Nr. 230208
Knacksen. „Scheint alles wie ausgestorben… Bisher niemand zu sehen…" Knacksen. „Auch im Haus nicht… Oder wartet, da ist was…"
Beth hielt die Luft an und presste den Knopf ihres Kopfhörers noch tiefer in ihr Ohr hinein, während sie sich das andere Ohr mit der Hand zuhielt, um wenigstens einen Teil des Motorenlärms des Helikopters abzuschirmen.
„Was?! Was genau?" hörte sie Josef ungeduldig neben sich in sein Headset rufen und warf ihm einen beunruhigten Blick zu. Doch die Augen des Vampirs hatten sich starr auf die länglichen Gebäude einige Meter unter ihnen gerichtet – die einzigen, die es hier gab, denn der Rest der Landschaft bestand nur aus Sand, Steinen und verdorrten Büschen: die Wüste von Nevada.
Als sie mit Josef aufgebrochen war, hatte sie mit vielem gerechnet, aber bestimmt nicht mit einem Flug nach Nevada im firmeneigenen Helikopter. Wer hätte auch ahnen können, dass hier im Nirgendwo ein Labor errichtet worden war, in dem höchstwahrscheinlich grausame Versuche an Vampiren vorgenommen wurden. Sie kam sich langsam vor, wie eine Person in einem dieser ganz schlechten Horrorstreifen – wenn ihr jemand noch vor ein paar Jahren diese Geschichte erzählt hätte, hätte sie ihn wahrscheinlich eigenhändig in die Klapsmühle eingeliefert…
„Max? Hört ihr mich?!" rief Josef gegen das Röhren des Helikopters an. „Wo seid ihr?"
„Im hinteren Teil des Hauses", dröhnte eine tiefe Stimme in Beth Ohr. Es war einer der vier anderen Vampire, die mit ihnen geflogen waren. Die ‚Männer fürs Grobe', wie Josef sie so nett betitelt hatte, waren gar nicht angetan davon gewesen, dass ein Mensch mit ihnen flog – und auch noch ausgerechnet eine Frau. Da sie aber vor Josef einen ziemlichen Respekt zu haben schienen, hatten sie es nicht gewagt, sich lautstark zu brüskieren, sondern hatten sich darauf beschränkt, ihr ab und zu missbilligende Blicke zuzuwerfen, wenn Josef abgelenkt war.
„Das sieht nicht gut aus", konnte sie Max nun sagen hören und ihr Herz machte einen kleinen Sprung. „Drei Leichen. Sehen aus wie Wachmänner. Aber die sind nicht unbedingt hier getötet worden. Sieht so aus, als hätte man sie hergeschleppt."
Leichen? Kamen sie etwa zu spät?
„Keine Leichenstarre", vernahm sie eine weitere Stimme. „Die sind noch nicht lange tot."
Beth beobachtete mit klopfendem Herzen wie Josef eines dieser furchtbar teuer aussehenden Geräte, die er mit den anderen zuvor in den Helikopter geladen hatte, in die Hände nahm und vor sich auf das Gelände richtete. „Also, von hier aus sieht die Farm verlassen aus", verkündete er laut. „Auch das Wärmebild zeigt keine Bewegungen. Dann müssen wir sie knapp verpasst haben."
„Was sollen wir jetzt machen?" fragte Max.
„Sucht nach irgendeinem Zugang zu den Kellerräumen", ordnete Josef an. „Ich bin mir sicher, dass das Labor unter den Gebäuden liegt. Vampire vertragen keine Wüstenhitze…"
Er legte das Gerät wieder weg, schaltete sein Headset aus und beugte sich zu dem Piloten vor. „Wir gehen runter!" rief er ihm zu und der Mann nickte verstehend. Beth hielt sich etwas erschrocken an ihrem Sitz fest, als ein kräftiger Ruck durch den Helikopter ging und dieser dann stetig tiefer sank.
Josef lächelte ihr aufmunternd zu, doch irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass es ihm momentan nicht so wirklich gut ging. Er wirkte blasser als sonst und war merklich nervöser. Das Fliegen schien ihm nichts auszumachen. Er bewegte sich in dem Helikopter, als würde er täglich damit unterwegs sein – also musste es etwas anderes sein.
