Am nächsten Tag hatten sich der Captain, Chakotay, Tom und Icheb im Frachtraum 1 eingefunden um einige Vorräte zu überprüfen und eine Inventur zu machen. Normalerweise hätte sich Kathryn dazu nicht hinreißen lassen schwere Container zu verrücken, aber seit Wochen schon hatte weder ein außergewöhliches Raumphänomen noch ein feindliches Schiff die Routine der Voyager gestört und auch der Captain war vor Langeweile nicht unbedingt gefeit. Daher nahm sie ein wenig körperliche Ertüchtigung im Dienst gerne in Kauf. Chakotay hatte ähnliche Motive, aber natürlich wollte er neben seinem Captain seinen Mann stehen.
"Also, dann wollten wir mal anfangen. Mr. Paris, nehmen Sie Icheb mit und überprüfen Sie bitte auf der linken Seite den Inhalt der Container mit den Aufzeichnungen, Chakotay und ich fangen rechts an."
"Aye Captain", erwiderte Tom und machte sich mit dem Borg-Jungen auf zum ersten Container.
Kathryn und Chakotay suchten sich ihre Container auf der anderen Seite. Es dauerte gut 2 Stunden bis sie die Ladelisten mit dem tatsächlichen Inhalt verglichen hatten und dann berieten sie, was langsam verbraucht werden mußte.
"In einem hinteren Container habe ich noch Lebensmittel und Pflanzensamen gefunden, vielleicht sollten wir den hydroponischen Garten etwas erweitern, die Samen waren schon ziemlich vertrocknet. Ich weiß nicht, ob da noch etwas anwächst", meinte Tom.
"Und die Lebensmittel?" fragte Chakotay. Der Pilot schien nicht ganz sicher zu sein, daher schlug er vor: "Vielleicht sollten wir da lieber Neelix fragen, vielleicht hat er die Ladung vergessen."
"Gut, wenn wir hier fertig sind gehen Sie vielleicht mit ihm gleich hier runter. Falls es verdorben ist entsorgen Sie es gleich."
"Ja Captain."
Dann meldete sich Icheb zu Wort: "Der Container 15A auf der oberen Ablage enthält laut Verzeichnis noch einige Tauschartikel von den Wesen auf dem Außenposten der Markonianer, neben diversen Gegenständen werden auch trinkbare Flüssigkeiten aufgeführt."
Janeway nickte. "Die hatte ich ganz vergessen. Chakotay, eine Flasche von dem weinartigen Getränk war gar nicht so schlecht, erinnern Sie sich noch?"
Chakotay grinste. Und ob er sich an diesen Abend erinnerte, sie hatten beide beim Abendessen fast die ganze Flasche geleert und am nächsten Morgen einen fürchterlichen Kater, weil sich der Alkohol erst gebildet hatte, als die Flüssigkeit den Magen erreicht hatte.
"Das werde ich nicht so schnell vergessen, falls davon noch Flaschen übrig sind trinken wir sie mit Bedacht."
"Gut, dann fangen wir vielleicht gleich mit Ichebs Container an. Tom, holen Sie bitte die Anti-Grav Bahre."
"Schon unterwegs", erwiderte der Pilot und holte die Vorrichtung zum transportieren und heben der Container aus der Nische in der Seitenwand. Kurz darauf waren Chakotay und Tom auf die obere Ablage neben den Container geklettert und Icheb hatte mit Kathryns Hilfe die Bahre in Position gefahren. Jetzt schoben die beiden Männer mit vereinten Kräften den Container herüber und als er endlich auf dem Transportgerät stand fuhr ihn Icheb langsam herunter.
"Der ist ganz schön schwer", stellte Tom fest und kletterte hinter Chakotay wieder herunter.
"Das war gezieltes Krafttrainig, die Fitneßstunde auf dem Holodeck können wir heute getrost ausfallen lassen", scherzte Chakotay.
Die drei Männer standen jetzt am Container, der dicht neben der Seitenwand stand und versuchten den Deckel aufzubekommen. Der Captain stand zwischen Kistenrückwand und Frachraumwand und versuchte die Scharniere dort zu lösen. Plötzlich kippte die Anti-Grav-Bahre, scheinbar war eine Energiezelle ausgefallen. Chakotay rief noch: "Kathryn, Vorsicht!", aber er konnte das Unglück nicht mehr verhindern. Der Container kippte genau in Kathryns Richtung und quetschte sie an die Frachtwand. Chakotays Adrenalinpegel stieg augenblicklich in die Höhe als er Kathryns Schmerzenlaut hörte und im selben Moment das häßliche Geräusch brechender Knochen.
