Neue Hoffnung


Trenne dich nie von deinen Illusionen! Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren, aber aufgehört haben zu leben."

( Mark Twain)



Timing war manchmal einfach nicht Micks Sache. Irgendwie gelang es ihm in letzter Zeit immer öfter, genau dann in mein Büro zu platzen, wenn ich gerade eine kleine Zwischenmahlzeit einlegte - und nicht etwa, um sich freudestrahlend gleich daran zu beteiligen, sondern um mir auch noch einen dieser tief missbilligenden Blicke zu schenken, der mich zwar nicht sofort von dem zarten Handgelenk der hübschen Brünetten, die gerade auf meinem Schoß saß, losriss, aber immerhin dafür sorgte, dass mir ein klein wenig der Spaß abhanden kam. Mick baute sich vor mir auf, zog eine Augenbraue hoch und sah mich auffordernd an.

Würde es dir etwas ausmachen, deine Mahlzeit vielleicht später fortzusetzen?" fragte er ein wenig ungeduldig und sorgt dafür, dass tatsächlich ein Hauch Verärgerung in mir hoch kam. Trotzdem bemerkte ich sofort, dass Mick verändert wirkte – einerseits gelöster und entspannter als sonst, so als sei ein klein wenig der Last der Welt, die er immer mit sich herum buckelte, von ihm abgefallen, aber andererseits auch merkwürdig energiegeladen. Eigentlich konnte das nur eines bedeuten…

Ich warf einen bedauernden Blick in das fein geschnittene Gesicht von Madison… Mandy … Madeleine… wie auch immer, sah auf ihre leicht flatternden geschlossenen Lider, die vollen halb geöffneten Lippen, aus denen immer wieder ein leises Stöhnen drang, und zog schließlich meine Fänge aus ihrem Unterarm.

85er – ganz exquisit", gab ich genießerisch an Mick weiter, während Mary langsam wieder zu Sinnen kam und mich verwirrt anblinzelte – bis sie bemerkte, dass wir nicht mehr allein waren. Sie rutschte verlegen von meinem Schoß und wankte schnell an Mick vorbei – nicht ohne ihn dabei mit unverhohlenem Interesse von oben bis unten zu betrachten.

Ich muss dir nicht sagen, dass du dir gerade die deutliche Chance auf eine warme Mahlzeit entgehen hast lassen, oder?" fragte ich ihn, als Melissa mein Büro endgültig verlassen hatte.

Mick schenkte mir ein kleines Lächeln. „Ich bin ein hoffnungsloser Fall", meinte er nur betont lässig und gerade das ließ mich aufhorchen.

Ja", gab ich nachdenklich zurück und musterte Mick kurz, bevor ich aufstand.

Dabei ist ein kleiner Snack am Mittag doch ungemein belebend", grinste ich meinen Freund an, während ich zu meinem Bürotisch schlenderte.

Fragt sich für wen", gab Mick etwas zu ruhig zurück und folgte mir. Ich beobachtete, wie er sich betont gelassen in den Sessel vor meinem Tisch fläzte und dann viel zu lange seine Schuhe betrachtete. Ein wissendes Lächeln legte sich auf meine Lippen, und ich ging wieder um meinen Tisch herum, um mich direkt vor ihm daran anzulehnen, die Arme vor meiner Brust verkreuzend.

Liege ich falsch, wenn ich denke, dass du und Beth endlich den nächsten Schritt gewagt habt?", brachte ich süffisant grinsend hervor. „Bist du deswegen hier?"

Mick hob seinen Blick und runzelte fragend die Stirn. „Weswegen?"

Wirklich überzeugend, aber ich kannte ihn schon viel zu lange, um darauf reinzufallen.

Wegen eines Gesprächs unter Männern", kam ich ihm dennoch zur Hilfe. „Über Sex… und beißen…Das Übliche…"

Mick gab ein noch viel weniger überzeugendes Lachen von sich. „Wie kommst du darauf, dass Beth und ich…"

Oh, bitte, Mick, beleidige nicht meine Intelligenz", schnitt ich ihm mit einem halben Lächeln das Wort ab. „Im Gegensatz zu dir, kann ich mich sehr gut daran erinnern, wie Vampire aussehen und sich verhalten, wenn sie eine lustvolle Nacht hinter sich haben. Mag daran liegen, dass ich sehr regelmäßig diesen Zustand auskoste…Also, wie war's?" Ich schenkte ihm nun ein vollständiges Lächeln. Er stieß einen resignierten Seufzer aus und verdrehte kurz die Augen über meine impertinente Frage.

