Kapitel 2
Fast schon ehrfurchtsvoll kniete Naomi neben ihrer Mutter, der Blick zwischen Tonks und dem Baby in ihrem Arm hin und her wandernd. Tonks lächelte ihre Tochter an und streichelte ihr schwarzes Haar. „Das ist dein kleiner Bruder, Naomi." Sagte sie glücklich und drehte sich so, dass Naomi das Baby besser sehen konnte. Naomi rückte etwas näher. „Darf…Darf ich ihn streicheln?" fragte das Mädchen scheu.
„Natürlich darfst du ihn streicheln." Sagte Tonks. Langsam streckte Naomi ihre Hand aus und berührte mit ihren Fingerspitzen vorsichtig das kleine Gesicht ihres Bruders. Naomi begann zu strahlen. „Mein kleiner Bruder."
„Er heißt Aron." Fügte Tonks hinzu. Naomi rückte noch ein Stück näher, um ihren Bruder besser streicheln zu können. Etwas schüchtern sah sie ihre Mutter an. „Darf ich ihn auch mal in den Arm nehmen?" fragte sie. Tonks nickte lächelnd und legte Naomi vorsichtig ihren Bruder in die Arme. Das Mädchen setzte sich etwas bequemer hin, sodass Aron zum Teil auf dem Bett, aber zum Großteil in ihren Armen lag. Aron schien zu spüren, dass er jetzt woanders war und machte ein paar leise Geräusche. Naomi begann ihren kleinen neugeborenen Bruder sanft zu wiegen und eine leise Melodie für ihn zu summen.
Harry und Tonks sahen zu wie ihre Tochter mit ihrem kleinen Bruder umging. Es gab für die beiden Eltern in diesem Moment kein schöneres Bild.
„Wann kommt die ganze Meute?" fragte Tonks.
„Nächste Woche.", antwortete Harry, „Haben gemeint du sollst dich erst mal erholen." Tonks lächelte ihren Ehemann an und griff nach seiner Hand. In diesem Moment begann Aron sich zu bewegen und einige ungemütliche Laute von sich zu geben. Naomi war sofort in Panik. „Mummy, was hat er denn? Tut ihm was weh?" Tonks schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, mein Liebling. Er hat nur Hunger." „Darf ich ihn füttern?"
Harry brüllte vor Lachen, als er diesen Satz von seiner Tochter hörte. „Naomi, damit lässt du dir bitte noch Zeit, ja?" bekam er hervor. Naomi sah ihren Vater verwirrt an. „Was meinst du?" fragte sie interessiert. „Das erzähl ich dir wenn du älter bist."
Naomi schob beleidigt die Unterlippe vor und verschränkte ihre Arme. „Ich bin schon alt genug." Sagte sie trotzig. Harry tippte ihr lächelnd auf die Nasenspitze. „Ja das bist du. Aber trotzdem noch zu jung."
Tonks hatte währenddessen wieder ihr Nachthemd geöffnet und Aron an ihre Brust gelegt, der sofort begann zu trinken. Naomi sah genau hin, als würde sie etwas sehr interessantes sehen. Harry musste den Kopf schütteln. Manchmal verstand er seine Tochter einfach nicht.
Nachdem Aron fertig getrunken hatte, legte ihn Tonks zurück in die kleine Krippe, die neben ihrer Bettseite stand. Dann legte sie sich zurück ins Bett. Sofort wurde der freie Platz von Naomi eingenommen, die sich auf den Schoß ihrer Mutter setzte und ihre Arme um deren Hals schlang. Eigentlich war Tonks müde und hätte jetzt am liebsten etwas geschlafen. Aber niemals würde sie ihre Tochter wegschicken, wenn Naomi mit ihr kuscheln wollte. Irgendwas in Tonks mütterlichem Instinkt sagte ihr, dass sie Naomi jetzt, und auch in Zukunft, wenn sie ihre Nähe suchte, nicht abweisen durfte. Also erwiderte sie die Umarmung ihrer Tochter und drückte sie fest an sich. „Ich hab dich lieb, Mummy." Sagte Naomi leise gegen ihren Hals. Tonks nickte und küsste das Haar ihrer Tochter. „Ich hab dich auch lieb, Naomi."
