Upload aus reiner Langeweile… ich hoffe, das stört keinen.
Danke an meine liebe Beta ShizoFairytale! Applaus!
Ru
1. Auferstehung
(Tage zuvor)
Auf leisen Pfoten huschte er durch die steinernen Gänge. Unbemerkt von all den Unwürdigen erklomm er ein paar Stufen und schlitterte den nächsten Handlauf hinab. Niemand achtete wirklich auf ihn, einzig ihre verächtlichen Blicke zeigten ihm, dass sie ihn dennoch wahrnahmen. Der Ekel in ihren Gesichtern ließ ihn kalt – denn er wusste. Er wusste so viel mehr als sie und es würde nicht mehr lange dauern und sie alle würden vor ihm im Staube kriechen. Sie alle und voran ihr allseits geliebter und ‚großer Meister'.
Sie hatten ja keine Ahnung. Er würde es sein, der ihnen zeigte, wer der wahre Meister war. Er würde ihnen ihre Unwissenheit unter die Nase reiben und ihnen zeigen, was Macht bedeutete. Er allein hatte das Recht dazu, denn er würde es sein, der alles veränderte.
Vor dem zerfledderten unscheinbaren Wandteppich machte er Halt und verwandelte sich in Sekundenschnelle zurück, nur um unbemerkt hinter der geheimen Tür dahinter zu verschwinden. Der Raum dahinter schien nur aus Büchern zu bestehen. Weder Wände, noch Boden waren unter den abertausend Folianten zu erkennen. Inmitten dieser Schätze lag eine alte, mottenzerfressene Decke, in die er sich vorsichtig einwickelte. Mit seinen kurzen, dreckigen Fingern griff er nach einem besonders alt aussehenden, dünnen und halb verkohlten Exemplar und schlug es hastig auf.
Die Zeilen kannte er schon auswendig, doch waren sie das Einzige, was ihn noch fesseln konnte, während er begierig auf diesen einen Tag wartete.
21. Tag im 1678. Zirkel
Sein Anblick ist unheilverkündend. Seine Aura ist selbst für uns zu spüren. Seit sie gegangen sind, seit er mit ihm alleinig herrscht, wird uns erst bewusst, über welche Kraft er verfügt. Seine Stärke übertrifft alles, was wir uns jemals vorstellen konnten. Zurecht wird er der silberne Teufel genannt.
Der Rat hat in der heutigen Sitzung bekannt gegeben, dass eine Untersuchung nötig ist. Unauffällig, denn wer kann schon erahnen, wie solch ein Wesen auf solch eine Situation reagieren würde? Niemand spricht es aus, doch die nervösen Gesten jedes Einzelnen sprechen für sich. Alle haben Angst vor dem Ergebnis.
Wer hätte gedacht, dass es so weit kommen könnte?
Hier waren einige Einträge unkenntlich, wahrscheinlich durch die lange Zeit, in der das kleine Buch Wind und Wetter ausgesetzt war. So blätterte er begierig weiter.
26. Tag im 1678. Zirkel
Seine Macht wächst. Der Rat hat beschlossen das alte Ritual auszuführen. Er stellt eine Bedrohung dar, die wir nicht mehr kontrollieren können, sollten wir länger damit warten. Die Zeit rinnt durch unsere Finger, es muss getan werden.
Heute sind Arania und Isan losgezogen, um alles vorzubereiten; würden wir alle verschwinden, würde er Verdacht schöpfen. Wir müssen ihn stoppen, solange wir noch können.
29. Tag im 1678. Zirkel
Er scheint zu wissen, dass etwas nicht stimmt. Angst bestimmt unsere Sitzungen, niemand wagt es ein neues Treffen vorzuschlagen. Die Ältesten zittern vor Grauen ob des Gedanken, dass er etwas herausfinden könnte.
Das Ritual muss gelingen! Sonst sind wir alle dem Untergang geweiht…
31. Tag im 1678. Zirkel
Er hat das Schloss verlassen. Eile ist geboten, Arania und Isan haben ihre Rückkehr angekündigt. Wir müssen durchhalten, nur noch ein wenig. Der Frieden ist zum Greifen nah. Selbst der Bannkreis ist so gut wie gezogen, was wir brauchen ist nur ein Quäntchen mehr Zeit.
38. Tag im 1678. Zirkel
Es ist vollbracht!
Feiert, Brüder und Schwestern! Feiert, das Übel ist gebannt, die Kraft ihm genommen! Lasst den roten Mond unseren Sieg verkünden, auf dass er nie unseren Untergang einleiten möge.
