Neue Spuren
Eisige Kälte. Sie kroch durch ihre nackten Füße, die sich schleppend über den gefliesten glatten Boden bewegten, drang durch ihre Haut, durch das Fleisch bis hinein in ihre Knochen und verstärkte so die bleierne Schwere, die sich in ihren Gliedern ausgebreitet hatte. Ihr Verstand war so benebelt, dass sie nicht fähig war, auch nur einen sicheren Schritt zu machen, geschweige denn geradeaus zu laufen. Immer wieder rammte sie die kalten, glatten Wände des dunklen Flures. Aber sie fühlte den Aufprall nicht wirklich, fühlte keinen Schmerz, denn auch ihr Körper war betäubt, unkontrollierbar und schwerfällig. Doch sie musste ihn bewegen, musste weiter, musste ihre schmerzenden Muskeln weiter strapazieren, um ihnen zu entkommen, bevor sie entdeckten, dass sie geflohen war. Weiter… immer weiter den dunklen Flur entlang und auf das gedämpfte Licht zu, dass sich an dessen Ende durch eine kleine verglaste Luke einer Tür ins Innere des Gebäudes ergoss. Es versprach Freiheit, versprach ein Ende dieses endlosen Leidens.
Irgendetwas Warmes lief an ihrem Unterarm hinab und als sie ihren Blick senkte, bemerkte sie, dass sie blutete. Es war nur ein kleiner Einstich direkt in der Armbeuge, aber er blutete enorm. Doch etwas anderes verwirrte sie viel mehr: Das war nicht ihr eigener Arm, den sie da betrachtete – es war der Arm eines Mannes. Ihr Blick glitt diesen Arm hinauf und dann über ihre nackte, leicht beharrte Brust. Sie war ein Mann! Ein eher ausgemergelter, drahtiger, großer Kerl… aber dennoch war dieser Körper ihr seltsam vertraut…
Stimmen hinter ihr… hektische Schritte. Sie hatten ihre Flucht bemerkt und sie waren schnell. Sie nahm all ihre Kräfte zusammen und stolperte vorwärts, so schnell sie ihre wackeligen Beine trugen. Nicht mehr weit… nicht mehr weit…
Panik erfasste sie und ihr Herz begann zu rasen, pumpte Unmengen von Adrenalin durch ihre Adern… Sie durfte nicht scheitern, durfte ihnen nicht wieder in die Hände fallen…
Und dann begann es plötzlich in ihrem Inneren zu brodeln. Stechende Schmerzen durchzuckten ihre Muskulatur und es fühlte sich an, als würde irgendetwas in ihr wachsen und sich schmerzhaft verformen. Ein tierischer Laut drang aus ihrer Kehle, dröhnte in ihrem Kopf, während sich nun auch die Haut ihres Gesichtes verspannte und dehnte. Plötzlich konnte sie alles um sich herum gut erkennen, so als hätte jemand ein Licht angemacht - die Fliesen, die vergitterten Stahltüren, die schweren Schlösser an der Ausgangstür. Der Nebel verschwand und machte etwas anderem Platz: Ihrem Überlebensinstinkt und ihren tierischen Trieben. Alle Angst war auf einmal vergessen und Energien, von denen sie nicht gewusst hatte, dass sie sie besaß, wurden in ihrem Inneren aktiviert. Sie fühlte sich plötzlich unglaublich stark, fast unbesiegbar. Doch da war noch etwas anderes, was in ihr tobte: Hunger – entsetzlicher Hunger, der alle anderen Gefühle verdrängte und eine sie fast verzehrende Mordlust freisetzte. Jetzt wollte sie nicht mehr nach draußen. Sie wollte ihren Durst stillen, fressen, was immer da auf sie zukam.
Sie warf sich herum und ein mörderisches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, als sie mit schräg gelegtem Kopf die vier Männer betrachtete, die da Jagd auf sie machen wollten. Sie würde sie in Stücke reißen, ihnen heimzahlen, was sie ihr an Schmerzen und Leid über so lange Zeit zugefügt hatten. Sie hatten es verdient, denn sie hatten es selbst herauf beschworen, das blutrünstige Monster in ihr.
Die Männer hatten auf den Ruf ihres Anführers inne gehalten und einer von ihnen lud jetzt hektisch eine Waffe, während die anderen eines dieser Nylonnetze ausbreiteten und sich darauf vorbereiteten, sie möglichst schnell zu fangen.