Diese Szene vor Harry, Tonks wie sie ihre Tochter festhielt und ihr Worte voller mütterlicher Liebe zuflüsterte, erwärmten Harrys Herz. Er spürte Tränen in seinen Augen. Tränen der Freude.
Er war der glücklichste Mann der Welt. Und es brauchte niemanden, der ihm das sagte. Harry wusste es.
Ein leises Klopfen an der Schlafzimmertür riss die Familie aus ihren Gedanken. Die Tür ging auf und ein Mann, gekleidet in einen schäbigen Umhang, steckte den Kopf in das Zimmer.
„Ähm, hallo."
Harry und Tonks erkannten die Stimme sofort wieder. „Remus!" riefen sie beide aus. Lupin lächelte und trat ein. Harry stand auf und umarmte den besten Freund seiner Eltern. „Verdammt, was machst du denn hier?" fragte Harry ungläubig.
Lupin lächelte. „Ich war gerade in der Nähe und dachte ich schau mal vorbei. Hab irgendwo aufgeschnappt, dass hier ein Kind zur Welt gekommen ist." Lupin sah die Krippe und trat vorsichtig näher. Der Anblick des kleinen Babys, das dort friedlich vor sich hin ratzte, brachte sein Herz zum Lächeln. Noch nie, seit der Geburt des Mannes, der der Vater des Kindes war, hatte er etwas so schönes gesehen. Lupin richtete sich wieder auf und lächelte Tonks an. „Er sieht aus wie du, Nym…" „Pscht. Niemand darf Mummy so nennen. Nur Daddy." Wurde Lupin harsch unterbrochen. Erstaunt schaute Lupin auf das kleine Mädchen, das auf Tonks Schoß saß und ihn mahnend anblickte. „Und wie heißt du, junge Dame?" fragte der Werwolf. „Ich heiße Naomi." Antwortete sie. Lupin streckte seine Hand aus. „Es freut mich dich kennenzulernen, Naomi. Ich bin Remus Lupin." Die beiden schüttelten sich die Hände. Als er in das Gesicht des Mädchens schaute, viel ihm auf, dass sie mehr nach Harry ging.
Tonks gähnte einmal tief. „Naomi, möchtest du nicht mit Daddy nach unten gehen?" fragte sie ihre Tochter. Naomi schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, ich möchte bei dir bleiben." „Aber ich bin müde." Sagte Tonks. Sofort riss Naomi ihren Mund auf und ließ ein deutliches Gähnen vernehmen. „Ich auch." Antwortete sie und begann sofort es sich an der Seite ihrer Mutter bequem zu machen. Tonks schüttelte nur lächelnd den Kopf, dann rutschte sie etwas weiter unter die Decke und zog Naomi zu sich.
„Ich glaube wir sind hier unerwünscht." Sagte Remus leise zu Harry. Harry nickte nur und ging mit Remus aus dem Schlafzimmer nach unten in die Küche. „Möchtest du ein Butterbier?" fragte Harry. Remus nickte. Harry nahm zwei Flaschen aus dem Kühlschrank und ging mit Remus nach draußen auf die Terrasse. Die beiden Männer setzten sich und tranken einige Schlucke.
Irgendwann lächelte Remus Harry an. „Ich hätte ja mit einigem gerechnet, aber nicht damit."
„Du meinst, dass Tonks und ich heiraten und zusammen zwei Kinder bekommen?"
Remus nickte nur. „Ich hatte eigentlich immer gedacht, dass du mit Ginny oder Hermine zusammen kommen würdest." Harry schüttelte den Kopf. „Hermine ist wie eine Schwester für mich. Und Ginny." Etwas ausdruckslos schaute Harry auf den Terrassentisch. „Während ich Horkruxe zerstört und mich in der Weltgeschichte rumgetrieben habe, hat sie sich von ihrem Exfreund Dean Thomas trösten lassen."
„Das tut mir Leid."Harry schüttelte den Kopf. „Muss es nicht. Wenn ich so darüber nachdenke wie die Dinge jetzt stehen, bin ich ganz froh darüber."
