*Schön, dass die Geschichte hier anscheinend doch gelesen wird. Deswegen gibt es hier auch gleich ein paar mehr Kapitel. Wünsche euch viel Spaß damit! Ganze liebe Grüße, Jenna*
Anna: Schön, dass dir die Geschichte gefällt. Wenn du es gar nicht aushalten kannst: auf der deutschen fanfiktion-Seite gibt es schon die komplette Geschichte mit 62 Kapiteln. Natürlich würde ich mich auch dort dann über Reviews freuen. ;0)
Ewiges Leben
„Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen."
(Albert Schweizer)
„Weil ich dich liebe", hatte er gesagt und sie hatte sich darauf in seine Arme geworfen und ihn geküsst. Und obwohl er ihren Kuss erwidert hatte, dem ersten noch viele weitere folgten und sie beide sich schon so lange nach der körperlichen Zuneigung des anderen sehnten, war nicht viel mehr zwischen ihnen passiert. Es war einfach so wichtig gewesen, miteinander zu reden, aneinander gekuschelt auf ihrer Couch, und all die Ängste, Befürchtungen und dramatischen Ereignisse der vergangenen Stunden zu verarbeiten und möglichst bald zu vergessen. Zum ersten Mal seit sie sich kannten, hatte Mick es zugelassen, dass Beth einen wirklich tiefen Einblick in die Welt gewann, in der er lebte – die Welt der Vampire. Und nicht nur das – er hatte ihr unglaublich viel aus seinem bisherigen Leben als Vampir erzählt, von Dingen, für die er sich schämte, und Fehlern, die er zutiefst bereute. Bis tief in die Nacht hatten sie geredet und die Nähe des anderen genossen. Doch irgendwann war sie in seinen Armen eingeschlafen und in ihrem Bett wieder aufgewacht – ohne ihn.
Natürlich war ihr klar gewesen, dass er irgendwann die Kälte seiner Kühltruhe aufsuchen musste, aber sie hatte dennoch eine gewisse Unruhe gepackt – so als läge die Verantwortung dafür, ihr tiefen Gefühle füreinander in eine richtige Beziehung zu verwandeln, nun in ihren Händen. Sie selbst hatte Mick einmal eine zarte Blume genannt und in Bezug auf Gefühle traf das noch viel stärker zu als auf jeden anderen Bereich seines Lebens. Coraline hatte sein Vertrauen in die Liebe gebrochen, mehrmals in der langen Zeit ihrer grausamen Ehe, und Beth war deutlich bewusst, dass es sie eine Menge Geduld und Arbeit kosten würde, dieses Vertrauen wieder herzustellen und gleichzeitig Mick zu beweisen, dass sie weitaus besser mit seinem Vampirdasein klar kam als er selbst. Nur aus diesem Grund hatte sie Josefs Rat gesucht und im Endeffekt war sie froh darüber. Sie fühlte sich gestärkt und mutiger als zuvor und wusste genau, wie sie bei Mick weiter vorgehen musste… jedenfalls bis zu diesem Zeitpunkt, bis zu dem Moment, als er tatsächlich in ihrer Wohnungstür stand und ihr dieses umwerfende, sanfte Mick-Lächeln schenkte.
„Du… du bist zu früh", stellte sie verwirrt fest und war sich nur allzu deutlich bewusst, dass sie unter ihrem Morgenmantel nur ein kurzes, ausgeleiertes Nachthemd trug, das ständig viel zu weit über eine ihrer Schultern rutschte. Ups… Apropos Morgenmantel… Sie schloss denselbigen schnell und band ihn so fest zu, dass es ihr fast die Luft abschnürte.
„Ja…ich…" Mick senkte verlegen den Blick. „Ich war nur grade in der Gegend und dachte mir…" Nun sah er sie doch wieder an und runzelte über sich selbst verwirrt die Stirn.
„Dachtest dir…?" versuchte sie ihm zu helfen.