Hastig überblätterte er einige Seiten, unwichtigen Gesülzes.
59. Tag im 1678. Zirkel
Ein Fehler. Es ist alles nur noch schlimmer geworden Der Tag unseres augenscheinlichen Triumphes hat unseren Tod besiegelt. Wir sind verloren. Sein Zorn wird uns zu Grunde richten.
60. Tag im 1678. Zirkel
Nicht mehr viele sind von uns noch übrig. Ein letzter Versuch bleibt uns noch. Ein letztes Aufbäumen vor unserem Untergang – denn wenn wir sterben, werden wir ihn mit uns ins Nichts reißen. Für die Zukunft. Für unsere Kinder. Für die ganze Welt.
Das altbekannte Brennen in seinem Unterarm ließ ihn frustriert das Buch zuschlagen. Der Lord rief ihn, wie er es schon oft getan hatte – doch auch das hatte bald ein Ende. Auch dieser Unwürdige – gerade dieser Unwürdige – würde den Staub zu schmecken bekommen, würde sein wahrer Meister erst einmal befreit sein.
Mit einem beinahe schon irren Kichern kroch er aus dem durch die Bücher winzigen Raum und beeilte sich, dem Ruf zu folgen. Vielleicht das letzte Mal.
*–*–*–*–*–*–*
(Gegenwart)
Der ganze Raum schien zu pulsieren. Die willkürlich verstreuten Energiebündel hatten alle ihren eigenen Rhythmus und doch ergaben sie zusammen ein stummes Konzert, das seinen Körper zum Beben brachte. Fasziniert folgte sein Blick den einzelnen Strängen, die sich aus seinem Körper gelöst hatten und sich zögerlich mit den Auren seiner Mitmenschen verbanden. Es erschien ihm wie eine Jagd oder ein anmutiger Tanz eines gefährlichen Untiers.
Als der erste Strang sein Ziel erreichte durchfuhr ihn die Energie wie ein Blitz. Verwundert aufkeuchend kippte sein Körper leicht vornüber und um sich nicht noch zu verletzen klammerte er sich an dem Holz fest. Seine Augen weiteten sich, sein Blick wurde glasig. Noch ein bisschen… noch ein kleines bisschen…
„…Harry James Potter! Ich rede mit dir!"
Erschrocken fuhr der Schwarzhaarige herum. Urplötzlich klärte sich sein Verstand und mit Schrecken erkannte er, was er getan hatte. Beziehungsweise, was er nicht getan hatte. Oder was er glaubte getan zu haben.
Er hatte auf jeden Fall Ginny nicht zugehört, die offensichtlich mit ihm gesprochen hatte. Und seine Freundin war offensichtlich sauer. Stinksauer.
Doch da war noch dieser Tagtraum, der ihn zuvor im Griff gehabt hatte. Er hatte sich so real angefühlt – und doch wieder nicht. Zumindest sahen die Schüler Hogwarts' wieder ganz normal aus, ohne diese pulsierenden Blasen um sich herum. Und auch er selbst war tentakellos, worüber er mehr als nur erleichtert war – oder?
Verwirrt und erschöpft fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht. Dies war nicht sein erster ungewöhnlicher Tagtraum gewesen und dennoch machten diese Träume ihn fertig. Er bemerkte noch nicht einmal die besorgten Blicken von Hermine und den misstrauischen von Ron, so erschöpft fühlte er sich in diesem Moment.
„Gin, sei mir nicht böse, aber ich muss mich wirklich hinlegen.", wandte er sich mit einem entschuldigenden, aufgesetzten Lächeln. „Tut mir leid."
„Warte!", als er gerade aufstehen wollte sprang auch sie auf und sah ihn mit einem nicht einzuordnenden Blick an. „Ich komme mit. Wir müssen über etwas reden."
Er ahnte es schon, dennoch nickte er nur. Er wusste selbst, dass er sie zu sehr vernachlässigt hatte. Seit dem Szenario im Ministerium bei dem Sirius von ihnen gegangen war, war er nicht mehr er selbst. Zwar hatte er seine Trauer so weit hinter sich gelassen, dass er wieder frei atmen konnte, doch trotz der Tatsache, dass er nur mithilfe seiner Freunde das ganze letzte Jahr überstanden hatte, zog er sich vor ihnen zurück. Ob in den Raum der Wünsche oder ein leeres Klassenzimmer, war ihm dabei gleich. Tatsächlich suchte er am häufigsten ersteres auf. Warum wusste er selbst nicht so genau. Wahrscheinlich um wirklich nicht gefunden zu werden.
