Dämmerung
„Unendlich ist die Welt und dennoch verschwindet ihre Unendlichkeit gegenüber dem Gehalt eines Kleinsten, wie es ein edler Mensch ist, über dessen Gewinn oder Verlust wir alle Sterne vergessen."
(August Pauly, 1905)
Eigentlich mochte ich Partys. Natürlich mussten sie Stil haben und nur für ausgewählte Gäste zugänglich sein, aber dann waren sie meist sehr amüsant und überschütteten uns Vampire nahezu mit Möglichkeiten, unseren wundervollen animalischen Trieben nach Sex und Blut nachzukommen. Außerdem bargen sie für mich auch noch die Möglichkeit, neue wichtige Kontakte zu knüpfen oder andere einflussreiche Vampire wiederzusehen, die ich schon für eine Weile aus den Augen verloren hatte.
Die meisten Partys, die ich mochte, waren natürlich meine eigenen, auch wenn es viel Arbeit machte, Leute dafür auszusuchen, die alles Organisatorische übernahmen. Zumindest konnte ich so dafür sorgen, dass alles genau so arrangiert wurde und stattfand, wie ich es wollte. Doch wenn man in einem Jahr an zu vielen Partys hintereinander teilnehmen muss und einem das Lächeln schon schmerzhaft in die Gesichtsmuskeln eingewachsen ist, kann man auch dieser Art von Unterhaltung schnell überdrüssig werden.
Die Sommerparty in meinem neu erworbenen Haus in Beverly Hills bot eigentlich alles, was das Herz eines reichen Vampirs begehrte: schöne Frauen, gute Musik, bekannte Gesichter und viele Gelegenheiten sich irgendwo für ein paar Minuten abzusetzen, um eine kleine Mahlzeit einzunehmen oder anderen Gelüsten nachzugehen. Ich hatte beides erst gerade hinter mich gebracht und führte die junge Rothaarige, die sich mir so freundlich angeboten hatte, und deren Name mir partout nicht einfallen wollte, zurück zu ihrem etwas verwirrten Freund, als ich sie entdeckte. Sie war überirdisch schön, wie sie in diesem verboten eng anliegenden, dunkelblauen Kleid mit sanftem Hüftschwung durch die Terrassentür schritt, ein kokettes Lächeln auf den vollen roten Lippen, das jedes Männerherz schneller schlagen ließ. Als ihr dagegen eher unauffälliger Begleiter sich zu ihr herunter beugte und ihr etwas ins Ohr flüsterte, warf sie ihre dunklen Locken zurück und lachte glockenhell. Während die Männer in ihrer Nähe sie nur fasziniert anstarrten, schien er über ihre Reaktion eher etwas irritiert, wirkte fast verlegen. Ich musterte ihn kurz. Groß, sportlich, dunkles, mit zu viel Gel geglättetes Haar und ein sehr jungenhaftes, weiches Gesicht. Eigentlich war er gar nicht ihr Typ.
Ihre Augen wanderten suchend durch die Menge und blieben schließlich, wie erwartet, an mir hängen. Ein strahlendes Lächeln huschte über ihr blasses Gesicht. Sie beugte sich zu ihrem Neuerwerb vor, flüsterte ihm etwas ins Ohr und kam dann zusammen mit ihm zu mir herüber.
Ich begrüßte sie mit einem Lächeln und einem knappen Nicken. „Coraline…"
„Josef", brachte sie mit ihrer samtigen, immer etwas gelangweilt klingenden Stimme hervor. „Darf ich dir meinen jungen Freund hier vorstellen?" Sie erwartete nicht wirklich eine Antwort und registrierte kaum, dass ihr Begleiter, ein wenig verärgert über diese Bezeichnung, die Stirn runzelte. „Mick St. John", erklärte sie lächelnd und sah dann ihn an. „Josef Kostan, der Gastgeber und ein guter Freund." Das war etwas übertrieben. Ich hätte unsere Beziehung weder als gut noch als Freundschaft bezeichnet.