Er stieß ein leises Lachen aus und Beth spürte einen kleinen Schauer ihren Rücken hinunterrieseln. „So genau weiß ich das gar nicht", gab er schließlich verlegen lächelnd zu.
„Komm… komm doch einfach rein", meinte sie nur schmunzelnd und öffnete die Tür ein Stück weiter, so dass er an ihr vorbei in die Wohnung treten konnte.
„Willst du deinen Mantel ablegen?" fragte sie, als sie die Tür geschlossen hatte, und überlegte gleichzeitig verärgert, wie das wohl mit ihnen weitergehen sollte, wenn sie nun auch dieses eigenartig förmliche Verhalten an den Tag legte. Herrgott! Was war denn mit ihr los? Gut, sein Auftritt kam etwas überraschend, aber das musste sie doch nicht so aus dem Konzept bringen.
„Oh… ja", sagte er, schlüpfte mit einer fließenden Bewegung aus seinem dunklen Mantel und hängte ihn selbst an den Garderobenhaken. Beth nutzte die Gelegenheit, um ihn kurz und unauffällig zu mustern, aber im Grunde wusste sie schon im Voraus, dass er wie immer unverschämt gut aussah. Graues, seidiges Hemd, dunkle Jeans - beides so gewählt, dass die Sachen mehr von seinem athletischen Körper Preis gaben als verhüllten. Und dieser knackige Hintern… Beth wurde gleich ein Stück wärmer und sie zuckte ertappt zusammen, als sie registrierte, dass er sie längst wieder ansah.
„Willst du einen Ka…" Sie brach ab. Mit dieser Frage konnte man vielleicht andere Männer ablenken, aber bei Mick machte das überhaupt keinen Sinn.
„… Kaffee?" führte er ihre Frage dennoch schmunzelnd zu Ende. „Im Moment nicht, aber danke."
Sie strich sich verlegen eine blonde Haarsträhne hinter das Ohr. „Die Blutkonserven sind mir leider ausgegangen", witzelte sie „Meine anderen Vampirfreunde waren bei unserer letzten Orgie einfach zu gierig."
Mick hob scheinbar überrascht die Brauen und nickte dann verstehend, ein kleines Lächeln auf den Lippen „Kein Problem, ich bin nicht wirklich hungrig."
„Zur Not muss es dann wohl was Frisches sein", meinte Beth leichthin und hob kurz ihr Handgelenk. Sein Blick ruhte ein paar Sekunden zu lange auf der leicht pulsierenden Ader, die sich unter ihrer hellen Haut abzeichnete, und als er sie wieder ansah, erschienen seine schönen Augen ein wenig heller als zuvor. Das war etwas, was sie immer aufs Neue an ihm faszinierte. Die Farbe seiner Augen änderte sich ständig, mit dem Einfall des Lichtes, der Kleidung, die er trug, oder seiner Stimmung. Im Normalzustand waren sie wohl eher graublau, aber wenn sie heller wurden, erwachte der Vampir in ihm…
„Eigentlich…", brachte er nach kurzem Zögern heraus, „…hat es doch einen Grund, warum ich so früh hier bin."
Das klang nicht wirklich gut – eher nach Micks typischer Rückzugstaktik. „Der wäre?" hakte Beth misstrauisch nach und ließ sich lieber auf der Couch nieder. Manche Dinge ließen sich besser im Sitzen ertragen…
„Wir müssen, glaube ich, noch über ein paar Dinge reden", erklärte er und trat an sie heran, um sich ebenfalls zu setzen. Beth registrierte erleichtert, dass er ihre Nähe nicht scheute. So schlimm konnte es also nicht werden.
„Bezüglich was?" hakte sie dennoch gleich nach.
Mick wich ihrem Blick aus, holte tief Luft und sah sie dann mit etwas Sorge in seinen ausdruckstarken Augen an. „Uns."
Beth nickte zustimmend. „Ja. Das sollten wir vielleicht."