Remus nickte. „Mich würde wirklich interessieren wie das mit dir und Tonks gelaufen ist." Harry sah seinen ehemaligen Lehrer enttäuscht an. „Jetzt komm schon Remus. Du weißt wie das läuft. Junge trifft Mädchen, Mädchen trifft Junge, Junge und Mädchen heiraten und kriegen Kinder." Remus lachte wieder, wurde aber schnell ernst. „Na los, erzähl."
Harry setzte sich etwas bequemer zurecht und begann am Hals seiner Flasche zu spielen. „Naja, nachdem der Krieg zu Ende, und ich mit Hogwarts fertig war, hab ich mich bei den Auroren beworben."
„Die müssen doch sicher Feuer und Flamme gewesen sein, dass der berühmte Harry Potter ein Auror werden möchte."
Harry nickte. „So in der Art. Es war fast schon ekelhaft, wie der Kerl gebuckelt hat." „Hättest du vorher Bescheid gesagt, hätte er vermutlich den roten Teppich ausgerollt." meinte Lupin. Harry nickte und trank einen Schluck Butterbier. „Ich musste nicht mal die Aufnahmeprüfung oder sonst einen Test machen." Beide schwiegen eine Weile, bevor Harry weitersprach. „Tonks hab ich dann kurz darauf wiedergetroffen. Wir haben uns unterhalten, angefangen miteinander auszugehen." Harry zuckte mit den Schultern. „Tja. Und irgendwann haben wir dann geheiratet." Remus nickte. „Ich bin wirklich stolz auf dich, Harry. Und deine Eltern und Sirius wären es auch." „Sie sind stolz auf mich, Remus." Antwortete Harry. Remus sah ihn fragend an. Harry lächelte nur und warf einen Blick gen Himmel. Remus folge Harrys Blick und verstand.
„Tonks ist eine wunderbare Frau, Harry. Vergiss das niemals." Sagte Remus. Harry warf ihm ein wissendes Lächeln zu. „Du musst es ja wissen. Immerhin warst du schon mit ihr verheiratet." Auf einmal begann Remus in seinem Stuhl ungemütlich umher zu rutschen. „Harry, ich weiß nicht wie viel dir Tonks von unserer Ehe erzählt hat." „Eigentlich gar nichts. Außer die Geschichte, dass sie dir erzählt hat, sie würde ein Kind von dir erwarten." Remus nickte. „Harry. Das zwischen Tonks und mir damals war nicht Mal annährend das, was ihr beide habt. Und das hätte es auch nie werden können." Harry legte seine beiden Unterarme auf dem Tisch ab. „Was ist denn damals schief gelaufen zwischen euch?" fragte er. Remus überlegte, wo er anfangen sollte. „Kannst du dich noch an die Nacht erinnern, als Dumbledore gestorben ist?" Harry nickte. „Und weißt du auch noch wie Tonks auf mich eingeredet hat?" „Sie hat dich ja kaum zu Wort kommen lassen." kommentierte Harry. „Hör zu. Ich möchte jetzt nicht, dass du etwas Falsches denkst." Sagte Remus klar, „Tonks und Ich. Das ist Vergangenheit. Das hätte nie etwas werden können. Irgendwann hätten wir uns getrennt, so oder so. Ich will nicht, dass du jetzt denkst, ich wäre hier um, naja…" „Remus, jetzt hör auf solchen Mist zu quatschen und erzähl weiter." Unterbrach ihn Harry. Remus nahm einen Schluck aus seiner Flasche. „Nach dem Begräbnis hat mich Tonks zu ihren Eltern geschleift und als ihren neuen Freund vorgestellt. Besonders begeistert waren ihre Eltern nicht." Harry nickte. „Kann ich mir vorstellen." Sagte er leise, ohne dass Remus es hörte. „Jedenfalls stand ich danach unter Zugzwang." „Lass mich raten. Tonks hat sich mit ihren Eltern gestritten und du hast sie um des lieben Friedens willen gefragt, ob sie dich heiraten will." „Ja." War Remus einzige Antwort. Irgendwie klang es so, als würde er sich entschuldigen. „Besonders