Und? Ist sie eher eine von der lauten Sorte?" Ich hob fragend die Brauen und fing mir diesen typischen mahnenden Blick von Mick ein, den ich noch nie sonderlich ernst genommen hatte.

Ich wüsste nicht, was dich das angeht", gab er zurück.

Dass ich die Information brauche, weil ich gerade eine Studie zum Sexualverhalten menschlicher Frauen anlege, würdest du mir nicht glauben, oder?"

Er hob nur die Brauen und ich lachte.

Ganz ehrlich – ich freu' mich für dich", sagte ich schließlich ernsthaft. „Das war wirklich an der Zeit."

Und ich bin nicht hierher gekommen, um darüber zu sprechen", blieb er hartnäckig.

Nein?" erkundigte ich mich freundlich. „Das heißt, du kommst damit klar, dass du ein bisschen an ihr geknabbert hast und stürzt dich nicht in einen Haufen Arbeit, um ein erneutes intensives Stell-dich-ein mit ihr zu vermeiden?"

Micks Blick senkte sich und er bewies mir damit, dass ich mit meinen Befürchtungen völlig richtig lag. Diese ewigen Selbstzweifel und überzogenen Moralvorstellungen gingen mir manchmal wirklich auf den Geist, aber sie gehörten zu Mick – sie machten ihn erst vollständig und deswegen ertrug ich sie jedes Mal bereitwillig – aber auch immer mit einer Prise Humor. Allerdings war es wohl heute mal wieder an der Zeit, ihm ordentlich den Kopf zu waschen.

Es hätte nicht passieren dürfen", brachte Mick nun doch endlich hervor.

Der Sex oder das Beißen?" fragte ich frei heraus.

Mick sah mich nur an und ich nickte verstehend. „Das gehört bei uns dazu. Du hättest das nicht verhindern können, nicht ohne Übung."

Ach? Und wie soll ich das üben?", gab Mick ungehalten zurück und stand auf.

Ich runzelte die Stirn. „Ist das eine ernst gemeinte Frage?"

Wieder genügte mir ein Blick als Antwort. „Tu es einfach, Mick. Tu es so oft, wie es nur geht."

Mick lachte verärgert, wandte sich von mir ab und lief ein paar Schritte durch mein Büro. „Was willst du Mick?" fragte ich schließlich und ging zu ihm hinüber. „Soll ich dir sagen, dass du ein furchtbares Monster und ihrer nicht wert bist? Soll ich dich beschimpfen?"

Wieder sah Mick zu Boden. „Ich… hatte mich nicht mehr unter Kontrolle, Joseph."

Schäm dich, schäm dich, ab in die Ecke", gab ich entnervt von mir. „Können wir jetzt endlich den Part mit dem Selbsthass und den Gewissensbissen hinter uns lassen und zu den interessanten, detaillierten Passagen kommen?"

Mick starrte mich ungläubig an und schüttelte dann den Kopf. „Du verstehst das nicht, oder?"

Ich tat so, als würde ich tatsächlich über die Frage nachdenken. „Nein, tu ich nicht", gab ich ruhig zu und registrierte ein weiteres enttäuschtes Kopfschütteln.

Lass mich das mal zusammenfassen", meinte ich. „Du hast eine wunderschöne, kluge Frau an deiner Seite… nein, sogar in deinem Bett, die verrückt nach dir ist und dich wirklich liebt. Ihr hattet berauschenden Sex miteinander und wahrscheinlich hat sie dich schon mehrmals heute angerufen, weil sie euer Schäferstündchen sehnlichst wiederholen möchte…", hierbei hob ich fragend die Augenbrauen und Mick bestätigte meine Vermutung, indem er meinem Blick auswich, „… und du machst dir wirklich Gedanken darüber, was dein Liebesbiss für dramatische Folgen haben könnte?"

