*Da der Prolog nur so kurz ist, hänge ich hiermit gleich das nächste Kapitel dran. Das updaten wird relativ schnell gehen, weil die komplette Story schon fertig ist und ich also bei viel Zuspruch im Grunde jeden zweiten Tag ein neues Kapitel rausstellen könnte. Aber ein bissl Feedback will ich schon haben, bevor ich das mache. Es gibt ja sonst keinen Lohn. Und jetzt wünsche ich euch viel Spaß! ;0) Ganz liebe Grüße, Jenna*
Die Liste
„Mr. Kostan?" Die helle Männerstimme drang kaum zu mir durch, so weit hatten mich meine schwermütigen Gedanken davon getragen. „Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?"
Hatte ich das? Ich musste zugeben, dass ich tatsächlich etwas verwirrt war. An diesem Abend in Micks Apartment zu gehen und mich in seinen Bürosessel zu setzen, um das Gefühl zu haben, ihm auf irgendeine Weise nahe zu sein, war wohl doch keine so gute Idee gewesen.
Ich räusperte mich und versuchte einen möglichst arroganten Ton anzuschlagen, um mir nicht anmerken zu lassen, dass er mich kalt erwischt hatte. „Terry, hatten sie jemals das Gefühl, ich hätte schlechte Ohren?"
„Nein, Sir, ich…"
„… aber wenn Sie der Klang Ihrer eigenen Stimme so erfreut, dürfen Sie sich gern wiederholen."
Für einen Moment herrschte Stille am anderen Ende der Leitung. Dann war es an Terry sich zu räuspern.
„Ich… äh… na, ja, wie gesagt, da ist ein Päckchen per Eilpost gekommen und Sie sagten ja, wenn eines kommt…"
„Kommt es aus New York?" unterbrach ich ihn hastig und konnte nicht verhindern, dass mein Herz einen für einen Vampir ungewöhnlich schnellen Rhythmus aufnahm.
„Ja, es…"
„Öffnen Sie's und faxen Sie mir, was drin ist, an die Nummer, die auf Ihrem Display zu sehen ist."
„Wann?"
„Vor fünf Minuten!" Ich drückte meinen Gesprächspartner einfach weg, warf das Telefon auf den Schreibtisch, sprang auf und machte einen großen Schritt hinüber zum Faxgerät. Verflucht noch mal, warum mussten sämtliche Geräte in diesem Büro bloß ausgeschaltet sein? Das Faxgerät gab ein leises Schnurren von sich, als ich den Power-Knopf drückte, und fing an, sich warm zu laufen. Meine Sinne waren aufs Äußerste gespannt. Ich konnte fühlen, wie das Blut meines Abendmahls durch meine Adern pumpte, und hören, wie sich die Klappen meines Herzens in raschem Tempo öffneten und wieder schlossen. Aber ich hörte noch etwas anderes, ganz nah, so als wäre es direkt neben mir: Ein leises Piepen und dann das Öffnen der Haustür zu Micks Apartment.
Ich hob ein wenig meinen Kopf, schloss die Augen und sog die Luft meiner Umgebung durch meine Nase ein. Parfüm, menschliche Haut, weibliche Östrogene… Beth.
Das war nicht gut. Nicht wirklich ein guter Zeitpunkt, obwohl ich mir hätte denken können, dass sie heute hier auftauchen würde. Genau heute war es ein Jahr her…
Ich zuckte fast zusammen, als das Faxgerät anfing zu piepen und dann mit dem Druck begann. Schon nach wenigen Zeilen konnte ich feststellen, dass es genau das war, worauf ich gewartet hatte: die Liste. Und sie hatte sich tatsächlich über die Monate verändert. So viele Namen waren ausgestrichen… so viele… Und niemand hatte wirklich ihr Fehlen bemerkt – nur die, die aufmerksam waren, die wussten, was hier vor sich ging hinter dem Rücken der meisten Menschen.