Wir musterten uns kurz, beide freundlich lächelnd, aber unterbewusst davon überzeugt, dass wir diese Begegnung nicht unbedingt vertiefen mussten. Dennoch bot er mir höflich die Hand und ich nahm sie an und musste feststellen, dass er einen überraschend festen Händedruck hatte. Es schien so, als wäre er doch nicht ein so entsetzliches Weichei, wie ich auf den ersten Blick gedacht hatte. Vom Nahen sah er auch nicht mehr ganz so jung und unschuldig aus. Er besaß ein recht markantes Kinn und einen leicht ironischen Zug um die Lippen.
„Freut mich", log er und überraschte mich erneut mit einer tiefen, sehr männlichen Stimme. Ich hatte eher mit etwas Hellerem, Höherem gerechnet.
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite", legte ich noch einen Zacken drauf. „Ich hoffe, ihr werdet euch hier wohl fühlen."
„Ganz bestimmt", gab er freundlich zurück und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das schon wieder eine Lüge war. Interessant – also kein Partyhengst.
„Mick ist Musiker", erklärte Coraline und ich konnte spüren, wie unangenehm es ihm war, so vorgeführt zu werden. Aber er lächelte tapfer und nickte zustimmend.
„Tatsächlich?" gab ich ebenfalls lächelnd zurück und nahm einen Cocktail von dem Tablett eines vorbei eilenden Bediensteten. „Hab' ich schon von dir gehört?"
Er schüttelte schnell den Kopf. „Nein, eher nicht. Wir… wir spielen bisher nur in Lokalen oder auf irgendwelchen Partys. Nichts Wichtiges."
„Und damit kann man sich über Wasser halten?", gab ich mein Erstaunen preis und fragte mich gleichzeitig, warum Coralines Ansprüche an die Männerwelt so gesunken waren.
Sein Lächeln wurde eine Spur zu freundlich. „Der Wert von Geld wird heute maßlos überschätzt…"
Ich lachte. „Das habe ich schon öfter gehört", gab ich zu. „Nachvollziehen konnte ich das allerdings nie."
„Das kann ich mir vorstellen!" gab er in einem Ton zurück, der deutlich zeigte, dass er nicht besonders viel von Menschen wie mir hielt.
„Mick, ich hab' irgendwie Durst", unterbrach Coraline leider unsere äußerst interessante Unterhaltung und er wandte sich mit einer Mischung aus Widerstand und anerzogener Höflichkeit zu ihr um. „Könntest du mir einen Drink besorgen?" fragte sie mit einem Augenaufschlag, der den stärksten Mann umhauen konnte, und Mick blieb nichts anderes übrig, als zu nicken und sich gleich auf den Weg zu machen.
Ich sah ihm einen Moment gedankenverloren nach. Er war der erste Mensch seit langer Zeit, der sich nicht vor mit bückte und versuchte sich einzuschleimen, um meine Gunst zu erwerben. Wirklich interessant.
„Dein neues Spielzeug?" fragte ich Coraline, ohne sie anzusehen.
„Hm, ich weiß noch nicht so recht", gab sie mit einem kleinen Seufzer zu. Nun blickte ich ihr doch in die schönen, dunkelbraunen Augen.
„Was willst du mit so einem Welpen?" fragte ich frei heraus. „Schmeckt er so gut?"
Sie lächelte geheimnisvoll. „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht."
Ich zog erstaunt die Augenbrauen zusammen. „Er ist keiner deiner Freshies?"
„Ich habe noch nicht einen Tropfen seines Blutes probiert", gab sie fast stolz zurück. „Ist das nicht wundervoll aufregend? Mit ihm zu schlafen und ihn nicht zu beißen, ist die süßeste Qual, die es auf Erden gibt!"
„Hast du Fieber?", hakte ich nicht wirklich besorgt nach. Ich hatte ja schon immer an Coralines Geisteszustand gezweifelt, aber das…
„Oder ist das nur dein üblicher Irrsinn?", setzte ich ohne Umschweife hinzu.
