Auf der Krankenstation war das MHN gerade dabei, seine medizinischen Geräte zu sortieren und zu überprüfen, ob alles noch vorrätig war, als sich Seven bei ihm meldete.
"Seven of Nine an der Doktor. Bitte kommen Sie sofort in mein Quartier."
Automatisch und ohne groß zu überlegen befestigte das MHN sich den mobilen Emitter, nahm sich das Medkit und sagte nur: "Ich bin unterwegs."
Kurz darauf erreichte er das Quartier und als sich die Türen öffneten fragte er: "Was ist passiert, Seven?" Dann blieb er stehen und starrte die Borg an. Sie war nicht in Uniform, hatte Tageskleidung an, die Haare zu einem Zopf gebunden und ein paar Haarsträhnchen hingen ihr ins Gesicht. Und, was das MHN jetzt am meisten irritierte - sie lächelte ihn an.
"Seven?" fragte er unsicher.
"Es ist nichts passiert, Doktor. Ich wollte Sie zum Frühstück einladen."
Das MHN blieb völlig perplex stehen. Was hatte das jetzt zu bedeuten?
"Seven, das ist sehr nett, aber ich dachte, es gäbe einen medizinischen Notfall. Ich bin im Dienst."
"Sollten Sie einen Patienten bekommen, wird er sich schon melden. Bitte, setzen Sie sich."
Seven stand hinter einem Stuhl und wartete, daß er Patz nehmen würde. Der Doktor stand immer noch wie festgewachsen im Eingang und dann ging ihm ein Licht auf. Er glaubte zu wissen, was hier los war.
Sie will bestimmt wieder eine Übungsstunde haben, nur diesmal ohne daß ich es vorher weiß. Damit es authentischer wird.
Und als ihm das klar wurde, spürte er plötzlich Wut. Er würde sich nicht weiter als Versuchskaninchen benutzen lassen. Auch wenn sie vielleicht nicht ahnte, daß sie auf seinen Gefühlen für sie herumtrampelte, genug war genug. Er hielt seine Gefühle im Zaum und sagte nur: "Tut mir leid, Seven, aber ich muß wieder auf die Krankenstation." Damit drehte er sich um und war weg.
Die Borg starrte ihm entgeistert nach und unfähig, irgendetwas sinnvolles zu tun. Sie spürte Traurigkeit, denn sie hatte B'Elanna die Wahrheit gesagt - sie mochte den Doktor mehr als nur gerne. Und jetzt, da er sich zum ersten Mal gegen sie und ihre Wünsche gestellt hatte, spürte sie, daß sie ihn wirklich liebte. Keiner hatte es je geschafft solche Emotionen in ihr zu wecken, nicht einmal Chakotay. Sie ließ sich auf den Stuhl fallen und dachte nach. Was hatte sie bloß falsch gemacht? Oder hatte sie sein Interesse auf dem Holodeck im Nachhinein falsch gedeutet?
Unterdessen kam das MHN wieder auf der Krankenstation an, erleichtert zu sehen, daß er allein war. Er legte den mobilen Emitter wieder an seinen Platz und setzte sich dann ins Büro an seinen Tisch. Er dachte noch einmal über das nach, was gerade geschehen war, aber er fand keine andere Erklärung als die, die er schon in Seven's Quartier gefunden hatte. Er war so sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er weder hörte, wie die Türen sich öffneten, noch daß Naomi Wildman eingetreten war, die sich den Arm hielt.
Die Halb-Kterianerin hatte sich eine böse Schnittverletzung zugezogen, als sie in Neelix' Küche im Küchenunterschrank nach einigen Gewürzen gesucht hatte und dabei zu Neelix' Freude und ihrem Leidwesen das große Messer wiederfand, das er einmal verloren hatte. Es war hinter den Schrank gerutscht und die lange, dicke Klinge ragte durch einen Spalt in der Rückwand direkt in den Schrank hinein. Als Naomi tiefer hineingegriffen hatte, war die skalpellscharfe Klinge in ihren Unterarm gefahren und hatte, abgesehen davon, daß sie ihr den Arm auf einer Länge von fast 20 cm aufgeschnitten hatte, auch noch eine Arterie durchtrennt. Sie blutete heftig, aber Neelix hatte zum Glück schnell gehandelt und ihr einen provisorischen Druckverband verpaßt. Die Blutung ließ sofort spürbar nach und er schickte sie schnellstens zur Krankenstation.