„Hallo?!" Beths Stimme klang unsicher, fast ängstlich. Sie hatte wohl die Geräusche aus dem Büro gehört und wusste nicht genau, was sie davon halten sollte. Aber da war noch etwas anderes in ihrer Stimme: Hoffnung.
„Wer ist denn da?" Ich konnte spüren, dass sie ihn so gern aussprechen wollte, seinen Namen. Aber die Hoffnung war so klein und zerbrechlich, dass sie es nicht wagte.
„Josef", rief ich ihr entgegen und konnte fast selbst den kleinen Stich fühlen, den ihr meine Antwort versetzen musste. Ich atmete tief durch und wandte mich widerwillig von dem Faxgerät ab. Die Antwort auf die Frage, die mich im Moment am meisten quälte, musste warten – ihr zuliebe. Das alles war ganz gewiss nicht mehr Beths Welt und je eher sie daraus verschwand, desto besser.
Ich straffte die Schultern und schlüpfte hinein in die Rolle, die ich bis zur Perfektion beherrschte: die des selbstbewussten, charmanten, manchmal beinahe arroganten Josef Kostan.
Mit einem leichten Lächeln verließ ich das Büro, noch ehe sie die Chance hatte, es zu betreten… bedeutete: Wir liefen tatsächlich an der Tür ineinander und zwar mit solchem Schwung, dass Beth von mir ein wenig abprallte und sie es nur meinen hervorragend funktionierenden Vampirreflexen zu verdanken hatte, dass sie nicht stürzte.
„Hoppalla", meinte ich und schenkte ihr ein kurzes Lächeln, während ich sie wieder sorgsam auf die Beine stellte. Ich konnte nicht anders, als noch einmal kurz den Duft ihrer Haare einzusaugen.
„Hmm. Neues Schampoo? Irgendwas mit Honig oder?"
„Ähm… ja…", sie strich sich verlegen eine blonde Haarsträhne hinter das Ohr und lächelte. „Du hättest ruhig sagen können, dass du heute herkommst."
„Na, ja, für morgen war schon ausgebucht", gab ich locker zurück und bewegte mich Richtung Wohnzimmer. „Da dachte ich, ich probier's mal heute. Keine Sorge, die Freshies sind schon alle weg. Fanden die Stimmung zu düster…"
„Ich meine nur, du hättest ja gestern was sagen können, als wir essen waren", erwiderte sie ungerührt.
„Essen warst nur du – ich hab' zugesehen, wie immer - als treuer Platzhalter." Ich ließ mich auf die Couch nieder und nickte ihr auffordernd zu. „Ganz davon abgesehen, war ich nicht der Einzige, der vergessen hat, den Trauer- und Gedenkabend in Micks Wohnung zu erwähnen." Ich hob tadelnd eine Augenbraue.
„Ich hatte nicht vor zu trauern", gab Beth cool zurück. Sie hielt sich heute wirklich gut. „Eigentlich müsste mein Date jeden Moment eintreffen, also…" Sie nickte Richtung Ausgang und ich legte demonstrativ die Füße auf den Tisch.
„Da bin ich ja mal gespannt… Schließlich scheinen ja auch mir im Moment die Freunde auszugehen. Vielleicht hat dein Neuer ja Lust auf einen Freund mit etwas Biss." Ich ließ geräuschvoll meine Zähne aufeinander schlagen.
Beth musste lachen. „Ja, mal sehen", grinste sie und ließ sich neben mir nieder. Für eine Weile herrschte einvernehmliches Schweigen zwischen uns. Es war schon merkwürdig, wie schnell einem in Notlagen Menschen vertraut werden konnten, die man eigentlich gar nicht in sein Leben hatte lassen wollen. Aber Beth und ich hatten mittlerweile so viel Zeit miteinander verbracht, dass….