Sie lachte und ihre perfekten weißen Zähne blitzten mich dabei an. „Es ist wundervoll! Ich glaube, ich bin verliebt!"
„Ja, natürlich", gab ich ruhig zurück. „Und bald schon werdet ihr heiraten und ein Haus voll mit kleinen Vampirkindern haben."
Sie warf mir einen bitterbösen Blick zu und hob trotzig das Kinn. „Immerhin hat er mir schon einen Antrag gemacht."
Gott, der arme Kerl! Anscheinend hatte sie ihn schon länger an der Leine, als ich geahnt hatte, und er war ihr verfallen, wie alle anderen Kerle, die sie bisher in den Wahnsinn getrieben hatte.
„Den du hoffentlich abgelehnt hast", meinte ich. Aber statt eine Antwort zu geben, schenkte sie mir nur ein weiteres ihrer umwerfenden Lächeln.
„Das ist nicht dein Ernst!", entfuhr es mir jetzt doch etwas ungehalten.
„Warum nicht?" gab sie ruhig zurück. „Ich bin schon so lange allein…"
„Du willst ihn zum Vampir machen?" Ich konnte es kaum glauben. „Vielleicht solltest du ihm erstmal klar machen, was du bist! Außerdem hat der nun wirklich nicht das Zeug zum Vampir!"
„Du kennst ihn doch gar nicht", erwiderte sie etwas hochnäsig. „So einer wie du, wird aus ihm allemal…" Ein strahlendes Lächeln glitt über ihr Gesicht und mir war sofort klar, dass sich Coralines ‚Verlobter' von irgendwoher nähern musste.
„Das… das ist irgendwie seltsam", konnte ich ihn sagen hören, noch bevor er sich an mir und einem nahe stehenden anderen Gast vorbei schob. „Siehst du den Mann dort hinten…" Er wies mit einem der Gläser, die er in den Händen trug, auf einen gemeinsamen Freund von Coraline und mir, der sogleich freundlich herüber winkte. Ein Vampir natürlich. Mick erwiderte den Gruß mit einem gestelzten Lächeln und drehte sich dann schnell zu Coraline um. „Der sieht ganz genauso aus, wie der Freund deines Großvaters auf diesem alten Bild, das ich letztens auf deinem Tisch gefunden habe", raunte er ihr zu.
Ich verkniff mir ein Lachen und zwinkerte Coraline kurz zu. „Wirklich?" fragte ich dann Mick interessiert. Seine Brauen zogen sich ob dieses Interesses ein wenig verärgert zusammen.
„Finde ich nicht", gab sie lächelnd zurück und nahm ihm eines der Gläser aus der Hand.
„Nicht?" Er sah noch einmal hinüber. „Ich habe normalerweise ein ziemlich gutes Gedächtnis, was Gesichter angeht…"
„Aber hier irrst du dich", wandte sie ein und entdeckte zu ihrem Glück zufällig eine bekannte Person in der Menge, die sie freudig anstrahlte.
„Entschuldige mich, da ist jemand, mit dem ich unbedingt sprechen muss", sagte sie sanft.
Damit ließ sie ihn einfach bei mir stehen. Anscheinend traute sie mir nicht zu, dass ich ihm einfach alles erzählen würde – und genau aus diesem Grund dachte ich tatsächlich darüber nach, aber ich verwarf den Gedanken schnell wieder. Mehr Spaß machte es doch, Coralines neues Spielzeug ein wenig auszutesten. Es musste doch einen Grund geben, warum sie es tatsächlich in Erwägung zog, diesen Kerl zum Vampir zu machen.
„Und? Wie habt ihr euch kennengelernt", eröffnete ich das Gespräch, nachdem er eine Zeit lang noch mit nachdenklich gerunzelter Stirn unseren lieben Edward betrachtet hatte.