„Ich… ich habe heute ziemlich viel nachgedacht", fuhr Mick fort und ihm war deutlich anzusehen, wie schwer es ihm fiel, seine Gedanken in Worte zu fassen. „Über uns und all das, was bisher zwischen uns passiert ist…"
Beth spürte ihr Herz mittlerweile heftig in ihrer Brust pochen und schlimme Befürchtungen krochen in ihrem Inneren herauf. Bitte nicht… bitte kein Rückzieher… Das konnte sie nicht schon wieder ertragen…
„…du solltest wissen…nein, du musst wissen, dass ich dich…", er stockte und seine Augen suchten flehendlich in den ihren nach einem Zeichen dafür, dass sie ihn ohne große Worte verstand, dass sie einfach seine Gedanken las, sodass er nichts mehr erklären brauchte. Doch sie sah ihn nur verwirrt und voller Angst an. Bitte nicht… bitte nicht…
Er stutzte und dann weiteten sich seine Augen. „Oh, nein!" entfuhr es ihm sofort. „Das… das verstehst du falsch. Ich will nicht…" Wieder konnte er seinen Satz nicht beenden, atmete nur schwer aus. Er stand kopfschüttelnd auf, entfernte sich ein Stück von ihr und fuhr sich dann verzweifelt mit einer Hand über das Gesicht.
„Gut." Er wandte sich zu ihr um, schloss für einen Moment die Lider und atmete einmal tief durch. „Dann einfach ganz direkt", sagte er mehr zu sich selbst als zu ihr.
„Ich…", noch ein schwerer Atemzug, „…bin verrückt nach dir. Sobald ich dich sehe, möchte ich dir nahe sein, Beth, so nahe, wie es nur geht - jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde dieses voranschreitenden Lebens. Und wenn ich dich nicht sehe, möchte ich das eigentlich auch. Ich… ich kann an gar nichts anderes mehr denken, als mit dir…" Wieder brach er ab und schüttelte den Kopf. Beth starrte ihn nur an und brachte keinen Ton heraus. Sie fühlte sich auf einmal ganz leicht und… befreit.
„Und genau da liegt das Problem", meinte Mick ernst.
Nun war es an Beth, den Kopf zu schütteln. „Für mich nicht", sagte sie fest.
„Gerade für dich", widersprach Mick ihr und sah sie eindringlich an.
„Nein", entgegnete sie und stand nun auch auf. „Du siehst darin ein Problem, Mick, weil du Angst hast, dass du mich dabei beißen könntest." Das beunruhigte Flackern in seinen Augen bestätigte ihre Vermutung. „Aber mich stört das nicht", setzte sie mit Nachdruck hinzu. „Du kannst es tun." Sie war nun so dicht an ihn heran getreten, dass sie das Entsetzen, das ihn bei diesem Gedanken packte, fast körperlich spüren konnte.
Er stieß ein leises, verzweifeltes Lachen aus. „Du weißt nicht, wovon du redest!"
„Oh, doch, das weiß ich", gab sie sanft aber bestimmt zurück. „Denn du hast mich schon einmal gebissen. Du warst am verhungern und dennoch brauchte ich nicht eine Sekunde um mein Leben zu fürchten. Ich vertraue dir."
Mick schüttelte den Kopf. „Aber ich mir nicht."
„Und was soll das heißen?" hakte sie jetzt doch leicht verärgert nach. „Kein Sex in unserer Beziehung?"
„Nein, ich…" Er senkte den Blick und fuhr sich fahrig mit einer Hand durch das gelockte Haar. „Wir… wir sollten nur vorsichtig sein und… das langsam angehen…" Nun sah er sie doch wieder an und er sah so verletzlich und unglücklich aus, dass sie dem Bedürfnis, ihn in die Arme zu nehmen und zu küssen, nur mit größten Schwierigkeiten widerstehen konnte. „Beth, ich… ich will dich einfach nicht gefährden. Der Vampir in mir ist in solchen Situationen sehr schwer zu kontrollieren."
„Du wirst mir nichts tun", sagte sie fest. „Und ich habe keine Angst!"
