*Aha! Anhand der Zugriffe habe ich jetzt gemerkt, dass die Geschichte jetzt doch auch in der deutschen Version ein paar Leser hat. Und deswegen werde ich hier weiter fleißig updaten. Vielleicht kommen ja dann irgendwann doch noch ein oder zwei Reviews. (Sich die Hände reibt)*
Engel
„Es gibt keinen Menschen, der nicht durch seinen Engel geführt und behütet würde; es gibt nur sehr viele, die noch niemals etwas davon gemerkt, die noch niemals daran gedacht haben."
(Bernhard Martin)
Der Alptraum war vorbei. Sie würde wieder nach Hause kommen - zu ihrer Mama – das wusste sie ganz genau. Sie hatte keine Angst mehr, nicht so lange der Engel bei ihr war. Er konnte sie vor allem Bösen in dieser Welt beschützen. Niemand konnte ihr etwas tun, solange er sie in seinen Armen trug, sie festhielt und nicht losließ.
Ihre Mama hatte ihr immer wieder diese Geschichte erzählt, dass jedes Kind auf seinem Weg von einem Engel begleitet wurde, der unsichtbar über es wachte und es vor allen Gefahren dieser Welt beschützte. Sie hatte ihn so gern sehen wollen, ihren Schutzengel, aber nie hatte er sich ihr gezeigt, ganz gleich wie drängend sie ihn darum gebeten hatte – bis zu dieser Nacht. Alles war so schrecklich gewesen, bis er aufgetaucht war.
„Komm…ich bringe dich jetzt nach Hause. Hab' keine Angst", hatte er gesagt und da hatte sie es gewusst, hatte gewusst, dass er ihr Engel war. Sie hatte sich von ihm in die Arme nehmen lassen und nun trug er sie durch die Nacht, zurück zu ihrer Mama. Sie hatte sich ganz fest an ihn gekuschelt, hielt sich mit ihren kleinen Händen an seiner Jacke fest und hatte große Mühe, ihre Augen offen zu halten. Aber sie musste wach bleiben, sonst versuchte er vielleicht wieder, sie abzusetzen und wurde erneut unsichtbar. Einmal, ganz am Anfang, hatte er es versucht, irgendwo an einem Auto. Doch sie hatte angefangen zu wimmern und zu weinen, als er sie auf ihre eigenen Füße gestellt hatte und vor ihr in die Hocke gegangen war, um ihr irgendetwas zu erklären. Sie hatte seine Worte nicht hören wollen, hatte nur wieder auf seinen Arm gewollt und ihre eigenen Arme nach ihm ausgestreckt. Sie hatte so herzzerreißend geschluchzt, dass er ihr schließlich nachgegeben hatte, und nun hielt er sie wieder in den Armen und trug sie durch die Dunkelheit, die ihr keine Angst mehr machen konnte. Es war ein langer Weg nach Hause. Sie liefen durch viele Straßen, hell erleuchtete mit vielen Autos und Menschen um sie herum und kleine ruhige, die so still waren, dass sie deutlich seinen langsamen Herzschlag hören konnte und die tiefen, ruhigen Atemzüge, die er machte. Nur manchmal, wenn ein lautes Geräusch durch die Nacht hallte, zuckte sie zusammen und begann wieder zu weinen, weil dann, für einen kurzen Moment, all die schrecklichen Bilder wieder in ihr hoch kamen. Immer genau dann begann er leise zu summen. Ganz leise begann ihr Engel dieses Lied für sie zu singen und es kam ihr vor, wie die schönste Musik auf Erden, obwohl es nur ein einfaches Schlaflied war, eines, das sie schon kannte. Aber aus seinem Mund klang es so, als sei es nur für ihre Ohren bestimmt, als würde es nur ihr gehören, und sie schloss glücklich die Augen, ein seliges Lächeln auf den Lippen. Sie schlief nicht ein, aber das leise Singen, so nah an ihrem Ohr, das Vibrieren seiner Brust, war so schön, so beruhigend, dass sie alles Schreckliche vergessen konnte, was ihr zuvor widerfahren war. Sie fühlte sich so wunderbar geborgen und wusste, dass sie ihren Engel nie wieder hergeben würde. Er musste für immer bei ihr bleiben und ihr jede Nacht das Lied vorsingen. Ihr Lied. Das wünschte sie sich von ganzem Herzen.
Doch alle schönen Dinge hörten irgendwann auf und als Beth das nächste Mal die Augen wieder öffnete, schritt ihr Engel mit ihr durch das Gartentor zu ihrem Zuhause. Innen im Haus war noch alles hell erleuchtet und im nächsten Moment riss jemand die Tür auf und ihre Mutter stürzte ihnen mit einem lauten Schluchzen entgegen. Beth begann sofort zu weinen, streckte eine Hand nach ihrer Mutter aus und hielt sich mit der anderen weiter an ihrem Engel fest. Ihre Mutter wollte sie in die Arme nehmen und sie spürte, wie ihr Engel versuchte, sie herüber zu reichen, aber Beth klammerte sich weiter an ihm fest, während sie gleichzeitig ihren anderen Arm um den Nacken ihrer Mutter schlang.
