Erkenntnisse

Vielleicht muß man die Liebe gefühlt haben, um die Freundschaft richtig zu erkennen."

(Sébastien Chamfort)

Es gab zwei Dinge für Beth Turner, die sie mehr als alles andere hasste. Resignation und aufgezwungene Unmündigkeit. Sie war noch nie ein Mensch gewesen, der schnell aufgab. Sie war eine Kämpfernatur und gerade wenn irgendjemand von außen versuchte, sie aus einer Sache heraus zu halten, in die sie längst verstrickt war, wurden in ihr unglaubliche Energien und Kräfte entfacht, die all die Schmerzen und Ängste, die sie empfand in den hintersten Winkel ihres Seins verbannten.

Beth atmete tief durch und straffte die Schultern, dann stieß sie die großen, schweren Türen zu dem Gebäude in dem Josef Kostan sein Büro hatte, mit Schwung auf und marschierte schnurstracks auf den Empfangsschalter in der Mitte der Eingangshalle zu. Sie setzte ein strahlendes Lächeln auf, wohl bewusst, dass kaum ein Mann ihrem natürlichen Charme widerstehen konnte.

„Ist Mr. Kostan im Haus?" fragte sie gerade heraus, während der Mann am Empfang noch damit beschäftigt war, sich nervös das Hemd zu richten und gleichzeitig ihr Lächeln unbeholfen zu erwidern.

„Äh… ähm… ja", stotterte er, besann sich dann aber seiner Anweisungen. „Aber er empfängt heute niemanden, wenn es nicht etwas außerordentlich Wichtiges ist…"

„Oh, das ist es", lächelte Beth und machte sich schon auf den Weg zu den Fahrstühlen. „Aber kündigen sie mich nicht an. Es ist eine Überraschung."

„Aber… aber, M'am…!" rief er ihr hilflos nach und machte sich daran, ihr zu folgen. Doch der Fahrstuhl war schneller als er und Beth stieg schnell ein. Sie schenkte dem Mann ein weiteres umwerfendes Lächeln, als sich die Tür kurz vor seiner Nase schloss, und atmete dann tief durch. Sie wusste genau, dass sie viel Kraft sammeln musste, um im anstehenden Kampf mit diesem sturen Vampir einen Sieg davon zu tragen und keinerlei Ablenkung gebrauchen konnte, doch irgendwie kamen plötzlich Erinnerungen in ihr hoch – Erinnerungen daran, wie sie vor ungefähr einem Jahr ebenfalls in diesem Fahrstuhl gestanden hatte, aufgeregt und nervös. Damals hatte sie Josefs Rat gesucht, Rat, um ihrer Zukunft mit Mick möglichst ohne Ängste entgegen blicken zu können. Es war das erste wirklich persönliche Gespräch zwischen ihnen gewesen und irgendwie hatte es damals die Beziehung zwischen ihnen beiden merklich verbessert. Es kam ihr vor, als wäre es erst gestern gewesen…

Das Büro war glücklicherweise leer. Nur Josef saß an seinem großen Schreibtisch, hob stirnrunzelnd den Kopf und betrachtete sie dann genüsslich von oben bis unten, als sie langsam auf ihn zuging.

Welch seltener Gast", empfing er sie mit einem charmanten Lächeln und stand sogleich auf. „Leider habe ich schon gefrühstückt – oder bist du gar nicht hier, um mir das zu geben, was Mick sich selbst immer so vehement verweigert?"

Beth erwiderte sein Lächeln. „Vielleicht ein anderes Mal", gab sie kokett zurück. „Aber heute geht es um etwas anderes."

Ein weiterer Auftragsmord, um den Liebsten zu schützen?"

Ihr Lächeln verschwand abrupt. Verdammt, warum gelang es diesem Mann immer wieder, sie so zu verunsichern?!

Entschuldige", lächelte er, „es war einfach zu verlockend. Setzt dich doch." Er wies auf einen der bequemen Drehstühle, die in seinem Büro vor einem Tisch aus teuerstem Mahagoniholz standen, und ließ sich auf dem gegenüber liegenden nieder. Beth kam seiner Aufforderung nach, während sie sich fragte, ob sie nicht vielleicht doch lieber ganz schnell gehen sollte. Ein solch heikles und etwas… nun, ja, schlüpfriges Thema mit diesem vor Sarkasmus und Ironie triefenden Mann anzusprechen, war vielleicht nicht unbedingt die beste Idee. Vor allem, da es ihm immer solchen Spaß bereitete, sie auf jede erdenkliche Weise in Verlegenheit zu bringen. Doch es gab einfach keine andere Person, die ihr in dieser Sache besser helfen konnte als er. Außer vielleicht Mick, doch der wich ihr bei diesem Thema oft viel zu schnell aus.

Du willst also reden", schloss Josef, noch bevor sie ein Wort gesagt hatte. „Über Mick?"

Äh… ja", gab sie offen zu und spürte, wie ihr schon bei dem Gedanken an das Thema das Blut ins Gesicht stieg.

Über Sex mit Mick?" kam die nächste überraschende Frage. Und da war wieder dieses fiese, wissende Grinsen.

Beth starrte ihr Gegenüber für einen Moment mit großen Augen an. Woher wusste er das? Sie schluckte schwer und versuchte, sich wieder zu sammeln. „Mehr… so im Allgemeinen…über Sex mit Vampiren", versuchte sie so locker wie möglich zu sagen.

Zu ihrer Überraschung stieß Josef einen zutiefst erleichterten Seufzer aus. „Gott sei Dank! Na, endlich! Ich dachte schon, du fragst nie!"

Du… du hast darauf gewartet?" fragte Beth irritiert.