Schweigend bewältigten sie beide den Weg bis zum Gemeinschaftsraum und traten kurze Zeit später ein. Es waren nur noch zwei Wochen bis zu Beginn der Sommerferien, die Prüfungen waren beendet und der Unterricht fand nur noch sporadisch statt. Tatsächlich hatten viele der Lehrer ihren Schülern einfach frei gegeben, somit war es kaum verwunderlich, dass diese ihre freie Zeit draußen verbrachten um das herrliche Wetter zu genießen und der Gemeinschaftsraum somit beinahe leer war.
Zielstrebig steuerte Ginny eine der Sitzgruppen an und ließ sich auf einen der Sessel plumpsen. Nach kurzem Zögern tat Harry es ihr gleich und sah zu Boden. Seine Hände legte er verschränkt auf seinem Schoß ab und wartete, dass sie begann.
„Harry, du…", sie seufzte leise und fuhr sich durch ihr rotes Haar. „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll."
„Sag einfach, was du denkst.", versuchte er ihr ein wenig zu helfen, ohne sie anzusehen.
„Na gut.", holte sie nach einer kurzen Pause tief Luft. „Ich denke, wir wissen beide, worum es geht. So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Du gehst uns allen – und speziell mir – seit wir zurück sind vollkommen aus dem Weg. Ich weiß, dass es Dinge gibt, die ich nicht wissen soll und auch, dass Sirius Tod dich sehr belastet-" Sein Blick verdüsterte sich. Er hatte damit abgeschlossen, doch nun riss sie alte Wunden wieder auf. „- aber du kannst uns doch nicht alle einfach so aus deinem Leben verbannen!", fuhr sie immer energischer fort, ohne seine Reaktion zu bemerken. „Ich mein, ja okay, du hast viel verloren – aber wir auch. Wir alle haben etwas verloren, was uns wichtig war. Du brauchst nicht alleine zu leiden, wir sind doch da um dir zu helfen!"
„Ginny, du verstehst das falsch.", versuchte er einzulenken. „Ich will euch nicht aus meinem Leben aus-"
„Natürlich. Und meine Mutter ist ein Schwan.", fiel sie ihm ins Wort, was ihn irgendwie ärgerte. Konnte sie nicht mal still sein? „Ich meine, du verschwindest andauernd, keiner weiß wo du bist – nicht mal Dumbledore! Oder ist es gar nicht wegen Sirius?" Sag seinen Namen nicht!, fuhr es ihm unerwartet giftig durch den Kopf und er ballte die Fäuste. „Ist es etwa wegen mir? Bin ich zu aufdringlich?" Huch, wo kam das denn her? „Ich meine, ich weiß, dass ich dich vielleicht ein wenig bedränge und vielleicht ist es für unsere Liebe auch noch ein wenig zu früh, aber…"
„Wowowowowow! Moment mal.", unterbrach er sie nun irritiert. „Wessen Liebe? Was habe ich gerade nicht mitbekommen?"
„Ach, jetzt tu doch nicht so, Harry Potter. Jeder weiß doch, dass das mit Cho nur eine Flucht vor deinen Gefühlen zu mir war!", erwiderte sie mit einem selbstsicheren Grinsen. Und eben dieses Grinsen war es, was ihn beinahe zum Explodieren brachte. Dieses Grinsen und ihre Annahme, alles über ihn zu wissen. Was wusste sie schon?!
„Ich habe keinerlei amourösen Gefühle, die ich dir entgegen bringe.", versuchte er es dennoch auf die diplomatische Art und Weise. „Du kannst nicht mal im Ansatz verstehen, wie es mir gerade geht, Ginerva Weasley. Und du hast auch nicht mal den Hauch einer Ahnung, was in meinem Kopf, geschweige denn in meinem Herzen vor sich geht. Woher nimmst du dir verdammt noch mal das Recht, zu denken alles über mich zu wissen?"
Gegen Ende war er immer schärfer und direkter geworden, so dass sie wie ein getroffener Hund zurückzuckte. Doch Harry konnte nicht aufhören, warum auch immer, er sah rot und redete sich erst richtig in Rage.