„Oh, Beth… Beth alles wird gut", schluchzte ihre Mama, umfasst ihr kleines Gesicht mit beiden Händen und küsste ihre Stirn, ihre Wangen, ihre Nase. „Ich bin wieder da… Lass nur los…"
Aber sie konnte nicht. Sonst würde ihr Engel wieder verschwinden. Sie heulte noch lauter, als sie spürte, dass er vorsichtig nach ihrer Hand griff und behutsam versuchte, die Finger aus seiner Jacke zu lösen. „Ist doch gut, alles ist gut", hörte sie ihn sanft sagen, aber sie schrie nur noch lauter, hielt sich nun auch wieder mit der anderen Hand an ihm fest.
„Warten Sie - warten Sie", konnte sie ihre Mama mit zittriger Stimme sagen hören. „Das macht keinen Sinn. Kommen Sie erst einmal rein."
Beth schlang ihre Arme fest um seinen Nacken und drückte ihr tränennasses Gesicht gegen seine Schulter, während ihr Engel sie in das warme, helle Innere des Hauses trug. Sie sah wieder auf und ihr Schluchzen wurde leiser, die Tränen versiegten langsam. Ihr Zuhause… sie war zuhause.
„Siehst du Schatz", sagte ihre Mama und strich ihr über das blonde Haar. „Du bist wieder Zuhause. Du bist in Sicherheit. Niemand wird dir hier etwas tun. Du kannst Mr. St. John loslassen."
Sie schüttelte den Kopf und bemerkte, wie ihr Engel ihrer Mama einen hilflosen Blick zuwarf.
„Hast du Angst, dass er weggeht?" fragte ihre kluge Mama sanft und sofort schossen Beth die Tränen in die Augen, schluchzte sie wieder los.
„Oh, Schatz, er geht nicht gleich weg", versprach ihre Mutter und ihr Engel runzelte irritiert die Stirn, nickte dann aber gleich mit einem sanften Lächeln, als er bemerkte, dass Beth ihn ansah.
„Engel…", sagte sie ganz leise und er hob überrascht die Brauen. Dann wurde sein Blick auf einmal so warm und liebevoll, dass sie trotz der ganzen Tränen anfing, zu lächeln.
Ihre Mama fuhr sich mit der Hand vor den Mund. „Du… du denkst, er ist dein Schutzengel?"
Beth nickte nur und ihr Engel stieß ein kleines Lachen aus.
„Das tut mir so leid", stammelte ihre Mama. „Ich hab' ihr diese Geschichte erzählt und…"
„Schon gut", unterbrach er sie immer noch lächelnd und ging dann mit Beth in die Knie, sodass ihre Füße auf dem Boden aufsetzten. Sie wollte protestieren, doch er versuchte gar nicht erst, ihre Hände von seiner Jacke zu lösen, sondern sah ihr nur direkt in die Augen. Er hatte blaue, gütige Augen mit langen, dunklen Wimpern – Augen, die nur Engel besaßen. Augen, die sie nie vergessen würde.
„Weißt du, Beth, wir Engel müssen nicht nur auf eine Kind aufpassen – so viele gibt es nämlich gar nicht von uns", erklärte er ganz ruhig und seine Stimme war so warm und sanft, dass sie am Liebsten gleich wieder auf seinen Arm geklettert wäre, die Geborgenheit suchend, in die sie die ganze Zeit so wundervoll eingehüllt gewesen war.
„Deswegen hat jeder von uns zwei oder drei Kinder, um die er sich kümmern muss", hörte sie ihn fortfahren. „Aber wenn du mich gar nicht mehr loslässt, kann ich den anderen Kindern nicht helfen, wenn sie mich brauchen. Und dann werden sie ganz schrecklich weinen. Und das willst du doch nicht, oder?"
Beth schüttelte zögernd den Kopf und sah auf ihre Hände, die sich immer noch in seine Jacke krallten.
„Ich komme wieder", versprach er. „Ganz bestimmt. Wenn du mich brauchst, werde ich da sein, okay?"
Sie sah ihn an und blinzelte die Tränen weg, die schon wieder ihre Wangen hinunterlaufen wollten. Doch sie nickte und ließ ihn schließlich los.
„Ich werde nicht zulassen, dass dir irgendjemand jemals wieder etwas antut", setzte er hinzu. „Ich passe auf dich auf – versprochen!"
„Und… und ich pass' auf dich auf", schniefte Beth und sie war in diesem Augenblick überzeugt davon, dass sie es konnte.
Es war eine Bewegung an ihrer Wange, die Beth aus dem Schlaf riss. Sie musste ein paar Mal blinzeln, um sich zu orientieren, um zu begreifen, dass sie in einem Krankenhaus war, auf einem dieser furchtbar unbequemen Stühle im Wartebereich saß und ihr Kopf auf Josefs Schulter ruhte. Schlaftrunken hob sie ihren Kopf und sah sich kurz um, nach einer Uhr an den Wänden suchend. Doch sie konnte keine finden. Josef begegnete ihr mit einem warmen Lächeln. „Es ist fünf Uhr in der Früh", sagte er und streckte sich etwas verkatert.