„Vielleicht solltest du besser hierbleiben", rief Josef ihr über den Lärm zu, als der stählerne Vogel aufsetzte. „Wir wissen nicht, was uns im Keller erwartet! Es könnte gefährlich werden und du bist als Mensch viel gefährdeter…"
Sie nickte lächelnd. „Ich komme mit!" schrie sie zurück und Josef schüttelte verständnislos den Kopf. Dann öffnete er die Seitentür und ließ sich elegant aus dem Helikopter gleiten. Beth schnallte sich schnell ab und kletterte weitaus weniger geschickt hinaus. Der Lärm war nun ohrenbetäubend und die Rotoren des Helikopters erzeugten einen so starken Wind, dass sie fast Angst haben musste, weggeweht zu werden. Es war Josefs Arm, der sich schließlich um ihre Schultern legte und sie ein Stück herunterdrückte, um sie dann eilig aus der Reichweite des Helikopters zu führen. Sand wehte ihr in Augen und Mund, während sie vorwärts eilten und sie musste ein paar Mal stark husten, bis sie endlich so weit entfernt waren, dass sie wieder ungehindert atmen und sich in normaler Lautstärke unterhalten konnten.
Josef klopfte sich ein wenig verärgert den Sand aus seiner teuren Kleidung, setzte sich schnell seine Sonnenbrille auf und schirmte noch zusätzlich mit einer Hand sein Gesicht vor der Sonne ab – so wie sie es so oft bei Mick beobachtet hatte.
„Hoffen wir mal, dass wir hier nicht eine ganz große Dummheit machen", murmelte er, als sie eilig weiter auf das Gebäude zugingen.
„Wer hat die Wachmänner getötet?" fragte Beth ihn beunruhigt. „Können die noch hier sein?"
Josef schüttelte den Kopf, ohne sie anzusehen. Er war zu sehr damit beschäftigt, ein wenig Schatten auf dem Gelände zu finden. Die Sonne stand zwar schon ziemlich tief am Himmel, aber es war immer noch sehr warm – zu warm für Vampire…
Dennoch versuchte Beth weiterhin seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Es drängten sich ihr so viele Fragen auf… Fragen, die ihr Angst machten…
„Wenn das die Legion war…", begann sie mit einem unbehaglichen Gefühl im Bauch, „… und sie das Labor entdeckt haben…"
„Wenn das wirklich die Legion war – was ich vermute – dann frage ich mich, warum das hier alles noch steht und nicht längst abgefackelt wurde, wie das andere Labor."
Das war allerdings eine berechtigte Frage und sie sorgte dafür, dass Beths Magen eine Umdrehung mehr machte.
„Wir wissen nicht, ob Mick, wenn er denn lebt, gerade hier ist", beantwortete Josef ihre ungestellte Frage, während er eilig weiterlief. „Er kann überall sein… Alles, was wir hier herausfinden wollen, ist, was diese Freaks hier veranstalten und wo Mick ist, wenn er ihnen tatsächlich in ihre dreckigen Finger geraten ist…"
Beth atmete tief durch. „Dann sollten wir uns auf jeden Fall beeilen", gab sie zurück und legte noch an Tempo zu. Sie steuerten direkt auf das Hauptgebäude zu und verloren keine Zeit damit, sich noch weiter umzusehen. Josef atmete erleichtert aus, als sie die Tür zu dem Gebäude öffneten und ins dunkle, kühle Innere traten.
„Schon viel besser", murmelte er und nahm seine Sonnenbrille ab. Der Raum, in dem sie sich befanden, war nur spärlich möbliert. Es gab eine alte, verstaubte Couch in einer Ecke, auf der wohl außer Ungeziefer schon lange niemand mehr gesessen hatte, einen Tisch und zwei Stühle. In einer Ecke befand sich so etwas wie eine Küchennische mit Waschbecken, Herd und ein paar Schränken. Dass diese benutzt worden war, zeigte sich daran, dass ein paar dreckige Tassen und Teller herumstanden, sowie eine Kaffeemaschine, in der sich immer noch eine halb volle Kanne Kaffee befand. Dennoch war der Raum schon seit ewigen Zeiten nicht mehr geputzt worden. Spinnenweben hingen in den Ecken und eine dicke Staubschicht bedeckte die Bereiche des Bodens, durch die man sich nicht zwangsläufig bewegen musste. Wahrscheinlich hatten die Wachmänner das Zimmer nur für ihre Pausen genutzt
„Gemütlich", brachte Beth leise hervor und sah Josef an. Dessen Gesichtsausdruck schwankte zwischen abgrundtiefem Ekel und Unglauben.