Sie duckte sich und spannte ihren Körper an, bereit zum entscheidenden, tödlichen Sprung. Ihre Ohren nahmen wahr, was niemand anderes vernehmen konnte – das leise metallische Klicken, als der Abzug gedrückt wurde. Für sie war es wie ein Startsignal. Sie sprang und drehte sich im Flug, sodass das Geschoss sie nur am Oberarm streifte und keinen wirklichen Schaden hinterließ. Sie sah die weit aufgerissenen Augen des Schützen und hörte seinen entsetzten Schrei in ihren Ohren hallen, während sie selbst ein lautes Grollen von sich gab. Für sie war es wie Musik… ein Vorspiel für den Todeskampf, der in dem Moment begann, als sie auf dem Mann landete, ihn von den Füßen riss und hart auf dem Boden aufschlagen ließ. Ihre Fänge bohrten sich in Sekundenschnelle gnadenlos tief in seinen Hals, durchstießen die Hauptschlagader, sodass der warme, klebrige Lebenssaft mit ungeheurem Druck in ihren Rachen strömte. Gierig sog sie so viel davon in sich ein, wie sie in den wenigen Sekunden, die sie hatte, bekommen konnte, und riss sich dann los, um ihr messerscharfes Gebiss in den Unterarm des nächsten Angreifers zu schlagen. Er schrie schrill auf und ließ den Pflock fallen, den er in der Hand gehalten hatte. Wieder war es ihr nur möglich, ein paar wenige Schlucke von dem Blut ihres Opfers aufzunehmen, denn all ihre Sinne nahmen wahr, wie das gefährliche Netz durch die Luft sirrte, um sie unter sich zu begraben. Doch sie war schneller, sprang mit katzenhafter Leichtigkeit zur Seite, stieß sich von der Wand ab und rammte ihren neuen Gegner mit solcher Wucht, dass auch er zu Boden ging. Noch im Fall krallte sie sich an seinem Kragen fest und zog ihn in eine tödliche Umarmung. In dem Moment, in dem sie beide auf dem harten Boden aufschlugen, sie halb unter ihrem Opfer vergraben, gruben sich ihre Zähne erneut in eine pochende Halsschlagader. Dieses Mal konnte sie nicht so schnell von ihrem Opfer ablassen. Sie brauchte das Blut, brauchte es so dringend, und sie sog mit solcher Macht so viel dieses kostbaren Saftes ein, dass sein schrilles Schreien bald erstarb und das heftige Pumpen seines Herzens schnell langsamer wurde. Sie wusste, dass es ein Fehler war, sich der Gier so weit zu ergeben, nahm wahr, dass noch mehr Männer herbei geeilt kamen, hörte ihre Schreie und Flüche – aber sie konnte nicht aufhören… konnte einfach nicht…
Und dann war er da, der stechende Schmerz in einem ihrer Arme, die ihr Opfer fest umklammert hielten. Die Lähmung setzte sofort ein und erst in diesem Moment kam sie wieder zu Sinnen. Sie würden sie wieder einsperren… wieder quälen…
Ein tiefer, animalischer Schrei drang aus ihrer Kehle, als sie sich von ihrem Opfer losriss und auf die Beine sprang. Die Lähmung breitete sich langsamer aus als sonst… sie hatte noch Zeit, konnte noch kämpfen… konnte sie töten, sie alle töten… allem ein Ende bereiten…
Ihre Angreifer sprangen entsetzt aus ihrer Reichweite und sie sah ihn… diesen bösen, kalten Menschen… Er kam herbei geeilt und lud schon im Laufen eine Waffe…
„Haltet ihn fest, verdammt noch Mal!" schrie er laut. Sie fühlte eine Welle brennenden Hasses in sich aufwallen und ohne nachzudenken stürzte sie auf ihn los, fletschte die Zähne, bereit ihn zu zerreißen. Doch dieses Mal war sie nicht schnell genug. Das Geschoss zischte durch die Luft und bohrte sich im nächsten Moment unbarmherzig in ihren Bauch.