Aber natürlich", lächelte er überlegen. „Im Endeffekt läuft es doch in jeder Beziehung nur auf eines hinaus: Sex. Manche sind damit schnell, andere langsamer und dann gibt es noch Mick – den Masochisten, der sich nach körperlicher Zuneigung nur so verzehrt, aber durch seinen Selbsthass und seine Ängste eine Selbstkasteiung nach der anderen an sich vornimmt. Ich denke kaum, dass er den ersten Schritt in diese Richtung machen wird – also…", er ballte motivierend eine Faust in Beths Richtung, „… Frauenpower voran!"

Beth sah Josef mit einer Mischung aus Zweifel und Irritation an und brachte erst einmal gar nichts heraus. Das war alles irgendwie… eigenartig. Hier saß sie mit einem gefährlichen Vampir, den sie kaum kannte, und versuchte, über solch intime Dinge zu reden, die sie sonst nur mit ihren besten Freundinnen ansprach. Und Josef schien das alles auch noch wirklichen Spaß zu machen, denn er grinste schon wieder anzüglich.

Aber wieso hast du damit gerechnet, dass ich damit ausgerechnet zu dir komme?" hakte sie schließlich nach.

Josef beugte sich ein wenig zu ihr vor, so als wollte er ihr ein Geheimnis verraten. „Wenn es um Sex geht, landen fast alle Frauen früher oder später bei mir." Er machte eine kurze Pause, damit sich die unterschwellige Botschaft besser entfalten konnte. „Aber bevor wir zu viel Zeit mit dem Reden verschwenden…", erneut wanderte sein Blick provozierend über ihren Körper und das anzügliche Lächeln erschien wieder auf seinen Lippen, „…geht es dir nur um Theorie oder auch um Praxis?"

Beth lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und es gelang ihr tatsächlich, genauso provokant zurück zu lächeln. „Theorie. Praktisch bin ich mehr der Learning-by-doing-Typ."

Und der Partner dafür ist schon eindeutig festgelegt?" hakte Josef weiterhin lächelnd nach.

Sie nickte nur und Josef ließ einen bedauernden Seufzer vernehmen.

Nun, gut – Zur Theorie…Ich denke mal, wir können den Part mit den verschiedenen Stellungen auch vorerst überspringen", fuhr er fort „Dich wird wohl mehr der Part interessieren, der sich auf das Innenleben von Micks vampirischer Seite bezieht, wenn ihr intim werdet… liege ich da richtig?"

Äh…mehr oder weniger", gab Beth widerwillig zu und spürte, wie ihr kurzzeitig zurück gewonnenes Selbstbewusstsein bei so viel Direktheit in Sekundenschnelle dahin gerafft wurde.

Wie weit seid ihr denn bisher gekommen?" fragte Josef mit hochgezogenen Brauen und sein Lächeln würde noch ein ganzes Stück breiter.

Beths Gesicht begann langsam aber sicher wieder zu glühen. „Kannst… kannst du mir nicht einfach den…den Unterschied erklären?" fragte sie, seine intime Frage bewusst ignorierend.

Welchen Unterschied genau?" hakte Josef unschuldig nach.

Sie atmete tief durch. Sie würde sich nicht weiter von diesem Mann verunsichern lassen. Das war einfach zu wichtig. „Was unterscheidet den Sex mit einem Vampir vom Sex mit einem Menschen?" fragte sie gerade heraus.

Josefs Augenbrauen zuckten nach oben und dann ließ er kurz aber eindeutig seine Zähne aufeinander knallen.

Oh", entfuhr es Beth nur und sie fasste sich automatisch an den Hals. „Also… das…das ist alles?"

Josef grinste nun breit. „Nein, aber ich denke, dass ist der wichtigste Unterschied – der, der Mick am meisten Angst macht… und… dir vielleicht auch?"

Sie überlegte kurz. Natürlich war die Vorstellung, beim Sex wirklich gebissen zu werden und Blut zu verlieren, ein wenig beängstigend,… aber sie hatte Mick schon einmal von ihrem Blut trinken lassen und sooo furchtbar war es nicht gewesen. Außerdem war der Hals bekanntermaßen eine erogene Zone, vielleicht fühlte sich dort alles ganz anders an.

Manche mögen es", unterbrach Josef ihre Gedanken. „Das hängt ganz davon ab, wie sehr du Mick vertraust und wie sehr du ihn willst. Es kann dir sogar einen ganz besonderen Kick geben, wenn du dich entspannst und einfach nur genießt."

Beth sah ihr Gegenüber nachdenklich an. „Warum hat Mick dann solche Angst, dass er mich beißen könnte, wenn es so toll ist?"

Josef wich ihrem Blick kurz aus und betrachtete einen Moment lang nachdenklich seine sorgsam manikürten Fingernägel. Doch als er wieder aufsah, wusste sie, dass er sie nicht belügen würde.

Es ist immer wieder vorgekommen, dass Vampire Menschen beim Liebesspiel getötet haben."

Oh", war erneut das Einzige, was Beth dazu einfiel.

Mick wird das nicht passieren, Beth – er liebt dich", setzte Josef gleich hinzu und runzelte kurz die Stirn. „Scheint so, als hätte ich mehr Vertrauen in meinen Freund als er selbst."

Hast… hast du auch mit…?" Sie sprach nicht weiter, denn ihr wurde bewusst, dass sie sich plötzlich von sich aus einer ziemlich intimen Gesprächsebene mit Josef näherte. Doch der hatte schon verstanden, worauf sie hinaus wollte, und ihm schien diese Intimität keineswegs etwas auszumachen.