„Wenn hier jemand wirklich gewohnt hat, fresse ich einen Wehrwolf", brummte er und drückte auf einen Knopf an seinem Headset, um es wieder zu aktivieren. Automatisch schaltete sich auch wieder Beth Funkhörer ein.
„Wo seid ihr?" fragte Josef, während er sich in den angrenzenden Flur begab, sich angewidert unter einer tief hängenden Spinnenwebe hinweg duckend.
Knacksen, dann ein kurzes Rauschen. „Wir… den… in… gefunden…", waren die einzigen Wortfetzen, die die enormen Störgeräusche durchdringen konnten. „… Recht… gibt… Labor…"
„Was?!" Josef blieb stehen. „Ich kann dich nicht verstehen! Wo seid ihr? Wo ist der Eingang nach unten?"
Rauschen.
„Max?"
Keine Antwort. Josef atmete tief durch. „Technik…", meinte er nur kopfschüttelnd und schloss die Augen, um sich besser auf seine vampirischen Sinne konzentrieren zu können. Er sog die Luft um sie herum tief in seine Nase ein, hielt einen Moment inne und lächelte Beth dann an.
„Es gibt doch nichts Schöneres als den Duft frischen Blutes", sagte er und setzte sich erneut in Bewegung. Beths Herz klopfte wieder schneller, als sie sich einem weiteren dunklen Raum näherten. Schon vom Weiten konnte sie mehrere Gestalten am Boden liegen sehen. Höchstwahrscheinlich die Wachmänner, von denen Max gesprochen hatte.
Josefs Blick streifte die Männer nur, während Beth mit einem drückenden Gefühl im Bauch bemerkte, dass man ihnen mit irgendeiner schwerkalibrigen Waffe in die Köpfe geschossen hatte. Einem fehlte das halbe Gesicht.
Der Vampir steuerte direkt auf die gegenüberliegende Wand zu, und erst, als sie ihm mit wackeligen Beinen folgte, entdeckte Beth, dass sich dort ein Durchgang befand, der vorher durch eine schwere Eisentür verschlossen gewesen sein musste. Der Schaltkasten war mit roher Gewalt aufgebrochen worden und die Kabel hingen heraus, wie Gedärme aus dem Bauch eines tierischen Kadavers.
Josef hielt sich nicht lange auf und eilte weiter durch den schmalen, betonierten Flur, der schließlich vor einem Fahrstuhl endete.
„Und jetzt?" fragte Beth atemlos.
Josef zuckte die Schultern. „Geben wir uns erneut in die Fänge der Technik", meinte er mit sinistrer Stimme und drückte auf den Knopf. Der Fahrstuhl kam schnell und leise und sah, als sich die Türen öffneten, von innen mehr wie die Kabine eines Raumschiffes aus.
„Nicht schlecht", bemerkte Josef, als sie eintraten, und Beth nickte zustimmend, tapfer gegen das Unbehagen und die Angst ankämpfend, die sich immer stärker in ihr ausbreiteten. Sie fürchtete sich vor dem, was sie vielleicht unten im Keller sehen würden, und gleichzeitig wuchs auch der Drang, endlich in dieses Labor zu kommen, enorm. Sie war furchtbar nervös und spürte, dass es Josef sehr ähnlich ging – nur dass er nach außen hin wirklich erstaunlich ruhig blieb.
„Ups!" entfuhr es Beth erschrocken, als sich der Fahrstuhl ruckartig nach unten bewegte, und sie presste eine Hand auf ihren Magen, um das flaue Gefühl unter Kontrolle zu behalten.
Josef schenkte ihr ein ermutigendes Lächeln, doch seine Augen blieben nicht bei ihrem Gesicht, sondern wanderten seltsamerweise zu ihrem Hals. Sie runzelte die Stirn, kam aber nicht mehr dazu, etwas zu sagen, da der Fahrstuhl ruckartig hielt. Die Türen öffneten sich fast lautlos und gaben den Blick auf einen langen, gefliesten Flur frei, der durch Neonröhren an der Decke hell erleuchtet wurde. Er war kalt und steril… wie in ihrem Traum.