„Ich… ich hatte einfach nur gehofft, mich ihm etwas näher zu fühlen, wenn ich hier bin", unterbrach sie meine Gedanken. Ihre Stimme war nur sehr leise, aber in ihr lag so viel Sehnsucht und Trauer, dass ich für einen Moment spürte, wie meine Fassade bröckelte und der eigene Schmerz mit aller Macht heraus drängte. Aber ich sagte nichts. Meine Kehle war plötzlich wie zugeschnürt.
„Ich vermisse ihn so sehr." Sie atmete tief und ein wenig zittrig durch, aber ich konnte noch keine Tränen in ihren Augen schimmern sehen. Sie wollte wohl auch für mich tapfer sein.
„Manchmal habe ich das Gefühl, es macht überhaupt keinen Sinn mehr zu hoffen", fuhr sie fort. „Ein Jahr… überleg dir das mal…" Sie schüttelte resigniert den Kopf.
Ich zuckte die Schultern. „Gemessen an meiner Lebenszeit ist das nur ein Wimpernschlag", brachte ich nun doch leise heraus. Verdammt noch mal, dabei wollte ich sie doch nicht noch ermutigen, weiter auf einen glücklichen Ausgang dieser ganzen Geschichte zu hoffen. Nicht nach den ganzen Informationen, die ich in den letzen Tagen gesammelt hatte.
Sie brachte tatsächlich ein kleines Lächeln zustande, wurde aber schnell wieder ernst. „Lieutenant Davis hat mich heute dezent darauf hingewiesen, dass ich es vielleicht in Betracht ziehen sollte, dass Mick tot ist", sagte sie und ihre Stimme zitterte ein wenig. „Als ob ich das noch nie hätte! Ich hab' schon so oft darüber nachgedacht, dass es mich ganz krank macht. Aber ich will Beweise… Ich will ihn nicht aufgeben, nur weil… weil es sein kann…"
Irgendwie machten es mir Beths Gedanken unerträglich, weiter ruhig neben ihr sitzen zu bleiben und ich stand auf. Ich besaß normalerweise eine grandiose Selbstbeherrschung – ganz im Gegensatz zu Mick – und Beth hatte seit Micks Verschwinden bei mir immer Trost und Zuspruch finden können, aber heute, mit all den neuen Informationen im Kopf und den Geräuschen des Faxgerätes im Ohr, das vielleicht eben diesen Beweis brachte…
„Josef?" hörte ich sie irritiert fragen, während ich zu einem der großen Fenster lief. Ich schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch. Dies war nicht der richtige Moment, um den weichen, verletzlichen Josef heraus zu lassen, der, den das alles ganz genauso mitnahm wie die junge Frau, die nun langsam auf ihn zukam.
„Es… es tut mir so leid", flüsterte sie und legte mir eine Hand auf einen der Arme, die ich verkrampft vor der Brust gekreuzt hatte. „Ich vergesse immer, wie sehr auch du ihn vermissen musst. Ihr kennt euch schon so lange…"
Ich räusperte mich, um den Frosch in meinem Hals zu beseitigen. „Ich bin an Verluste gewöhnt", sagte ich schroff. „Nach 400 Jahren sollte man damit umgehen können…"
„Wir wissen nicht, ob er tot ist", gab Beth in einem Ton zurück, der wohl Trost spenden sollte, aber ich wollte das nicht. Sich an falsche Hoffnungen zu klammern, war nach einem Jahr nicht mehr gesund. Und es würde sehr bald sehr gefährlich werden – vor allem für einen Menschen. So sehr ich die junge Frau mittlerweile in mein Herz geschlossen hatte, sie musste diese Welt möglichst bald für immer verlassen – ohne Mick. Also packte ich sie mit beiden Händen an den Schultern und zog sie dichter an mich heran. Meine Augen bohrten sich in die ihren, die sie nun etwas erschrocken aufriss.
