer wieder darauf zurückgegriffen.

Er führte Kurt in sein Zimmer herein und setzte sich anschließend auf den Schreibtisch Stuhl, seine Beine fest auf den Boden gestellt und die Arme teils auf der Stuhllehne angelehnt, teils auf dem Tisch ruhend. Kurt, der für einen Moment angewurzelt vor einem signiertem „Wicked" Poster stehen geblieben war, welches auf der der Tür gegenüberliegenden Wand angebracht war, legte seine Tasche vorsichtig auf den Boden ab und schaute Blaine etwas überrascht an. „Du stehst auf Broadway?" Zu Blaines Überraschung klang er weder spottend noch sonst wie feindselig, er erschien ihm ernsthaft interessiert und auch etwas verwundert. Er betrachtete die Poster genau und Blaine konnte den Geist eines Lächelns auf seinem Gesicht ablesen, dass die schwache Kontur von Grübchen neben seinem Mund erschienen ließ. Nach einem letzten Blick wandte sich Kurt um und schaute Blaine forschend ins Gesicht. Seine Hände verschränkte er etwas unschlüssig vor seinem Körper und er verlagerte unmerklich sein Standbein. Es hatte den Anschein als würde er auf etwas warten, als würde Blaine ihn auf ein bestimmtes Thema ansprechen wollen, als würde irgendetwas Anormales passieren.

„Deine Mutter scheint nicht geradezu begeistert zu sein einen weiteren Jungen in deinem Zimmer zu sehen. Angst es könnte etwas passieren?"

Diese Frage brachte Blaine etwas aus dem Konzept. Sie schien einen völligen Themawechsel darzustellen dem Blaine nicht so ganz folgen konnte und ihn überrascht aufblicken ließ. Kurt schaute ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen vorsichtig an und Blaine stellte verblüfft fest, dass ihn dieser Ausdruck dem des Mitleids erschreckend ähnlich war. Nun hatte er natürlich nicht erwartet, dass Kurt seine Mutter und auch ihn so schnell durchschaut hatte und so musste er sich eine gewisse Hochachtung eingestehen, die er aber schnell zu ersticken suchte. Die Andersons waren hervorragende Schauspieler und so wie Kurt das „Jungen" betont hatte, wusste er, auf was diese Frage abzielte. Homophobie schien dem Jungen wohl kein Fremdwort zu sein und diese Feinfühlige Gespür, zu wissen, wann man unerwünscht ist, selbst wenn man herzlichen Willkommen wird, schien nicht von ungefähr zu kommen. Was Blaine aber wohl noch eher überraschte war, dass Kurt mit seinem Gespür, auch, was ihn anging, richtig lag. Blaine lag es immer daran, die Frage nach seiner Sexualität nicht zu verleugnen.

Wenn er gefragt wurde, antwortete er. Hierbei war nur das Problem gewesen, dass ihn nie jemand gefragt hatte. Blaine hatte keine Freunde, keine Bekannten oder auch nur Leute, mit denen er während der Schulzeit sich umgab. Deshalb war die Frage auch noch nie gestellt worden, wenigstens nicht an dieser Schule. Es interessierte sich niemand genug um Blaine und er war auch irgendwie dankbar dafür. Es hatte seine Schulzeit in den anderen Schulen doch um einiges geprägt gehabt. Natürlich wurde er öfters mal mit degradierenden homophoben Schimpfwörtern beworfen, aber damit schienen diese Neandertaler jeden zu beleidigen. Heutzutage war alles „schwul", was früher einfach als „Scheiße", bezeichnet wurde. Streber, Emos, Gothics oder andere Leute wurden zu „Schwuchteln", Musik war plötzlich „voll schwul" und Kleidung wurde plötzlich nicht mehr als uncool oder dämlich beschrieben, sondern einfach mit schwul degradiert, als würde das Wort alles böse oder ungute vereinen.