Darum… darum geht es nicht…", gab Mick nun schon viel leiser zu. „Ich… ich will einfach nicht, dass es wieder passiert."

Warum nicht?" Ich zuckte leichthin die Schultern. „Sie scheint es doch zu mögen."

Das glaube ich nicht", meinte Mick ernsthaft. „Ich denke, dass sie mir zuliebe…"

Oh, Mick, bitte!" Ich musste lachen. „Hast du das wirklich alles verdrängt?" Nun schüttelte ich bedauernd den Kopf. „Das kommt davon, wenn man sein Gebiss nur noch einsetzt, um zu töten…"

Ich weiß, dass es Frauen gibt, die es lieben", meinte Mick ein wenig verärgert und machte mir mal wieder deutlich, wie jung er eigentlich noch war und wie viel er noch zu lernen hatte. „Aber Beth ist nicht so…"

Ist nicht wie?!" gab ich etwas zu heftig zurück, denn auch ich begann mich langsam wirklich zu ärgern. „Mick, es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen dem Biss, der töten soll, und dem Biss aus Begierde und das weißt du! Auch wenn du es so oft so gern vergessen willst! Wir haben die Fähigkeit mit unserem Biss unseren Partnerinnen einen Höhepunkt zu schenken, von dem sie noch nicht mal geahnt haben, dass es ihn gibt. Das ist ein Geschenk und keine Sünde, geschweige denn ein Verbrechen!"

Aber…"

Kein aber!" Ich sah ihn streng an und wusste, dass er mir im Grunde genommen nichts mehr entgegen zu setzen hatte. Ich atmete tief durch. „Dieses… dieses ganze Drama…", ich machte eine unbestimmte Geste in die Luft, „… existiert nur in deinem Kopf. Nicht sie oder eure Beziehung ist kompliziert. Du bist es!" Mick sah an mir vorbei, aber ich fühlte genau, dass meine Worte durchaus bei ihm ankamen. Ich legte ihm eine Hand auf die Schulter und brachte ihn so dazu, mich wieder anzusehen. „Rede mit ihr darüber und versteck dich nicht wieder vor ihr", sagte ich sanft. „Damit zerstörst du nur eure Beziehung und damit dich selbst. Und glaub nicht, dass ich dich dann wieder zusammenflicke…"

Mick sagte eine Weile nichts, sondern sah mich nur nachdenklich an. „Hast du mit Sara…", fragte er schließlich leise.

Die Frage versetzte mir einen kleinen Stich, obwohl ich fast damit gerechnet hatte, das sie eines Tages aufkommen würde. Meine gescheiterte Beziehung mit Sara hatte einfach zu viele Parallelen zu Micks momentanen Liebesleben, um ihm nicht im Gedächtnis hängen zu bleiben.

Ja… und ja, ich habe sie auch gebissen", nahm ich ihm schon die nächste Frage vorweg.

Hast du es bereut?"

Ich schüttelte wahrheitsgemäß den Kopf. „Ich habe ihr nie weh getan, Mick", sagte ich leise. „Ich habe alles getan, um sie glücklich zu machen, und sie war glücklich… bis zum Schluss."

Wieder herrschte Stille zwischen uns, bis ich mich schließlich lautstark räusperte und zurück zu meinem Schreibtisch ging. „Also, du sagtest, du wärst eigentlich wegen etwas anderem hergekommen?"

Mick musste ein paar Mal blinzeln, um sich aus seinen Gedankenverstrickungen zu befreien. „Ja…", sagte er und trat an meinen Tisch heran. „Ich muss zugeben, dass mich die ganze Geschichte mit Emma und Jackson ziemlich beschäftigt hat… und dann gibt es da noch diesen neuen Fall…" Er hielt kurz inne, um seine Gedanken zu ordnen. „Du hast mir mal erzählt, dass es im Laufe der Zeit immer mal wieder dazu kam, dass Vampire verfolgt und getötet wurden…"

Wow! Das war ein Themensprung!! Und auch noch einer der mir gar nicht gefiel.