Beth ging einen Moment in sich. Das Letzte, woran sie sich erinnern konnte, war, dass sie etwas taumelig aus dem Zimmer gekommen war, in dem man ihr so viel Blut abgenommen hatte, wie man konnte, ohne ihr gesundheitliche Schäden zuzufügen. Sie war in Panik ausgebrochen, weil sie weder Josef noch irgendeine andere bekannte Person hatte vorfinden können. Die Schwester an der Anmeldung hatte ihr dann erklärt, dass Josef kurz nach draußen verschwunden war und Mick operiert wurde, aber erst als Josef nur wenig später wieder durch die Eingangstür gekommen war, hatte sie sich wirklich beruhigen können. Irgendwann musste sie erschöpft eingeschlafen sein.
„Wie lange ist er schon im OP?", fragte sie gefasst und unterdrückte ein Gähnen.
„Vier Stunden", gab Josef leise zurück und sie konnte die Sorge in seiner Stimme wahrnehmen, obwohl er sich darum bemühte, es sich nicht anmerken zu lassen. „Ich denke, das ist normal bei solchen Verletzungen."
Er rieb seine Hände aneinander, so als wäre ihm kalt und Beth wusste sofort, dass er ihr etwas verheimlichte. In diesem langen, leidvollen Jahr, in dem sich dieses seltsame Band zwischen ihnen entwickelt hatte, hatte sie auch gelernt, dass Josef zu Übersprungshandlungen neigte. Sobald in seinem Inneren Gefühle losgetreten wurden, die er nicht wollte, oder auch wenn er versuchte, irgendetwas für sich zu behalten, richtete er seine Aufmerksamkeit auf irgendetwas anderes, musste er etwas mit seinen Händen tun.
Beth schluckte den Kloß in ihrem Hals tapfer hinunter. „Wie kritisch ist sein Zustand, Josef?" fragte sie gerade heraus.
„Er ist hier in guten Händen, Beth." Nur ganz kurz ruhte sein Blick auf ihrem Gesicht, dann wanderte er schnell zur Ausgangstür, wie schon viele Male zuvor.
„Das ist keine Antwort", gab Beth beharrlich zurück. Zu ihrem Ärgernis öffnete sich in diesem Augenblick die Tür und ein hochgewachsener, grauhaariger Mann trat ein. Er trug einen Spitzbart und eine Brille und war mit einer schweren Tasche beladen, die normalerweise nur Ärzte mit sich herum trugen.
Beth konnte neben sich Josef erleichtert ausatmen hören und im nächsten Moment war ihr Freund auch schon auf den Beinen und eilte auf den Neuankömmling zu. Beth folgte ihm verwirrt.
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie gut es tut, dich zu sehen!" platzte es aus Josef ungewöhnlich offenherzig heraus und für einen Augenblick sah es fast so aus, als wolle er den Fremden in die Arme schließen. Doch stattdessen ergriff er nur dessen Hand und drückte sie fest. Nach dem Blick zu schließen, den der Mann Josef zukommen ließ, war er selbst diese Art von Begrüßung nicht gewohnt. Josef schien gefühlsmäßig anscheinend stärker angegriffen zu sein, als er nach außen durchscheinen ließ.
„Wo ist dein Freund?" fragte der Fremde schließlich.
„Er wird noch operiert…", erklärte Josef und stolperte dabei über Beths auffordernden Blick. „Oh, ja, entschuldige", meinte er schnell. „Das ist Dr. August Kendlroe – ein alter Freund und ein brillanter Arzt. August, das ist Beth Turner – eine sehr gute Freundin."
Natürlich war auch er ein Vampir und das war wohl der hauptsächliche Grund, warum er hier war. Er war der einzige Arzt, der wirklich alle Informationen bekommen konnte, die man brauchte, um Mick zu helfen. Dennoch verspürte Beth bei seinem Anblick ein leichtes Unbehagen in ihrem Bauch, sagte ihr doch ein untrügliches Gefühl, dass es noch einen anderen Grund geben musste, warum Josef ihn hierher geholt hatte. Schließlich wurde bereits alles Menschenmögliche für Mick getan.
Beth zuckte fast zusammen, als sich die Flurtür öffnete und Micks behandelnder Arzt zu ihnen hinüber kam, immer noch den OP-Kittel tragend. Er sah erschöpft und sehr ernst aus und alles in Beth verkrampfte sich schmerzhaft. Der Arzt atmete tief durch und sein Blick wanderte von Josef zu Beth, die beide keinen Ton heraus brachten.
„Jetzt sagen Sie mir doch bitte erst einmal, wer sie genau sind und in welchem Verhältnis Sie zu meinem Patienten stehen", brachte er ungewöhnlich ruppig hervor.