Mit Menschenfrauen geschlafen?" fragte er und seine Stimme hatte plötzlich einen viel weicheren, sinnlicheren Klang. „Aber natürlich. Ich lasse nichts aus." Er grinste breit. „Sie getötet? Nein. Über 400 Jahre Erfahrung genügen, um genug Selbstbeherrschung in solchen Situationen zu erlernen."

Meinst du 85 Jahre sind genauso ausreichend?"

Muss ich darauf antworten? Du kennst ihn doch. Mick hat es geschafft, über eine für mich unglaublich lange Zeit ständig in deiner Nähe zu sein, ohne über dich herzufallen, obwohl du es gewollt hättest – wenn das keine Selbstbeherrschung ist…"

Beths Gesicht brannte mittlerweile wie Feuer, aber sie blieb tapfer bei der Sache. „Wie.. wie lange ist es bei ihm her…?"

Sex?" Josef dachte einen Moment nach und nickte dann. „Du hast Recht, das macht die ganze Sache noch ein wenig aufregender – meine Güte, Mick ist wirklich ein Ausbund an Selbstbeherrschung. Das ist beinahe…krankhaft…"

Heißt…?" Beth sah ihn mit hochgezogenen Brauen an.

Hm, vier, fünf Jahre", überlegte Josef, „genau weiß ich's nicht. Ich war ja nicht ständig an seiner Seite. Aber ich habe miterlebt, wie er einige ziemlich eindeutige Angebote ausgeschlagen hat."

Oh, mein…" Beth fuhr sich mit der Hand an den Mund. Frauen waren bekanntermaßen weitaus weniger triebhaft als Männer und selbst sie würde es nicht so lange ohne Sex aushalten. Bei Männern war das noch einmal eine ganz andere Geschichte…

Ja, ja, der gute Mick übertreibt es manchmal ein wenig mit seiner Moral", Josef seufzte schwermütig. „Langsam verstehe ich seine Zaghaftigkeit. Wehe, wenn er losgelassen…"

Beth senkte nachdenklich ihren Blick und schüttelte dann den Kopf. „Er würde mir nicht weh tun", erwiderte sie ruhig und war sich mit einem Mal ganz sicher. „Und töten würde er mich schon gar nicht."

Nein, töten würde er dich nicht, aber…" Josef verstummte wieder und sein ernsthafter Gesichtsausdruck weckte tatsächlich erneut ein wenig Besorgnis in ihr.

Sie atmete tief durch. „Gut, frag' ich es einfach ganz direkt. Worauf muss ich vorbereitet sein, ich meine, neben dem Beißen?"

Das ist eine gute und berechtigte Frage", gab Josef jetzt schon wieder mit einem kleinen Lächeln zurück. „Und ich werde sie dir so ausreichend wie möglich beantworten." Er holte tief Luft. „Wenn Vampire Sex haben, ist das anders als bei Menschen. Wilder, ungezügelter, rauer…Manchmal fast brutal. Wir…wir können, wie schon gesagt, schnell die Beherrschung verlieren und gehorchen dann nur noch unseren ziemlich ausgeprägten, animalischen Trieben. Vampirfrauen vertragen das, weil sie nicht anders sind. Aber einige Menschenfrauen..." Er schüttelte kaum merklich den Kopf. „Sagen wir, das kleinste Übel wäre es, wenn sie schockiert sind und auf nimmer Wiedersehen verschwinden. Andere…", er machte genießerisch eine lange Kunstpause, „andere können davon gar nicht genug kriegen. Man sagt, wenn eine Frau einmal mit einem Vampir geschlafen und es genossen hat, will sie nie wieder Sex mit einem Menschen."

Irgendwie wurde Beth nun auch innerlich ziemlich warm. Das erklärte, warum der Kuss damals auf der Dachterrasse so intensiv und unbeherrscht, ja fast gewalttätig begonnen hatte. Mick hatte sich für einen Moment nicht mehr im Griff gehabt und war nur durch ihr sanfteres Einwirken wieder zu Sinnen gekommen. Doch die Vorstellung, dass er sich wie ein Raubtier auf sie stürzen könnte, ihr die Kleider vom Leib riss und sie wild und ungestüm nahm, machte ihr alles andere als Angst – sie fühlte sich sichtlich erregt. Ihr Mund war auf einmal ziemlich trocken und ihr Herz hatte einen deutlich schnelleren Rhythmus aufgenommen.

Und wenn wir erst einmal begonnen haben, fällt es uns über Tage schwer, uns wieder abzukühlen", fuhr Josef sehr viel leiser fort. Sein Blick hatte sich irgendwie verändert, war weitaus intensiver und forschender als zuvor. „Dann genügt nur eine flüchtige Berührung, um unser Blut wieder zum Kochen zu bringen und uns zu willenlosen Sklaven unserer eigenen Triebe werden zu lassen. Wir… sind sehr ausdauernde Liebhaber."

Beth schluckte schwer und wagte es nicht mehr, Josef anzusehen. Sie war sich sicher, dass er in ihr lesen konnte, wie in einem Buch, dass er wusste, dass seine Schilderung sie keinesfalls schockiert oder verängstigt, sondern ihre Lust auf Mick eher noch gesteigert hatte.

Du wirst mit Mick ein leichtes Spiel haben, wenn du ihn erst einmal davon überzeugt hast, dass seine Ängste völlig unbegründet sind", setzte Josef noch viel leiser hinzu. „Und selbst wenn sie danach wieder auftauchen sollten… glaube mir…eine Berührung…"

Die junge Frau atmete tief durch und sah Josef nun doch wieder in die Augen. Er wirkte seltsam erregt und sein Blick glitt für einen weiteren Moment begehrlich über ihren Körper. Dennoch wich sie seinen braunen Augen dieses Mal nicht wieder aus.