„… wie kam es dazu? Ich meine, hat irgendein Vampir alle anderen verraten, um sich selbst zu retten – so wie Emma es angedroht hat? Oder sind die Menschen von selbst darauf gekommen?"

Was weiß ich?" sagte ich nur und sah ihn dabei nicht an. Stattdessen strich ich mir ein paar imaginäre Fussel von meinem Anzug. „Warum ist das so wichtig?"

Mick beugte sich vor, stützte sich mit beiden Händen auf meinem Schreibtisch ab und sah mir forschend in die Augen. „Was lässt dich so sicher sein, dass niemand in unserer heutigen Gesellschaft über uns bescheid weiß, wenn schon die Menschen im Mittelalter mit ihren begrenzten Mitteln dazu fähig waren, uns zu entdecken?"

Ich versuchte, seinen Blick so standhaft wie möglich zu erwidern und kämpfte angestrengt gegen das unangenehme Gefühl in der Magengrube an, das mich immer befiel, wenn ich Mick anlügen musste. „Die Menschen damals waren furchtbar leichtgläubig, Mick!" gab ich fest zurück. „Heutzutage haben die Menschen ihren Glauben in fast alles verloren. Dies ist ein rationales Zeitalter – alles muss logisch, sinnvoll und stichhaltig begründet sein. In dieser Gesellschaft ist kein Platz für Illusionen, Märchen und Fabelwesen – einen besseren Schutz kann es für uns nicht geben!"

Meinst du?" Mick sah mich zweifelnd an.

Das meine ich nicht nur – das weiß ich", sagte ich scharf. „Trotzdem müssen wir weiterhin vorsichtig sein und dafür sorgen, dass niemand beginnt, tatsächlich an uns zu glauben."

Merkwürdigerweise ließ sich Mick dieses Mal nicht so schnell von mir überzeugen, wie sonst, wenn es um Themen wie diesem ging. Er richtete sich auf, verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich skeptisch an.

Nehmen wir mal an, Wissenschaftler würden uns auf die Schliche kommen – was würde passieren?"

Ich denke, sie würden uns filetieren, zerlegen, unsere Gedärme an ihre Haustiere verfüttern…" Ich kratzte mich grübelnd an der Schläfe. „Vielleicht würden sie uns auch das Blut abnehmen und Versuche an armen unschuldigen Tieren machen… Gab es die blutsaugende Fledermaus eigentlich schon immer?"

Mick reagierte nicht auf meinen Ablenkungsversuch, sondern sah mich nur weiterhin forschend an. „Du weißt genau, was ich meine…"

Wir haben Mittel und Wege, um das wieder ins Reine zu bringen", sagte ich ernst. „Es sind schon öfter Menschen spurlos verschwunden."

Ganz genau", gab Mick in einem merkwürdigen Tonfall zurück.

Ich legte meinen Kopf schräg und sah meinen Freund stirnrunzelnd an. „Gibt es da irgendetwas, worüber wir sprechen müssen?"

Vielleicht", erwiderte Mick ausweichend. „Aber ich denke, jetzt ist noch nicht der richtige Zeitpunkt dafür."

Hat das alles mit deinem neuen Fall zu tun?"

Er zuckte die Schultern. „Vielleicht…"

Ich zog meine Brauen etwas verärgert zusammen. „Irgendwie mag ich dieses Wort nicht…Und dieser Mangel an Informationen missfällt mir auch…"

Keine Sorge, die bekommst du noch", erwiderte Mick nun schon ein ganzes Stück sanfter. „Ich warte nur auf eine Nachricht – dann kann ich dir alles erklären…"

Ich zuckte fast zusammen, als gerade in diesem Moment mein Telefon klingelte, und hob die Hand, um ihm zu signalisieren, dass er kurz inne halten sollte. Leider war mein Buchhalter am anderen Ende der Leitung und überfiel mich mit weniger schönen Nachrichten. „Was soll das heißen, wir können das nicht als Spende absetzen?" fuhr ich gleich auf und Mick gab mir lächelnd einen Wink, dass er gehen würde. Ich begegnete ihm mit einer Mischung aus einem Kopfschütteln und einem Nicken, doch er wandte sich einfach nur um, und lief aus meinem Büro.