Ein Zittern ging durch Beths Körper und ihr Puls war nun bei einer Geschwindigkeit, die nicht mehr ganz gesund war.
„Das ist es!" stieß sie erregt hervor und der Drang loszurennen und laut nach Mick zu schreien, war so stark, dass sie ihm einfach nachgeben musste…
Doch da waren Josefs Hände, die sie fest an ihren Schultern packten und sie zu ihm heran zogen. Seine Augen bohrten sich in die ihren. „Du wirst jetzt nicht ausflippen, Beth!" verlangte er mit Nachdruck. „Diese Art von Laboren gibt es überall! Und Träume sind keine zuverlässige Quelle!"
„Ich weiß… ich weiß", brachte sie mühsam beherrscht heraus. „Aber er könnte hier sein, Joseph!"
„Und dann werden wir ihn auch finden", versprach er. „Alles, was wir brauchen, ist ein wenig Zeit und Geduld!"
Sie wusste, dass er Recht hatte, aber ihr Bedürfnis sich selbst zu beweisen, dass Mick nicht tot wahr, ihre Sehnsucht danach, ihn zu finden und endlich wieder in die Arme zu schließen, war so groß, dass sie jeden klaren Gedanken verdrängte.
„Atme!" sagte Josef drängend. Er hatte sich ein wenig zu ihr hinuntergebeugt und war nun mit ihr direkt auf Augenhöhe. Sie ließ die Luft heraus, die sie unbewusst eingehalten hatte, und schloss für einen Moment die Augen. ‚Nimm dich zusammen, Turner! So bist du niemandem eine Hilfe!' sprach sie sich selbst im Inneren zu und atmete noch ein paar Mal tief durch. Als sie die Augen wieder öffnete, hatte sich ihr Puls tatsächlich ein wenig beruhigt.
„Gut", sagte Josef zufrieden und wagte es wieder, sie loszulassen. „Wir werden jetzt die anderen suchen und dann sehen wir weiter. Es macht keinen Sinn, einfach loszurennen und alle Türen zu öffnen. Vielleicht gibt es hier so etwas wie ein Büro mit Akten…"
Er aktivierte wieder sein Headset.
„Max?"
Ein erneutes Knacksen, dann war der Empfang plötzlich da.
„Ja. Wir haben das Labor gefunden und …"
„Ich weiß. Wir sind auch unten, wo seid ihr?"
„Moment…"
Am anderen Ende des Flures öffnete sich eine Tür. Eine dunkle, schwer bewaffnete Gestalt trat heraus und gab ihnen einen kurzen Wink.
Josef und Beth setzten sich zeitgleich in Bewegung und eilten ihr entgegen.
„Was habt ihr?" überfiel Josef den kräftigen, markanten Mann vor sich sofort.
„Die meisten Räume sind leer", erstattete der Vampir Bericht, nachdem er einen langen, deutlich missbilligenden Blick auf Beth geworfen hatte. „Phillip und Connor kundschaften noch alles Weitere aus, aber im Moment scheint es so, als gäbe es hier keine wenigsten halbwegs lebende Person außer uns."
„Auch keine Vampire?" fragte Josef verwundert.
Max warf erneut einen langen Blick auf Beth und sah dann wieder mit einem merkwürdig fragenden Ausdruck Josef an.
„Sie verkraftet das", bemerkte dieser knapp und Max nickte verstehend.
„Es gibt zwei Leichen in einem der anderen Räume", fuhr er fort und wieder drehte sich Beths Magen um. „Aber keine passt zu der Beschreibung, die du mir gegeben hast. Sie sind auch schon ein paar Tage tot und - drücken wir es mal so aus - gründlich untersucht worden."
Beth wusste genau, was er damit meinte. Auch tote Versuchsobjekte hatten noch eine Zeit lang einen gewissen Wert für die Forschung…
„Sieht nicht schön aus", setzte Max schroff hinzu. „Ich hoffe, wir haben bald die Gelegenheit, diese Bastarde dafür zahlen zu lassen…"
Josefs Wangenmuskeln zuckten verdächtig, als er seinem Freund mit einem Kopfnicken zustimmte.