„Ich… ich bin Beth Turner, seine Freundin, und Mr. Kostan hier ist sein bester Freund", sprudelte es aus ihr heraus. „Er hat niemanden außer uns… und bitte sagen Sie uns doch einfach nur, ob er… ob er lebt…"
„Natürlich…Entschuldigung", erwiderte der Arzt nun gleich schon etwas sanfter. „Er lebt… und hat die OP so weit überstanden… aber…" Er zog etwas verwirrt die Brauen zusammen. „Ich verstehe da einfach ein paar Dinge nicht… Ihr Freund…" Er atmete tief durch, um seine Gedanken noch einmal zu sortieren. „Ihr Freund hat nicht sehr viel Glück gehabt. Die Kugeln, die in seinen Körper gedrungen sind, haben erhebliche Schäden an einigen seiner Organe hinterlassen. Eine hat seine Lunge verletzt, eine andere seine Niere und eine dritte seinen Magen – dabei ist Magensäure ausgetreten und hat zusätzliche Schäden bewirkt…"
Beth fuhr sich entsetzt mit der Hand vor den Mund.
„… wenn er nicht so mit Beruhigungsmitteln voll gepumpt gewesen wäre, hätte er vor Schmerzen nur so geschrieen", fuhr der Arzt fort. „Außerdem haben diese Mittel für eine schnellere Blutgerinnung gesorgt – auf einer Seite können wir ihnen also dankbar sein. Aber sie sind nicht allein dafür verantwortlich, dass er noch lebt. Und das ist das eigentliche Wunder – denn die meisten Menschen würden an solchen Verletzungen innerhalb von Minuten sterben! Aber ihr Freund hat ein unglaubliches Immunsystem und Selbstheilungskräfte, die ich in diesem Umfang noch nirgendwo gesehen habe. Und sein Blutbild…" Der Arzt hob in schierer Sprachlosigkeit die Hände. „Sowas hab' ich noch nie gesehen! Irgendetwas wurde mit diesem Blut gemacht, aber ich weiß nicht was…"
„Heißt das, er wird überleben?" fragte Josef hoffnungsvoll und die Begeisterung verschwand augenblicklich aus den Augen des Arztes.
„Ganz ehrlich?" Er schüttelte bedauernd den Kopf. „Auch wenn sein Körper zu Dingen fähig ist, von denen wir Ärzte bisher nur träumen konnten, kann ich mir nicht vorstellen, dass er es schafft. Der hohe Blutverlust hat ihn furchtbar geschwächt und ich denke, einige der Schäden sind nahezu irreparabel. Sein Körper hat nicht die Zeit und ist nicht mehr stark genug, das alles auszuheilen und zu vermeiden, dass Infektionen auftreten – selbst mit der Unterstützung aller medizinischen Möglichkeiten, die wir hier haben. Und sein Herz wird weitere körperliche Belastungen nicht überstehen…"
„Aber sie haben ihn doch operiert und behandelt!" entfuhr es Beth ungehalten. Sie wollte sich mit dieser erschreckenden Aussage auf gar keinen Fall abfinden. Mick würde nicht sterben – nicht jetzt, wo sie ihn gerade erst gefunden hatten!
„Miss Turner, ich wollte damit nicht sagen, dass wir ihn einfach so aufgeben", sagte der Arzt deutlich. „Wir haben alles getan, was wir können! Aber jetzt haben wir unsere Grenzen erreicht. Alles, was wir tun können, ist abwarten! Und das bedeutet auf ein Wunder zu warten, denn nach meinen ganz persönlichen Erfahrungen mit solchen Fällen, stehen seine Chancen einfach nicht besonders gut. Ich will nicht, dass sie sich in falsche Hoffnungen hinein steigern!"
Beth suchte Josefs Blick, aber der starrte nur den Boden an, während seine Wangenmuskeln vor Anspannung zuckten. Also atmete sie zitternd tief durch.
„Wo… wo ist er jetzt?" fragte sie den Arzt, bemüht, ihrer Stimme mehr Festigkeit zu geben.
„Auf der Intensivstation", gab der Arzt ruhig zurück. „Sie können zu ihm, wenn Sie wollen. Aber erwarten Sie nicht, dass er so schnell aufwacht."
Wenn man dem Arzt glauben konnte, war es wohl schon ein Wunder, wenn er überhaupt irgendwann aufwachte. Beth schob diesen furchtbaren Gedanken beiseite und nickte dem Arzt zu.
„Gut", meinte er mit einem Lächeln und wandte sich um. „Ich bringe sie hin."
Beth wusste, dass es dem Mann nicht nur darum ging, ihnen zu helfen, sondern auch darum, während ihres gemeinsamen Weges mehr über seinen Patienten herauszufinden. Bei all seinem Mitgefühl und seiner Sorge um seinen Patienten, hatte Beth auch etwas anderes in seinen Augen aufleuchten sehen. Sie war immer schon gut darin gewesen, Menschen zu entlarven. Dieser Mann hier gehörte zwar zu denen, die tatsächlich Gutes in dieser Welt bewirken wollten, aber wie jeder andere, der in seinem Beruf aufging, hatte auch er eine Leidenschaft: die Medizin. Und ein medizinisches Wunder, wie Mick eines zu sein schien, –aus welchen Gründen auch immer – zog ihn natürlich ganz besonders in seinen Bann.