Kleinen Moment", brummte ich in den Hörer, legte ihn beiseite und eilte Mick nach. Kurz vor den Fahrstühlen holte ich ihn ein. Er wandte sich mit einem fragenden Blick zu mir um und ich atmete tief durch. „Was immer dir da auch gerade in deinem hübschen Kopf herumspukt, mein Freund… vergiss es einfach mal für eine Weile und kümmere dich um dein Leben, bevor es dir völlig entgleitet", sagte ich mit einem sanften Lächeln und begann fürsorglich den Kragen seines Hemdes zu richten. „Du wirst jetzt Folgendes machen: Du lässt die Arbeit liegen, fährst zu Beth und schläfst mit ihr… wieder und wieder…bis dein Kopf wieder ganz frei ist. Was das Beißen angeht… du wirst es nicht jedes Mal tun, keine Sorge. Aber sie wird es irgendwann wieder verlangen. Du wirst sehen. Nur mach nicht den Fehler und vergrab dich in Arbeit und irgendwelchen Hirngespinsten, nur um ihr auszuweichen. Versprich mir das, ja?"

Mick atmete tief ein und nickte schließlich halbherzig. Ich zog noch schnell seine Jacke gerade, tätschelte ihm kurz die Wange und machte mich dann wieder auf meinen Weg zurück ins Büro. Eines war mir glasklar. Ich musste so bald wie möglich Beth anrufen.



Vampire haben ein natürliches Gespür dafür, wenn sich irgendetwas Bedrohliches am Horizont zusammenbraut. Sie wissen meist viel früher als jeder andere, wann es Zeit ist zu kämpfen oder sich schnell zu ducken. Ich bin eher der Typ, der sich lieber duckt und andere die Schmutzarbeit machen lässt. Das bedeutet nicht, dass ich feige bin oder nicht kämpfen kann. Ich bin über vierhundert Jahre alt und es ist bekannt, dass Vampire mit dem voranschreitenden Alter auch einen enormen Zuwachs an Kräften gewinnen.

Aber sein wir mal ehrlich… es wäre doch eine ungeheure Energieverschwendung, wenn ich mich in jeden Kampf einmischen würde, wo es doch so viele andere Vampire oder auch Menschen gibt, die sich auf diese Weise austoben wollen. Ich brauche das nicht. Diese Phase habe ich schon lange hinter mir. Ich spare mir lieber meine Kräfte für Momente, in denen ein Einsatz all meiner Energien unausweichlich ist. Dass das bald der Fall sein würde, wurde mir mit jedem Tag, der verging, klarer, mit jedem Schritt, den ich mich weiter in meine Nachforschungen bewegte, mit dem ich mich näher an Mick herantastete und mit jeder Sekunde, in der ich weiter die schrecklichen Neuigkeiten aufnahm, die mir Beth atemlos und voller Sorge übermittelte.

Sie hatte zehn Minuten gesagt und war in acht da gewesen, hatte sich vor mir aufgebaut und mich regelrecht mit neuen Informationen überschüttet, die plötzlich Erinnerungen in mir wach riefen, die ich vielleicht schon viel früher gebraucht hätte. Ich stand nur da, blinzelte ab und zu und begegnete ihrem eindringlichen Blick mit meinem sparsamen Standard - Lächeln, das eigentlich nur dazu diente, einen höflichen Eindruck zu erwecken und möglichst wenig über meinen eigentlichen emotionalen Zustand zu verraten. Mein Inneres bildete dazu allerdings einen krassen Gegensatz: unbändige Wut hatte sich mit Anwiderung und Angst zu einer explosiven Mischung verbunden. Allein der Gedanke daran, dass es Menschen gab, die Vampire als Versuchskaninchen missbrauchten, machte mich rasend. Dass sie vielleicht Mick in die Finger bekommen hatten… nein, dieser Gedanke durfte sich gar nicht in meinem Kopf formen…

„… vielleicht hat dann die Legion diese ganzen Vampire gar nicht getötet", schloss Beth ihre lange Rede und mein Lächeln erlosch. „ Vielleicht haben…"

„Nein, Beth!" fuhr ich sie ungewöhnlich heftig an und brachte sie damit ruckartig zum Schweigen. „Das, was die Legion macht und was dieser… dieser Freak tut – das, das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge!"