Zu dieser nicht vorhandenen Interesse und Ignoranz seiner Klassenkameraden kam, dass Blaine sich von den Stereotypen unterschied und eher weniger Flamboyant geneigt war. Das lag wohl an der langen und stetigen Erziehung seiner Eltern, die stark davon geprägt war immer ein zurückhaltendes, steifes und ernstes Wesen an den Tag zu legen. Dabei wurde weder von harten Strafen noch vor einigen Maßnahmen zurückgeschreckt. So hatte Blaine zum Beispiel erst ab einem gewissen Alter Modemagazine abonnieren dürfen, was ihn natürlich nicht davon abgehalten hatte die Magazine selbst zu kaufen und zu verstecken. Diese Maßnahmen gehörten zu dem aberwitzigen Versuch das Schwulsein aus Blaine heraus zu treiben, oder besser gesagt ihn zu einem richtigen Mann zu erziehen, wenn man es in den Worten seines Vaters sagen wollte. Nun hatte Kurt das scheinbar von Anfang an durchschaut, und ob er es zu seinem Vorteil nutzen würde, musste Blaine mit der Zeit absehen.

„Waren es die Poster oder meine Vogue Kollektion auf dem Bett, die mich verraten haben?", hakte Blaine mit einer von Sarkasmus gezeichneten Stimme nach. Er verlagerte sein Gewicht nach vorne und stützte sich nun mit beiden Armen auf dem Tisch ab. Die Finger seiner auf dem Tisch ruhenden Hand klackerte gedämpft mit den Fingernägeln auf das Holz.
Kurt zuckte mit den Schultern. „Schon mal was von einem „Gaydar" gehört? Sollen wir ja scheinbar besitzen", antwortete er nonchalant und wippte mit den Füßen. Blaine schnaubte. „Das hatte ich zwar immer für ein Gerücht gehalten, aber vielleicht liegt man damit doch nicht so falsch wie gedacht.". Es wurde wieder still und Blaine konnte das Ticken seines Weckers hören, welches in immer gleichen Rhythmus die Stille durchbrach. Unten konnte Blaine gedämpfte Stimmen hören. Eine Tür wurde ins Schloss gelassen und die Andersons verließen ohne einen Abschiedsgruß das Haus.
„Deine Eltern sie-" Blaine richtete sich just in diesem Moment auf und unterbrach ihn erfolgreich, noch bevor er auf einen Nerv stoßen würde von dem Blaine wusste, dass er nicht bereit war, ihn aufzugraben.
„Wir sollten mit Lernen anfangen, ich habe heute noch bessere Dinge zu tun und mit dir in unkomfortablen Stille in meinem Zimmer zu stehen gehört definitiv nicht dazu."

Es fühlte sich komisch, ja fast schon unwirklich an, gerade von Kurt Hummel bemitleidetet zu werden. Mal abgesehen davon, dass Blaine sich bis heute nicht mal sicher gewesen war, dass Kurt dazu imstande war, andere Menschen außer sich selbst zu bemitleiden, hasste es Blaine im Allgemeinen bemitleidet zu werden. Was gab es zu bemitleiden? Seine Eltern waren homophob und er schwul, na und? Er hatte keine Freunde und lebte in einem Dorf voller Idioten, was war dabei? Schon solange er denken konnte, fand Blaine Beziehungen zu überbewertet. Am Ende konnte und musste man sich nur auf sich selbst vertrauen und das war, was für ihn zählte. Andere Menschen waren unberechenbar und Blaine konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen, als sich von den Launen und Eigenschaften anderer Menschen abhängig zu machen. Es gab definitiv Dinge die Blaine mehr fürchtete als allein zu sein.

Dass nun Kurt, der all diese Dinge besaß, Freunde, Akzeptanz, Beziehungen und Nähe, ihn dafür bemitleidete, dass er nichts von diesen Dingen besaß, erschien Blaine unfair. Er hatte weder das Recht über ihn und seine Verhältnisse zu urteilen, noch aus seiner Rolle als Klischee zu steigen und Blaine sich selbst Fragen stellen zu lassen. Mit Kurt Hummel wusste er umzugehen, aber mit einer Person sah die Sache schon etwas komplizierter aus.