„Auf einer Party", antwortete er etwas abwesend, wandte sich aber zu mir um. „Meine Band hat dort gespielt…Und woher kennt ihr euch?"
„Och, das ist eine ganz ähnliche Geschichte", meinte ich und nippte an meinem Drink, den ich für eine Weile völlig vergessen hatte.
„Du hast in einer Band auf einer ihrer Partys gespielt?", war die nicht ganz ernst gemeinte Frage und eine seiner Brauen wanderte skeptisch nach oben.
„Nein, mir gehörte der Dampfer, auf dem die Band gespielt hat", sagte ich leichthin und Mick nickte verstehend, während sich ein kühles Lächeln auf seine Lippen stahl. Der Ausdruck in seinen Augen sagte mir deutlich, dass er mich für ein arrogantes, reiches Arschloch hielt. Und das kam ja ungefähr hin…
„Und wann genau habt ihr euch kennen gelernt?" fragte er dennoch.
Vor ungefähr einhundertfünfzig Jahren. Wusstest du eigentlich, dass deine ‚Verlobte' früher eine französische Kurtisane war?
„Oh, das ist schon so lange her", sagte ich gedehnt. „Ich kann mich gar nicht so recht daran erinnern. Sagen wir, wir sind sehr, sehr alte Freunde."
Mick zog nachdenklich seine Brauen zusammen und ein leichtes Funkeln blitzte in seinen blauen Augen auf. Anscheinend war er einer von der eifersüchtigen Sorte. Das würde mit einer Frau wie Coraline allerdings ziemlich schwierig werden. Treue und Ehe waren für sie nur leere Worthülsen. Er sah allerdings danach aus, als würde er tatsächlich gern ein Häuschen mit Garten, eine liebende Ehefrau und viele kleine Kinder haben wollen.
„Ihr wollt also heiraten?" fragte ich nach und konnte ihn dieses Mal wirklich überraschen.
„Hat… hat sie dir das erzählt?" gab er verblüfft zurück und wies mit dem Daumen über seine Schulter ungefähr in die Richtung, in der sich Coraline in der Aufmerksamkeit gleich dreier Männer sonnte. Zum Glück lenkte ihn meine Frage so sehr ab, dass ihm dieses Detail entging.
„Überrascht dich das?", erkundigte ich mich.
„Ein wenig…", brachte er zögernd hervor. „Vor allem, weil sie mir noch nicht wirklich eine Antwort auf meinen Antrag gegeben hat."
„Hoppala, ein Fettnäpfchen", entfuhr es mir wenig überzeugend. „Sie hat halt Freude daran, die Menschen immer ein wenig zappeln zu lassen…"
Mick nahm einen großen Schluck von seinem Getränk und nickte dann überraschend. „Das hat sie", gab er etwas niedergeschlagen zu und fast tat er mir leid. „Aber sie… sie ist etwas Besonderes…"
Ja, natürlich. Sie ist ein Blutsauger und wird dir bald ihre schönen, weißen Zähne in deinen wohl geformten Hals rammen. Hm, der Gedanke machte mir wirklich Appetit, obwohl ich gerade erst gegessen hatte. Eines musste man dem Jungen nämlich lassen: er roch unwiderstehlich gut. Blutgruppe A, ganz bestimmt. Negativ oder positiv?
Meine Augen blieben etwas zu lange an seinem Hals hängen, denn er bedachte mich mit einem fragenden Blick.
„Ich überlege nur, was das für ein Hemd ist", erklärte ich lächelnd und betrachtete noch einmal demonstrativ das elegante, dunkelblaue Hemd, das er trug. Ton in Ton mit seiner Freundin. Wie süß…
Mick zupfte an dem seidigen Stoff und zuckte dann unschlüssig die Schultern. „Keine Ahnung. Coraline wollte, dass ich das trage. Sie hatte wohl Angst, dass ich im Hawaiihemd komme." Er musste lachen und ich war wirklich fasziniert. Da war nichts Aufgesetztes, Unechtes an ihm. Er zeigte mir, wer er war, ohne Angst davor zu haben, zu viel von sich selbst preiszugeben. Und das, obwohl er mich noch nicht einmal sonderlich mochte. So etwas gab es heutzutage nur noch selten und es war äußerst unterhaltsam.