„Wissen Sie, wer ihn vorher behandelt hat oder wo er sich vorher aufgehalten hat?" fragte der Arzt schon nach ein paar Metern vorsichtig und sprach dabei sowohl Beth als auch Josef an.
Beth holte Luft, um ihm zu antworten, aber Josef war schneller.
„Nein", log er, „er war eine Weile verschwunden und wir haben ihn heute erst gefunden."
„Und dann wurden Sie überfallen?" hakte der Arzt misstrauisch nach. „Von den Leuten, die ihn entführt hatten?"
„Ich habe nicht gesagt, dass er entführt worden ist", gab Josef ruhig zurück, aber Beth konnte fühlen, wie angespannt er war.
„Aber…", setzte der Arzt erneut an, doch Josef fuhr ihm sogleich über den Mund.
„Hören Sie, ich bin Ihnen wirklich für alles dankbar, was sie bisher getan haben, aber ich musste diese ganze Geschichte schon den Polizisten erzählen, die vorhin da waren… Ich will jetzt einfach nur noch zu meinem Freund. Ist das in Ordnung?"
Es war keine wirklich Ernst gemeinte Frage, dazu war der Ton, in dem Josef sprach, einfach zu schneidend, aber der Arzt nickte dennoch widerwillig und führte sie nun schweigend weiter. Beth bemerkte, dass Josef einen Blick mit seinem Freund austauschte und war nicht überrascht, als dieser ihren Begleiter sofort ansprach, als sie vor einer verglasten Tür hielten.
„Ich hab' mich noch gar nicht vorgestellt", wandte er sich mit einem freundlichen Lächeln an den anderen und reichte ihm die Hand. „Ich bin Dr. Meyers, der Hausarzt ihres Patienten."
Der Arzt ergriff erstaunt die angebotene Hand und wieder blitzte in seinen Augen verräterisch die Neugierde auf. „Dann sollten wir uns vielleicht einmal unterhalten", meinte er begeistert und Josefs Freund nickte zustimmend.
„Ganz dringend sogar", erwiderte er. „Haben Sie ein Büro?"
„Aber natürlich", strahlte der Arzt, wurde aber wieder ernst, als er Josef und Beth ansah. „Sie kommen auch ohne mich klar, nicht wahr? Gehen Sie einfach rein und fassen Sie nichts an, ja?"
„Aber natürlich nicht", gab Josef lächelnd zurück und Beth warf ihm unauffällig einen fragenden Blick zu, weil sie genau spürte, dass er wieder log. Doch Josef legte nur einen Arm um ihre Schultern, öffnete die Tür und schob sie herein, während die anderen beiden Männer in eine andere Richtung davon gingen.
Beth drehte sich sofort zu ihm um und sah ihn mit strengem Blick an. „Was geht hier vor sich, Josef?!"
Ihr Freund hob einen Finger an seine Lippen und wies mit einem drängenden Blick hinter sie. Schon bevor sie sich umdrehte, fiel ihr wieder ein, weswegen sie eigentlich hierher gekommen waren und ihr lauter Ton tat ihr augenblicklich leid. Ihr Magen machte eine schmerzhafte Umdrehung als ihr Blick über die Person glitt, die dort völlig verkabelt und bewegungslos im Bett lag, umgeben von piependen Geräten und einem schnaufenden Beatmungsgerät, das ihr beim Atmen half. Sie spürte Tränen in sich aufwallen, die sie tapfer zurückdrängte, und ging zu Mick hinüber, trat an seine Seite und betrachtete für einen langen Moment sein blasses, angespanntes Gesicht. Seine Lider zuckten ab und zu, aber er schlug die Augen nicht auf. Sie wollte ihn so gern berühren, sein Gesicht streicheln, um ihm irgendwie zu zeigen, dass sie da war, aber sie wagte es nicht. Die Angst irgendetwas damit auszulösen, ihn in seinem geschwächten Zustand aufzuregen und damit vielleicht sogar umzubringen, war zu groß.
Sie spürte Josef leise neben sich treten, sah ich ihn aber nicht an. „Warum wird uns das alles so… so schwer gemacht?" fragte sie leise und wischte sich verärgert eine Träne von der Wange, die sich verbotenerweise doch aus ihren Wimpern gelöst hatte. „Haben wir alle nicht schon genug gelitten? Wir hätten ihn doch einfach gesund und munter finden können…"
Josefs Lippen entrückte ein trauriges Lachen. „Gesund und munter? Nach einem Jahr?"