„Ich habe gerade den einzigen Menschen verloren, der mich jemals so genommen hat, wie ich bin, der mir nie irgendwelche Vorschriften gemacht hat oder auch nur irgendetwas von mir erwartet hat! Ja, verdammt, es geht mir scheiße! Und auch wenn du es nicht glaubst, auch ich brauche mal meine Ruhe, vor allem vor euch! Wisst ihr eigentlich wie anstrengend es ist, ständig zu lächeln und gute Miene zum bösen Spiel zu machen, obwohl du am liebsten irgendwas zerschlagen würdest? Hast du nur die GERINGSTE AHNUNG? NEIN! ALSO SEI VERDAMMT NOCHMAL STILL UND SAG – NIE – WIEDER – SEINEN – NAMEN!"
Mit diesen Worten war er aufgesprungen und stürmte nun aus dem Gemeinschaftsraum hinaus. Er wusste nicht, warum er nicht hoch in die Schlafräume gerannt war, doch seine Füße trugen ihn immer weiter, ohne dass er sich Gedanken darüber machte. Wie weit er schon gelaufen war erkannte er erst, als ihn eine dünne Stimme vorsichtig aus seinen Gedanken riss, die sich unentwegt um seinen Verlustschmerz drehten.
„Harry?" Er sah irritiert auf, doch konnte er niemanden erkennen. „Ich… Alles in Ordnung bei dir?" Jetzt erkannte er ihre Stimme und sah hinauf zu der Säule mit den Waschbecken, auf dem die Maulende Myrthe saß und ihn aus großen Augen ängstlich ansah. „Du weinst ja." Erst jetzt bemerkte er die Tränenspuren auf seinen Wangen und das Brennen seiner Augen, fuhr fahrig über selbige und versuchte sich an einer lächerlichen Imitation eines Lächelns.
„Tut mir leid, Myrthe. Ich bin ein wenig… fertig. Ich brauch ne Weile." Sogar seine Stimme klang irgendwie rau.
„Kein Problem!", haspelte das Geistermädchen sofort und schwebte mutiger geworden von ihrem Sitzplatz hinunter. „Es kommen oft Schüler hierher… Schüler, die weinen, meine ich…" Sie schwebte nun ein paar Schritte vor ihm und musterte ihn besorgt. „Wenn du… reden möchtest…?"
„Nein, danke.", winkte Harry hastig ab und kramte nach einem Taschentuch, um sich kurz darauf geräuschvoll zu schnäuzen. Da fiel sein Blick auf das kaputte Waschbecken und instinktiv trat er näher. Vorsichtig fuhr er mit dem Zeigefinger über die eingravierte Schlange. „War seit meinem letzten Besuch jemand in der Kammer?", fragte er mit einem kurzen, wieder gefassten Blick zu Myrthe. Diese schüttelte verneinend den Kopf und ihr Gesichtsausdruck wurde wieder traurig.
„Keiner, der hier war hat sich für das Waschbecken interessiert. Und ich glaube auch nicht, dass überhaupt jemand anderes hier ohne dich oder… diesen Jungen… reinkommen könnte." Harry wusste, dass mit ‚diesem Jungen' Tom Riddle gemeint war und warf dem Geist einen entschuldigenden Blick zu. Sie tat ihm leid.
„Hast du vor noch einmal da runter zu gehen?", fragte das Mädchen plötzlich neugierig und auch mit ein wenig Angst in der zarten Stimme. „Dann wirst du aber sehr, sehr einsam sein."
Genau!, schoss es Harry durch den Kopf und schon im nächsten Augenblick fixierte er die kleine eingravierte Schlange.
~Öffne dich!~, zischte er in Parsel und beobachtete fasziniert, wie das Keramik im Boden verschwand. Auch Myrthe spähte mehr neugierig als ängstlich in das unendlich schwarz erscheinende Loch, das sich vor ihnen aufgetan hatte. „Möchtest du mich vielleicht begleiten?", fragte Harry ganz direkt und nachdem sie ein wenig zögerte fügte er noch hinzu: „Du musst nicht, wenn du nicht willst. Es ist wirklich gruselig dort unten und ich denke, auch der tote Basilisk wird wohl noch dort liegen, wenn noch niemand hier war, um ihn wegzuräumen."
„Aber du willst doch nicht ganz allein dort runter!", empörte sich der sonst so scheue Geist. „Ich komme mit!"
Mit einem Nicken und einem anerkennenden Lächeln sah er noch ein letztes Mal zu Myrthe und sprang. Die Rutschpartie war immer noch nicht angenehmer geworden und er stieß sich bei der rasanten Abfahrt zweimal den Ellenbogen an, so dass er leise fluchte. Unten angelangt sprach er rasch einen Lumos, um sich und seiner Begleiterin den Weg zumindest ein wenig zu beleuchten.
