Es ist schade, wie wenige sich zu einem klitzekleinen Review herablassen.

Großen Dank wieder an meine liebe Beta ShizoFairytale!

Ru

2. Teatime

Als er die Augen aufschlug umfing ihn milchig weißes Licht.

Wo war er hier?

Verwirrt blinzelnd wandte er den Kopf nach allen Seiten, doch bis auf den strahlend weißen Boden, auf dem er lag, konnte er nicht sagen, wo der Raum endete. Ein Schauder fuhr über seinen Rücken. Was war das für ein Ort?

„…rry…arry…Harry… Harry!", vernahm er auf einmal ein Wispern, das immer lauter wurde. Harry, richtig. Das war sein Name. Doch wer rief ihn da? Jeder Versuch zu sprechen scheiterte. Es war, als habe er das Sprechen verlernt, kein Ton verließ seinen auf und zu schnappenden Mund.

„Denken, Harry. Nicht sprechen, denken.", wisperte die Stimme, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Als würde sie mit einem kleinen unerfahrenen Jungen sprechen. Ein raues Lachen ertönte.

„Für mich bist du das, ein kleiner, unerfahrener Junge." Hatte die Stimme etwa seine Gedanken gelesen? „Ganz recht. So wie du in diesem Moment die meinen hörst, so kann ich jeden Laut vernehmen, der in deinem zugegeben geschäftigen kleinen Kopf vorgeht."

Nun verstand er. Wo immer er auch war, es war kein Ort, den er zuvor jemals betreten hatte. Angestrengt versuchte er sich auf die Frage zu konzentrieren, wo er sich hier genau befand. Ein erneutes Glucksen folgte.

„Hör auf um jeden Gedanken zu kämpfen, kleiner Harry. Lass deine Gedanken fließen…" Harry versuchte zu gehorchen und hörte auf, krampfhaft an etwas zu denken. Er ließ die ganzen Fragen in seinem Kopf herumschwirren, wovon ihm allerdings selbst ganz schwindelig wurde.

„So viele Fragen… so viele und doch so wenig Zeit.", seufzte die Stimme bedauernd. „Nun gut, greife nach einer, ich versuche sie so gut es geht zu beantworten."

Wo war er hier verdammt noch mal?

„In meinem Gefängnis, geschaffen aus der Magie der zwölf, gebannt im Eis und abgeschnitten von Zeit und dem was ich am meisten begehre."

Ein Gefängnis? Was in Merlins Namen war diese Stimme? Zu wem gehörte sie?

„Langsam, langsam. Wer ich bin, ist mir leider nicht möglich preiszugeben. Der Bann meiner Fesseln verhindern es. Doch wisse, ich bin ein Freund."

Was wollte dieser Freund dann von ihm? Und warum war er in seinem Gefängnis? Kam er hier je wieder lebend heraus?

„Ich rief dich, junger Harry. Mein Wunsch nach Freiheit ist unermesslich und endlich habe ich jemanden gefunden, der den Bann brechen könnte. Ich möchte, dass du meinen Segen annimmst. Du sollst mein Mal tragen und durch die von mir gegebene Kraft meine Fesseln sprengen."

Mal? Sofort schoss ihm Voldemorts dunkles Mal durch den Kopf und er ging automatisch in die Defensive. War er gerade im Begriff seinem Widersacher zu helfen?

„Ich bin abgeschirmt von den Geschehnissen außerhalb dieser Zelle. Der, der das Gesicht der Naga trägt ist mir unbekannt. Doch ich versichere dir, dass ich nicht dieser Voldemort bin und auch dir nichts Böses will."

Ach. Und das sollte er so einfach glauben?

„Ich kann dich nicht zwingen, mir zu glauben, ebenso wenig kann ich dir meinen Segen oder mein Mal aufbürden. Es ist deine freie Entscheidung, ob du mir hilfst oder mich weitere Jahrhunderte hier verrotten lässt." Gegen Ende war die Stimme immer verbitterter geworden und erregte so Harrys Mitleid. Wer auch immer dies war, er hatte anscheinend lange gelitten und wenn er sogar Voldemort nicht kannte, war er wirklich lange eingesperrt. Doch wie sollte er ihm helfen können? Und warum befreite er sich nicht selbst? Wenn er Harry so viel Macht ‚abgeben' konnte, so dass dieser ihn befreien konnte, warum sprengte er nicht von innen sein Gefängnis?