„NEIN!" ertönte von irgendwoher eine verzweifelte Stimme, während sie zu Boden ging. Die zweite Dosis lähmte ihren gesamten Körper in Sekundenschnelle. Sie rang nach Luft, riss entsetzt die Augen auf. Doch ihr Angreifer war noch nicht fertig. Er ging vor ihr in die Knie, zog entschlossen eine weitere Spritze aus seiner Manteltasche und rammte ihr die Kanüle tief in die Brust.
„Nein!! Tun sie das nicht!!" schrie erneut jemand und ein älterer Mann mit Brille fiel neben ihr auf die Knie und hielt mit aller Macht die Hand ihres Angreifers fest „Sie bringen ihn um! Das ist zu viel! Das überlebt er nicht!"
Doch der andere Mann stieß ihn als Antwort nur hart von sich und presste ihr mit einem Ausdruck höchster Genugtuung in den Augen das Serum in den Körper. Es fühlte sich an, als würde eine eiserne Faust mit aller Macht ihren Brustkorb zusammendrücken, während flüssiges Feuer durch ihre Adern brannte – dann erstarb jede Regung in ihr. Das Gesicht des älteren Mannes erschien wieder in ihrem langsam dunkler werdenden Blickfeld. „Es tut mir leid… es tut mir so leid", flüsterte er und strich ihr mitleidig über Stirn und Wange. Sie konnte nicht sehen, ob er Tränen in den Augen hatte, denn die Brille, die er trug, warf nur das Spiegelbild ihres eigenen Gesichtes zurück… Micks Gesicht…
Beth fuhr mit einem entsetzen Schrei aus dem Schlaf. Sie sog panisch Luft in ihre Lungen, so als hätte gerade jemand versucht, sie zu ersticken, sprang auf und taumelte ein paar Schritte durch ihr Schlafzimmer. Ihr Herz raste und ihr war gleichzeitig furchtbar schlecht.
„Oh, Gott, oh, Gott", stieß sie immer wieder hervor. Mit zitternden Fingern tastete sie nach dem Lichtschalter an ihrer Wand, aber selbst als das warme Licht ihr Zimmer flutete, konnte sie sich nicht wirklich beruhigen. Sie zitterte am ganzen Körper und musste sich erst einmal wieder auf ihr Bett setzen, um nicht in die Knie zu gehen. Sofort schossen ihr Tränen in die Augen. Sie barg ihr Gesicht in beiden Händen und konnte nicht verhindern, dass sie schluchzend zu weinen anfing. Das war der absolut schlimmste Albtraum gewesen, den sie seit Micks Verschwinden je gehabt hatte und nie war es so real gewesen, so als ob all die schlimmen Dinge tatsächlich vor wenigen Minuten passiert wären. Als ob sie in Micks Körper gesteckt und miterlebt hätte, was er gerade in diesem Moment durchmachte. Aber das konnte nicht sein, denn er war tot… tot…
Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte und fähig war, einen klaren Gedanken zu fassen. Warum träumte sie nur so etwas? Warum musste ihre Phantasie alles noch schlimmer machen, als es eh schon war? Wahrscheinlich waren es Josefs Ängste gewesen, die sie mit in den Schlaf genommen hatte.
„Denn weißt du,… was das bedeuten würde? Dass er irgendwo da draußen ist…, dass er festgehalten wird… und… irgendjemand irgendetwas Furchtbares mit ihm tut…"
Anscheinend musste ihr Geist diesen schlimmen Gedanken erst einmal verarbeiten. Sie selbst hatte es ein Jahr lang erfolgreich geschafft, solche Gedanken möglichst weit von sich zu schieben. Doch nun… nun musste sie Josef Recht geben. Tot zu sein, erschien ihr weitaus besser, als sich tatsächlich in der Hölle dieses Alptraums zu befinden. Und dennoch wollte sie das Gefühl, dass dieser Traum irgendetwas bedeutete, einfach nicht verlassen.