„Ja, noch nicht", setzte er ihr entgegen und stieß einen tiefen, resignierten Seufzer aus. „Das wird sich ändern."
War das das eigentliche Problem? Glaubte er wirklich, dass sich ihre Gefühle für ihn ändern würden, sobald der Vampir in ihm erwachte und sich an ihr vergriff? Befürchtete er, dass sie ihn verlassen würde, weil sie seine vampirische Seite genauso wenig ertragen konnte wie er selbst? Es musste schwer für ihn sein, zu begreifen, dass sie fähig war, eine Seite an ihm zu akzeptieren oder gar zu lieben, die er selbst so verachtete und abgrundtief hasste.
„Mick", sagte sie voller Zärtlichkeit und nahm sein Gesicht sanft in beide Hände, sodass er gezwungen war, ihr in die Augen zu blicken. „Ich liebe dich so, wie du bist."
Wieder schüttelte er ganz leicht den Kopf und ein seltsames, trauriges Lächeln glitt über seine Lippen. „Wie ich bin?" fragte er leise und irgendwie war da auf einmal etwas Lauerndes in seiner Stimme. Er entwand sich dem sanften Griff ihre Hände, drehte ihr den Rücken zu, aber sie war sich sicher, für einen kurzen Moment so etwas wie Bedauern in seinen Augen aufblitzen gesehen zu haben. Und ganz tief in ihrem Inneren wusste sie plötzlich, was geschehen würde - doch war sie nicht wirklich darauf vorbereitet.
Es ging so schnell, dass ihr der eigene entsetzte Aufschrei im Halse stecken blieb. Sie vernahm ein tierisches Knurren und dann wirbelte Mick zu ihr herum, packte sie an den Schultern und das Gesicht eines Monsters schoss auf sie zu, die weißblauen Augen starr auf ihren Hals gerichtet und die scharfen Reißzähne entblößt. Nur Millimeter von ihrer zarten Haut entfernt hielt er inne, atmete keuchend aus und sog dann ihren Duft tief in seine Nase ein. Beth wagte es kaum, zu atmen. Sie hatte reflexartig ihre Hände gegen seine Brust gestemmt und fühlte nun den erstaunlich schnellen Herzschlag des Vampirs unter den bebenden Fingern, fühlte die extreme Anspannung seines kraftvollen Körpers und konnte nicht verhindern, dass sie selbst anfing zu zittern. In ihrem Inneren tobten die unterschiedlichsten Gefühle, als sein halb geöffneter Mund langsam dicht an ihrem Hals hinauf wanderte und nur sein heftiger, gepresster Atem über ihre kribbelnde Haut blies - aber Angst war bei Weitem nicht das stärkste. Nein, sie war viel eher erregt, aufgewühlt, elektrisiert und ihr eigenes Herz hämmerte wie wild in ihrer Brust. Sein Gesicht war nun dicht vor dem ihren, ihre Lippen nur Millimeter voneinander entfernt und seine hellen Augen sahen sie mit einem solch hungrigen Ausdruck an, als wolle er sie tatsächlich jeden Moment lebendig verschlingen. Sein Atem ging nur noch stoßweise und immer wieder wanderte sein Blick ihren Hals hinunter, richtete sich auf ihre pulsierende Halsschlagader. Ihre eigenen Augen glitten zu seinen halb geöffneten Lippen, die die Spitzen seiner langen Eckzähne nicht mehr verbergen konnten.