Als sie die stollenartigen Gänge entlangliefen wunderte sich Harry, dass er dies einmal als gruselig empfunden hatte. Der Boden war zwar nicht mit Teppich ausgelegt, doch er war eben und gut begehbar, an den Wänden konnte er rostige Halterungen von einstigen Fackelhalterungen erkennen und hier und da waren Nischen, die bei genauerer Betrachtung kleine Sitzbänke beherbergten. Erst als sie an der Schlangenhaut ankamen musste er schlucken. Durch die eingestürzte Decke war der Weg versperrt und die unter dem Geröll begrabene Schlangenhaut sah aus wie der zerquetschte Körper des Basilisken. Ein grausiger Anblick.
Mit einem Schlenker seines Zauberstabs und einem Gemurmelten Zauberspruch löste sich der Haufen aus Steinen langsam auf und schwebte an die Seiten des Ganges. Durch einen weiteren Zauber schwebte auch die Schlangenhaut auf die Steine und sah nun auf bizarre Weise beinahe… dekorativ aus.
Weiter ging es, bis sie zu der runden, eigentlichen Eingangspforte der Kammer gelangten. Auch hier bediente sich Harry wieder seines Parsel und öffnete so die schwere Eisentür. Der Anblick der langgezogenen Kammer weckte alte Erinnerungen. Bilder aus seinem zweiten Jahr hier in Hogwarts tauchen vor seinem inneren Auge auf und ließen ihn erschaudern. Vor allem, als er den Kadaver der Riesenschlange entdeckte, die am hinteren Ende, halb in dem Wasserbecken versunken, vor sich hin rottete.
Als er näher trat sprach er mehrere Verschwinde- und Aufräumzauber, doch nichts rührte sich. Seufzend ließ er den Zauberstab sinken. Da spürte er, wie etwas kaltes seinen Arm berührte und fuhr erschrocken zu Myrthe herum, die er zu seiner Schande beinahe vergessen hatte.
„Sollten wir das arme Tier nicht wegschaffen?", fragte das Mädchen leise. Harry rechnete es ihr hoch an, dass sie sich so um ihren Mörder sorgte, denn nach seinen Erlebnissen wusste sie natürlich, wer sie damals umgebracht hatte.
„Ich bekomme sie mit keinem mir bekannten Zauber hier weg – hast du eine Idee?", sah er sie fragend an. Myrthe nickte heftig.
„Dort hinten ist ein alter Schacht. Er führt in den See…", murmelte sie. „Wenn wir sie… aus dem Wasser bekommen, könnten wir sie dorthin verfrachten und dem Kraken eine Freude machen. Er mochte die Schlange anscheinend gern…"
„Woher weißt du das?", fragte Harry verblüfft.
„Das darf ich nicht sagen.", haspelte sie aufgeregt, so dass er beschwichtigend die Hände heben musste, damit sie sich nicht weiter aufregte und doch noch verschwand. Irgendwie mochte er ihre Gesellschaft.
„Schon gut, schon gut, ich frag nicht weiter. Also, wo ist der Schacht?"
Myrthe zeigte in eine Richtung und Harry nickte. Rasch entledigte er sich von Umhang und Hemd, da er beides nicht versauen wollte und machte sich sogleich an die Arbeit. Es war eine Sisyphusarbeit, da er, egal wo er anpackte, entweder abrutschte oder sich an den scharfen Schuppen in die Haut schnitt. Zwar waren die Schnitte mit einem schnellen Spruch sofort wieder verheilt, doch er verlor dennoch ab und an ein wenig Blut, das langsam in das Wasserbecken tropfte und kleine rote Wolken in selbigem aufsteigen ließ.
Urplötzlich – er hatte sich gerade wieder an einer der Schuppen geschnitten – durchfuhr den Jungen ein scharfer, stechender Schmerz. Er raste von seinen Fußsohlen, die durch das Wasser ganz durchnässt waren, durch seine Beine in seinen Körper bis hinauf zu seinem Kopf, nur um dort hinter der Stirn in einer Kaskade aus Farben und mentalen Nadeln zu explodieren.
Dann umfing ihn Schwärze.