„Ich kann mir so etwas eigentlich nicht leisten", gab er lächelnd zu. „Aber… ich brauche es auch nicht wirklich."
„Wo wir dann wieder beim Thema Geld wären", erinnerte ich ihn und er nickte etwas gelangweilt.
„Das scheint dich viel zu beschäftigen", stellte er fest.
„Dich nicht?" Ich war wirklich gespannt auf die Antwort.
„Doch natürlich", gab er offen zu. „Aber ich denke bei mir ist es eher der Mangel daran und die Sorgen, die damit verknüpft sind."
„Also besitzt es auch für dich einen gewissen Wert?" kam ich zu seiner Bemerkung von vorhin zurück.
Er nickte. „Dennoch gibt es eine Menge Dinge, die wichtiger sind."
Ich zog die Brauen hoch. „Welche?"
Er dachte einen Moment nach. „Gesundheit… Freundschaft… Liebe…"
Ich zuckte leichthin die Schultern. „Das krieg ich auch für Geld."
„Nein", sagte er fest und schenkte mir ein Lächeln, das fast so selbstsicher war, wie das meinige. „Ganz bestimmt nicht. Wahre Freundschaft und Liebe kann man nicht kaufen. Die muss man sich hart erarbeiten."
Es war schon eigenartig. Wenn ich darüber nachdachte, wie Mick und ich uns kennengelernt hatten… niemand wäre damals auch nur im Entferntesten darauf gekommen, dass wir eines Tages die besten Freunde sein würden. Niemand hätte gedacht, dass Mick zu dem wichtigsten Menschen in meinem langen Leben werden könnte und ich eines Tages alles dafür geben würde, um ihn am Leben zu erhalten. Hier saß ich nun fest, auf einer Farm irgendwo im Nirgendwo und war am Ende aller meiner Möglichkeiten und Kräfte. Ich war bereit, alles, was ich besaß, zu opfern, um Mick zu retten. Ich hätte mein gesamtes Vermögen aufgegeben, meine eigene Unsterblichkeit, mir beide Arme abgehackt, aber das alles konnte ihm nicht helfen. So wie es aussah, gab es tatsächlich nichts mehr, was ich für ihn tun konnte.
Der Transport in unser neues, ‚schickes' Versteck war gut verlaufen und ich hatte dafür gesorgt, dass alles in unserem Unterschlupf auf die Aufnahme eines Intensivpatienten vorbereitet war. Ich hatte einen brillanten Arzt, alle notwendigen medizinischen Geräte, Medikamente, Blutkonserven und natürlich ein ordentliches Bett organisiert. Und dafür, dass ich so unter Zeitdruck gestanden hatte, sah alles ziemlich perfekt aus. Mit Geld konnte man in dieser Welt wahre Wunder vollbringen.
Eine Zeit lang hatte uns alle der Optimismus überfallen und wir hatten uns entspannen und wieder scherzen können – jedenfalls für ein paar Stunden. Dann war auf einmal Micks Temperatur gestiegen und seine Vitalwerte hatten einen deutlichen Absturz hinter sich gebracht, sodass es notwendig gewesen war, Micks Kreislauf erneut mit Medikamenten und Flüssigkeitsinfusionen anzukurbeln. Es hatte geholfen – erneut nur für ein paar Stunden, dann ging es wieder stetig abwärts, ganz gleich was medizinisch für ihn getan wurde.