„Sonst noch irgendetwas?" brachte er angespannt hervor.
Max schüttelte den Kopf. „Ich denke, die Leute die hier arbeiten, haben irgendwie Wind gekriegt, dass ihre Kollegen hier bald auftauchen würden, und haben sich so schnell wie möglich von ihrem kleinen Projekt verabschiedet. Sie hatten nicht viel Zeit – das Meiste mussten sie hier lassen."
Er wies mit einer leichten Bewegung seines Kopfes in den Raum hinter sich und trat dann einen Schritt beiseite, um Josef und sie einzulassen.
„Ich würde mal vermuten, dass das ihr Büro war", meinte er, während Josef und Beth sich rasch umsahen. Außer ihnen, war noch ein anderer Vampir in dem mit drei großen Schreibtischen, mehreren Computern und etlichen Aktenschränken ausgestatteten Zimmer. Er hatte einige der Schubladen aufgezogen und holte nacheinander Akten heraus.
Josef machte einen großen Schritt an ihn heran und nahm ihm eine der Akten ab, um sie sogleich aufzuschlagen. Beth trat neben ihn und überflog mit klopfendem Herzen die Zeilen des ersten Blattes.
Es sah aus, wie ein Patientenblatt, übersät mit medizinischen Fachbegriffen und Notizen. Oben am Rand stand kein Name, nur eine Nummer. Josef blätterte ungeduldig weiter. Es folgten Röntgenaufnahmen und diverse Körperscans … weitere Notizen – unlesbar für Laien. Keine Angaben zur Person, kein Foto von deren Gesicht – so, als würde es sich tatsächlich nur um Tiere handeln, Versuchsobjekte, zu denen die an ihnen arbeitenden Menschen möglichst keine persönliche Beziehung aufbauen sollten.
Josef ließ die Akte auf den Tisch fallen und ergriff die nächste, blätterte verärgert darin herum und sah den anderen Vampir ungnädig an, so als könne er etwas dafür, das sie mit den neuen Informationen nichts anfangen konnten.
„Sehen die alle so aus?" fragte er und riss dem Mann eine der Akten aus der Hand, nur um erneut enttäuscht zu werden.
Der Vampir nickte. „Ja. Nur Nummern, keine Namen. Die sind vorsichtig gewesen."
Beth nahm noch einmal die erste Akte in die Hand und betrachtete die Nummer eingehender. Sie nahm eine weitere zur Hand und verglich sie mit der ersten.
„Wie viele gibt es?" hörte sie Josef fragen, während es in ihrem Kopf schwer arbeitete. Da war doch irgendetwas…
„Nicht so viele. Zwanzig würde ich schätzen. Aber lange haben die nicht überlebt. In den Akten, die ich bisher in den Fingern hatte, waren überall Todesdaten drin. Die anderen Schränke sind übrigens leer. Die haben noch nicht so im großen Stil gearbeitet."
‚Nicht hinhören! Du willst das nicht hören!' sprach Beth sich selbst zu und ergriff die nächste Akte. Die Ziffern am Ende…
„Packt alles ein", ordnete Josef an. „Wir müssen das in Ruhe durchgehen. Und wir brauchen Leute vom Fach."
Beth riss die Augen auf. Wie konnte sie nur so dumm sein?! „Warte…warte, Josef!" rief sie und hielt die beiden gerade so davon ab, alle Akten in eine der großen dunklen Taschen zu stopfen, die sie mitgebracht hatten.
„Das ist ein Datum! Sie haben sie einfach nach dem Tag nummeriert, an dem sie sie gefangen haben!"
Josef war für einen Moment wie erstarrt, dann packte er einen Stapel der Akten und klatschte sie auf den Tisch.
„Helft mir, los!" rief er den beiden anderen Vampiren über die Schulter zu und begann, mit enormer Geschwindigkeit den Stapel der Akten zu durchsuchen.