„Weil ich ganz Hogwarts mit mir ins Verderben reißen würde.", kam es wispernd und Harry meinte die Trauer in der Stimme beinahe greifen zu können. „Die, die mich hierher bannten wussten, dass ich niemals diese Schule zerstören könnte – auch wenn ich einige Male kurz davor war, wie ich zu meiner Schande gestehen muss."

Verdammt, das war nicht gut. Erleichterung durchflutete ihn ohne sein Zutun. Erleichterung, weil dieses Wesen anscheinend menschliche Züge besaß und große Verbundenheit zu anderen Leben – so war auch die Gefahr geringer, dass er einen riesigen Fehler beging und etwas ohne Gewissen mordendes freiließ.

„Das heißt, du würdest mir helfen?" Hoffnung, noch so ein menschlicher Zug.

Ja, er würde ihm helfen. Doch er wusste noch immer nicht wie.

„Meine Kinder werden bemerken, dass du jemand mit meinem Segen bist und werden dich aufnehmen, dich lehren. Wenn du mein Zeichen annimmst, wirst auch du zu meinen Kindern gehören – sie werden dies wissen und dir mit Freuden helfen. Deine Geschwister nannten sich zu meiner Zeit Ekatherine, Eresthor und Yzara. Sie waren die ersten, die ich aufnahm."

Verwirrt bemerkte er, wie die Stimme immer leiser und dünner wurde, so als würde sie sich Stück für Stück entfernen. Was war das?

„Meine Kraft schwindet, lange kann ich die Fesseln meines Kerkers nicht mehr strecken. Ich bitte dich, kleiner Harry. Nimm mein Zeichen an und leiste den Schwur."

Einverstanden. Was musste er tun?

„Sprich mir nach: Blut der Ahnen, Feuer der Nacht, Kinder der achten Sonne. Hiermit schwöre ich, meinem Schöpfer die Treue und nehme das Geschenk des Zeichens und der Macht in mir auf. "

Blut der Ahnen, Feuer der Nacht, Kinder der achten Sonne. Hiermit schwöre ich, meinem Schöpfer die Treue und nehme das Geschenk des Zeichens und der Macht in mir auf.

*–*–*–*–*–*–*

Leise seufzend schwenkte er das Weinglas, das zerbrechlich in seinen langen Fingern hing. Gedanken kreisten um das Gesehene. Die Gedanken dieses kleinen, rattenähnlichen Mannes waren kaum verständlich, mehr die eines Tieres als die eines echten Menschen – und doch waren sie aufs Äußerste nützlich. Diese… Kreatur hatte so vieles aufschnappen können, nur aufgrund der Arroganz seiner Mitmenschen, die ihn keines Blickes würdigten oder ihn fälschlicherweise als ungefährlich einstuften. Sicher, Peter Pettigrew war ein solch großer Feigling, dass er es kaum wagen würde, jemandem ernsthaft körperlich zu schaden, aus purer Angst vor den Konsequenzen und dennoch sollte man diesen Mann kaum unterschätzen.

Zu viel Wissen konnte gefährlicher sein als manch einer sich ausmalen konnte.

Diese ignoranten Zauberer, wie ihnen die Macht, die sie glaubten zu besitzen, zu Kopfe stieg! Seine Gefährtin hätte sich für sie geschämt. Beunruhigend war jedoch der anscheinend bevorstehende Krieg zwischen den Zauberern unterschiedlicher Gesinnung. Er würde eingreifen müssen, damit seine eigenen Pläne nicht zerstört wurden. Zudem konnte er ein wenig… Hilfe gut gebrauchen. Er war nicht so vermessen um zu glauben, seine Ziele allein erreichen zu können.