„Wie ich bin?" raunte er ihr noch einmal zu und es klang mehr wie das erregte Grollen eines brunftigen Raubtieres als wie eine menschliche Äußerung. Ein heißkalter Schauer rann über ihren Rücken und sandte ein Schwall von Wärme in ihren Unterleib. Sie handelte rein instinktiv, ohne zu denken – aber sie wusste, dass es richtig war. Sie beugte sich vor und verschloss ihm den Mund mit ihren warmen, vollen Lippen, küsste innig das Raubtier, das sie so liebte und nach dem sie sich so verzehrte. Ihre Hände ergriffen den Kragen seines Hemdes und zogen ihn dichter an sich heran, um den Kuss zu vertiefen, während er für einen Moment völlig erstarrt zu sein schien. Aber dann wurde der Druck seiner Hände an ihren Schultern wieder stärker und sie war gezwungen, sich widerwillig von seinen Lippen zu lösen und ihn anzusehen. Der Vampir war verschwunden und hatte einen völlig atemlosen und aufgewühlten Mick zurückgelassen. Anstatt zweier fast weißer Augen blickten sie nun Augen an, die vor entfesselter Begierde so dunkel waren, das man kaum noch die Pupillen in ihnen erkennen konnte, und Beth wusste, dass sie gesiegt hatte, noch bevor Mick sie ungestüm zurück in seine Arme zog, noch bevor seine Lippen sich mit einem unterdrückten Stöhnen gegen die ihren drängten und ihr den Atem und das letzte bisschen Verstand raubten, das sie noch besaß. Sie schlang die Arme um seinen Nacken und schmiegte sich eng an seinen Körper, öffnete bereitwillig die Lippen und ließ seine drängende Zunge ein, um ihr sogleich sehnsüchtig mit der eigenen zu begegnen. Der Schauer, der ihren Körper in diesem Moment erfasste, war so heftig, das sogar Mick ihn spüren musste. Ein tiefes Stöhnen entrückte seiner Kehle und im nächsten Augenblick fühlte sie, wie er ein wenig in die Knie ging, seine Arme um ihre Hüften schlang, sie fest an seinen Körper presste und sie den Boden unter den Füßen verlor. Er bewegte sich mühelos mit ihr vorwärts, trotz ihres zusätzlichen Gewichtes… in Richtung Schlafzimmer…
„Miss Turner?" Beth fuhr entsetzt zusammen und verschüttete beinahe den Kaffee, der vor ihr auf dem Tisch stand. Sie hatte sich wieder einmal in ihren Erinnerungen verloren und völlig vergessen, wo sie war. Wie peinlich…
An ihrem Tisch in dem Café, in dem sie sich erst vor einer halben Stunde niedergelassen hatte, standen eine junger Mann und eine junge Frau, die sie fragend ansahen.
Hitze schoss ihr ins Gesicht und sie schenkte den beiden ein unsicheres Lächeln, bevor sie antwortete.
„Ja, äh…", stotterte sie, „dann sind sie…"
„Brian Ross", kam ihr der junge Mann zuvor und streckte ihr in einer etwas unbeholfenen Geste seine Hand entgegen. Beth schüttelte sie lächelnd, immer noch mit ihrer Selbstbeherrschung kämpfend.
„Und das ist meine Verlobte Diana Keppler", erklärte er und Beth gab auch der jungen Frau schnell die Hand. Die beiden mussten ungefähr in ihrem Alter sein, so Ende Zwanzig. Brian war groß und schlaksig und hatte etwas Offenes, aber auch noch sehr Jungenhaftes an sich, während Diana in ihrer höflichen Zurückhaltung eher den Eindruck machte, dass sie schon richtig im Leben stand und genau wusste, was sie wollte. Sie war eine hübsche, junge Frau mit großen braunen Augen und einem wachen Blick, mit dem sie jetzt Beth kurz musterte.
„Setzen sie sich doch", forderte Beth die beiden freundlich auf und sie ließen sich dankbar auf den beiden Stühlen an ihrem Tisch nieder. Einen Moment herrschte Stille zwischen ihnen, dann ergriff Brian mutig das Wort.
„Sie arbeiten also mit Mr. St. John zusammen?" fragte er gerade heraus.
Beth hatte sich am Telefon als Micks inoffizielle Partnerin ausgegeben, also blieb ihr nichts anderes übrig, als zu nicken. „Von Zeit zu Zeit. Wir haben ein paar schwierige Fälle zusammen lösen können." Das war noch nicht einmal eine Lüge.