Kathryn sah die Kiste kippen aber in dem Moment war es auch schon zu spät. Sie spürte die Kante auf ihren Brustkorb knallen, wurde mit dem Rücken gegen die Wand gestoßen und dann spürte sie einen unerträglichen Schmerz in der Brust. Die Luft wurde aus ihren Lungen gepreßt und als sie nach Luft schnappen wollte wäre sie fast ohnmächtig geworden. Sie konnte nicht mehr richtig atmen und der kleinste Atemzug wurde von stechenden Schmerzen begleitet. "Cha...ko..." preßte sie mühsam hervor. In den Augenwinkeln merkte sie schon, wie es dunkel wurde und kurz darauf verlor sie die Besinnung.
Während Tom der Krankenstation bescheid gab, daß es einen medizinischen Notfall gegeben hatte, hatten Chakotay und Icheb den Container an den Seitenkanten gepackt und zogen nun mit aller Kraft dran.
"Tom", rief Chakotay aus zusammengebissenen Zähnen, "ziehen Sie den Captain raus, aber vorsichtig!"
Der Pilot war schon längst zu ihr hingeeilt und half erst einmal mit beim Wegrücken. Schließlich bewegte sich der Container einige Zentimeter und Kathryn,die nun nicht mehr an die Wand gepreßt wurde, drohte zu Boden zu rutschen. Tom fing sie auf und zog sie hinter der Kiste hervor.
"Alles klar, sie ist frei!" rief er den beiden zu und legte den Captain vorsichtig auf den Boden. Ihr Brustkorb hob sich nur minimal und Tom konnte die rasselnde Atmung hören.
"Chakotay an Transporterraum, erfassen Sie das Signal vom Captain um beamen Sie sie unverzüglich auf die Krankenstation!" rief er und Tom und er traten einen Schritt zurück. Kathryns Gestalt löste sich in einem Schimmern auf und das MHN bestätigte, daß sie angekommen war.
Chakotay, der vor Schreck und Angst immer noch heftiges Herzklopfen hatte bat Tom Hilfe zu holen und den Frachtraum dann auf Vordermann zu bringen. Er machte sich sofort auf den Weg zur Krankenstation.
Nicht ganz 5 Minuten später erreichte der erste Offizier atemlos die Krankenstation.
"Doktor, wie geht es ihr?" fragte er, kaum daß sie die Türen geöffnet hatten. Das MHN stand im hinteren Bereich am chirurgischen Bett und kümmerte sich um den Captain. Die Rahmen waren hochgefahren und er arbeitete konzentriert. "Es ist nicht so schlimm Commander, einige gebrochene Rippen, eine verletzte Lunge und gequetschte Organe. Nichts, was ich nicht wieder flicken könnte." Der Doktor hatte sich nicht umgedreht, bemerkte aber, daß Chakotay seitlich hinter ihm stand und den Captain betrachtete.
"Bitte gehen Sie jetzt Commander, ich habe noch einige komplizierte kleinere Operationen zu erledigen, Sie können in einer Stunde wiederkommen."
Chakotay seufzte leise, befolgte aber die Anweisung. Er war unglaublich erleichtert, daß alles wieder gut werden würde und als sich die Krankenstationtüren hinter ihm geschlossen hatten, informierte er Tom. Dieser war auch sehr erleichtert und meldete seinerseits, daß der gekippte Container inzwischen mit Hilfe von vier weiteren Crewmitgliedern geräumt worden sei, und wieder an seiner Position stehen würde.
"Neelix sieht sich den Inhalt des anderen Containers mit den Lebensmitteln und Samen an, wenn die Mittagszeit vorbei ist. Im Moment kann er die Küche nicht verlassen", erklärte Tom.
"Danke Mr. Paris. Kommen Sie dann wieder auf die Brücke."
"Aye Sir."