Oh nein, dies hatte er schon einmal versucht und es war zu keinem guten Ende gekommen – wie man unschwer erkennen konnte in anbetracht der Tatsache, dass er Jahrhunderte lang in dieser Schlucht festgesteckt hatte.

Ein erneutes Seufzen entwich ihm, bevor er kurz an der roten Flüssigkeit nippte. Wie lange war es her, dass er etwas zu sich nehmen konnte, das nicht aus Staub und Steinen bestand – zu lange. Der Wein brannte sich einen Weg durch seine Speiseröhre und ließ seinen Magen wohlig warm werden.

„Meister?", zerfraß eine quiekende Stimme die angenehme Stille des Augenblicks und veranlasste den Schwarzhaarigen den Kopf zu heben. Fragend hob sich eine der schmalen Augenbrauen.

„Was gibt es, Peter?" Er hatte es sich angewöhnt diesen Mann beim Vornamen zu nennen. Zwar tat er das eigentlich nicht bei seiner Dienerschaft, doch er brauchte die Ratte und dieser schien es zu gefallen.

„Euer Bad steht bereit." Mit einer tiefen Verbeugung deutete Wurmschwanz auf die schlichte Holztür, hinter der sich das Bad befand. Dieses heruntergekommene, einfache Haus war zwar nicht unbedingt das, was er gewohnt war, doch er hatte schon schlimmer leben müssen. Und so lange er seine Kräfte noch regenerieren musste blieb ihm anscheinend keine andere Möglichkeit als hier zu verweilen.

Als er sich erhob und das Glas auf den kleinen Tisch abstellte bemerkte er, dass Pettigrew nervös von einem Bein aufs andere trat und sich verlegen am Arm kratzte.

„Hast du noch ein Anliegen?", kam die Frage schärfer als erwartet und Peter zuckte in sich zusammen.

„Nein, Herr… Es ist nur… Er ruft wieder…", kurz hielt der Mann in seinem Stottern inne, als suche er nach den richtigen Worten. „Ich danke euch… für die Milderung des Bannes… Ohne euch wäre der Schmerz unerträglich…"

„Ich weiß.", kalt sah der Schwarzhaarige auf den kleinen Mann hinab. „War das alles?"

„Ja… Herr." Er wusste, dass Pettigrew nicht alles gesagt hatte, was ihn auf dem Herzen lag, doch er hatte beim besten Willen keine Geduld auf das Gejammer eines Dieners einzugehen. Nach Jahrhunderten der Einsamkeit war ihm schon diese eine Präsenz nach einer gewissen Zeit lästig und zuwider.

Als er sich wenig später in das warme Wasser sinken ließ und mit einem genüsslichen Lächeln den Kopf auf den Beckenrand legte, schloss er die Augen und ließ seine Gedanken wieder um wichtigeres kreisen.

Seine Pläne.

Um den Ort zu erobern, an dem der Ursprung seiner Macht lag, brauchte er definitiv fähige und organisiert Mitstreiter. Und zudem musste dieser Tom Riddle zum Schweigen gebracht werden, wenn er nicht riskieren wollte, dass sein Vorhaben scheiterte.

Langsam formte sich ein Gedanke hinter der blassen Stirn und verschaffte dem spitzen Gesicht ein fast hämisches Lächeln.

Warum sich die Arbeit machen, wenn man sich in ein gemachtes Nest setzen konnte?

*–*–*–*–*–*–*

„Harry! Oh mein Gott… Was soll ich nur tun?! HARRY! Wach auf! Bitte, ich… Hilfe. HILFE!"

Schmerzerfüllt stöhnte Harry auf. Schon wieder rief ihn jemand – doch diesmal war es keine ruhige, warme Stimme. Diese glich eher dem Geräusch von langen Fingernägeln, die langsam eine Tafel hinuntergezogen wurden. Als er sich verwirrt blinzelnd aufzusetzen versuchte verstummten die panischen Schreie und wurden von hektischem Murmeln ersetzt.

„Meine Güte, Harry, geht es dir gut? Alles in Ordnung bei dir? Hast du dich verletzt? Jag mir nie wieder so einen Schrecken ein! Kannst du aufstehen? Soll ich Hilfe holen? OhmeinGottdublutestja!"