Blaine nahm sich einen kleinen Stapel Bücher vom Tisch, warf einen flüchtigen Blick auf die Titel und bewegte sich anschließend auf die Mitte des Raumes zu. „Es macht dir doch hoffentlich nichts aus auf dem Boden zu lernen?", fragte er und ließ sich dann ohne eine Antwort abzuwarten auf den Boden plumpsen. Er schlug das oberste Buch auf. Kurt, der den Mund zur Antwort angesetzt hatte, schloss ihn wieder und rollte mit den Augen. „Bist du immer so charmant zu deinen Gästen?", fragte er und setzte sich, aber um einiges Eleganter auf den Boden. Er streckte sich etwas und griff seine Tasche um sie zu sich zu ziehen „Nur zu Leuten, die mich mit kalten Getränken bewerfen und auf Körperteile treten", erwiderte Blaine und schaute Kurt offen, beinahe schon provokant ins Gesicht, eine gegen Antwort abwartend. Kurts entspannter Gesichtsausdruck verschwand mit einem Mal und wurde von einer plötzlichen Ausdruckslosigkeit ersetzt, die seine Mundwinkel herunter zog. Er wich Blaines Blick aus und zupfte zaghaft an dem Reisverschluss seiner Ledertasche.

Nach einigen Momenten holte er tief Luft und schien seinen Rücken durchzustrecken. Der Blick fand den von Blaine „Das… Das mit der Hand tut mir leid. I-Ich hatte dich wirklich nicht gesehen und-.", er stoppte, sein Blick wechselte zwischen Blaines Hand und seinem Gesicht. „ Es tut mir leid, und wenn es schlimmer wird, bin ich auch bereit für den Arzt aufzukommen." Blaine biss sich in seine Wange um seine Gesichtszüge gleichgültig wirken zu lassen. Er hatte sich genug Blößen für einen Tag gegeben. Trotzdem war er für einen kleinen Moment sprachlos. Offensichtlich hatte er diese Antwort so provokant gegeben um eine Reaktion aus Hummel zu treiben, ihn für einen Moment nachdenken zu lassen oder ihm einfach sein Verhalten vor Augen zu führen, um zu sehen, wie viel Person in ihm wirklich drinnen steckte. Entschuldigungen hatte er eben so wenig erwartet wie ein ehrliches Hilfeangebot. Das ließ ihn schon eher wieder misstrauisch werden. Hatte er vielleicht nur Angst Blaine würde ihn verklagen? War er deshalb plötzlich so reumütig und freundlich?

Abneigung wallte plötzlich in ihm auf und er konnte nicht verhindern, Hummel einen ziemlich angepissten Blick zuzuwerfen. Das „Mitleid", konnte er sich sonst wo hinstecken.

„Ich wäre stark dafür, dass wir anfangen zu lernen, anstatt weiter herum zu heucheln. Es hat dich nie interessiert was mit mir passiert und ich gehe auch mal stark davon aus, dass es das in Zukunft auch nicht tun wird", brachte er zwischen zusammengepressten Zähnen heraus und hob zur Verdeutlichung das Buch an und ließ es wieder auf den Boden knallen. Kurt schaute ihn verwirrt an und öffnete seinen Mund zu einem stummen Protest, der ihm auf den Lippen zu sterben schien. In weniger als ein paar Sekunden verspannte sich seine Haltung wieder, der harte Blick kehrte wieder in seine Augen zurück und seine Lippen verkniffen sich zu einem schmalen Strich. Seine Hände, die er auf dem Boden neben sich abgestützt hatte, legte er in Fäuste, schützend in seinen Schoß.

„Ja. Ja das sollten wir", gab er zurück.
„Du wirst übrigens keinem deiner kleinen Versager Freunden von heute erzählen, verstanden? Ich weiß über alles bescheid, und wenn etwas davon durchsickern wird, bin ich sicher, dass ein paar Football Spieler neues Übungsmaterial brauchen.", er lächelte Blaine unschuldig an, seine Hände waren immer noch in seinem Schoß verkrampft.
„Ich habe weder Freunde, noch das Bedürfnis von diesem Treffen irgendjemanden zu berichten, also werden deine kleinen Freunde von der Mannschaft wohl weiterhin ohne Übungsmaterial auskommen müssen", spie Blaine mit einem süßen Lächeln zurück. „Wobei es keine Schande ist, durchzufallen. Es gibt ja scheinbar viel wichtigere Dinge. Maniküren, Gesichtsmasken, Fernsehserien und Quickies in Hausmeister Räumen sind natürlich auf der Prioritätsliste eines Cheerleaders weiter oben anzusetzen als Mathe, Chemie und Biologie."