Ein kalter Schauer durchfuhr ihren Körper, als noch einmal Bilder aus ihrem Traum an ihrem inneren Auge vorbei zogen, und erneut drang ein tiefes Schluchzen aus ihrer Kehle. Sie fühlte sie sich so klein und schwach wie schon lange nicht mehr und sie hatte Angst. Das Gefühl der Sicherheit, das sie ein Leben lang begleitet hatte, war mit Mick gegangen und selbst ihre wachsende Freundschaft zu Josef konnte ihr das nicht wiederbringen. Ihr Schutzengel hatte sie allein zurück gelassen und wenn sie ehrlich war, wusste sie nicht wirklich, wie sie ohne ihn mit ihrem Leben weiter machen sollte. Natürlich war es kompliziert gewesen mit ihm, aber welche Beziehung war schon einfach? Ab einem bestimmten Punkt hatte sie einfach gespürt, dass sie für einander bestimmt, dass sie Seelenverwandte waren. Mit ihm hatte sie den Rest ihres Lebens verbringen wollen – ein turbulentes Leben, gewiss, aber ein Leben in tiefer Liebe und Vertrauen.
Doch irgendwer, irgendeine dunkle Macht, hatte ihr das nicht gegönnt. Und nun saß sie hier allein mit ihren schrecklichen Albträumen und sehnte sich nach der Liebe und Geborgenheit in den Armen eines längst Verstorbenen.
Sie atmete zitternd ein und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. So traurig und verzweifelt sie auch war, nur herumzusitzen und ihren melancholischen Gedanken nachzuhängen, half ihr bestimmt nicht. Nur schlafen konnte sie jetzt nicht. Also atmete sie tief durch und verließ ihr Schlafzimmer.
Nachdem sie sich einen warmen Tee gemacht hatte, schlang sie sich eine Decke um die Schultern und ließ sich mit den Unterlagen, die Josef ihr mitgegeben hatte, auf ihrer Couch nieder. Doch im nächsten Moment wäre ihr beinahe die Teetasse aus der Hand gerutscht. Sie schloss kurz die Augen, stellte die Tasse auf den Couchtisch und hielt den Atem an, als sie wieder auf das Foto blickte, das oben auf lag: Ein älterer Mann mit Brille und einem schmalen aber freundlichen Gesicht. Es war verrückt, aber sie war sich hundert Prozent sicher, dass das der Mann aus ihrem Traum war, der Mann der versucht hatte, sie zu schützen, derjenige, dem sie zuletzt in die Augen geblickt hatte. Beth legte ihre Hand über ihr wild pochendes Herz, so als könne sie es auf diese Weise beruhigen, und dachte nach. Gut, sie hatte das Bild gestern flüchtig angesehen, aber konnte das erklären, warum er so nachdrücklich in einem ihrer Träume erschien? Er war ein Mensch mit Seele gewesen, sie hatte seine Stimme gehört und hatte gefühlt, dass er kein böser Mensch war. Sie hatte ihm vertraut. Woher sollte sie wissen, wie er wirklich war? Doch nicht von einem Blick auf ein Foto. Außerdem hatte er in ihrem Traum anders ausgesehen, älter und angestrengter. Das war doch verrückt!
Sie nahm das Foto mitsamt der Büroklammer ab und überflog ein weiteres Mal seinen Lebenslauf. Er war lange Zeit Chefarzt für Inneres in einem Krankenhaus in L.A. gewesen und hatte sein Leben dann der Genforschung gewidmet. Hauptsächlich hatte er sich mit Autoimmunkrankheiten und Mutationen beschäftigt und sich gerade in diesem Bereich mehrer Preise und Auszeichnungen verdient. Später war er Dozent an der Universität geworden. Beth blätterte weiter und stutzte. Die Vermisstenmeldung, die sie in den Händen hielt war nur zwei Wochen vor Micks Verschwinden ausgestellt worden und die Namen derjenigen, die sie gemacht hatten… Diana Keppler und Brian Ross… Beths Gedärme verknoteten sich für einen Moment. Sie kamen ihr bekannt vor… irgendwoher… Sie schloss die Augen und versuchte, sich angestrengt zu erinnern.
„Komm schon, Beth, komm schon…", redete sie sich selbst zu. Arbeit? Nein. Nachrichten? Erst recht nicht. Woher?... Woher?... Mick! Sie fuhr sich mit der Hand an den Mund. Oh, Gott! Der AB… ein paar Tage nach seinem Verschwinden, hatte ein junger Mann auf Band gesprochen und diese Namen erwähnt. Da war sie sich ganz sicher. Sie hatte ein ziemlich gutes Gedächtnis, was solche Dinge anging. Ihr Herz nahm ein Tempo auf, das nicht mehr gesund sein konnte, aber es scherte sie nicht viel, denn ihr war mit einem Mal bewusst, dass gerade in dieser Sekunde etwas passiert war, mit dem sie gar nicht so schnell gerechnet hatte. Sie hatte eine Spur gefunden, eine Spur die möglicherweise Licht in das Dunkel um Mick herum brachte. Mit einem Mal wusste sie genau, was sie zu tun hatte, und stand entschlossen auf, um sich anzuziehen.