„Scht.", zischte der Junge energisch dazwischen und kniff die Augen zusammen, um die höllischen Kopfschmerzen zu vertreiben. Sie ließen ihn kaum Raum zum Denken und so wartete er einfach ab. Probeweise massierte er sich mit den Zeigefingern die Schläfen und zum Glück half dies ein wenig. Als er sich klar genug fühlte, sah er auf und fokussierte nach einigen Sekunden Myrthes durchscheinendes Gesicht.

„Danke.", versuchte er sich an einem schiefen Lächeln. „Mir geht's wieder gut." Kurz runzelte er die Stirn. Hatte er das gerade wirklich erlebt? Was war eigentlich geschehen? Ohne viel Federlesen wandte er sich mit der letzten Frage an den Geist.

„Du bist einfach so zusammengeklappt. Einfach so! Ich hab mich fürchterlich erschrocken. Und plötzlich hat der Boden um dich herum so komisch geleuchtet und dann hast du irgendwas von Blut und Kindern gesagt und dass du irgendwelche Macht haben willst – Harry, das hast du doch nicht ernst gemeint, oder?", fragte das Mädchen ängstlich und schwebte dabei unentwegt auf und ab.

„Nein, Myrthe, natürlich nicht.", versuchte er sie zu beruhigen – wohingegen er selbst im Innern alles andere als ruhig war. Es war also wirklich geschehen? Aber mit wem hatte er denn nun gesprochen? Wer war hier in Hogwarts eingesperrt?

„Harry?"

„Hm?", verwirrt blinzelnd sah der Schwarzhaarige auf. Anscheinend hatte Myrthe ihn gerade etwas gefragt, was er, vertieft in den eigenen Gedanken, nicht gehört hatte. Entschuldigend lächelnd sah er sie an. „Tut mir leid, ich hab dir nicht zugehört. Was hast du gesagt?"

„Ich habe gefragt, ob du nicht lieber wieder hoch willst? Es ist bald Sperrstunde und du hast das Abendessen verpasst." Ohne auf den ärgerlichen Ton des Geistermädchens zu achten sah er sie erschrocken an.

„Was? So spät schon? Aber warum war ich denn so lange ohnmächtig? Und warum bist du nicht früher los gegangen um Hilfe zu holen?"

Es sollte gar nicht so vorwurfsvoll klingen, wie es anscheinend tat, denn plötzlich standen der Armen Tränen in den Augen. „Es tut mir so leid, Harry… Ich wollte ja! Aber irgendwas hat mich daran gehindert diese Mauern zu verlassen… und…" Sie schluchzte leise. „Tut mir leid!"

„Ist schon in Ordnung, Myrthe. Ich bin dir doch nicht böse.", beruhigte er sie sanft. „Hey, sieh mich bitte an." Ein leises Schniefen. „Myrthe, sieh mich bitte an." Sie hob den Kopf. „Du hast nichts falsch gemacht, ja? Du hast alles versucht, was in deiner Macht stand. Also hör auf zu weinen und lass uns hoch gehen."

Nach einem weiteren Schniefen nickte das Mädchen langsam und schwebte ihm hinterher, als er sich auf dem Weg zum Ausgang der Kammer machte. Harry nahm sich vor, morgen gleich wieder hier herunter zu kommen. So ganz sicher, dass das alles passiert war, war er sich nämlich noch immer nicht.

Im Klo der maulenden Myrthe angelangt wollte er sich mit einem Heben der Hand verabschieden, als der Geist ein weiteres Mal heranschwebte und irritiert sein Handgelenk betrachtete.

„Was ist das?", fragte sie neugierig. Auf der Innenseite seines Handgelenks war ein kleiner, hellgrauer Kreis zu sehen. Harry war sich sicher, dass der heute Mittag noch nicht da gewesen war.

„Vielleicht nur ein bisschen Dreck aus der Kammer, bestimmt nichts Schlimmes.", entgegnete er beschwichtigend und verabschiedete sich. Auf dem Weg zum Gemeinschaftsraum versuchte er, den Kreis mithilfe von Spucke den Kreis wegzureiben, doch nichts passierte. Er war schon drauf und dran seinen Zauberstab zu zücken, als er jäh mitten im Gang stehen blieb.