„Beth, dieser Davis hat recht", sagte ich mit Nachdruck. „Mick ist seit einem Jahr verschwunden! Das ist eine lange Zeit für einen Menschen und eine noch längere für einen Vampir! Er verträgt keine Sonne und er braucht Blut. Selbst wenn er irgendwo eingesperrt worden ist – wie soll er das ein Jahr lang überleben, ohne Hilfe, ohne Schutz, ohne alles? Du hast doch gesehen, was mit ihm nach ein paar Stunden in der Wüste passiert ist! Und es ist nicht unmöglich Vampire auch anders zu töten. Mick hat es oft genug selbst vorgeführt. Ein Jahr, Beth! Ein Jahr!"
Der Ausdruck auf Beth Gesicht war eine Mischung aus Schock, Erschütterung, Trauer, sterbender Hoffnung und Wut, während ihr nun doch deutlich Tränen in die Augen stiegen. „Wie.. wieso sagst du das?" brachte sie zunächst nur im Flüsterton hervor. „Josef, weißt du irgendetwas?"
Ich ließ sie ruckartig los und wandte mich von ihr ab, schon wieder die Beherrschung verlierend.
„Josef", drängte sie weiter, packte mich mit erstaunlich festem Griff am Arm und zog mich zu sich herum. Nicht genug Zeit, um erneut eine Maskerade aufzubauen. Und dieser Druck in der Brust, dieses Ziehen in den Gedärmen…
„Du verheimlichst mir doch irgendetwas – schon seit einer Weile. Bitte, Josef…" Sie sah mich flehentlich an.
„Du musst gehen…", kam es mir leise über die Lippen. „Mick hatte Recht. Du musst diese Welt verlassen. Es wird zu gefährlich, Beth!"
„Wovon redest du? Hat das mit Micks Verschwinden zu tun?"
„Mick kann dich nicht mehr beschützen", fuhr ich unbeirrt fort, „deswegen werde ich das tun." Und vielleicht war, ihr die volle Wahrheit zu erzählen, der wirksamste Weg das zu tun. „Es wird einen Krieg geben, Beth. Einen Krieg zwischen Menschen und Vampiren. Eigentlich hat er längst begonnen, hinter dem Rücken des Großteils der menschlichen Bevölkerung. Und wenn du weiterhin in der Nähe von Vampiren bleibst, könntest du leicht zu einem der Opfer werden."
„Moment, Moment… Krieg?" Sie sah mich voller Entsetzen an. „Was… was soll das bedeuten? Wer sollte gegen euch einen Krieg führen? Ich dachte, niemand weiß, dass ihr existiert!"
Ich atmete tief durch und schloss für einen Moment die Augen. „Was ich dir jetzt erzähle, war selbst Mick nicht bekannt. Es gibt nur sehr Wenige, die darüber bescheid wissen, was schon seit Jahrhunderten immer wieder vor sich geht. Du musst das unbedingt für dich behalten. Niemand – weder Mensch noch Vampir darf erfahren, dass du darüber informiert bist – Ist das klar?"
Beth sah mich nur mit großen Augen an und nickte stumm.
„Setzen wir uns", sagte ich und wies auf die Couch. Beth folgte meiner Aufforderung bereitwillig und ich setzte mich so nah an sie heran, dass unsere Stimmen auf einem sehr niedrigen Level bleiben konnten. Sie war sehr angespannt und aufgeregt, das konnte ich fast körperlich fühlen, und der schnelle Schlag ihres Herzens fand sein Echo in dem meinen. Sie über alles zu informieren, war für uns beide gefährlich, aber jetzt gab es kein Zurück mehr.
„Es gibt eine geheime Organisation unter euch Menschen, die sich die Legion nennt. Sie existiert seit es Vampire gibt und sie hat es sich von Beginn an zur Aufgabe gemacht, die Population der Vampire zu überwachen und notfalls in Grenzen zu halten. Wann immer sie im Laufe der Geschichte der Meinung waren, dass es zu viele Vampire gibt oder dass diese zu viel Macht in der Welt an sich reißen, sind sie eingeschritten."