Der Raum war klein, dunkel, stickig und mit Computern und technischen Geräten völlig zugestellt. Man konnte sich kaum bewegen, ohne irgendwo anzustoßen und unfreiwillig als Staubtuch zu dienen. Wäre mein Anliegen nicht so dringend gewesen – keine zehn willigen Freshies hätten mich hierher locken können. Aber ich brauchte Antworten und, um diese zu bekommen, brauchte ich Logan, den Bewohner dieses abstoßenden Lochs, der momentan mit einer quälenden Ruhe Befehle in seinen Computer eingab, ab und zu einen Blick nach hinten auf mich werfend.
„Ja, ich weiß, ist nicht unbedingt ein Loft", seufzte er schließlich. „Aber es muss reichen, solange sich nicht irgendein Sponsor findet, der mich ein wenig unterstützt."
Logan benutzte schon seit einer ganzen Weile keine Zaunpfähle mehr, um mich darauf hinzuweisen, dass ich meinen Geldhahn noch etwas weiter für ihn aufdrehen sollte – es waren ganze Mammutbäume, die er mir um die Ohren schlug. Doch ich tat so, als hätte ich ihm nicht zugehört, und drehte weiter meine Runden in der Baracke, hoffend und betend, dass er bald fündig wurde.
„Geht das nicht ein bisschen schneller?" knurrte ich nach einer Weile und machte im nächsten Moment angewidert einen Schritt zur Seite, weil doch tatsächlich eine Kakerlake meinen Weg kreuzte.
„Ich tue mein Möglichstes", gab Logan mit einem Gähnen zurück. „Das ist einfach nicht meine Zeit."
„Oh, das nächste Mal werde ich gewiss vorher anfragen, wann dein Sprechzeiten sind", erwiderte ich nur mit dem Hauch eines Lächelns. „Ich will dir doch nicht die wenigen kostbaren Stunden des Schlafes rauben, die dein kurzes Leben dir noch bietet."
Logan wagte es doch tatsächlich, von seiner Arbeit abzulassen und sich zu mir umzudrehen.
„Warum hast du eigentlich so schlechte Laune?"
„Schlechte Laune? Ich?" wiederholte ich gereizt. „Nicht doch! Ich verbringe doch so gern meine Zeit hier in diesem miefigen Kellerloch, wo ich nichts anderes zu tun habe, als nutzlos herum zu stehen und einen Schein nach dem anderen in deinen gierigen Schlund zu stopfen. Wer braucht schon ein helles, freundliches Loft und ein paar schöne Frauen an seiner Seite, die bereitwillig ihr warmes Blut zur Verfügung stellen, wenn er das hier haben kann?" Ich breitete beide Arme aus und strahlte ihn überglücklich an, um ihn im nächsten Moment mordlüstern anzusehen. „Ich sage dir, wenn ich hier nicht spätestens in fünfzehn Minuten mit einem Haufen Informationen heraus bin, kremple ich mir das erste Mal seit langer Zeit wieder die Ärmel hoch, und wische mit deinem Arsch den Boden!"
„Huiui, is' ja gut!" Logan hob abwehrend die Hände und machte sich wieder an die Arbeit. Ich schüttelte nur den Kopf. Warum gab es nur so wenige Vampire mit Stil? Wahrscheinlich, weil es auch nur so wenige Menschen gab, die wussten, wie man richtig lebte. Wenn man zu einem Vampir wurde, änderten sich vielleicht die Lebensumstände, aber seinen Charakter, den behielt man – jedenfalls zum größten Teil. Logan sah aus wie ein Freak und lebte wie einer - schwer vorstellbar, dass das jemals anders gewesen war…
„Okay… das hier könnte was sein", hörte ich ihn plötzlich sagen und war sofort an seiner Seite. Auf dem Bildschirm, waren einige Daten und Bilder erschienen, die mir so noch nicht viel sagten.