Du sollst mein Mal tragen…

Das Zeichen, von dem die unsichtbare Stimme gesprochen hatte. Ob es vielleicht dieser Kreis war? Unsinn, bestimmt war er nur irgendwo hängen geblieben. Mit einem guten Reinigungszauber bekam er es bestimmt schnell wieder weg. Doch bevor er den Spruch über die Lippen gebracht hatte vernahm er in einiger Entfernung Schritte und aufgebrachte Stimmen. So schnell er konnte huschte er in eine der Nischen und kauerte sich hinter die dort stehende Rüstung, in der Erwartung sonst gleich einem – oder noch schlimmer zwei Lehrern in die Arme zu laufen.

Doch um die Ecke des Gangs bogen keine Lehrer, sondern zwei Schüler, wie er an den – ihm sehr wohl bekannten – Stimmen erkannte. Hufflepuffs. Genauer gesagt Ernie Macmillan und Justin Finch-Fletchley, wenn er sich nicht gewaltig irrte.

„… kein Wunder, dass er so gelaunt ist. Ich meine – sieh ihn dir an! Er hat seinen Patenonkel verloren, wie würdest du dich in seiner Position fühlen?" Das war Ernie. Er klang genauso theatralisch wie immer, doch seine Worte ließen Harry wieder zurück an seinen Verlust denken.

„Du magst ja Recht haben, trotzdem würde ich die DA gerne weiter machen. Ich meine – du hast doch sicher auch gemerkt, wie viel Spaß alle hatten, oder? Sogar mit Umbridge im Nacken hatten wir tatsächlich Spaß! Es kann doch sein, dass ihm das wenigstens ein bisschen wieder auf die Beine hilft, oder?" Justins Stimme hatte etwas von einem trotzigen Kind und dennoch wirkten sein Argumente schlüssig. Vielleicht brauchte er tatsächlich ein wenig Ablenkung?

„Wir können ihn doch jetzt nicht mit so Fragen belästigen! Was für Freunde wären wir denn, wenn wir so rücksichtslos immer mehr von ihm fordern würden, ohne ihm Zeit zur Trauer zu lassen? Du hast selbst gesagt, dass du ihn oft im Raum der Wünsche hast verschwinden sehen. Er braucht wirklich gerade seine Ruhe, die sollten wir ihm nicht nehmen."

„Wo du Recht hast…"

„Mr. Macmillan, Mr. Finch-Fletchley. Was treibt Sie beide denn noch so spät durch die Gänge? Es herrscht bald Ausgangssperre!", durchschnitt da die hohe Stimme Flitwicks das Gespräch.

„Verzeihen Sie uns, Professor. Wir haben anscheinend die Zeit vergessen.", entschuldigte sich Justin hastig.

„Na dann aber schnell! Husch, auf in Ihre Betten."

„Ja, Professor."

Die Schritte verklangen langsam. Als er sich sicher war, dass alle drei den Gang verlassen hatten kroch Harry aus seinem Versteck hervor und klopfte sich den Staub und die Spinnenweben von der Hose. Tief in Gedanken versunken setzte er seinen Weg fort.

Wer hatte Recht – Justin oder Ernie? Brauchte er etwas Ablenkung? Oder wollte er alleine sein? Nach vielem Hin und Her kam er zu einem Schluss – beides. Aber er wollte nicht zurück zur DA – auch wenn er deswegen sicher noch einmal mit Ron und Hermine sprechen würde. Als er das Portrait zum Gemeinschaftsraum der Löwen durchschritt beschloss er gleich morgen nach dem Unterricht zurück zur Kammer zu gehen und nach der Stimme zu suchen.

Er konnte noch immer nicht glauben, dass dieser Traum der Realität entsprach – er brauchte Sicherheit. Und die würde er bekommen. Morgen.