„Du weißt gar nichts über mich Anderson, also tu nicht so als würdest du irgendeine Ahnung über mich haben! Bring mir den Scheiß einfach bei und verpiss dich dann wieder an die Unterseite der Schulhierarchie, wo du hingehörst", rief kurt aufgebracht. Blut schoss ihm ins Gesicht und ließen ihn rot werden.

Blaine gluckste amüsiert und schüttelte den Kopf. „ -Schulhierarchie-, hörst du dir eigentlich mal selber zu Hummel? Du glaubst wirklich es interessiert mich, wo ich in deiner kleinen Schule stehe? Ob Leute mich mögen oder für einen Idioten halten? Du glaubst wirklich irgendjemand nach der Schule würde sich für so etwas Lächerliches interessieren? Hör mir mal zu.", er machte eine kurze Pause und schaute Hummel dabei fest in die Augen. „Niemand kümmert es später, was du mal in der Schule warst. Kein Arbeitgeber wird später nach deinem Status fragen, sich darum kümmern oder es anerkennen. Niemand wird es kümmern ob du den Football Quarterback Karofski vögelst oder ob welche Freunde du hattest. Werde verdammt noch mal endlich erwachsen und fang an dich um wichtigere Dinge zu kümmern, oder du wirst in der wirklichen Welt untergehen, wie die Witzfigur die du eigentlich bist." Es war still im Raum geworden und Blaines Worte schienen in dem leeren Raum widerzuhallen. Kurt saß da wie eine Statue, ganz still. Seine Hände griffen fest in seine Oberschekel ein und er nahm ein paar gleichmäßige Atemzüge.

„Wir nehmen im Biologieunterricht gerade Proteine durch. Erkläre mir heute ihren Aufbau. Ich muss dann gehen.", seine Stimme war leise und kontrolliert. Blaine hatte sie fast nicht wahrgenommen. Von der plötzlichen Stimmungsschwankung überrascht, konnte Blaine nur stumm nicken. In der nächsten Stunde war es dann nur noch Blaines Stimme, die durch den Raum erklang, ununterbrochen und in einem kontinuierlichen Strom. Kein einziges Mal unterbrach Kurt ihn oder fragte etwas nach. Mit der Zeit wunderte Blaine sich ob dieser ihn auch wirklich verstand und hakte immer wieder mit einem „ Kapiert?", oder „Hast du das verstanden?", nach. Hummel antwortete nie sondern nickte nur. Es schien als würde er sich nicht mehr auf seine Stimme verlassen können. Natürlich fragte Blaine sich, was passiert war.

Sie hatten gestritten, Blaine hatte ihm etwas gesagt und Kurt war nicht ausgerastet wie erwartet. Hierbei lag das Problem. Warum schlug er nicht zurück. Blaine wusste aus erster Hand, wie grausam Kurt Hummels Zunge wirklich sein konnte. Wie wahrscheinlich von seinem Coach gelernt, konnte er Leute auf der Stelle mit seinen Worten auseinanderzunehmen und fertigzumachen, etwas was er immer zu seinem Vorteil nutzen konnte. Hummel schwieg nie und wusste sich immer zu verteidigen. Warum aber ließ er Blaines grausame Worte unbeantwortet?
Weil sie wahr waren? Weil er sich gegen sie nicht zu verteidigen wusste? Weil er zu verletzt war, um richtig darauf zu antworten?

Nein, dass schloss Blaine sofort aus. Natürlich waren seine Worte ernst gemeint und auch wahr, da war er sich sicher. Aber dass er Hummel damit verletzt haben könnte, kam ihm unrealistisch vor. Keiner schien jemals die Macht dazu gehabt zu haben, warum also sollte Blaine dazu in der Lage sein? Es war ja nicht so, als würde der Cheerleader seine Worte ernst nehmen. Genau wie seine Team Kameraden waren sie viel zu sehr mit ihren fiktiven Problemen beschäftigt und wahren sich ihren wahren Problemen nicht bewusst. Von ihrer vermeintlichen Macht geblendet wussten sie sich nicht richtig zu verhalten und fielen dann auf die Nase, wenn diese Macht sich dann in Luft auflöste. Es war bis jetzt auf jeder Schule so gewesen. Cheerleader, Football Spieler, Lacrosse Spieler, Schwimmer, Sänger etc. All sie wälzten sich in der Aufmerksamkeit, die ihnen zuteilwurde, und vergaßen die Ernsthaftigkeit der Welt, die später auf die wartete. Kurt war kein bisschen anders. Der Junge war sich keinerlei Problemen bewusst. Hatte keine Ahnung, wie wichtig seine Noten waren, dass es noch etwas anderes außer Sex gab und dass er mit einer solchen Einstellung später nicht weiter kommen würde. Kurt Hummel war ein laufendes Klischee mit null Chancen.