Wenn er mich beißt…"

Das wird er", fiel Josef ihr ins Wort und ihr kam es so vor, als würde er deutlich schneller atmen als zuvor, „auch wenn er es nicht will – es ist einfach zu lange her. Er hat zu lange enthaltsam gelebt und er hat sich zu lange dir gegenüber beherrschen müssen. Er kann das nicht verhindern."

Aber er wird sich dann vielleicht wieder vor mir zurückziehen, mir ausweichen…"

Ja, aber dieses Mal hast du mehr Macht über ihn, Beth", erinnerte Josef sie ungeduldig. „Sein Blut wird nicht so schnell herunterkochen. Wenn du ihn stellst, wird er dir nicht widerstehen können. Du kannst ihm all seine Ängste nehmen – du musst es nur wollen."

Das helle Klingeln des Fahrstuhls riss Beth abrupt und unbarmherzig aus ihren Erinnerungen. Sie hatte das Geschoss erreicht, in dem sich Josefs Büro befand. Als sie hinaus trat, musste sie sich erst einmal sammeln, denn irgendwie fühlte sie sich plötzlich gar nicht mehr stark und entschlossen, sondern eher verwundet und hilflos ihren bittersüßen Erinnerungen ausgeliefert. Ihre Hand fuhr zu ihrem Hals, an dem sich eine Zeit lang zwei kleine Wunden befunden hatten – Überbleibsel einer unvergesslichen, berauschenden Nacht. Sie schloss für einen Moment die Augen und versuchte, sich daran zu erinnern, wie er sich angefühlt hatte, Haut an Haut, wie er gerochen und geschmeckt hatte und musste entsetzt feststellen, dass die Erinnerungen an die wenigen gemeinsamen Stunden mit Mick langsam verblassten. Und das durfte nicht geschehen. Sie und Josef, sie mussten gemeinsam dafür sorgen, dass sie Mick nicht vergaßen – schon allein aus diesem Grund war der Vorschlag, dass sie stillschweigend zurück in ihre ‚Menschenwelt' kehren sollte, einfach absurd.

Beth atmete tief durch und setzte sich dann wieder in Bewegung. Vom Flur aus gelangte man direkt in Josefs Büro und da dieses keine Türen besaß, konnte sie schon von Weitem seine Stimme vernehmen. Er war nicht allein. Eine weitere Männerstimme antwortete seinen Fragen knapp und sachlich.

„Es sieht ganz so aus, als wären die Probleme mit ihren eigenen Leuten schlimmer, als wir angenommen hatten. Anders lässt sich dieses eigenartige Verhalten nicht erklären."

„Haben sie gemerkt, dass wir ihnen hinterher spionieren?" Das war Josef und er klang für seine Verhältnisse einigermaßen aufgeregt.

„Nein", gab die andere Stimme zurück. „So eigenartig Logan auch sein mag, er und seine Freunde gehen tatsächlich sehr vorsichtig vor und sind bisher völlig unbemerkt geblieben. Scheint so, als stecke doch wirklich ein kleines Genie in Micks altem Freund."

Beth überlegte einen Moment, ob sie lieber stehen bleiben und weiter lauschen sollte. Doch dann fiel ihr ein, dass Mick sie immer schon aus etlicher Entfernung hatte riechen können und zumindest einer der beiden Männer in dem großen Raum vor ihr war ebenfalls ein Vampir. Also ging sie entschlossen weiter, während sie sich wunderte, dass Josef das Gespräch nicht abbrach.

„Und du bist sicher, dass die Männer, die sie suchen, zu ihren eigenen Leuten gehören?" hakte er gerade nach.

„Ja. Aber sie suchen sie nicht nur – meines Erachtens haben sie vor, sie ein für alle Mal auszuschalten", antwortete der andere Mann. „Übrigens, Josef, ich glaube, du hast Besuch", setzte er hinzu, noch bevor Beth um die Ecke bog.

„Ich weiß", gab Josef leise zurück und ein warmes Lächeln erschien auf seinem Gesicht, als Beth nun den Raum betrat. Er stand nicht weit von ihr entfernt an einem Tisch in der Mitte des Raumes. Den anderen Mann, der es sich auf einem der Drehstühle des Büros bequem gemacht hatte und sie nun eingehend betrachtete, hatte Beth noch nie zuvor gesehen. Er war groß und schlank, trug sein rotblondes, längeres Haar in einem Pferdeschwanz und strahlte fast dieselbe natürliche Arroganz aus wie Josef. Beth ging davon aus, dass auch er zur Oberschicht gehörte, denn er trug einen ziemlich teuer aussehenden dunklen Anzug und darunter ein weißes Seidenhemd, dessen oberste Knöpfe so weit geöffnet waren, dass man mehr Haut und Haare betrachten konnte, als man eigentlich wollte. Nachdem der Vampir seine Inspektion beendet hatte, sah er mit einem fragenden Lächeln zu Josef hoch. „Zwischenmahlzeit?"

„Leider nicht", lächelte der Angesprochene, während seine Augen immer noch wohlwollend auf Beth gerichtet waren, die langsam auf die beiden Männer zuging. „Und wenn du nicht so ein arrogantes, blutdurstiges Arschloch wärst, Henry, würde ich euch glatt einander vorstellen. Aber so muss ich dich leider bitten zu gehen."

„Oho!" lachte der andere Vampir, stand aber erstaunlicherweise gleich auf. Er war tatsächlich einen halben Kopf größer als Josef. Dennoch wirkte er bei Weitem nicht so mächtig und gefährlich. „Scheint so, als seien die Tage des großzügigen Teilens auch bei der gezählt", setzte er dennoch hinzu.

Josef wandte sich nun doch zu ihm um. Sein Lächeln blieb, aber es wurde deutlich kühler. „Ich rufe dich an", sagte er nur. „Wir müssen das unbedingt weiter durchsprechen."