„Woher willst du das wissen?" gab sie störrisch zurück. „Sie können ihre Vorgehensweise geändert haben."

„Weil ich die Überreste einiger Vampire gesehen habe", erwiderte ich und atmete tief durch. Ruhig, Josef, ganz ruhig. Fall nicht schon wieder aus der Rolle! „Die Legion hat sie ganz einfach nur getötet."

Beth runzelte die Stirn und ich konnte es regelrecht in ihrem verfluchten Dickschädel arbeiten sehen. „Du sagtest, sie haben sich entzweit. Vielleicht ist das der Grund. Vielleicht haben einige von ihnen ohne Absprache mit diesen Forschungen angefangen und die anderen haben es schließlich bemerkt und sind ausgeflippt…"

„Wieso willst du unbedingt, dass es die Legion war, die diesen Professor entführt hat?" gab ich zurück und eine verärgerte Falte bildete sich zwischen meinen Brauen, obwohl ich der Logik ihre Ausführungen durchaus folgen konnte. Dieselben Gedanken waren mir auch schon gekommen. „Das kann auch jede andere Organisation gewesen sein", setze ich hinzu.

„Weil sie nach ihm suchen!"

„Da siehst du's", meinte ich und lächelte wieder – dieses Mal war es aber ein klein wenig zynisch. „Wenn sie ihn hätten, würden sie ihn nicht suchen."

„Sie suchen ihn und ihre eigenen Leute!" Ihre Augen funkelten mich erregt an. „Ist das nicht eindeutig? Warum weigerst du dich, zu sehen, dass da eine Verbindung ist?"

Ich wandte mich von ihr ab und ließ mich mit einem lauten Seufzer in Micks Lieblingssessel fallen. „Das tu' ich ja gar nicht", gab ich mich geschlagen. „Es ist nur so, dass…" Ich suchte angestrengt nach den richtigen Worten. „Ich habe einfach das Gefühl, dass du wieder anfängst zu glauben, dass Mick nicht tot ist."

Ihr Schweigen bestätigte meine Vermutung. Ich schüttelte resigniert den Kopf und sah sie dann ernst an. „Sein Name ist ausgestrichen", sagte ich so ruhig wie möglich und betonte dabei jedes einzelne Wort. „Sie machen das immer so, wenn sie einen von uns getötet haben."

„Und wenn sie ihn nur ausgestrichen haben, weil sie ihn zu Forschungs…", ihre Stimme kippte bei dieser schrecklichen Vorstellung, aber sie sprach dennoch tapfer weiter, „… Forschungszwecken eingeteilt haben und denken, dass er da so und so nicht mehr lebendig heraus kommt?"

„Nein!" brach es laut aus mir heraus und ich sprang auf. Irgendwie wollte sich meine Wut in Bewegung umsetzen und ich konnte nichts dagegen tun. „Er ist tot Beth!" knurrte ich sie an und ging dicht an sie heran, um ihr fest in die Augen zu sehen. „Warum willst du das nicht begreifen?"

„Und warum willst du nicht verstehen, dass ich nach all diesen Informationen meine Zweifel habe, Josef?!" setzte sie mir genauso fest entgegen und wich meinem Blick nicht aus. „Berechtigte Zweifel! Josef, wir müssen herausfinden, ob die Legion irgendwelche Labors hat oder versteckte Forschungsstationen oder etwas Ähnliches…!"

Jetzt war ich es, der ihren intensiven Blick nicht mehr ertragen konnte und sich abwandte, aus Angst, sie könne etwas in meinen Augen lesen, das ich ihr noch nicht offenbaren wollte. Doch gerade dadurch verriet ich mich.

„Josef?" konnte ich sie misstrauisch fragen hören, während ich betont ruhig zurück zu Micks Sessel schlenderte.

„Oh, mein Gott…" Ich hörte sie entrüstet Luft holen und widerstand gerade so dem Bedürfnis ertappt den Kopf einzuziehen. „Du… du weißt darüber längst bescheid!"