„Inwiefern?" Der schockierte Ausdruck in Beth schönen Augen wies deutlich darauf hin, dass sie die Antwort auf ihre Frage längst erahnte.
„Indem sie eine große Anzahl von Vampiren einfach abschlachteten – getarnt als berechtigte Taten innerhalb von geschichtlichen Gewaltausschreitungen, wie zum Beispiel der Hexenverfolgung oder der Französische Revolution. Auch Kriege waren bisher immer sehr geeignete Anlässe, um den Mord an unzähligen Vampiren zu vertuschen."
„Oh, mein Gott", entfuhr es Beth und sie fuhr sich entsetzt mit der Hand an den Mund. „Wie furchtbar…"
„Momentan ist es wieder soweit", fuhr ich leise fort. „Doch in unseren modernen Zeiten müssen sie wesentlich vorsichtiger und verdeckter agieren. Die modernen Medien erschweren es ihnen, viele Vampire auf einmal hinzurichten. Also gehen sie langsamer als sonst vor, greifen sich immer wieder einzelne, wenn die Gelegenheit günstig ist. Ich weiß nicht, was dieses Mal der Anlass dieser… Reduktion ist, aber sie sind dabei, gerade hier in L.A. die Anzahl der Vampire kräftig zu minimieren."
„Wie viele bisher?" fragte Beth mit zittriger Stimme.
„Wir wissen es nicht genau", gab ich zu, „aber es müssten bis jetzt an die Fünfzig sein. Es gibt eine Liste, auf der man die Namen derer finden kann, die nach Meinung der Legion lang genug unter den Sterblichen verweilt haben. Jeder, den sie erwischen, wird dort ausgestrichen."
Ich gab ihr einen Moment Zeit, all die neuen Informationen zu verarbeiten, innerlich hoffend dass sie vielleicht selbst darauf kommen würde, was ich ihr eigentlich sagen wollte.
Ihr Blick war ein paar Herzschläge lang in die Ferne gerichtet und ihr war deutlich anzumerken, wie sich ihre Gedanken überschlugen, wie sie sich verzweifelt darum bemühte, nicht die Frage stellen zu müssen, deren Antwort sie nicht hören wollte Aber sie konnte nicht anders… sie drängte sich ihr zu sehr auf. Ihre Augen wanderten wieder zu mir, voller Angst und schlimmer Befürchtungen.
„Hast du die Liste gesehen?"
Ich nickte knapp.
„Stand… stand Micks Name auf der Liste?", brachte sie nur im Flüsterton hervor.
Wieder musste ich nicken. Sie atmete zitternd ein.
„War er ausgestrichen?"
Für einen Moment zog ich es tatsächlich in Erwägung, sie anzulügen – einfach um alles möglichst kurz und schmerzlos zu machen. Aber ich konnte es nicht. Beth war, soweit ich wusste, immer ehrlich zu mir gewesen und ihre Gegenwart hatte mir diese nervenzerfressende Zeit des Wartens und Bangens irgendwie leichter gemacht. Ihre Gegenwart hatte mir das Gefühl gegeben, die Verbindung zu Mick nicht völlig verloren zu haben. Sie hatte es nicht verdient, angelogen zu werden.
„Nein", gab ich schließlich zu und sah eine Welle der Erleichterung über ihr Gesicht huschen. „Aber ich hatte die Liste in den Händen, als Mick noch gar nicht verschwunden war", setzte ich schnell und etwas zu scharf hinzu. „Das sagt gar nichts aus."
Sie schien ein wenig irritiert über meine Reaktion, ließ sich aber von meinen Worten nicht erschüttern. „Eben. Es sagt nichts aus", erwiderte sie. „Wir können daraus weder schließen, dass er tot ist, noch dass er lebt."