Mit einem lauten Knall wurde Blaine etwas unsanft aus seinen Gedanken gerissen. Er schaute von der aufgeschlagenen Buchseite vor sich auf und sah, wie Kurt seine Bücher zusammen sammelte. „Das muss reichen, ich muss gehen", murmelte er, setzte sich auf seine Knie auf und beugte sich zur Seite, um an seine Tasche zu kommen, die ca. einen halben Meter von ihm entfernt lag. Dabei streckte er seinen Oberkörper so, dass sich sein Oberteil verschob und eine kleine Hautfläche.

Blaine erstarrte.

Es war nur ein kleiner Hautfleck, nicht einmal zwei Daumen breit, aber es war auch nicht die Menge an gezeigter Haut, die Blaine erschreckte. Denn obwohl dieser Hautfleck breit genug war, konnte Blaine kaum Hautfarbe erkennen.
Blau, grün und rot waren die vorherrschenden Farben und vermischten sich zu hässlichen Malen auf der Haut, die neben dem blassen Ton der Haut hervorstachen. Rote Linien, einschnitte, verliefen in relativ gleichmäßigen Bahnen quer über die Haut. Manche sahen noch relativ frisch aus, während andere schon leicht silbrig und vernarbt wirkten. Noch während er auf den Hautfleck starrte und dabei inständig hoffte, dass ihm seine Augen einen Streich spielen und die Flecken und Striemen von der Haut verschwinden würden, hatte Kurt bemerkt, dass etwas mit Blaine nicht stimmte. Hastig schob er seinen Pullover ganz weit über seine Mitte und riss seine Tasche an sich.

Er begann panisch Dinge in seine Tasche zu stopfen und vermied es dabei strikt Blaines Blicke zu erwidern. Die Farbe hatte Hummels Gesicht wieder verlassen und er wirkte weiß wie ein Bettlaken. Blaine musterte ihn, als würde er ihn zum ersten Mal sehen und fand die dunklen Male an seinem Hals, die er diesen Morgen bemerkt hatte. Ohne ein Wort und mit überhasteten Schritten verließ Hummel den Raum. Die Tür knallte hinter ihm zu und Blaine konnte die verlotternden Schritte auf der Treppe hören. Erst als er die Fronttür in Schloss fallen hörte, atmete er die Luft aus, von der er gar nicht gemerkt hatte, dass er sie angehalten hatte. Im ersten Moment wusste er nicht recht, was er jetzt denken sollte. Hundert Gedanken schossen ihm durch den Kopf und einer lauter als der andere.

Kurt Hummel ritzt sich selbst.(Er war sich sicher, dass er sich ritzte. Die Striemen lagen zu geordnet beieinander, als das Sie per Zufall geschehen seien.)
Kurt Hummels Torso ist komplett mit blauen Flecken übersät. (Okay, ob es sein ganzer Torso war, wusste Blaine nicht. Er hatte ja nur einen kleinen Ausschnitt gesehen, aber er glaubte nicht, dass sich die Flecken nur auf dieses kleine Stückchen Haut begrenzten.)