„Nein, nein", sagte ich schnell und drehte mich nun doch wieder zu ihr um. „Das, was du mir erzählt hast, war mir neu…nur…" Ich zögerte. Beth hatte einen messerscharfen Verstand, also musste ich vorsichtig mit dem sein, was ich preisgab.

„Nur?" wiederholte sie angespannt.

„Ich habe aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass einer der mächtigeren Ex-Mitglieder der Legion Gelder für eine Firma springen lässt, die einige dubiose Forschungsprojekte betreibt."

„Wo?" platzte es sofort aus Beth heraus. „Wo sind die?"

„Moment, Moment!" Ich hob beschwichtigend die Hände. „Immer mit der Ruhe…"

„Mit der Ruhe?!" fuhr Beth auf. „Es geht hier um Mick!"

„Nein, das geht es nicht!" gab ich nun auch wieder etwas lauter zurück. Warum zur Hölle mussten wir beide nur immer so emotional werden, wenn es um diesen Kerl ging?! „Es geht um viel mehr!" sagte ich, obwohl es mir widerstrebte. „Wir können hier nichts überstürzen – selbst wenn Mick noch leben würde…"

„Das tut er!" Beth war nun doch wieder den Tränen nahe. „Ich weiß es… ich weiß es einfach…"

Ich schüttelte verwirrt den Kopf. „Warum, Beth? Was… was hat sich geändert?"

„Einfach alles…", brachte sie stockend hervor und sah plötzlich so furchtbar verletzlich aus, dass mich das starke Bedürfnis überkam, sie in die Arme zu nehmen und festzuhalten, bis es ihr wieder besser ging. Ich war seit Micks Verschwinden wirklich nicht mehr ich selbst.

„… und… und dieser Traum", stammelte sie weiter und wischte sich ein Träne von der Wange, die sie nicht mehr hatte halten können.

Ich stutze und meine Innereien zogen sich unangenehm zusammen. „Welcher Traum?"

Sie schüttelte den Kopf. „Schon gut… das… das ist dumm." Sie wollte sich beschämt abwenden, doch ich packte sie an den Schultern und zwang sie mich anzusehen. „Welcher Traum, Beth?"

Nun änderte sich auch etwas in ihrem Blick, ihr Verstand war wieder gefährlich am arbeiten. So gern ich Frauen mit Köpfchen sonst in meiner Nähe – und noch viel lieber in meinem Bett – hatte, momentan kam mir das doch eher ungelegen.

„Als du vor zwei Tagen sagtest, du kämest besser damit klar, wenn Mick tot wäre, als mit der Vorstellung leben zu müssen, dass er irgendwo gequält wird… das hatte einen Grund, oder?" Ihr Blick war so intensiv, das ich das Gefühl hatte, ihre Augen würden sich sogleich in die meinen brennen. Aber ich konnte nicht wegsehen…

„Ich hatte auch einen Traum", gab ich leise zu und zuckte fast zusammen, als sie mich am Kragen meines Jacketts packte und näher an sich heran zog.

„Was für einen Traum, Josef?" stieß sie erregt hervor.

„Es war ziemlich wirr und… einfach nur furchtbar." Ich schloss für einen Moment die Augen und versuchte mich zu erinnern. „Ich war irgendwo in einer dunklen Kammer und konnte mich nicht bewegen. Und es kamen Menschen, die mir Blut abgenommen haben und irgendwelche brennenden Flüssigkeiten in die Venen gespritzt haben… ich habe geschrien wie ein Tier und bin von meinem eigenen Schreien aufgewacht."

Sie nickte verstehend. „So etwas Ähnliches habe ich auch geträumt, Joseph. Und ich bin mir sicher, dass ich Mick war."

Ich senkte den Blick und schüttelte dann wieder den Kopf. „Wahrscheinlich sind das wirklich nur Träume…"

„Wir beide träumen etwas ganz Ähnliches, ohne vorher darüber gesprochen zu haben. Das kann kein Zufall sein!" Sie ließ mich los und fuhr sich mit einer Hand nachdenklich durch ihre blonden Locken. Wirklich eine unwiderstehliche Geste, vor allem da sie dabei ihren Hals entblößte und ich noch nicht gefrühstückt hatte. Ich beleckte mir abwesend die Lippen.