„Die Henderson & Field Corporation ist ein Tochterunternehmen des Saxton Unternehmens. Sie betreibt neben der Herstellung von pharmazeutischen Produkten auch ein paar Forschungslabors. Zwei am Rande von L.A…. oh, eins ist vor kurzem abgebrannt, und eines in der Nähe von Bullhead City in Nevada."
„Moment… abgebrannt?" hakte ich hellhörig nach. „Wann war das?"
„Ähm… vor ungefähr zwei Wochen. Wieso?"
Ich antwortete nicht, denn meine Gedanken überschlugen sich. Genau zu dieser Zeit hatte es den großen Knall in der Legion gegeben. Das war kein Zufall. Irgendwie hing das alles zusammen. Und ein drängendes Gefühl in meiner Brust sagte mir, dass ich dem allen möglichst schnell auf die Spur kommen musste, bevor sich die Türen wieder verschlossen.
„Von wem hast du eigentlich den Tipp bekommen, das Saxton Unternehmen genauer unter die Lupe zu nehmen?", hakte Logan nach einer Minute des Schweigens nach.
„Wenn ich das wüsste…", gab ich nachdenklich zurück und glaubte mir fast selbst. „Das war eine anonyme E-Mail. Die habe ich erst kurz bevor ich schlafen gehen wollte entdeckt."
„Oh, warte, warte!" Logan sah mich eindringlich an. „Der Tipp kam von irgendjemandem? Was stand denn drin? Lieber Vampir, ich mach' mir schreckliche Sorgen um euch, hier ein Tipp, wie ihr der Legion auf die Schliche kommen könnt. Ein Fan."
Ich sah Logan verärgert an. „Natürlich nicht", brummte ich, obwohl ich genau wusste, dass seine Verwirrung und Bedenken berechtigt waren – jedenfalls was meine Notlüge anging.
„Was dann?"
Ich atmete tief durch. „Es.. es ging dabei mehr…um…" Mick. Und meine Informantin war niemand anderes als seine mal wieder tot geglaubte Ex-Frau, die mich in der Nacht angerufen und mein Innenleben total auf den Kopf gestellt hatte mit ihren merkwürdigen Andeutungen und halben Informationen. Aber das konnte ich Logan natürlich nicht sagen.
„Mach doch einfach, was ich dir sage", sagte ich stattdessen. „Ich weiß, was ich tue."
Logan sah mich mit hochgezogenen Brauen an. „Darauf soll ich mich verlassen?"
Statt eine Antwort zu geben, griff ich in die Innentasche meines Jacketts, zog einen weiteren großen Schein heraus und drückte ihn diesem elendigen Blutsauger in die geöffnete Hand.
„Du bist der Meister", grinste er und wandte sich wieder dem Bildschirm zu.
„Was erforschen die in ihren Labors?" fragte ich gerade heraus.
„Medikamente… Pflanzenschutzmittel… oh…" Logan schnalzte bewundernd mit der Zunge. „Genetik…"
„Genforschung?" wiederholte ich. War nicht eine der von der Legion gesuchten Personen ein Genforscher gewesen? „Wo machen die das genau?"
„Eigentlich haben die damit schon wieder aufgehört", meinte Logan und klickte das Bild eines abgebrannten Gebäudes an.
„Das Labor ist den Flammen zum Opfer gefallen?" Sämtliche Alarmglocken in meinem Inneren schrillten auf einmal los. Coraline hatte Recht gehabt. Innerhalb der Legion ging irgendetwas Abartiges vor sich.
„Ja, und nach Aussage der Firmeninhaber haben sie damit danach auch nicht mehr weiter gemacht. Zu wenig lukrativ."
Ich schüttelte vehement den Kopf. „Nein – die haben weitergemacht. Fragt sich nur wo…"
„Vielleicht in einem der anderen Labors?" schlug Logan vor. „Wie wär's mit dem Pflanzendünger in der Wüste…" Er musste lachen, bekam dann aber plötzlich einen ganz nachdenklichen Gesichtsausdruck. „Komisch… das hab' ich schon mal gesagt…Nur zu wem?" Er stützte nachdenklich sein Kinn in seine Hand. Dann erhellte sich sein Gesicht. „Mick! Ja, na, klar!"
Mein Kopf schnellte zu ihm herum. „Was?!"