Jetzt musste er sich zuerst einmal mit Hermines besorgten Fragen und einem aufgebrachten Ron herumschlagen, mal die heulende Ginny außen vor gelassen, da diese tränenüberströmt auf dem Sofa saß und allem Anschein nach der Auslöser für die heftigen Reaktionen seiner Freunde war.

Nachdem er sich notwendigerweise bei allen dreien entschuldigt hatte verabschiedete er sich und verschwand im Schlafsaal. Er war plötzlich so unglaublich müde…

*–*–*–*–*–*–*

Die große Standuhr schlug gerade zur vierten Stunde am Nachmittag, als es leise an der Tür zur Bibliothek klopfte. Die junge Dame, die gekleidet in ein mitternachtsblaues Kleid, bis zu diesem Zeitpunkt vertieft in einem der dicken, uralten Wälzer gelesen hatte, sah auf.

„Herein?", bat sie mit zarter und doch unnachgiebiger Stimme. Ihre grauen Augen erfassten den älteren Herrn, der durch die Pforte trat und sich kurz verbeugte.

„Ma'am, der Tee ist fertig. Darf ich Sie bitten, mich zum blauen Salon zu begleiten oder soll ich den Tee hier servieren?"

Mit einem Seufzen klappte die junge Frau das Buch zu und schüttelte den Kopf.

„Nicht nötig, William.", antwortete sie und erhob sich vorsichtig. Sie griff nach ihrem edlen Gehstock aus Mahagoni und lief damit auf den Butler zu. Bei ihm angelangt nahm sie – wenn auch widerwillig – den ihr angebotenen Arm an und ließ sich aus dem Bücherpalast durch die prunkvollen Gänge des Anwesens geleiten.

Es erschien ihr wie jedes Mal wie eine halbe Weltreise und nur ihr eiserner Willen hielt sie davon ab nachzufragen, ob sie sich kurz setzen könne. Stattdessen betrachtete sie die vielen großen Gemälde, welche die hohen Wände zierten, ebenso wie die riesigen Wandteppiche. Auch besah sie sich die weite Landschaft, die sich ihr offenbarte, wenn sie aus den hohen Fenstern sah. Hin und wieder meinte sie sogar in der Ferne die Dächer der Stadt Asenovgrad zu erkennen.

„Darf ich bitten, Ma'am." William verbeugte sich und hielt ihr die Tür zum blauen Salon auf. Wie der Name schon sagte, war hier Blau die dominierende Farbe, doch auch wenn der Raum ein wenig kalt wirkte, so war er doch durch das prasselnde Kaminfeuer ganz und gar nicht.

Während die junge Frau zu einem der Sofas schritt, wandte sich der Butler zu dem bereitstehenden Teeservice und goss den Tee auf, den er seiner Herrin kurz darauf brachte.

„Einmal Earl Grey Blue Flower – ein natürlich aromatisierter Schwarzer Tee mit elegantem Jasmin und edlem Bergamott."

„Vielen Dank.", nickte sie und nahm die Tasse vorsichtig entgegen. Ihren Gehstock hatte sie an die Armstütze des Sofas gelehnt, so dass William einen großen Schritt tun musste, um nicht zu stolpern. Doch dies schien dem alten Herrn entweder in der täglichen Routine nicht mehr aufzufallen oder er war ein Meister darin, dies geflissen zu ignorieren.

„Sag, William…", begann die junge Lady nach einer Weile zögerlich.

„Ja, Ma'am?" Der Butler trat neben sie und sah sie freundlich an.

„Wo ist Joshua?" Ihr Gesichtsausdruck glich einer undurchsichtigen Maske, doch er, der er schon seit Jahrzehnten in den Diensten des Hauses stand, hatte keine Mühe die seltsame Nachdenklichkeit aus den starren Zügen zu lesen.

„Der junge Herr lässt sich entschuldigen, Ma'am.", antwortete William gehorsam. „Er hat sich mit Herrn Silas in seinem Arbeitsraum zurückgezogen und angeordnet, heute nicht mehr gestört zu werden."

Die junge Dame seufzte resigniert und nippte an ihrem Tee. Kurze Zeit schwieg sie, bis sie dem Butler eines ihrer seltenen Lächeln schenkte.