Henry nickte zustimmend, seine Augen ruhten aber wieder auf Beth und der Ausdruck in ihnen gefiel der jungen Frau gar nicht. Sie kannte diesen Blick. ‚Blutgier' war wohl das treffendste Wort dafür.

Josefs Hand schoss plötzlich vor und packte den Nacken seines Gegenüber. Sein Lächeln diente diesmal wohl eher dazu, seine Zähne zu zeigen, als das es auch nur irgendetwas mit Freundlichkeit zu tun hatte. „Schlag es dir aus dem Kopf", sagte er sehr leise. „Sonst könntest du ihn verlieren."

Henry schluckte schwer und nickte dann widerwillig. Aber es gelang ihm tatsächlich, das Büro zu verlassen, ohne einen weiteren Blick auf Beth zu werfen.

Josef sah sie eine Weile wortlos an und schüttelte dann mit einem kleinen Lächeln den Kopf. „Habe ich dir nicht gesagt, du sollst gehen und versuchen wieder ein Leben in Ruhe und Frieden zu führen?" fragte er schließlich und begab sich zu seinem Bürotisch.

„Nicht wortwörtlich, aber so ungefähr", gab sie ruhig zurück. „Und habe ich jemals auf die Ratschläge gehört, die Mick oder du mir erteilt habt?"

Josefs Antwort war ein tiefes Seufzen und er ließ sich schwerfällig in seinen Ledersessel fallen. „Mick ist tot, Beth", sagte er schließlich und sie konnte fast körperlich spüren, wie schwer es ihm fiel, diese Worte auszusprechen. „Also, was willst du noch hier?"

Beth atmete tief durch und zog sich einen der Drehstühle heran, um direkt vor ihm Platz zu nehmen. „Auf dieser… dieser Liste stand auch dein Name, Josef", sagte sie mit fester Stimme. „Und die vieler anderer Vampire, die ich durch Mick kennen gelernt habe."

„Das weiß ich", war die knappe Antwort. „Und wir kümmern uns um das Problem."

„Gut", sagte sie. „Das werde ich nämlich auch."

Josefs Augenbrauen zogen sich verärgert zusammen. „Du wirst was?!"

„Ich werde nachforschen, wer zu dieser… dieser Legion gehört", gab Beth ruhig zurück. „Und ich werde herausfinden, was sie mit Mick gemacht haben."

„Das wirst du nicht!" Josef beugte sich bedrohlich zu ihr vor und seine Augen bohrten sich in die ihren. „Das geht dich nichts mehr an!!"

„Mick geht mich nichts mehr an?!" fuhr Beth auf. „Und wie er mich etwas angeht!"

Josef sprang erregt auf. „Er ist tot!"

„Na, und?!" Beth war nun auch wieder auf den Füßen. „Ich lasse die damit bestimmt nicht durchkommen! Sie werden dafür bezahlen, Josef!"

„Das werden sie – aber nicht durch dich!"

„Du bist nicht mein Chef! Ich kann machen, was ich will!"

„Dann wirst du sterben!"

„NA, UND?!! DAS IST MEIN LEBEN!!"

Ihr letzter Ausbruch sorgte für ein paar Sekunden für eiskalte Stille. Beide standen sie schwer atmend voreinander, weit vorgebeugt – nur der Tisch hielt als Barriere zwischen ihnen stand. Doch die Sorge und Angst um sie, die sich unverhüllt in Josefs Augen zeigte, besänftigte Beth langsam.

„Wenn du mich beschützen willst, dann mach' es gefälligst richtig", sagte sie schließlich sehr viel ruhiger.

„Das heißt?" hakte ihr Freund widerwillig nach.

„Lass mich euch helfen und bleib dabei in meiner Nähe", gab sie sehr viel sanfter zurück. „Wenn ich eines in der Zeit mit Mick gelernt habe, dann, dass der beste Schutz gegen jede Gefahr ein Vampir ist. Und du bist sogar älter und stärker als er."

„Das bedeutet gar nichts", erwiderte Josef und ließ sich matt auf seinen Sessel nieder. Das Ganze schien ihn unglaublich zu belasten. „Mick hat dich über alles geliebt. Er wäre für dich gestorben. Er hatte eine ziemlich heldenhafte Seite. Die habe ich nicht."

Beth schenkte ihm ein liebevolles Lächeln und ließ sich ebenfalls wieder nieder. „Jeder kann ein Held sein", sagte sie leise. „Man muss es nur wollen."

Josef stieß ein kleines Lachen aus. „Du bist ihm ganz schön ähnlich", stellte er lächelnd fest. „Du bist auch genauso stur wie er."

Sie musste schmunzeln, während sie gleichzeitig spürte, wie der Schmerz in ihrem Inneren sie wieder einmal zu packen versuchte. Und sie war nicht die Einzige.

Josef wandte verlegen seinen Blick von ihr ab und musste sich erst einmal räuspern, um wieder sprechen zu können.

„Du willst dich uns also tatsächlich anschließen?" fragte er und sah sie nun doch eindringlich an. Sie nickte entschlossen.

„Ist dir klar, dass das bedeutet, dass du dich in diesem Krieg gegen die Menschen stellst?"

„Nicht gegen alle – aber gegen diese spezielle Gruppe von Verbrechern, ja."

„Dir sollte auch klar sein, dass du, wenn du in all das mit rein gezogen wirst, nicht so leicht wieder heraus kannst – selbst wenn die Verantwortlichen für Micks Tod längst geschnappt und bestraft worden sind", ermahnte Josef sie.

„Das weiß ich", gab Beth mit Nachdruck zurück. „Es geht mir ja auch nicht nur darum."