„Vampire haben so ausgeprägte Sinne… was wäre, wenn Mick uns irgendwie eine Botschaft schicken wollte?"

Ich riss meinen Blick mühsam von ihrem Hals los. „Wir können vieles, Beth, aber das ist doch etwas zu viel verlangt. Vor allem, wenn es ihm tatsächlich so schlecht gehen sollte, wie in unseren Träumen."

„Gab es so was noch nie in der Geschichte der Vampire?"

„Na, ja, auch um uns ranken sich einige Legenden und Märchen", meinte ich mit einem kleinen Lächeln. „Nehmen wir doch nur mal die albernen Kruzifix- und Knoblauch- Geschichten…"

„Das heißt…?" Sie wartete immer noch auf eine ordentliche Antwort.

„Die ersten Vampire, die auf diesem Planeten wandelten, sollen eine gewisse ‚Connection'", ich zeichnete alberne Gänsefüßchen in die Luft, „zueinander gehabt haben, aber in unseren heutigen Vampirkreisen habe ich sowas noch nie gehört."

„Was nichts heißt, dass es das nicht gibt!" Beth Gesicht hatte sich deutlich erhellt.

„Meinst du nicht, das ist etwas zu weit hergeholt?" Ich sah sie mit hochgezogenen Brauen an. „Wir sollten uns nicht an irgendwelche Illusionen klammern, nur weil wir nicht mit Micks Tod klarkommen."

„Nein, natürlich nicht", gab Beth zu. „Aber wir sollten uns auch nicht davon abhalten lassen, alle Eventualitäten zu überprüfen. Und die Adressen dieser Labore herausfinden, müssen wir so und so."

Ich atmete tief durch. „Ich weiß, wo die Labore sind. Und du wirst dort sicher nicht in Erscheinung treten!"

„Du weißt…?" Sie stutzte und sofort zeigte sich Entrüstung in ihren schönen Augen. „Wieso nicht?!"

„Ich habe Leute, die sich darum kümmern werden", sagte ich ruhig, wohl wissend, dass das nicht das letzte Wort war, das gesprochen wurde.

Sie kreuzte die Arme vor der Brust und sah mich mit hochgezogenen Brauen an. „Das heißt, du gehst nicht persönlich hin?"

Ich gab mir wirklich Mühe, sie freundlich anzulächeln, konnte aber nicht verhindern, dass mir dabei ein entnervter Seufzer entwischte. Warum waren all meine Freunde nur solche impertinente Dickschädel?! „Das habe ich nicht gesagt", sagte ich so ruhig wie möglich.

„Gut. Dann hast du die Wahl: Entweder du nimmst mich gleich mit oder wir treffen uns zufällig dort. Wie du weißt, habe ich sehr gute Kontakte. Glaube mir, die Info, dass die Firma zu einem der gesuchten Männer der Legion gehört, reicht mir, um nur in wenigen Minuten die Adressen selbst herauszufinden."

Das war ihr allerdings zuzutrauen. Wie ärgerlich!

Ich atmete tief durch. „Du wirst dich schön im Hintergrund halten und tun, was ich dir sage", brachte ich streng hervor und ihre Augen leuchteten erfreut auf, während sie nickte. „Halte dich von den anderen fern und mache nichts, was wir nicht vorher abgesprochen haben! Ich bin nicht so gutmütig wie Mick!"

Wieder nickte sie nur. „Und wann soll es losgehen?"

Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. „In einer Stunde. Also kannst du von mir aus gleich mitkommen. Mein Wagen steht unten."

„Der Lamborghini?" Sie schenkte mir einen anerkennenden Blick.

„Glaub nicht, dass ich dich fahren lasse", erwiderte ich mit einem Schmunzeln. Sie lächelte nur und gemeinsam verließen wir Micks Wohnung. Auch wenn alles um uns herum noch ganz friedlich erschien – ein dumpfes Gefühl in meiner Brust sagte mir ganz deutlich, dass die Zeit des Duckens nun endgültig vorbei war.