Beth holte schwer Atem. „Er hat so viel durchgemacht. Er verdient es zu leben… Er verdient es, möglichst schnell wieder gesund zu werden…"
„Was wir brauchen, ist ein Wunder", gab Josef mit belegter Stimme zurück. „Und du weißt, ich warte nicht zum ersten Mal darauf…"
Sie nickte nur und wischte sich zwei weitere Tränen aus dem Gesicht. „Zweimal wird das Schicksal dich nicht hängen lassen", sagte sie fest und sah ihn nun doch an. „Wir müssen nur ganz fest daran glauben. Der Arzt hat gesagt, dass alles bei Mick irgendwie anders ist und er sich nicht erklären kann, warum. Vielleicht haben diese… diese Forscher seinen Körper so verändert, dass er sich regenerieren kann wie ein Vampir. Das ist es doch, wonach sie forschen, oder?"
„Beth, wenn er das könnte, würde er jetzt nicht so vor uns liegen und wir müssten nicht um sein Leben bangen", hielt Josef dagegen.
„Dann ist es einfach noch nicht vollständig gelungen", meinte Beth. „Es geht halt nur langsamer, aber er kann sich erholen. Das wäre doch möglich, oder?" Oh, sie hoffte es so, wünschte es sich so innig.
Josef sah sie nachdenklich an. „Daran gedacht, habe ich auch schon", gab er schließlich zu. „Im Grunde genommen ist es die einzige Hoffnung, an die wir uns noch klammern können." Er stieß einen tiefen Seufzer aus und fuhr sich dann mit der Hand über sein Gesicht. „Beth, es gibt ein paar Dinge, die… die jetzt gleich passieren werden", sagte er plötzlich und sie runzelte irritiert die Stirn.
„Und ich will einfach, dass du weißt, dass ich nur versuche, uns alle hier heil aus der ganzen Sache heraus zu holen", fuhr er fort und sorgte mit seinen Worten für neue Turbulenzen in Beths Magengegend.
„Was… was meinst du damit?" fragte sie alarmiert, aber Josef kam nicht mehr dazu, ihr zu antworten, denn sein Freund, Dr. Kendlroe, öffnete die Tür, trat dann ein und schloss sie schnell wieder hinter sich.
„Ich denke, wir haben nicht mehr als eine viertel Stunde", wandte er sich sofort an Josef und trat rasch an Micks Bett heran. Sein Blick flog über die Apparaturen, während Beth nur mit offenem Mund von einem zum anderen sah.
„Die Vitalwerte sehen soweit ganz gut aus", erklärte der Doktor und schaltete das EKG aus, um dann auch noch seine Verbindung zu Mick zu kappen. „Wir können loslegen…"
„Oh – mein – Gott!" stieß Beth entsetzte aus. „Ihr wollt ihn mitnehmen?!"
Eigentlich war diese Frage sinnlos, denn sie beantwortete sich von selbst, da die beiden Männer tatsächlich alle lebenserhaltenden Hilfsmittel an dem Krankenbett festmachten und damit deutlich zeigten, dass sie mit ihrer Vermutung richtig lag. Doch Josef wandte sich dennoch zu ihr um und sah sie eindringlich an.
„Wir müssen hier weg, Beth!" sagte er mit Nachdruck und sie musste beunruhigt mit ansehen, wir Josefs Freund den Anschluss zu dem Beatmungsgerät unterbrach und stattdessen rasch einen Beatmungsbeutel auf das Verbindungsstück des Tubus setzte, den er sofort bediente.
„Ihr werdet ihn umbringen", stieß sie fassungslos hervor und baute sich erregt vor dem Bett auf. „Er ist gerade erst operiert worden!" Sie vertraute Josefs normalerweise… aber das war doch Wahnsinn!
„Nein – die Legion wird ihn umbringen", setzte er ihr entgegen und stellte die Bremsen der Liege hoch. „Und uns alle mit ihm. Sie suchen doch längst nach uns, Beth! Sie können hier jeden Moment auftauchen und dann kann ihn keiner mehr retten. Aber wenn wir ihn mitnehmen, hat er eine Chance zu überleben. Eine geringe, das gebe ich zu – aber sie ist da!"
Beth schüttelte ungläubig den Kopf, obwohl ihr schnell dämmerte, dass Josef mit jedem seiner Worte Recht hatte. Aber sie hatte plötzlich Angst, so furchtbare Angst, dass sie alle im Endeffekt zu Micks Mördern werden könnten. „Wie… wie willst du ihn denn so transportieren?" fragte sie zittrig.
„Als du zur Blutabnahme warst, habe ich alles Notwendige organisiert", erklärte Josef nicht sehr ausführlich. „Vertrau mir einfach, Beth, bitte!"
Sie sah ihm einen Moment in die Augen und alles, was sie darin lesen konnte, war Besorgnis und Angst um Mick. Aber er war sich auch sicher, dass er das einzig Richtige tat und das genügte ihr, um zu nicken. Ihre Beine waren furchtbar weich, als sie zur Tür ging und dann vorsichtig hinaus spähte. Niemand war zu sehen. „Wohin müssen wir?" warf sie Josef, der Micks Bett auf sie zuschob, leise über die Schulter zu.