Nun stand ich doch wieder auf. „Hast du mir nicht zugehört, Beth?" fuhr ich sie ungehalten an. „Die Legion jagt Vampire, um sie zu töten! Mick stand auf ihrer Liste und er ist nun verschwunden – wie wahrscheinlich ist es da, dass er noch lebt?!"
Beth sah mich entsetzt an, während ihr gleichzeitig langsam wieder Tränen in die Augen traten. „Willst du, dass er tot ist?"
Das war tatsächlich eine gute Frage und sie traf mich direkt ins Herz, riss mir den letzten Rest an Selbstbeherrschung, an Standhaftigkeit unter den Füßen weg.
„Ja", brach es aus mir voller Inbrunst hervor. „Das will ich… Weil ich…", ich rang nach den richtigen Worten, „… ich könnte besser damit umgehen, als die Hoffnung aufrecht zu erhalten, dass er noch lebt…"
„Josef, das…", begann sie verzweifelt, doch ich ließ sie nicht ausreden. Ich wollte reden, wollte endlich irgendjemandem erzählen, was mir schon so endlos lange auf der Seele lastete.
„Denn weißt du,… was das bedeuten würde?", fuhr ich fort, während mir das Sprechen immer schwerer fiel, weil sich meine Kehle verengte und ich stockend ein und aus atmen musste, weil irgendetwas entsetzlich schwer auf meine Brust drückte. „Dass er irgendwo da draußen ist…, dass er festgehalten wird… und… irgendjemand irgendetwas Furchtbares mit ihm tut… und ich kann ihm nicht helfen! Ich kann ihm nicht helfen, Beth!" Die letzten Worte hatte ich fast geschrieen und ich wandte Beth schnell meinen Rücken zu, weil mir Tränen in die Augen stiegen. Ich hasste es, so emotional zu werden, aber ich konnte es nicht verhindern. Mick zu verlieren war eine größere Katastrophe, als ich mir jemals zuvor eingestanden hätte. Aber die Ungewissheit darüber, was mit ihm geschehen war, war noch viel schlimmer. Sie begann mich in den Wahnsinn zu treiben…
„Aber vielleicht können wir das bald", hörte ich sie leise sagen. „Wir dürfen nur nicht aufgeben, Josef." Ich konnte sehen, wie sie sich tapfer ein paar Tränen wegwischte, als ich mich wieder etwas gefasster zu ihr umwandte. „Wenn wir aufgeben, ist er wirklich verloren."
„Hast du wirklich noch Hoffnung?" fragte ich kraftlos.
„Ja", war die klare Antwort.
„Das solltest du nicht Beth", gab ich resigniert zurück. „Du solltest Mick in guter Erinnerung behalten und gehen. Du solltest wieder zurück in deine Welt kehren, uns Vampire vergessen und ein neues, glückliches Leben beginnen. Vergiss dass wir existieren, vergiss alles, was ich dir erzählt habe, und rette deine Zukunft."
„Das kann ich nicht", erwiderte sie leise und schüttelte vehement den Kopf. „Nicht solange ich nicht weiß, was mit Mick passiert ist. Ich brauche einen Beweis dafür, dass er tot ist."
Ich sah sie einen langen Moment schweigend an, dann nickte ich verstehend, denn mir ging es ganz genauso. „Den brauchst du", stimmte ich ihr zu, wandte mich um und ging auf das Büro zu. Mein Herz begann wieder schneller zu schlagen und mit jedem Schritt, den ich mich dem Faxgerät näherte, kam es mir stärker wie das dumpfe Schlagen einer Trommel vor, wie düsterer Trommelwirbel, der eine noch viel düstere Erkenntnis herbeirief. Meine Finger zitterten, als ich die vielen Blätter Papier aus dem Gerät nahm, aber ich wagte es nicht, jetzt schon einen Blick darauf zu werfen. Es war, als ob Beths Gegenwart die schlimme Nachricht erträglicher machen konnte…
Sie war im Wohnzimmer geblieben, saß immer noch auf der Couch, als ich wieder an sie heran trat. „Ich wollte dich eigentlich damit verschonen, aber…" Ich hielt einen Moment inne und sah sie fragend an. Sie nickte kurz und ich fuhr fort.