„Wir suchen den 23. Februar 2008!" erklärte er deutlich. „230208…"
Beths Herzschlag war nun wieder jenseits jeder Normalität, während sie wie ein Roboter im Eiltempo Akten öffnete und wieder beiseite warf. ‚Wir finden dich… wir finden dich…', hämmerte es in ihrem Kopf. ‚Halte durch… Wir brauchen nur ein Zeichen… einen Hinweis…'
Ein Knacken in ihrem Ohr erinnerte sie daran, dass da noch andere Männer waren, die das Labor durchsuchten.
„Leute, kommt her, das müsst ihr euch ansehen", hörte sie eine etwas hellere Stimme sagen. „Hier ist alles voller Sachen, die sie den Vampiren abgenommen haben…"
Beth blickte auf und sah Josef an. Sie wusste, dass sie dasselbe dachten.
„Phillip, wo bist du?" fragte Josef gehetzt.
„Das kleine Stück den Flur hoch und dann rechts! Ist so eine Art Kammer…"
Josef nickte ihr nur kurz zu und Beth ließ ihre Akte fallen, warf sich herum und eilte los. Ihre Füße flogen nur so über den gefliesten Boden, während ihr Magen eine Umdrehung nach der anderen machte.
Atemlos bremste sie vor der geöffneten Tür ab und schob sich an dem großen, dunkelhaarigen Vampir, der irritiert im Türrahmen stand, vorbei in den kleinen Raum. Mehrere Regale waren an den Wänden angebracht, auf denen kleinere und größere, geöffnete Kisten standen.
„Kommen die anderen auch?" hörte sie Phillip etwas verärgert fragen, aber sie war nicht fähig, ihm zu antworten. Ihr Blick suchte angestrengt nach etwas Vertrautem in all diesen Körben, nach etwas, was bewies, dass Mick hier gewesen war und schließlich blieben ihre Augen an einem kleineren Korb haften, in dem sich Schmuck und andere Wertsachen befanden. Es fiel ihr schwer, zu atmen, als sie ihre Hand nach etwas ausstreckte, das ihr furchtbar bekannt vorkam. Ein großer, silbern erscheinender, antiker Ring…
Es war seiner, das wusste sie, noch bevor sich ihre Finger um ihn schlossen … Micks Ring, den er fortwährend getragen hatte. Für einen Moment starrte sie ihn erschüttert an und die Erkenntnis, dass sie Recht gehabt hatte, dass ihr Traum kein Traum gewesen war und Mick wahrscheinlich seit einem Jahr Höllenqualen litt, traf sie mit solcher Wucht, dass sie für einen Augenblick keine Luft mehr bekam und einen taumeligen Schritt nach vorne machen musste, um sich an dem Regal festzuhalten.
Es knackste wieder in der Leitung. „Leute, das hier ist gar nicht gut…", meldete sich eine weitere Stimme. „Ich glaub, ich bin hier in so einer Art Überwachungszentrale… und das…das direkt da vor mir… das sieht aus wie ein Countdown…"
Beth hörte nicht zu. Ihr Blick hatte etwas anderes erfasst und sie tastete sich am Regal entlang, weiter vor zu den großen Körben, in denen sich verschiedene Kleidungsstücke befanden. Sie machte einen letzten wankenden Schritt und griff nach einem dunklen Mantel, der ganz oben auf in einem der Körbe lag. Er war schwer und aus einem teuren Stoff und sie wusste, wem er gehörte. Zu oft hatte sie ihren Blick über ihn gleiten lassen, wenn Mick in ihm erschienen war oder sie verlassen hatte. Dieser Mantel hatte seine dunkle, verführerische Seite noch betont, ihn noch attraktiver und anziehender wirken lassen und so oft den Schlag ihres Herzens beschleunigt. Doch dieses Mal führte sein Anblick dazu, dass Beth das Bild vor ihren Augen verschwamm, weil ihr nun unaufhaltsam heiße Tränen in die Augen stiegen. Sie presste den Mantel gegen ihre Brust und versuchte, ruhiger zu atmen, versuchte, irgendwie das Gefühlschaos in ihrem Inneren wieder in den Griff zu bekommen.
Knacksen. Rauschen. „Wenn ich mich nicht irre, haben wir noch zwanzig Minuten…"
Schnelle Schritte hallten über den Flur und als sie sich zitternd umwandte, erschien Josef im Türrahmen. Seine Augen wanderten hastig über all die Sachen und blieben dann an Beth Gesicht hängen. Er sah gehetzt aus, aber auch gebrochen… fast so gebrochen, wie sie sich auf einmal fühlte.