„Der Tee ist wie immer hervorragend, William.", lobte sie und stellte die leere Tasse samt Unterteller auf den kleinen Tisch vor ihr.

„Vielen Dank, Ma'am.", entgegnete er mit einer leichten Verbeugung und schenkte ihr eine weitere Tasse ein. „Möchten Sie noch ein Stück Gebäck?"

„Gern."

Daraufhin herrschte eine angenehme Stille, nur unterbrochen von kurzen, belanglosen Wortwechseln zwischen Herrin und Butler. Eine ganz normale, angenehme Teestunde verging und als sich die junge Frau gegen kurz nach fünf erheben wollte, hatte sie zwei weitere Tassen Tee geleert.

„Was steht als nächstes auf dem Plan?", wollte sie als zunächst wissen, als sie nach ihrem Gehstock griff.

„Ihre wöchentliche medizinische Untersuchung bei Dr. Beauchamp, Ma'am."

Urplötzlich taumelte die junge Frau, stolperte und wäre wohl gefallen, hätte er sie nicht aufgefangen. Doch es schien keiner ihrer typischen Schwächeanfälle zu sein, denn ihre Augen verdrehten sich und sie fing an wie von Wellen erfasst zu beben. Das kleine Zeichen auf ihrem Handgelenk leuchtete kurz auf – dann lag sie wieder still da. Der ganze Vorgang hatte höchstens zwei Minuten gedauert.

Als sie die Augen wieder öffnete waren diese nicht mehr von einem kalten, stumpfen grau, sondern leuchtend blau. Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf den zarten Zügen aus.

„William, er ist da!"

„Mylady!", rief der Butler erstaunt aus. „Bitte, strengt euch nicht zu sehr an, dieser Körper ist noch nicht vollkommen wieder hergestellt."

„Du weißt, dass das nie der Fall sein wird. Bitte, bring mich zu meinem Bruder und zu meiner Schwester. Auch sie müssen es gespürt haben." Ein Flehen lag in den nun kindlich wirkenden Zügen, die das ganze Wesen so zerbrechlich und schutzbedürftig aussehen ließen, dass der Butler einfach nicht anders konnte.

Galant erhob er sich und trug das Mädchen auf seinen Armen hinaus aus dem blauen Salon. Sie war solch ein Fliegengewicht, dass er sich vornahm, besser darauf aufzupassen, dass seine Herrin mehr aß.

Rasch trug er sie zu einem Raum, an dessen einer Wand die Tür eingelassen war, während die anderen drei Wände komplett von drei riesigen Gemälden ausgefüllt wurden. Auf einem der Bilder war ein Portrait ihrer selbst zu sehen, die Augen geschlossen und die Hände in stummem Gebet gefaltet. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich das Portrait eines hübschen jungen Mannes mit goldblondem Haar, das ihm bis auf die Schulter reichte. Seine nun fragenden Augen hatten die gleiche Farbe wie die der jungen Lady. Auf dem Gemälde gegenüber der Tür war ein in rot gehaltenes Kaminzimmer zu sehen, doch auf dem großen Ohrenbackensessel saß niemand. Stattdessen konnte man gerade so dahinter den Zipfel eines schwarzen Kleides ausmachen, was die junge Lady bedauernd seufzen ließ.

Sie wandte sich zu dem jungen Mann zu ihrer Rechten und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.

„Bruder, hast du es auch gespürt?", stellte sie ihre aufgeregte Frage.

„Ja. Also ist es wahr?", entgegnete der Blonde mit einer Mischung aus Unglaube und Hoffnung.

„Es muss wahr sein. Glaube mir, es ist so weit. Er wurde uns geschickt – unser Warten hat endlich ein Ende."

„Endlich.", wiederholte ihr Gegenüber mit einem zarten Lächeln. Da wandte sich die junge Frau wieder zu ihrem Begleiter.

„William, geh zu Phineas! Er soll an all unsere Kinder einen Brief verfassen. Alle sollen sie sich bereit machen, die Aufgaben erledigen, die zu erledigen sind. Schickt sie sofort los! Bald ist es so weit –

Wir ziehen in den Krieg!"