*–*–*–*–*–*–*
Die leise gemurmelte Beschwörungsformel hallte von den kalten Wänden wieder, bahnte sich einen Weg in die dunkle Schlucht, die vor der kauernden Gestallt aufklaffte wie das Maul eines riesigen Ungeheuers. Je länger die gedrungene Person den uralten Text mit der unangenehm schnarrenden Stimme rezitierte, desto lauter wurde das protestierende Knirschen der steinernen Statuen, die immer mehr feine Risse zierten. Die Steingebilde zeigten elf Zauberer und Hexen in alten, traditionellen Roben mit erhobenen Händen. Man konnte die Magie, die von ihnen ausging, fast körperlich spüren, als sie immer stärker zu vibrieren begann, als ihre Träger zu Bröckeln anfingen.
Als die ersten Teile sich mit einem ohrenbetäubenden Krachen lösten und im Echo ihres eigenen Bersten in die Tiefe stürzten, konnte man die ersten Veränderungen erkennen. Die Finsternis schien auf einmal von innen heraus zu leuchten. Der Schirm aus scheinbar blockierender Magie, der von den Felsriesen ausging, schien sich unter dem Einfluss des immer intensiveren Leuchten aufzubäumen – man konnte beinahe das klagende Ächzen vernehmen.
Es endete jäh mit lautem Getöse, als die Statuen letztendlich unter dem Zwang der Beschwörung brachen und in die Tiefe stürzten. Schwer atmend brach die Gestallt auf die Knie, fiel vornüber auf die gerade noch ausgestreckten Hände und konnte nur unter größter Anstrengung die Augen offen halten. Etwas – oder besser gesagt Jemand – stieg aus der Dunkelheit empor, aber was auch immer dieser Jemand war, wurde durch das Flimmern der schier unendlichen Magie um den hochgewachsenen Körper herum verschleiert. Man konnte das tiefe Luftholen vernehmen, bevor sich eine raue, durchdringende Stimme erhob.
„Wer ist verantwortlich für die Zerstörung meines Kerkers?" Kleine Steinchen kriselten von der hohen Decke des Gewölbes und veranlassten die zusammengesunkene Person den zerfledderten Umhang tiefer ins Gesicht zu ziehen und sich noch kleiner zu machen.
„Ich, mein Herr.", kam es fiepend als Antwort, woraufhin der Schwebende den Eindruck vermittelte, sich kurzzeitig um die eigene Achse zu drehen, bis er seinen „Retter" zu fixieren schien. Abschätzigkeit und Herablassung ließen die Aura des Mächtigen kurzzeitig aufwallen, bevor sie sich daran machte, den Fremden zu untersuchen. Nichts.
„Es hat den Anschein, als wäre ich dir wohl zu… Dank verpflichtet." Die Stimme hatte einen höhnischen Unterton bekommen, klang jedoch ein klein wenig menschlicher.
„Oh nein, Herr. Ich habe nur meine Pflicht als euer Diener getan.", säuselte die kauernde Person hastig. „Euch bannen zu wollen war der größte Fehler eurer Feinde."
„Beinahe, ja…", kam es fast knurrend zurück, bevor sich der Hohn wieder in die samtige Stimme zurück schlich. „Ich kenne dich nicht. Wie ist dein Name?"
Kurz zuckte eine nervöse Zunge über trockene, rissige Lippen.
„Peter… Peter Pettigrew ist mein Name, Herr.", haspelte er jedoch, als er das ungeduldige Vibrieren der Macht verspürte.
„Nun sag mir, Peter Pettigrew, was erhoffst du dir von meiner… Befreiung? Was ist dein Begehr?"
„Mein einziger Wunsch ist es, euch zu dienen und die Welt vor euch erzittern zu sehen." Er klang so nahe am Wahnsinn, als er diese Worte aussprach, dass es ein Wunder war, dass ihm kein Schaum von den Mundwinkeln tropfte. Ein hartes, humorloses Lachen schwappte ihm entgegen, begleitet von einem Wallen der Magie, als sein neuer Herr mit den Füßen auf dem Boden auftraf.
„Wir werden sehen.", ungeklärt, was genau er mit diesen Worten meinte schritt er auf Peter zu. Direkt vor ihm blieb er stehen, doch Wurmschwanz wagte es nicht den Blick vom Boden zu heben, bis ihn eine filigrane und dennoch kräftige Hand unterm Kinn packte und seinen Kopf in den Nacken zwang. Giftgrüne Augen bohrten sich in seine, ein liebloses, beinahe grausames Lächeln lag auf den aristokratischen Zügen, als er erneut trügerisch sanft die Stimme erhob, während sich sein Haupt langsam lenkte.
„Und nun zeige mir, was in der Dauer meiner Abwesenheit so alles geschehen ist."