„Ja, genau…" Er kniff angestrengt die Augen zusammen, um sich besser erinnern zu können. „Der war mal hier und hat mich beauftragt, ihm alle Labore in näherer Umgebung herauszusuchen, die mit Gentechnik zu tun haben… Meine Güte, wie konnte ich das vergessen… Dabei sind wir auch auf Henderson & Field gestoßen."
Ich packte Logan an beiden Schultern und drehte ihn auf seinem Stuhl schwungvoll zu mir herum. „Wann war das?!" brachte ich erregt hervor.
„Äh… ich… weiß nicht", stammelte er schuldbewusst. „… nicht lange bevor er verschwand…"
Ich ließ Logan ruckartig los und entfernte mich ein paar Schritte von ihm, weil ich das dringende Bedürfnis verspürte, ihn in der Luft zu zerreißen. Stattdessen riss ich die Arme in die Luft und raufte mir die Haare. „Warum hast du das nie gesagt?!" stieß ich schließlich wütend hervor.
„Ich… ich hab's vergessen…" stotterte Logan und beobachtete ängstlich, wie ich am anderen Ende des Raumes hin und her lief und nicht wusste, wohin mit meiner Wut.
„Mick machte nicht den Eindruck, als würde er es so wichtig nehmen. Er war mit seinen Gedanken irgendwie… woanders."
Höchstwahrscheinlich bei Beth - ums genau zu nehmen in ihrem Bett… Mick war zu dieser Zeit völlig im Liebestaumel gewesen, völlig unzurechnungsfähig. Kein Wunder nach dieser langen Zeit des Darbens. Ich hatte mich für ihn gefreut, aber innerlich gehofft, dass diese Honeymoon-Phase möglichst im Eiltempo an uns allen vorbei zog. Erfahrungsgemäß war Mick im Rauschzustand nie ein wirkliches Optimum. Die Legion hatte ein leichtes Spiel mit ihm gehabt, da war ich sicher. Ich gab wütend dem Mülleimer einen Tritt. Es schepperte laut, als er gegen einen Schrank flog, aber mehr als zwei zerknüllte Zettel flogen nicht heraus.
Logan verhielt sich lieber ganz still. Auf der einen Seite hatte er wohl Angst, dass ich meine Wut sonst an ihm abreagieren könnte – auf der anderen rechnete er wohl schon in seinem Kopf zusammen, was er mir für meine Wutausbrüche veranschlagen konnte.
Ich atmete tief durch und straffte die Schultern. Diese Rage… das war sonst so gar nicht mein Stil. Haltung wahren, Josef, Haltung!
„Okay", brachte ich etwas beherrschter hervor. „Was wollte Mick mit den Informationen tun? Wo wollte er hin?"
Logan zuckte hilflos die Schultern. „Keine Ahnung. Er hat sich die Liste der Labors ausdrucken lassen und ist dann gegangen."
„An was für einem Fall hat er überhaupt gearbeitet?"
Wieder ein Schulterzucken. Ich verdrehte die Augen.
„Es ist einfach zu lange her… Ach, doch, warte…" Erneut schloss er für einen Moment die Augen. „Das war irgendeine Sache mit einer vermissten Person. Ein Arzt oder so was…"
„Bist du sicher?" Ich sah ihn eindringlich an.
„Ja… aber sag' mal, hat Mick nicht immer selber Akten zu seinen Fällen angelegt?"
Das hatte er. Aber nach seinem Verschwinden hatten wir eigentlich sämtliche Akten durchstöbert und ich war mir sicher, dass ich nichts von einem vermissten Doktor gelesen hatte. War es möglich, dass wir etwas übersehen hatten? Ganz gleich, was dabei heraus kam, ich musste noch einmal zurück in Micks Apartment, denn irgendetwas sagte mir, dass wir eine so heiße Spur gefunden hatten, dass wir aufpassen mussten, uns daran nicht die Finger zu verbrennen.
„Okay, ich verschwinde jetzt", erklärte ich schnell dem verwirrten Logan. „Und du wirst mir alles, was du zu diesem Genetikprogramm und den Labors von Henderson & Field heraus finden kannst, so schnell wie möglich zuschicken! Verstanden?"
Logan nickte nur.
„Und glaub' nicht, das kriegst du extra bezahlt!" brummte ich. „Du bist mir was schuldig!"
Damit verschwand ich auch schon mit wehendem Mantel die Treppe hinauf.