Nun stand Naomi im Raum und wollte gerade "Doktor?" rufen, da sah sie ihn in seinem Büro sitzen. Er schien sie noch nicht bemerkt zu haben. Die Halb-Kterianerin wollte gerade etwas sagen, da hörte sie seine Stimme, die untypischerweise ganz traurig und leise klang. Sie blieb überrascht stehen, als sie seine Worte hörte.
"Computer, persönliches Logbuch des MHN fortsetzen. Seven hat mich gerade in ihre Quartier bestellt. Entgegen meinen Erwartungen hat es sich nicht um einen medizinischen Notfall gehandelt, vielmehr wollte sie einfach mit mir frühstücken."
An dieser Stelle wollte Naomi überall sein, nur nicht hier. Und lauschen wollte sie schon gar nicht, aber sie hatte jetzt keine Möglichkeit mehr, die Krankenstation unbemerkt zu verlassen. Unterbrechen wollte sie ihn auch nicht, vielleicht konnte sie sich aber verstecken und die Ohren zuhalten. Ganz leise schlich sie ein paar Schritte zurück Richtung Tür - das MHN wandte ihr glücklicherweise noch immer seinen Rücken zu - und glitt dann erleichtert neben der Tür in eine Nische. Sie wollte sich die Ohren zuhalten, aber sie konnte ihren Arm nicht loslassen, ohne daß das Blut wieder hervorspritzen würde. Daher versuchte sie sich auf ein Gedicht zu konzentrieren, aber obwohl sie wirklich bemüht war - die Worte des Doktors schienen direkt in ihre Richtung zu kommen.
"Obwohl ich mir gewünscht hätte, daß es wirklichlich eine Einladung gewesen wäre, so denke ich doch, daß sie mich als Versuchsobjekt benutzen wollte, um die Übung authentischer zu machen. Beim letzten Essen vor nur 2 Tagen hat sie deutlich gemacht, daß sie mich nur wegen meiner medizinischen Kenntnisse braucht." Er machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: "Ich wünschte nur, sie würde meine Liebe irgendwann erwidern, aber das ist offenbar nicht der Fall. Daher habe ich mich entschlossen, weitere private Treffen zu unterlassen. Ich hoffe, sie findet einen angemessenen Partner. Außerdem schätze ich, wäre ich als Hologramm für sie eh nicht geeignet. Wer will schon eine Projektion aus Licht, die notfalls jederzeit abgestellt werden kann." Die letzten Worte klangen recht verbittert. Wieder erfolgte eine kurze Pause bis das MHN sagte: "Computer, Aufzeichnung beenden."
Naomis Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie mochte den Doktor sehr gerne und war traurig, weil er so unglücklich war. Doch diese Gedanken schob sie beiseite. Jetzt mußte ihr schnell etwas einfallen, damit er sie nicht doch noch bemerken würde. Naomi würde es sich nie verzeihen, wenn er mitbekommen würde, daß sie seine privatesten Gedanken gehört hatte.
Ihr kam eine Idee. Sie wartete noch ein paar Sekunden, dann trat sie vor die Türen, welche sofort aufglitten und tat, als käme sie gerade herein.
"Doktor?" rief sie gleich.
Das MHN kam sofort an. "Naomi! Was ist passiert?" fragte er mit einem Blick auf ihren Arm und half ihr dann auf ein Biobett. Er holte einen Tricorder und scannte sie.
"Ich habe mich an Neelix' Lieblingsmesser verletzt", erklärte sie.
"Hm, Deine Arterie ist durchtrennt und Du hast eine gehörige Schnittwunde. Der Blutverlust ist noch im unteren Normbereich. Leg Dich bitte hin."
Naomi tat, was der Doktor gesagt hatte und der öffnete vorsichtig den provisorischen Verband. Dann flickte er die Arterie wieder zusammen und schloß den langen Schnitt mit einem Hautregenerator. Das Ganze dauerte gerade mal 10 Minuten.
"So, das war's", meinte er dann fröhlich. Das junge Mädchen betrachtete ihren Arm, an dem nichts mehr zu sehen war.
"Vielen Dank, Doktor", sagte sie und setzte sich wieder auf. Einen kurzen Moment war ihr schwindelig, aber es hörte auch gleich wieder auf. Dann rutschte sie vom Biobett herunter und das MHN sagte noch: "Du wirst Dich vielleicht etwas schwach fühlen, das liegt am Blutverlust. Sieh zu, daß Du Dich jetzt noch eine Stunde hinlegst und etwas ißt und trinkst. Das ist eine ärztliche Verordnung."
Naomi nickte. "Mache ich, versprochen. Danke!" Dann verließ sie die Krankenstation wieder und das MHN säuberte schnell noch das Biobett.