„Warum hat er sich so lange nicht bei uns gemeldet? Ist irgendetwas passiert?"
Beth atmete tief durch. Sie musste wohl einen Teil ihrer Probleme den beiden offenbaren, um die Informationen zu bekommen, die sie brauchte. „Er ist ungefähr seit einem Jahr spurlos verschwunden."
„Oh", machte Brian nur.
„Seit einem Jahr?" meldete sich stattdessen Diana zu Wort und suchte den Blick ihres Verlobten. „Dann ist das kurz nachdem wir uns an ihn gewandt haben passiert…"
„Für was genau haben Sie ihn engagiert?" hakte Beth sofort nach.
Die beiden tauschten ein paar Blicke aus, dann wandte sich Brian wieder zu ihr um. „Ich denke, es schadet nicht, wenn ich es Ihnen erzähle. Wir haben unsere Hoffnung eigentlich längst aufgegeben. Und wer weiß, vielleicht können Sie uns am Ende sogar noch helfen."
Er sah wieder seine Verlobte eindringlich an und die nickte schließlich nach einem kurzen Moment des Zögerns. „Es ging um einen Dozenten der medizinischen Fakultät in Kalifornien, der seit geraumer Zeit verschwunden ist", erklärte sie und strich sich eine Strähne ihres kastanienbraunen Haares, die sich aus ihrem kunstvoll geflochtenen Zopf gelöst hatte, aus dem Gesicht. „Er hat ein paar hoch interessante Forschungsprojekte an der Uni ins Leben gerufen, an denen wir beide teilgenommen haben…"
„Er war der beste Lehrer, den wir je hatten", brach es aus Brian voller Inbrunst hervor. „Er… er ist… ein Genie!"
„Und er ist einfach so verschwunden?" fragte Beth.
„Er kam nicht mehr in die Lesungen und die Projekte wurden eingestellt", erklärte Diana traurig. „Uns wurde gesagt, dass er sich vielleicht eine Auszeit genommen hat, aber wir waren überzeugt, dass da irgendetwas nicht stimmte. Also sind wir zur Polizei gegangen und haben eine Vermisstenanzeige aufgesetzt. Er hatte ja niemanden mehr – seine Studenten waren seine Familie."
„Und die Polizei hat nichts heraus gefunden?" erkundigte sich Beth erstaunt.
Die beiden schüttelten die Köpfe. „Sein Haus war einfach nur verlassen", berichtete Brian. „Nichts wies auf einen Überfall oder gar eine Entführung hin, es fehlte sogar ein Koffer und ein paar Sachen, sowie seine Brieftasche – also, ging man bald davon aus, dass er sich tatsächlich irgendwo abgesetzt hatte."
„Nach ein paar Monaten, habe ich dann einen Artikel über diesen Privatdetektiv gelesen – Mick St. John", ergriff nun Diana wieder das Wort. „Es hieß, dass er einer der besten ist, die es jemals hier in L.A. gegeben hat. Also haben wir ihn aufgesucht und ihn darum gebeten, Professor Peterson für uns zu finden."
„Wir konnten nicht wissen, dass das so gefährlich für ihn werden würde." Brian sah Beth entschuldigend an, doch sie war schon längst tief in ihre eigenen Überlegungen verstrickt.
„Ihr seid ganz sicher, dass Peterson gegen seinen Willen verschleppt worden ist?" hakte sie noch einmal nach.
„Ja", sagte Diana überzeugt. „Er hätte nie seine Projekte einfach so… absterben lassen. Dafür lag ihm zu viel daran."
Beth wurde hellhörig. „Was waren das für Projekte?"
Erneut wurde sie Zeuge einer stummen Unterhaltung zwischen den beiden Personen vor sich, wobei deutlich wurde, dass dieses Mal Diana diejenige war, die weitersprechen wollte und Brian zögerte. Doch dann nickte auch er zustimmend.
„Hauptsächlich Projekte innerhalb der Genforschung und der Biogerontologie", erklärte Diana knapp.