„Worum geht es dir dann?" Er schien ein wenig irritiert.

„Um dich", war die ehrliche Antwort.

Nun schien ihr Freund restlos verwirrt. Mit dieser Antwort hatte er anscheinend gar nicht gerechnet und sie überforderte ihn völlig.

„Josef, du… du bist zu einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben geworden", sagte Beth gerade heraus. „Hast du das denn nicht gemerkt? Ich weiß, wir hatten einen schwierigen Start, aber jetzt… jetzt bist du mein bester Freund! Ich lasse nicht zu, dass sie dich auch noch töten! Wenn ihnen das gelingt, dann… dann ist Mick wirklich tot." Sie rechnete damit, dass Josef ihr irgendwie widersprach oder sie weiterhin nur verwirrt ansah, aber seltsamerweise schien er genau zu verstehen, was sie meinte. Seine Augen schimmerten verdächtig, als er ihren Blick hielt. Aber er sah sie voller Wärme und Zuneigung an.

„Als du vor zwei Tagen Micks Apartment verlassen hast…", sagte er mit leiser Stimme, „… da hat es sich genau so angefühlt. So als ob mit dir Mick mein Leben nun vollständig verlassen hätte. Und als du…", er musste sich räuspern, um weiter sprechen zu können, „… als du vorhin herein gekommen bist, da… da war er plötzlich wieder…" Nun brach er doch ab, stand auf und wandte sich zu dem großen Fenster seines Büros um. Seine Brust hob und senkte sich in schweren Atemzügen.

Beth erhob sich sofort und näherte sich ihm vorsichtig. Sie wollte ihn nicht in Bedrängnis bringen, aber sie wusste, wie wichtig es für ihn war, dass er endlich einmal sein ganze Trauer und Verzweiflung heraus ließ, denn sie wusste genau, dass Mick ihm mehr bedeutet hatte, als er jemals vor sich selbst zugegeben hätte.

„Weißt du, es gibt verschiedene Arten von Freundschaften", sagte sie leise. „Oberflächliche und sehr intensive. Diese intensiven, die, die ein Leben lang halten und einem so unendlich viel geben können, die finden nur sehr wenige. Aber du und Mick ihr hattet das, das weiß ich. Ich konnte es spüren, immer wenn ich euch zusammen sah…Du hast ihm so viel bedeutet…"

Josef atmete tief und stockend ein. Dann wandte er sich zu ihr um und die Tränen in seinen schönen Augen waren nun deutlich sichtbar. „Er… er war meine Familie", stieß er verzweifelt hervor und nun konnte er die Tränen nicht mehr halten. „… meine Familie, Beth…"

Sie nickte verstehend und dann schlang sie einfach ihre Arme um seinen Hals und zog ihn an sich, so dass er keine Zeit mehr hatte, sich wieder in den kühlen, beherrschten Geschäftsmann zurück zu verwandeln. Stattdessen ließ er sich gegen sie sinken, griff nach ihr und drückte sie an sich, hielt sich an ihr fest wie ein Ertrinkender und weinte lautlos in ihre Schulter. „Du bist nicht allein", flüsterte sie und streichelte sein Haar und seinen Rücken, während ihr selbst Tränen über das Gesicht liefen. Aber dieses Mal war sie stärker als er, konnte sie diejenige sein, die Trost und Wärme spendete. „Wir stehen das zusammen durch, Josef… zusammen…"

Es dauerte nicht allzu lange, bis Josef sein Fassung wiederfand und sich etwas verlegen für einen kurzen Moment ins Badezimmer zurückzog, aber Beth hatte dennoch das Gefühl, dass ihre Freundschaft eine andere Ebene erreicht hatte. Sie fühlte sich ihm näher als jemals zuvor und war sich sicher, dass es ihm genauso ging. Es war schon erstaunlich, wie eng Menschen zusammenwachsen konnten, wenn sie Gemeinsamkeiten entdeckten – vor allem wenn diese Gemeinsamkeit die Liebe zu einer anderen Person war. Liebe knüpfte meist sehr enge Bindungen…

Als Josef wieder aus dem Bad kam, wirkte er merklich gefasster und ruhiger. Nur in seine Augen stand noch etwas Unsicherheit geschrieben, die er versuchte mit einem charmanten Lächeln zu überspielen. „Wenn das morgen in irgendeiner Zeitung auftaucht, weiß ich ja, an wen ich mich wenden muss", witzelte er und ließ sich neben ihr auf einen der Drehstühle nieder.

„Ich arbeite nicht mehr für die Presse", gab sie lächelnd zurück. „Obwohl dir ein wenig positive Publicity gar nicht schaden würde."

„Damit meine Angestellten denken, ich sei ein Chef mit einem weichen Herzen?" meinte er und hob abwehrend die Hände. „Dann lassen sie sich demnächst wahrscheinlich nicht mehr von mir ausbeuten – wo kämen wir denn da hin?"

Sie musste lachen und sah ihn dann voller Wärme an. „Aber du hast ein gutes Herz, Josef Kostan, auch wenn du das oft so gern zu verstecken versuchst. Ich habe dich durchschaut."

„Bilde dir ja nichts darauf ein", gab er zurück. „So schnell wirst du meine weiche Seite nicht wieder sehen." Er atmete tief durch. „Kommen wir zu den wirklich entscheidenden Dingen… Wenn du richtig dabei sein willst, solltest du über alles ganz genau bescheid wissen. Über unsere Lage, unsere Pläne, einfach alles."

„Wer seid ‚ihr' denn?" hakte Beth sofort nach.