Exakt eine Stunde später suchte Chakotay erneut die Krankenstation auf. Als sich die Türen öffneten schaute er sofort in die Richtung vom chirurgischen Bett. Die Rahmen waren jetzt heruntergefahren und sein Captain lag, mit einem Laken zugedeckt, mit offenen Augen da. Chakotay war jetzt endgültig erleichtert, Kathryn war zwar noch blaß, aber immerhin wach. Er trat neben ihr Bett und sagte leise:
"Kathryn, geht es Ihnen gut?"
Sie schaute ihn an und lächelte leicht. "Der Doktor hat mich wieder hinbekommen, ich spüre noch einen Druck, aber er meint, das sei ganz normal nach einer Rippenfraktur und einer durchstochenen Lunge."
In dem Moment kam das MHN aus dem Büro und begrüßte Chakotay. "Commander, es ist wieder alles in Ordnung. Bis heute Abend bleibt sie noch hier auf der Krankenstation, aber dann kann sie sich in ihrem Quartier erholen. Ich möchte Sie bitten, ein Auge auf den Captain zu haben."
Chakotay nickte und das MHN blickte nun Kathryn streng an. "Captain, ich weiß daß Sie denken, das Schiff überlebt keinen Tag wenn Sie nicht auf der Brücke sind, aber da irren Sie sich. Ich verordne Ihnen zwei Tage Bettruhe und anschließend kommen Sie noch einmal zur Nachuntersuchung auf die Krankenstation. Sollte ich erfahren, daß Sie nur einen Fuß auf die Brücke gesetzt haben, werde ich Sie auf der Krankenstation sedieren. Außerdem werde ich Ihnen jeden Morgen und Abend einen Krankenbesuch abstatten. Habe ich mich klar genug ausgedrück?"
Kathryn war perplex über die scharfen Worte des MHN und wollte ihn eigentlich dafür tadeln, aber dann sah sie zu Chakotay. Die Mundwinkel des ersten Offiziers zuckten verdächtig und sie sah, daß Chakotay alle Mühe hatte sich das Lachen zu verkneifen. Seufzend ergab sich Kathryn ihrem Schicksal, denn das MHN hatte absolut Recht mit seiner Vorahnung - sie hatte sich schon am nächsten Tag auf der Brücke gesehen, ungeachtet davon, was das MHN gesagt hätte. Aber bevor er seine Drohung warhmachen würde (und Kathryn wußte, daß er das tun würde), nahm sie lieber zwei Tage Zwangsurlaub hin als schlafend auf der Krankenstation zu liegen.
"Völlig klar, Doktor", sagte sie nur und seufzte. Das MHN schaute zufrieden drein und sagte dann zu Chakotay: "Ich werde sie gegen 18 Uhr in ihr Quartier bringen, Sie können sie dann gerne besuchen. Jetzt muß sie sich noch erholen." Damit ging der Doktor wieder in sein Büro und ließ die beiden allein.
Chakotay kämpfte immer noch mit seiner Gesichtsmuskulatur und Kathryn meinte trocken: "Irgendwann Chakotay, werden unsere Rollen vielleicht mal vertauscht sein. Passen Sie also lieber auf ob Sie mich auslachen oder nicht, Sie wissen ja, wie es in den Wald hineinschallt..."
"Ich würde Sie nie auslachen, Captain, es ist nur... Sie wären am liebsten schon wieder auf der Brücke, habe ich nicht Recht?"
Kathryn rollte mit den Augen und mußte dann selber lachen. "Also schön, er hat mich erwischt. Ich kann einfach nicht tatenlos im Bett rumliegen obwohl es mir gut geht."
"Sehen Sie es mal so, die Voyager ist während Ihrer Abwesenheit in den fähigen Händen Ihres ersten Offiziers, der sich dann mit der Langenweile rumschlagen muß." Er überlegte kurz. "Vielleicht sollte ich die Sitze neu beziehen, ein sattes Rot wäre doch nicht schlecht?"
Kathryn reagierte sofort gespielt entrüstet: "Unterstehen Sie sich! Sonst denke ich die ganze Zeit, es herrscht roter Alarm."
Chakotay lachte und meinte dann: "Machen Sie sich keine Sorgen Captain und entspannen Sie ein wenig. Ich sehe auch öfters nach Ihnen." Er wandte sich zum Gehen und Kathryn sagte noch:
"Danke, Chakotay."
Er drehte sich noch einmal zu ihr um und wurde mit einem herzlichen Lächeln belohnt. Er erwiderte das Lächeln und ging dann wieder zur Brücke.