Es war ein ziemlich befremdlicher Gedanke und passte so gar nicht in das Bild, das Blaine von ihm hatte. Den Kurt Hummel den er kannte, ritzte sich nicht. Warum auch? Es gab für Blaine absolut keinen ersichtlichen Grund, warum er auf so eine Methode der Kompensation oder auch Selbsthass zurückgreifen sollte. Er von den meisten geliebt und schien sich nicht viel aus dem Hass der anderen zu machen. Auch Jungs hatte er wohl genug, sodass er niemals einsam sein konnte. Sein Vater war ein Kongressmann und verdiente gutes Geld. Was seine Mutter jedoch machte, wusste Blaine nicht, da immer, wenn es um Kurts Eltern ging, immer nur sein berühmter Vater erwähnt wurde. Dieser hatte auch schon öfters Reden in der Schule gehalten, bei dem er das Mobbing in der Schule ansprach. Es hatte zwar nie etwas genutzt, aber einen Versuch konnte Blaine wertschätzen. Aber nicht nur das Ritzen an sich war für Blaine unerklärlich, auch die blauen Flecken gaben Rätsel auf.

Sollte Hummel die sich bei einem Cheerleader Training zugezogen haben? War das überhaupt möglich? Für einen Moment schoss ihm ein Bild des mörderische Blickes von Karofski durch den Kopf, den er ihm heute Morgen zugeworfen hatte, nachdem er sich gemeldet hatte, um Kurt nach draußen zu begleiten. Diesen Gedanken verwarf er aber schnell wieder und schüttelte äußerlich den Kopf. Mit einem Seufzer richtete er sich auf und klopfte sich den imaginären Staub von den Hosen. Es brachte ihm auch keine Antworten über Dinge nach zu grübeln, die er im Moment nicht herausfinden konnte. Außerdem hatte er eigentlich selbst genug Probleme, als dass er sich noch mit denen anderer Leute beschäftigen konnte. Wenn Kurt Hummel Probleme hatte, würde er sie schon selbst lösen können. Vielleicht hatte er sich die Striemen ja auch nur eingebildet und die blauen Flecke kamen sehr wahrscheinlich wirklich vom Cheerleading Training. Sue Sylvester war ein grausamer Coach, der ihre Gruppe immer bis ans äußerste gehen ließ. Ein Paar blaue Flecken waren sicher nicht das Einzige, was die dabei von sich trugen. Tief im Inneren wusste Blaine, dass er sich selbst anlog und nur versuchte sich zu beruhigen. Aber im Moment war ihm das genug, um von der Sache abzulassen.

Das plötzliche Vibrieren seines Handys auf dem Schreibtisch lockte ihn aus seinen Grübeleien und er erinnerte sich an die Warblers. Nick hatte vorgehabt ihm eine Nachricht mit dem Treffpunkt sowie der Uhrzeit zu schicken und tatsächlich hatte er sich daran gehalten. Aus den untersten Schubladen seines Schrankes griff Blaine ein paar zerschlissene dunkle Jeans und einen schwarzen weiten Kapuzenpullover. Nur wenige Minuten später nahm er sich seine Schlüssel, schloss sein Zimmer ab und stieg rasch die Treppen hinab bis zum Foyer und anschließend in den Kellerraum, dessen Eingang unter der einen der Treppenaufgänge lag. Dort unten war nicht nur die Stromanlage sowie die Wasserversorgung geregelt, sondern auch die Alarmanlage, die wenn sie anging, die ganze Nachbarschaft wecken würde. Sie war zeitgesteuert und schaltet sich ab einer gewissen Uhrzeit automatisch an. Einer der vielen Zwecklosen versuche ihm im Haus einzusperren.

Es war kein Hexenwerk die Anlage zu deaktivieren und Blaine, der ewig gebraucht hatte, um die Anlage das erste Mal auszutricksen, schaffte es mittlerweile in Minuten schnelle. Die Lämpchen gingen aus und mit einem zufriedenen Grinsen schloss Blaine das Türchen des Sicherungskastens. Nun stand ihm nichts für diesen Abend im Weg.

Er verließ das Haus durch den Vordereingang und ging den Weg zu Fuß entlang. Mit den Händen in den Pullovertaschen vergraben und bereits der zweite Kippe im Mund, traf er nicht viel Später bei der Gruppe ein, die bereits um Wes herum versammelt waren. Teils stehend, teils auf alten Kisten sitzend rauchten und tranken sie aus halb leeren Bierdosen. Es war zwar so ungefähr sieben Uhr Abends, Blaine wusste es nicht genau, da er sein Handy zuhause gelassen hatte, aber die Sonne war bereits hinterm Horizont verschwunden und tauchte die abendliche Umgebung in ein gedämpftes rötliches Licht.