„Eine Gruppe von Vampiren, die sich zusammengeschlossen haben, um die Legion zu bekämpfen und, wenn es nötig und möglich ist, sie zu vernichten", antwortete Josef. „Wir sind vornehmlich ältere Vampire, die den Vernichtungsschlägen der Legion immer wieder entkommen konnten und genau über sie bescheid wissen. Es gab immer wieder kleinere, halbherzige Versuche, der Legion etwas entgegen zu setzen, aber die waren bisher erfolglos und haben zusätzlich Vampiren, die nicht auf der Liste standen, das Leben gekostet. Dieses Mal sind wir besser organisiert und besser ausgerüstet. Die Moderne spielt uns Mittel in die Hände, die es uns ermöglichen könnten, endlich einen Sieg gegen diese Organisation zu erringen. Und einige von uns haben sich im Laufe der Jahre ein Vermögen gesichert, das es uns möglich macht, alles zu besorgen, was wir für unseren Kampf brauchen."

„Und die Legion ist sich dessen nicht bewusst?" fragte Beth erstaunt.

„Doch, natürlich", gab Josef zu, „ nur deswegen gehen sie so verdeckt und langsam vor. Sie wissen, dass wir gefährlicher und wehrhafter sind als jemals zuvor und dass sie sehr vorsichtig sein müssen. Sie arbeiten nur im Geheimen und kümmern sich momentan nur um die ‚kleinen' Vampire, an die sie leichter und vor allem unbemerkt heran kommen."

„Das heißt, du bist nicht so bedroht wie andere?"

„Wir sind alle bedroht. Die Legion arbeitet, genauso wie wir, mit den modernsten Mitteln und ausgeklügeltsten Tricks. Das müssen sie auch, weil sie Menschen sind. Sie hätten sonst keine Chance. Sie sind hervorragend im Nahkampf ausgebildet und besitzen Waffen, die nur für die Bekämpfung von Vampiren hergestellt werden. Sie sind wie Profikiller mit dem Spezialgebiet Vampire."

„Das heißt im Grunde genommen, sie könnten jederzeit hier herein marschieren und dich einfach töten?" Beth starrte ihn schockiert an.

„Ich bin nicht ‚einfach' zu töten – das solltest du eigentlich wissen, Beth", erwiderte er mit einem milden Lächeln. „Außerdem ist mein neues Sicherheitssystem deutlich besser als das zuvor. Und es gibt noch einen weiteren Grund, warum sie bestimmt nicht so bald bei mir auftauchen werden: Ich stehe zu sehr in der Öffentlichkeit. Für mich müssen sie sich schon etwas ganz Besonderes einfallen lassen."

„Du solltest dir zwei starke Vampirbodyguards zulegen", meinte Beth ernsthaft. „Nur für den Fall…"

Josef musste schmunzeln. „Ich denk' drüber nach…", versprach er halbherzig.

„Also, lass mich das zusammenfassen", meinte Beth. „Die Legion möchte euch langsam dezimieren, damit ihr eine übersichtliche Menge bleibt. Sie muss sich aber dieses Mal sehr vorsichtig bewegen, weil ihr auf der Hut seid und alle übrigen Menschen nichts davon mitbekommen sollen."

Josef nickte zustimmend.

„Ihr habt selbst eine Organisation gegründet, die gegen die Legion vorgeht, und dieses Mal erfolgreicher zu sein scheint."

„Wir hoffen es zumindest. Aber wie schon gesagt, wir haben bessere Mittel und wir sind mehr als sonst."

„Wie viele seid ihr denn genau?"

Josef dachte einen Moment nach und schüttelte dann den Kopf. „Das kann ich dir nicht sagen, weil ich es erstens nicht genau weiß und zweitens es vielleicht besser ist, wenn du die genaue Zahl nicht kennst – und vor allem keine weiteren Namen."

„Dieser Vampir, der gerade hier war, gehört der auch dazu?" hakte Beth dennoch nach.

„Ja", gab Josef nach einem Moment des Zögerns zu. „Aber, glaub mir, du willst ihn nicht näher kennenlernen."

Beth sah ihn stirnrunzelnd an. „Ist er so schlimm?"

„Nicht alle Vampire sind wie Mick, Beth", erklärte Josef ausweichend. „Die meisten sehen Menschen nur als Futterlieferanten. Ich bin auch nicht viel besser. Dass ich dich einigermaßen freundlich behandelt habe, lag nur an dem Mick-mag-sie-also-sei-nett-zu-ihr-Bonus."

„Freundlich?" wiederholte Beth mit hochgezogenen Brauen. „Ich hatte anfangs eher das Gefühl, als sei ich dir ein Dorn im Auge."

„Das warst du ja auch", gestand Josef offen ein. „Du hast Micks Gedanken und seine Gefühlswelt komplett für dich eingenommen. Mit ihm war ja kaum noch etwas Vernünftiges anzufangen. Beth hier, Beth dort, Beth, Beth, Beth…"

„Wow! Warst du eifersüchtig!" gab Beth mit einem halben Lachen zurück.

„Oh, nein, nein…", Josef hob mahnend den Zeigefinger, „ – nur besorgt! Schließlich hatte ich die ganze Geschichte mit Coraline noch in schrecklicher Erinnerung."

„Du warst eifersüchtig!" beharrte Beth auf ihrer Erkenntnis.

„Du hast mir meinen besten Freund weggenommen!" gab Josef nun auch halbwegs lachend zurück. „Natürlich war ich eifersüchtig!! Ich wollte mit ihm mein Leben verbringen und dann kommst du daher mit deinen Kurven und deinen blonden Locken und verdrehst ihm den Kopf dermaßen, dass er sogar zu einem Menschen mutiert ist! Ich glaube, ich hab mich vorher nie schlechter gefühlt als zu dieser Zeit."