„Zum Fahrstuhl", war die ebenso leise Antwort. Beths Blick wanderte zu einer Tafel an der Wand, die mit einem Pfeil anzeigte, in welcher Richtung die Fahrstühle lagen. Sie atmete noch einmal tief durch und trat dann beherzt in den Flur, weit die Türen für die anderen öffnend. „Nach rechts", sagte sie als Josef das Bett an ihr vorbei schob, sah dann noch einmal in die andere Richtung und eilte ihnen dann wieder voraus, um die nächste Tür aufzuhalten.
Sie erreichten die Fahrstühle schnell und verschwanden ebenso schnell in einem von ihnen, ohne irgendjemandem weiter aufzufallen.
„Wohin geht es genau?" fragte Beth nervös, als sich der Fahrstuhl rasch in Bewegung setzte.
„Erst einmal ganz nach oben", gab Josef mit einem kleinen Lächeln zurück.
„Wir fliegen also wieder?" schloss sie sofort und war sogar erleichtert, als Josef nickte. Auf diese Weise konnte man einen Schwerverletzten am Sichersten und Sanftesten transportieren.
Sie zuckte zusammen, als plötzlich Josefs Handy zu klingeln begann, und auch er schien auf einmal etwas weißer im Gesicht zu sein als zuvor.
„Ja…. Ja… Wo sind sie?" Jetzt wirkte sein Gesicht fast grau. „Dann verschwindet da. Wir schaffen das alleine. Ja. Wir sehen uns…" Er beendete das Gespräch und Beth starrte ihn genauso angespannt an wie auch sein Freund.
„Sie sind da?" sprach dieser die Frage aus, die sie selbst nicht zu stellen wagte.
„Ja", erwiderte Josef ernst und warf einen besorgten Blick auf Mick. „Sie sind auf dem Weg zur Klinik. Wir haben nur noch ein paar Minuten. Wie geht es ihm?"
„Alles im grünen Bereich", gab der Arzt zurück und Beth vermutete, dass ihm seine Vampirsinne dabei halfen, Micks Vitalfunktionen zu überprüfen, ohne ein Gerät dazu zu benötigen.
Der Fahrstuhl öffnete sich mit einem leisen Gong und die frische Luft, die ihr in einer Böe entgegen kam, nahm ihr für einen Moment den Atem. Dann bewegten sie sich auch schon im Eiltempo über das Dach der Klinik auf einen Hubschrauber zu, der durch das Licht der langsam aufgehenden Sonne einen merkwürdigen, fast heilig wirkenden Glanz bekam. Diese Maschine war mit dem Helikopter, den sie das letzte Mal benutzt hatten, gar nicht zu vergleichen war. Sie war wesentlich größer und länger und ein rotes Kreuz prangte auf ihrer Seite. Sie strahlte das aus, was sie im Moment am dringendsten brauchten: Rettung.
„Hat das also geklappt", stellte Josef mit einem erfreuten Lächeln in Richtung seines Freundes fest.
„Das ist ein Intensivtransporthubschrauber aus meiner Klinik", erklärte Kendlroe und winkte einem Sanitäter zu, der soeben aus dem Heck der Maschine kletterte und ihnen dann schnell entgegenkam. „Die Jungs sind mir noch was schuldig", setzte er leise hinzu und begrüßte den Mann mit einem strahlenden Lächeln.
„Das hier ist Paul", stellte er den Sanitäter vor, der Beth und Josef nur mit einem kurzen Kopfnicken bedachte und dann dem Arzt die Arbeit mit dem Beatmungsbeutel abnahm. „Er wird mir ein wenig auf dem Flug zur Hand gehen, sollte es Komplikationen geben."
Beths Magen machte eine kleine Umdrehung bei diesem Gedanken und sie ballte ihre Hände zu Fäusten. Das durfte einfach nicht geschehen. Sie durften erst gar nicht daran denken, dann würde schon alles gut gehen.
Josef nickte seinem Freund flüchtig zu und beeilte sich das Krankenbett möglichst nahe an das geöffnete Heck des Hubschraubers heran zu bringen. Beth hielt mit klopfendem Herzen den Atem an, als die drei Männer mit vereinten Kräften Mick auf die ausgefahrene Liege des Hubschraubers bugsierten und dann die aufgesteckten restlichen Hilfsmittel um verlegten. Erst als Kendlroe verlauten ließ, dass Mick es soweit gut ging, wagte sie es wieder auszuatmen.
Die Rotoren des Hubschraubers begannen sich schon zu drehen, als Josef Beth beim Einsteigen half und sie ließ sich mit immer noch heftig schlagendem Herzen an der Seite von Micks Liege nieder, an der sie niemandem im Weg war. Einen Moment sah sie sich unsicher im Inneren des Hubschraubers um. Hier sah es so anders aus, fast so wie in einem Krankenwagen. Alles war voll gestopft mit medizinischen Hilfsmitteln und Geräten. Es gab sogar ein EKG und ein Beatmungsgerät, an das Kendlroe Mick jetzt wieder anschloss. Er schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln und warf dann, wie auch Josef, einen besorgten Blick hinaus aus dem Fenster, das leider nicht in Beths Reichweite war. Sie schloss für einen Moment die Augen und betete inständig, dass die Leute von der Legion sie nicht doch noch erwischten. Erst als der Hubschrauber langsam in die Höhe stieg, flaute die Angst in ihr langsam wieder ab. Sie sah, dass Josef seine Augen schloss und einen tiefen, erleichterten Atemzug machte. Es war schön, zu sehen, dass sie nicht die Einzige war, die sich fortwährend Sorgen machte. Sie kam sich sonst so überempfindlich und schwächlich vor, aber im Grunde genommen hielt sie sich noch ganz gut, wenn man bedachte, was sie alles in den letzten Stunden durchgemacht hatten.