„Er ist hier…", stieß sie mit bebender Stimme aus und hielt ihm den Mantel entgegen. „Josef, das sind seine Sachen…"
„Ich weiß." Seine Stimme war eigenartig schwer und belegt. „Aber wir müssen hier weg."
„Nein!" rief sie panisch. „Wir müssen ihn suchen! Er ist hier, Josef!"
Mit Entsetzen registrierte sie, wie er den Kopf schüttelte. „Nicht mehr", brachte er mit großen Schwierigkeiten hervor. Er kniff den Mund zusammen, so als müsse er gegen seine eigenen aufgewühlten Gefühle ankämpfen, und hob seine Hand… Seine Finger hatten sich fest um eine der Akten geschlossen…
Beth besaß eine schnelle Auffassungsgabe und der Blick, mit dem Josef sie ansah, sagte eigentlich alles – Dinge, die sie nicht wahrhaben wollte, weil sie sie einfach nicht verkraften konnte… Nicht jetzt… nicht, wo sie ihre Hoffnung gerade erst wieder gefunden hatten… wo sie Mick so nah waren…
Der Mantel glitt ihr aus den erschlafften Fingern und die Tränen waren nun nicht mehr aufzuhalten. „Wo… wohin haben sie ihn gebracht?" fragte sie, obwohl sie genau wusste, dass das die falsche Frage war.
Josef trat an sie heran. Sein Blick wanderte kurz zum Boden und als er sie wieder ansah, hatten sich auch seine Augen mit Tränen gefüllt. „Er… er ist vor zwei Tagen für tot erklärt worden…"
Sie schüttelte den Kopf… wieder und wieder. „Nein… nein… Das ist nur Papier… wie diese Liste… nur Papier…"
„Beth!" Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und hielt sie fest. Zwang sie der Wahrheit ins schreckliche Antlitz zu blicken. „Es gibt eine Todesbekundung mit amtlicher Unterschrift eines Arztes. Sie haben seinen Leichnam verbrannt. Wir werden hier nichts finden! Er ist tot!"
„Nein!" schrie sie ihn an und machte sich gewaltsam von ihm los. „Das ist nicht wahr! Es… es ist nicht wahr!" Ein hilfloses Schluchzen drang aus ihrer Kehle. „Ich… finde ihn…"
Und damit rannte sie los, stieß Josef mit der Schulter aus dem Weg und stolperte hinaus auf den Flur. Sie hatte keine Zeit darüber nachzudenken, in welche Richtung sie laufen sollte. Sie eilte einfach nur instinktiv den kalten, auf einmal so bedrohlich wirkenden Flur hinauf, auf eine weitere Tür zu… eine Tür mit einer milchigen Glasscheibe am anderen Ende des Flurs… Mick war hier gewesen… ganz nah… so nah…
Natürlich hatte sie keine Chance gegen die Schnelligkeit und die Kräfte eines Vampirs. Josef war in Sekundenbruchteilen bei ihr, riss sie zu sich herum und schüttelte sie.
„Komm wieder zu Verstand!" fuhr er sie an und seine Augen waren nun weißblau vor Wut und Erregung. „Du bringst uns noch alle um!"
„Lass mich!" schrie sie ihn an und versuchte, sich erneut frei zu kämpfen. „Ich lasse ihn nicht hier!" Sie bemerkte selbst, wie durchgedreht sie klang. „Ich finde ihn… ich finde ihn…!"
Josef ging gar nicht auf sie ein, stattdessen packte er sie noch fester und warf sie sich einfach über die Schulter.
Beth brachte nichts mehr heraus außer tiefe, hilflose Schluchzer, während Josef sich mit unglaublicher Geschwindigkeit durch die Flure bewegte. Die anderen stießen rasch zu ihnen, beladen mit schweren Taschen, aber Beth war das egal. Alles in ihrem Inneren fühlte sich plötzlich so leer und taub an, denn mit jedem Schritt den Josef machte, drang die Erkenntnis, dass sie Mick wirklich für immer verloren hatte, tiefer in ihr Bewusstsein und tötete erbarmungslos das kleine Flämmchen Hoffnung, das sie durch die letzten Tage getragen hatte…