Der Treffpunkt der Warblers war ein kleines Abgelegenes Industrie Stück, nicht besonders weit vom Anderson Anwesen entfernt. Die meiste Zeit trafen sie sich in der verlassenen, zügigen Halle um ihre Treffen dort oder im Schatten des Gebäudes ihre Treffen abzuhalten.

Das Gelände war wohl schon seit Jahrzehnten stillgelegt und diente früher irgendeinem reichen Industriebesitzer als Herstellungsstätte kleinerer Autobauteile. Die Familie zog um und ließ die Halle sowie das Verwaltungsgebäude brachlegen und in der Natur vergammeln. Bis jetzt hatte niemand Interesse an dem Grundstück gezeigt und auch generell zogen hier nicht besonders viele Menschen vorbei, da es den Ruf hatte nachts von Verbrechern und gewalttätigen Drogen Junkies bewohnt zu werden. Die Gerüchte hatten die Warblers natürlich systematisch verbreitet und so den wenigen mutigen Leuten in der Stadt den Wind aus den Segeln genommen. (Dass sie auch mal welche die sich doch gewagt hatten, das Gelände aufzusuchen, verprügelt hatten, half dem Gerücht natürlich nur noch mehr Fuß zu fassen. Auch die Polizei hatte sich hier noch nie blicken lassen und so war der Ort also Perfekt um sich dort zu verstecken.
Nicht das die Warblers sich vor ihren Feinden verstecken mussten. Es war nur gut zu wissen, einen Ort zu haben, zu dem man immer wieder zurückkehren konnte und nicht jede Minute fürchten musste überfallen zu werden.

Die Anderen hörten ihn bereits kommen und schauten von ihrem Gespräch auf. Blaine warf im Gehen seine Zigarette aus und hob die Hand zur Begrüßung, hielt jedoch inne, als er die misstrauischen und teils auch wütenden Blicke der Warblers auf sich spürte. „Wa-", er sah wie Wes aus der Mitte aufstand und folgte dessen Blick über seine Schulter. Nicht weit von ihm entfernt stand eine große dunkle Gestalt hinter dem Schatten einer Laterne. Schnell zog Blaine seine Kapuze tiefer ins Gesicht und drehte sich um. War er ihm gefolgt? Fuck, er hatte nichts gehört gehabt.
„ Du hast drei Sekunden, um zu verschwinden!", tönte es von Wes hinter ihm und er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass alle Aufmerksamkeit nun auf dieser Person lag. Die Person trat ein paar Schritte nach vorne und befand sich nun unter dem Laternen Strahl. Blaine fühlte für einen Moment wie all seine Luft aus den Lungen wich.

,Scheiße! Scheiße!, Scheiße!,Scheiße!…'

Er zog erneut an seiner Kapuze und trat nun etwas hinter Wes. Ausgerechnet er, ausgerechnet jetzt. Hatte er ihn erkannt? Das könnte Konsequenzen für ihn haben, wenn er jetzt nicht aufpasste.

„Hätte nie gedacht, dass die Gerüchte stimmen. Wollde mal schauen wat für Idioten sich m-mitten in der Nacht auf dem Ver-Verlassenen Ort treffn. Es schtellt sich heraus, esch sin nur ein kleiner Haufen von schwulen Weicheiern." Seine Stimme war leicht schlurrend und Blaine vermutete eine gewisse Dosis an Alkohol dahinter. Jetzt, da er näher herangetreten war und im Lichtkegel stand, konnte Blaine auch das leichte Schwanken in seinem Stand erkennen. Bei all dem Alkohol, den er wahrscheinlich genommen hatte, Blaine musste sich trotzdem einen Moment nehmen, um sich innerlich die Hand vors Gesicht zu schlagen.

War er wirklich so blöd, wie die ganze Schule in immer hinstellte? Oder hatte er einfach nur ein paar Footballs zu viel an den Kopf geschmettert bekommen?