Er sah einen Moment betreten auf seine Hände. „Im Grunde genommen, hätte es ihm wohl das Leben gerettet, wäre er ein Mensch geblieben."

Wenn Beth so darüber nachdachte, hatte Josef Recht. Als Mensch wäre Mick der Legion wahrscheinlich völlig egal gewesen und würde jetzt bei ihnen sein. Sie atmete tief durch und sah Josef wieder an, der immer noch dabei war, seine Finger eingehend zu betrachten, so als gäbe es nichts Interessanteres auf der Welt.

Sie räusperte sich lautstark, um seine Aufmerksamkeit wiederzuerlangen und gleichzeitig den Kloß in ihrem Hals loszuwerden. „Also, dieser Henry hat dir doch neue Informationen überbracht, oder?" fragte sie.

„Hast du etwa gelauscht?" hakte Josef mit einem Schmunzeln nach.

„Das weißt du doch!" erwiderte sie ruhig. „Du musst mich doch schon gerochen haben, als ich aus dem Fahrstuhl stieg."

Aus seinem Schmunzeln wurde ein wissendes Lächeln. „Was hast du denn von unserem Gespräch mitbekommen?"

Beth dachte einen Moment nach. „Dass irgendwer irgendwen in seinen eigenen Reihen sucht und sogar umbringt."

Irgendwer ist die Legion", erklärte Josef. „Und sie haben seit Kurzem tatsächlich Probleme mit einigen ihrer eigenen Leute. Wenn ich es richtig interpretiere, gab es wohl einen Streit zwischen zwei Parteien innerhalb dieser Organisation. Wir wissen noch nicht worüber, aber es muss wohl ziemlich heftig zugegangen sein – sodass sich die Legion in zwei verfeindete Gruppen gespalten hat, von denen die eine versucht, die andere zu stellen und zu bestrafen – sogar mit dem Tod."

„Meine Güte, was sind das nur für Leute?!" entfuhr es Beth, dann schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. „Können wir das nicht nutzen?"

„Das werden wir versuchen", erwiderte ihr Freund zustimmend. „Vielleicht ist ja eine der beiden Parteien verhandlungsbereiter, wenn man sie ein wenig unter Druck setzt. Aber zuerst müssen wir herausfinden, wer sie sind und worüber sie sich gestritten haben."

„Kann ich da irgendwie helfen?" Beth spürte ein aufgeregtes Kribbeln in ihrem Inneren, das ihren Körper immer überfiel, wenn es darum ging, wichtige Dinge zu recherchieren – ihr natürlicher Reporterinstinkt.

„Hm…" Josef legte den Kopf schräg und sah sie nachdenklich an. „Vielleicht kannst du das tatsächlich. Du hast ja bestimmt noch Verbindungen aus deinen Zeiten bei Buzz Wire, oder?"

Sie nickte übereifrig und fühlte, wie sich eine ungeheure Energie in ihr frei machte, als ihr Freund aufstand zu seinem Schreibtisch ging und mit einer relativ dicken Akte wiederkam.

„Hier", sagte er, während er drei Steckbriefe mit Fotos aus der Akte nahm und vor ihr ausbreitete. Es waren drei Männer verschiedenen Alters, aber sie sahen weiß Gott nicht wie Killer aus. „Das sind die einzigen noch lebenden Personen der Legion, die uns bisher mit Namen und Foto bekannt sind und das nur, weil die Legion selbst nach ihnen sucht."

Beth überflog einen Steckbrief nach dem anderen und runzelte die Stirn. „Das… das sind Wissenschaftler. Der hier ist Arzt und der… Genforscher. Bis auf den hier…" Sie nahm den letzten Steckbrief in die Hand und betrachtete ihn noch einmal genauer. „Ehemaliger Firmeninhaber… geschieden, zwei Kinder… nichts Besonderes."

„Ja, man würde nie vermuten, dass sie zu einer Geheimorganisation gehören", bemerkte Josef. „Und nun sind sie verschwunden. Ach, so, der hier ist eine kleine Besonderheit…" Er schob ihr wieder einen der anderen Steckbriefe hin.

„Prof. Dr. Frank Peterson", las Beth laut vor. „65 Jahre alt. Hat sein Medizinstudium Cum Laude abgeschlossen und mehrere Auszeichnungen für seine Arbeit in der Genforschung erhalten. Witwer. Oh, sein Sohn ist ebenfalls schon verstorben…" Sie sah wieder zu Josef auf. „Und was ist mit ihm?"

„Er gilt schon länger als vermisst", erklärte er. „Und die Vermisstenmeldung kam von der Uni, noch bevor es in der Legion zum großen Knall kam."

„Aber jetzt suchen auch sie ihn?"

„Ganz genau."

Beth Gehirn arbeitete nun auf Hochtouren. „Dann gehört er vielleicht gar nicht wirklich dazu. Vielleicht haben sie ihn entführt und nun ist ein Teil der Legion mit ihm verschwunden – aber auch für den anderen ist er von großer Wichtigkeit."

„Fragt sich nur weshalb", setzte Josef hinzu.

„Weißt du was?" Beth stand auf, schob die Steckbriefe zusammen und steckte sie in ihre Tasche. „Das finde ich heraus!"

„So gefällst du mir!" lächelte Josef. „Aber vergess' die anderen beiden Kerle nicht. Wir brauchen möglichst viel Informationen über alle drei!"

„Wird erledigt", rief Beth ihm über die Schulter zu und war schon aus dem Büro heraus. Endlich gab es wieder etwas zu tun. Endlich hatte sie etwas, das sie von ihren melancholischen Gedanken und Erinnerungen an Mick befreite.

„Aber pass auf dich auf!" hörte sie Josef noch rufen. Das würde sie. Ganz bestimmt.