glücklich hast du auch nie ausgesehen, wenn ich ehrlich bin." Wagte sich Harry vor. „War ich auch nicht." Gestand Remus. „Versteh mich nicht falsch. Tonks ist eine wundervolle Frau. Aber ich habe sie nicht geliebt. Sie war für mich eine gute Freundin, vielleicht so etwas wie eine kleine Schwester. Aber auf keinen Fall die Frau mit der ich mein Leben verbringen könnte." Remus schien nicht vorzuhaben weiter zu reden, sondern trank einen Schluck aus seiner Flasche und starrte dann mit abwesendem Blick vor sich hin. „Wo hast du dich eigentlich nach dem Krieg rumgetrieben?" fragte Harry mit dem Versuch das Thema zu wechseln. Remus massierte sich die Stirn, als müsse er nachdenken. „Nach dem Krieg - und nach meiner Scheidung von Tonks - hab ich einfach gemerkt, dass ich wegmusste. Ich wusste noch nicht wohin. Irgendwohin wo man mich nicht kannte. Also bin ich nach Kanada. Die haben dort ein Reservat, wo sich Werwölfe frei bewegen können." Ein Lächeln erschien auf Remus Gesicht. „Nun ja, und…" Harry fing an zu grinsen. „Du hast eine Frau kennengelernt." beendete Harry den Satz. Remus nickte. „Ja." „Ist sie auch ein Werwolf?" fragte Harry. „Nein." Antwortete Remus. „Aber sie kennt sich sehr gut mit dem Wolfsbanntrank aus." Fügte er noch hinzu. „Und wann wolltest du sie mal vorstellen?" fragte Harry. „Nächste Woche. Weil dann doch alle hier sind." Harry hob eine Augenbraue. „Woher weißt du das?" Remus setzte ein Rumtreiberlächeln auf. „Andromeda hat es mir erzählt." „Tonks Mutter?" entfuhr es Harry ungläubig. „Ja. Sie hat mich vor drei Jahren mal kontaktiert. Sie meinte, es wäre gut gewesen, dass ich wenigstens dann doch den Mumm gehabt hätte Tonks die Wahrheit zu sagen, anstatt für sie den glücklichen Ehemann zu spielen." Harry nickte erstaunt. Eine solche Reaktion hätte er von allen, aber nicht von Andromeda Tonks erwartet.
Remus holte eine kleine Taschenuhr hervor. „Schon so spät? Wird Zeit für mich zu gehen, Harry." Harry stand auf und umarmte Remus. „War schön dich mal wiederzusehen." Sagte er. Remus nickte und disapparierte.
Harry kam zurück in das Schlafzimmer. Naomi lag in der Mitte des großen Doppelbettes. Sie trug noch ihre ganzen Klamotten. Vorsichtig weckte Harry sie. „Möchtest du hier schlafen?" Naomi nickte nur müde und setzte sich auf. Harry half ihr beim Umziehen. Dann schlüpfte er selbst in seinen Pyjama und streckte sich auf seiner Seite aus. Naomi rückte zu ihm und schmiegte sich bei ihrem Vater an. Harry sah hinüber zu Tonks. Sie schlief mit dem Rücken zu ihm, der Krippe zugewandt, in der Aron lag. Harry streckte die Hand aus und berührte Tonks Nacken. Tonks zog die Schultern hoch und ließ ein genüssliches Schnurren hören. Harry lächelte. Er wusste, wie sehr sie das mochte. Als er seine Hand wieder zurückzog, rutschte Tonks unmerklich nach.
Harry saß am Bettrand, völlig gefangen von dem Bild, dass sich ihm bot. Tonks lag, mit Naomi fest im Arm, im Bett. Beide schliefen friedlich. Selig lächelnd streichelte Harry zuerst über Tonks und dann über Naomis Gesicht.
Der Junge der überlebte, der Auserwählte, der Retter der Zaubererwelt. Doch all diese Namen beschrieben nicht den wahren Harry.
Er war Harry James Potter, Ehemann von Nymphadora Andromeda Tonks, Vater von Naomi Potter und Aron Potter.
Er war der glücklichste Mann der Welt. Und es brauchte niemanden, der ihm das sagte. Harry wusste es.