„Es ist uns gelungen, an die aktuelle Liste der Legion heran zu kommen. Frag mich nicht wie. Lance hat viele Verbindungen." Ich atmete tief durch. „Sie wurde mir vor wenigen Minuten per Eilpost geschickt und einer meiner Angestellten hat sie auf meinen Wunsch hierher gefaxt. Ich… konnte sie mir noch nicht ansehen."
Beth starrte erschüttert auf die Blätter, die ich ihr entgegen hielt. Einen Herzschlag lang dachte ich, sie würde nicht zugreifen, doch dann schlossen sich ihre Finger um das Papier und nahmen es mir aus der Hand. Mein Herz hämmerte jetzt so heftig in meiner Brust, wie schon lange nicht mehr und meine innere Anspannung bereitete mir beinahe Schmerzen. Ein Teil von mir drängte voller Sehnsucht nach der Wahrheit, während der andere mich laut anschrie, sofort möglichst weit wegzulaufen und alle Sinne vor der Außenwelt zu verschließen.
Beth atmete zitternd ein und fing an zu blättern. Ihre Augen flogen nur so über die vielen Namen, dann hielten sie inne… und irgendetwas in ihrem Inneren brach plötzlich zusammen. Die Hoffnung, die sie so lange festgehalten hatte, entglitt ihr mit einem Mal und ließ nur noch tiefe Trauer, Verzweiflung und Schmerz zurück. Die Blätter in ihrer Hand zitterten, während sie unter Tränen immer wieder den Kopf schüttelte. „Das… ist nicht wahr…", konnte ich sie wiederholt stockend flüstern hören, als ich ihr die Seiten aus der Hand nahm, um es endlich selbst schwarz auf weiß zu sehen. Ich fand Micks Namen sofort. Ein langer dunkler Strich zog sich durch jeden einzelnen Buchstaben und am Rand hatte jemand ein Datum und zwei Buchstaben notiert. Der Tag seines Verschwindens. Was die Buchstaben bedeuteten, wusste ich nicht, aber es war mir auch egal.
Die Erkenntnis, dass ich meinen besten Freund für immer verloren hatte, traf mich mit voller Wucht, aber sie warf mich nicht aus der Bahn oder ließ mich gar emotional werden. Ich fühlte mich einfach nur plötzlich ganz leer und kalt – so als wäre gerade eben erst alles Leben aus meinem Körper gewichen. Es war, als wäre ich gar nicht mehr wirklich da. Ich sah mir selbst zu, wie ich an Beth heran trat, die nun doch angefangen hatte, haltlos zu weinen und auf der Couch zusammensank, nicht fähig ihre Trauer zurückzuhalten. Ich fühlte nicht wirklich, wie ich mich neben sie setzte und ihren bebenden Körper in meine Arme zog, um wenigstens ihr ein wenig Trost und Halt zu geben. Ihr verzweifeltes Schluchzen berührte mich nicht im Inneren, nur mein Verstand sagte mir, dass ich die Pflicht hatte, ihr in unseren letzten gemeinsamen Stunden so viel Kraft zu geben, dass sie sich aus meiner Welt verabschieden und ein neues Leben ohne Mick beginnen konnte. Und selbst als sie nach ein paar Stunden das Apartment verlassen hatte, kehrte ich nicht wirklich in meinen Körper zurück. Es war, als wäre mir ein Stück meiner selbst für immer verloren gegangen und es gab nichts in dieser Welt, was es mir wieder bringen konnte. Mit dieser Erkenntnis verließ ich irgendwann Micks Apartment und als ich die Tür hinter mir schloss, fühlte es sich an, als hätte sich auch eine Tür in meinem Inneren für immer verschlossen.