„ Bio… was?" fragte Beth verständnislos.
„Das ist ein Teilgebiet der Entwicklungsbiologie, das sich mit den Ursachen biologischer Alterungsprozesse und deren Folgen beschäftigt", half Brian ihr.
„Wir haben uns mit der Seneszenz von Zellen, mit Erbkrankheiten und Mutationen beschäftigt", fuhr Diana ungerührt fort, „ aber nicht wie man das sonst tut."
„Was soll das heißen?"
„Peterson war der Meinung, dass die Natur Dinge nicht umsonst entstehen lässt", gab Brian mit einem kleinen Lächeln zurück. „Er meinte, man solle Mutationen als Zeichen lesen, Zeichen, die uns die Natur gibt, um uns zu ändern, um die Evolution voranzutreiben. Wir müssten nur lernen, das, was uns gegeben wird, für uns im positiven Sinne zu nutzen, um all die Krankheiten und Begrenzungen, die das Leben uns im Moment noch entgegensetzt, zu bekämpfen. Und wir sollten alles nutzen, was uns umgibt: Pflanzen, Tiere und Menschen. Mit all ihren genetischen Codes und Zellmutationen war er der Meinung, eines Tages auf das zu stoßen, wonach der Mensch schon seit Anbeginn der Zeit sucht."
Beth sah stirnrunzelnd von einem zum anderen. „Und das wäre?"
Diana lächelte versonnen. „Der Heilige Gral."
„Das Elixier des Lebens", strahlte nun auch Brian. „Unsterblichkeit, Miss Turner", setzte er hinzu, als sie ihn nur weiterhin verwirrt ansah. „Peterson war der Meinung, dass man mit Hilfe der Genforschung, den Menschen eines Tages von der Alterung, von Tod und Krankheit befreien könnte; dass alles, was man dazu braucht, hier in dieser Welt, in den Millionen von lebende Organismen längst vorhanden sei. Man bräuchte es nur entdecken und für die Menschheit nutzbar zu machen."
Beth konnte immer noch nicht sprechen. Aber nicht, weil sie nicht begriff, wovon die beiden Studenten redeten. Ganz im Gegenteil, plötzlich begannen sich die Dinge klar vor ihrem inneren Auge zusammenzufügen: Das Verschwinden des Professors, Micks Verschlossenheit bezüglich seiner Arbeit kurz bevor auch er verschwand, ihr Traum… und die Dimensionen, die dieser Fall plötzlich entwickelte, raubten ihr für einen Augenblick den Atem.
„Miss Turner?" Brian berührte sie am Arm und sah sie besorgt an. „Geht es Ihnen gut?"
Sie atmete tief durch und räusperte sich schnell. „Ja, ich… ich überlege nur gerade…" Sie benötigte noch einen Moment, um sich zu sammeln. „Wenn irgendjemand tatsächlich eine Formel finden würde, um den Menschen dieser Welt ewiges Leben ohne Krankheit, ohne Alterung zu ermöglichen… diese Formel, sie wäre…"
„… unbezahlbar", beendete Brian ihren Satz mit einem zustimmenden Nicken. „Jeder würde sich darum reißen."
„Sie würden sich gegenseitig die Köpfe einschlagen", bemerkte Diana mit einem abfälligen Lachen.
Beth beugte sich zu den beiden vor, damit sie nicht so laut sprechen musste, während ihr Herz einen immer schneller werdenden Rhythmus aufnahm. „Wie weit ist Peterson mit seinen Forschungen gekommen?"
„Wir wissen es nicht ganz genau", gab Brian leise zu. „In den Projekten konnten wir keine wirklichen Fortschritte erzielen, jedenfalls nicht solche, die man als Erfolge bezeichnen könnte. Aber er hatte auch ein eigenes kleines Labor in seinem Haus, in dem er privat geforscht hat."