Ein leichtes Rütteln ging durch den Hubschrauber, als sie eine etwas steilere Kurve flogen, und Mick bewegte zu Beths Erstaunen plötzlich den Kopf.
„Wacht er auf?" wandte sie sich an den Arzt, der sofort besorgt den Monitor des EKGs betrachtete, dessen Piepen nun in deutlichen kürzeren Abständen ertönte. „Ich hoffe nicht", gab er angespannt zurück. Doch seine Hoffnung zerplatzte, als Micks Lider anfingen, zu zucken und sich schließlich öffneten.
„Verfl…" Der Arzt sprach nicht weiter, sondern lehnte sich so über Mick, dass er dessen Oberarme auf die Liege drücken konnte. Beth verstand bald wieso, denn obwohl Mick eigentlich keine Kraft besaß, begann sich plötzlich sein Oberkörper zu heben und ein merkwürdiges würgendes Geräusch drang aus seiner Kehle, während in seine glasigen Augen nackte Panik geschrieben stand.
„Das ist ein Tubus", brachte der Arzt gepresst hervor, „der hilft dir beim Atmen! Hör auf, dich dagegen zu wehren! Entspann dich!"
Doch die Worte des Mannes kamen nicht an. Mick würgte und röchelte, sein Körper zuckte und er warf seinen Kopf hin und her, während die Geräte um ihn herum in lautes Schrillen ausbrachen.
„Wir müssen ihn neu sedieren!", rief der Sanitäter aufgebracht, doch der Arzt schüttelte vehement den Kopf. „Er hat schon zu viel davon bekommen – das verträgt er nicht schon wieder..."
Beths Herz raste, als sie sich vor lehnte und die Hände nach Micks Gesicht ausstreckte. Es gelang ihr mit Mühe, seinen Kopf festzuhalten und sein Gesicht zu sich zu drehen.
„Mick! Mick – sieh mich an!" forderte sie ihn mit fester Stimme auf und das Wunder geschah. Seine Augen blieben tatsächlich an den ihren hängen, waren das erste Mal dazu in der Lage, die Person vor sich wenigstens halbwegs zu erkennen und seine Gegenwehr erstarb augenblicklich. Eine Mischung aus Verwirrung, tiefer Sehnsucht und Hilflosigkeit zeigte sich in dem dunklen Blau seiner Augen und ließ eine Welle der Wärme und Zuneigung über Beths Körper hinweg gleiten. Ein zärtliches Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„So ist gut", brachte sie leise hervor. „Wir wollen dir nur helfen. Du darfst dich nicht gegen den Schlauch in deiner Luftröhre wehren. Er hilft dir beim Atmen." Sie wusste nicht, ob er ihre Worte überhaupt verstand, aber der Kontakt mit ihren Augen und die Berührung ihrer Hände schienen ihn zu beruhigen.
„Alles wird gut", versprach sie und hob eine Hand, um sanft über seine Stirn und das kurze, weiche Haar zu streichen. Seine Lider wurden schwerer und sie spürte, wie er anfing, sich zu entspannen. „Ich pass auf dich auf", flüsterte sie und blinzelte die lästigen Tränen weg, die in den letzten Tagen zu ihrem ständigen Begleiter geworden waren. Sie nahm gar nicht mehr wahr, dass noch andere Menschen in diesem Hubschrauber waren, dass der Arzt sich langsam aufrichtete und Mick loslassen konnte und Josef sich mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung zurück an die kalte Wand des Hubschraubers lehnte. Für sie gab es plötzlich nur noch Mick, der sie so dringend brauchte, wie sie einst ihn gebraucht hatte. Ihre Finger zeichneten zärtlich die Konturen seines Gesichtes nach, streichelten seine blasse, warme Haut, bis sich seine Augen wieder schlossen und das EKG das gleichmäßige Piepen von sich gab, das sie auch schon zuvor vernommen hatte. Und auch dann wich sie nicht von seiner Seite. Sie wollte, dass er sich sicher und geborgen fühlte, dass er auch im Schlaf spürte, dass sie da war und, ohne es selbst zu bemerken, begann sie leise zu summen. Sie summte ein Kinderlied, das sie ihr Leben lang begleitet und ihr immer so viel Trost und Ruhe gespendet hatte, wenn sie sich schlecht gefühlt hatte. Heute wusste sie wieso… und ihr war bewusst: Diese Mal war es Mick, der die Geborgenheit in den Armen eines Schutzengels brauchte, der ihn sicher nach Hause brachte. Wo immer das auch war…