Natürlich konnte Blaine nicht viel Grips von einem Mc Kinley Football Spieler erwarten, aber etwas Selbsterhaltungstrieb hatte er schon erwartet. Er legte es ja geradezu auf Prügel an. „Das waren drei Sekunden. Nicht sehr schlau von dir dich alleine uns gegenüberzustellen.", Wes steckte seine rechte Hand in die Jackentasche und drückte Blaine sein Handy in die Hand, wohl um es vor dem bevorstehenden Kampf zu schützen. „Ich kenne dich nicht. Wer hat dich geschickt? War es Jack, das Arschloch? Oder Kevin? Mhm, vielleicht Rick? Oh ich hab gehört die „Rebels", haben neuen Zuwachs bekommen. Glaubt Siemon jetzt wirklich mit ein paar mehr Leuten würde er es schaffen gegen uns vorzugehen?" Die andere Person sah verwirrt aus. „Was laberscht du für eeine Scheiße, Homo! Willsd du waas auf's Maul? Kannst du gerne haben! Ich war heute sowieso in der Laune!", er fuchtelte wild mit seiner Faust in der Luft herum und schwankte dabei etwas zur Seite. Wes schien genug davon zu haben und bewegte sich unter dem Gejubel der anderen im Hintergrund auf den betrunkenen zu.

Reflexartig hielt Blaine ihn an der Schulter fest und zwang ihn zum Stehenbleiben. Es lag ihm nichts ferner, als den Jock eine aufs Maul kriegen zu sehen, aber wenn Wes erst mal richtig in fahrt war, konnte er auch schon vorher mal den Krankenwagen rufen. Es war ihm zu riskant. Der Junge kannte ihn und er konnte sich nicht leisten jemanden aus der eigenen Schule in sein Nachtleben eindringen zu lassen. Es war bis jetzt fast noch nie passiert, dass er hiermit verknüpft wurde. Das letzte Mal war mehr schlecht als recht ausgegangen und Blaine hatte nicht schon wieder Lust auf einen Schulwechsel. „Lass es lieber. Der Kerl ist nur scheiße besoffen. Der gehört zu niemanden, glaub mir. Es ist nicht gerade ungefährlich unschuldige Idioten zu verprügeln.", er versuchte so ernst und ehrlich wie möglich zu klingen um Wes zu überzeugen. Wes scharfer Blick richtete sich erst auf ihn und anschließend auf den Betrunkenen. „Du kennst ihn?", fragte er und schaute ihn abwartend an. Blaine verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Kannst du so sagen, ist aber auch egal! Lassen wir den Kerl einfach in Ruhe, der wird schon wieder gehen und-", mit einem Mal hörte er einen Warnruf von den anderen und spürte wie Wes ihn mit einem kraftvollen Zug beiseiteschaffte. Er konnte einen schweren Atem nicht weit neben sich hören.

„Höört uff zu redn ihr Homos! Ihr wollted ene auffs Mauul, hier isses!", brüllte der Koloss von Junge und schwang seine Fäuste blind in der Luft herum.
Zähneknirschend wischte sich Blaine die Hand von der Schulter und funkelte seinen Angreifer an. „Weißt du was? Scheiß drauf was ich gesagt hab", murmelte Blaine und knackte mit seinen Fingern.

Niemand hatte es jemals gewagt, Blaine einfach so anzugreifen, ohne auch die Konsequenzen davon tragen zu müssen. Er hatte wirklich versucht der Sache, dem Kampf, aus dem Weg zu gehen, aber wenn der Idiot es drauf ankommen ließ, konnte auch Blaine ihm nicht mehr helfen. Er wollte ihm sowieso schon viel zu lange Mal, richtig eine verpassen. Zulange schon hatte er ihn quälen, herumschubsen und mit Eis bewerfen lassen. Er hätte zwar nie gedacht, dass er es ihm einmal heimzahlen konnte, aber Blaine sagte sicher zu einer solchen Chance nicht Nein.

Noch bevor Wes oder einer aus der Gruppe hinter ihm, irgendwelche Einwände erheben konnte, stürzte sich Blaine auch schon, mit, unter der Kapuze funkelnden Augen und einem Grinsen, auf den Jungen, der in einer mehr oder weniger stabilen Haltung versuchte auf den Beinen zu bleiben. „Hey Fettsack!", er wartete, bis der andere sich regte und sich noch wütender als zuvor nach vorne schmiss.

„Das wirst du bereuen."