Auch Diana beugte sich nun verschwörerisch vor. „Wissen Sie, es gibt zwar Organismen, sogar mehrzellige, die unter idealen Bedingungen theoretisch ewig leben könnten, nur sind sie dem menschlichen Organismus zu wenig verwandt und die Forschung noch nicht weit genug entwickelt, als dass man sie für uns nutzbar machen könnte. Aber Peterson…" Sie sah sich kurz nach allen Seiten um, um sich zu vergewissern, dass sie keine anderen Zuhörer hatten. „Peterson hat vor uns angedeutet, dass er auf eine Lebensform gestoßen sein könnte, die uns unserem Ziel unglaublich viel näher bringen könnte."
Beth hielt unwillkürlich den Atem an. Konnte es sein…?
„Er hat uns mal eine Substanz gegeben, die… die war unglaublich", brachte Brian in tiefer Ehrfurcht hervor. „Wenn menschliche Zellen damit in Berührung gekommen sind, waren sie dazu in der Lage, sich zehnmal schneller zu regenerieren als zuvor und nicht nur das. Es war so als ob sie lernen würden und sich bei jedem neuen Zyklus versuchten, weiter zu optimieren."
„Und… diese Substanz, was war das?" fragte Beth, obwohl sie das Gefühl hatte, dass sie die Frage besser beantworten konnte, als die beiden Menschen vor ihr.
„Keine Ahnung", gab Brian zu. „Er wollte es uns nicht sagen… aber für uns sah es aus wie… Blut."
Beth Herz machte einen kleinen Sprung und sie hatte plötzlich das Gefühl, als würde sich ein riesiger Knoten in ihren Gedärmen bilden.
„Ganz gleich, was es war, auf jeden Fall war Peterson der Meinung, damit in nicht allzu langer Zeit an das Ziel seiner Träume zu kommen", setzte Diana hinzu.
„Hat er irgendjemanden außer Ihnen davon erzählt?" fragte Beth tapfer weiter.
„Nein", Brian schüttelte vehement den Kopf. „Wir gehörten zu seinen wenigen Vertrauten. Aber worum seine Forschungen gingen und woran er unentwegt arbeitete – das wusste jeder."
Beth nickte verstehend. „Dann glauben Sie beide, dass er von irgendjemanden entführt worden ist, der auf seine Forschungsergebnisse aus ist?"
Diana nickte nur.
„Oder er wird gezwungen für diesen jemand weiter zu forschen", setzte Brian hinzu.
Vielleicht lagen sie auch mit beiden Vermutungen richtig. Doch im Grunde genommen war es egal. Beth hatte alle Informationen, die sie brauchte. Sie musste jetzt schnell handeln. Sie griff in ihre Tasche und zog unter den erstaunten Blicken der beiden Studenten ihre Geldbörse hervor. „Ich finde das heraus", versprach sie ihnen und sah beiden fest in die Augen. „Aber sie dürfen niemand anderem davon erzählen!"
Beide nickten verstehend. „Das hatten wir auch nicht vor", sagte Brian. „Es gibt so und so in unserem Umfeld niemanden, der sich wirklich noch für diese Geschichte interessiert."
„Und das ist gut so", gab Beth energisch zurück, stand auf und legte das Geld für ihren Kaffee auf den Tisch. „Wenn Sie auch nur irgendetwas Neues erfahren – rufen Sie mich an! Haben Sie meine Nummer?"
Brian nickte wieder.
„Gut." Beth schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Ich melde mich", sagte sie knapp, nickte dem jungen Paar noch einmal zu und eilte dann los. Im Laufen griff sie schon in ihre Manteltasche, zerrte ungeduldig das Handy heraus und wählte Josephs Nummer. Ihr Herz hämmerte wie wild in der Brust, als seine Stimme am anderen Ende der Leitung ertönte.
„Wir müssen uns sehen!" überfiel sie ihn sofort. „Wo bist du?"
„In Micks Appartement. Alles in Ordnung?"
Sie reagierte nicht auf seine Frage. „Bleib dort! Ich bin in zehn Minuten da!"