Das war genau der Punkt gewesen, an dem August versucht hatte, uns schonend beizubringen, dass sich die Prognose des Krankenhausarztes nun leider doch zu erfüllen schien. Irgendwo in Micks Körper breiteten sich durch die Kugeln eingebrachte Mikroorganismen aus, die zu akuten Infektionen führten. Die Antibiotika, die Mick erhielt, konnten diese Infektionen allein nicht aufhalten. Sie waren auf die Mechanismen in Micks Körper angewiesen, die aus mangelnder Kraft, nicht mehr so funktionierten, wie bisher. Sein Kreislauf machte langsam aber sicher schlapp. Der Kampf war nahezu aussichtslos.
Beth hatte nach dieser Nachricht wieder angefangen zu weinen, aber sie war nicht zusammengebrochen. Sie wollte ihre Hoffnung nicht aufgeben, dass Mick es doch noch irgendwie schaffen konnte. Sie glaubte an das Wunder, das wir uns beide so herbeisehnten. Nur ließ es sich verdammt viel Zeit. Und so saß ich nun schon seit Stunden stumm an Micks Bett und sah ihm einfach nur beim Sterben zu, hilflos und so schrecklich verzweifelt, wie schon lange nicht mehr. Beth war in einem anderen Sessel mir gegenüber vor Erschöpfung eingeschlafen und ich hatte sie, als ich das Zimmer betreten hatte, mit einer warmen Decke zugedeckt. Es war gut für sie, dass sie endlich schlief, aber ich selbst fühlte mich dadurch einsamer als jemals zuvor. Ich rieb mir die brennenden Augen und lehnte mich zu Mick vor, stützte mich mit einem Arm auf den Rand seines Bettes und sah ihn einfach nur an, betrachtete mit zugeschnürter Kehle sein ausgezehrtes Gesicht. Wie von selbst wanderte eine meiner Hände zu seinem Kopf und legte sich auf seine viel zu heiße Stirn. Ich hatte das Gefühl, als könnte ich spüren, wie seine Lebensenergie aus seinem schlaffen Körper herausströmte und so sehr ich es auch wollte – ich konnte sie nicht festhalten.
„Du willst dich wirklich verabschieden, was?", brachte ich nur ganz leise hervor und schluckte schwer, weil Tränen in meine Augen drängten. „Es gibt hier eine ganze Menge Leute, die nicht damit einverstanden sind, weißt du?"
Es war merkwürdig, aber irgendwie tat es gut, mit ihm zu reden, selbst wenn er wahrscheinlich gar nicht wahrnahm, dass ich da war.
„Mich eingeschlossen", setzte ich hinzu, als wäre das nicht klar. „Aber darum hast du dich ja noch nie geschert." Ich stieß ein trauriges Lachen aus, als ich an die vielen Situationen denken musste, in denen Mick einfach das getan hatte, was er für richtig gehalten hatte – ganz gleich, ob er sich damit unbeliebt gemacht oder selbst in Gefahr gebracht hatte. Wenn sein Temperament mit ihm durchbrannte, war er nicht mehr zu halten…
„Ich würde nur gerne…" Meine Stimme brach und ich senkte meinen Kopf, um tief einzuatmen und den Kloß in meinem Hals zu bewältigen. „Es gibt noch so Vieles, was wir gemeinsam tun könnten, so Vieles, was wir erleben könnten…" Ich sah in sein bewegungsloses Gesicht, das langsam vor meinen Augen verschwamm. „Und so Vieles, was ich dir erzählen will… Aber ich weiß noch nicht einmal, ob du mich hören kannst. Oder wie du dich fühlst. Kannst du mir nicht irgendwie sagen, ob ich etwas für dich tun kann?"
Natürlich kam keine Reaktion. Ich hatte auch nicht wirklich damit gerechnet, aber dennoch schürte es meinen Schmerz und meine Verzweiflung.
„Was… was soll ich nur machen?", drang es mir heiser aus der Kehle. „Ich… ich will dir so gern helfen, Mick… aber ich weiß… weiß nicht wie…" Ich atmete stockend aus und fuhr mir mit der Hand über das Gesicht, wischte die Tränen weg, bevor sie über meine Wangen rollen konnten. „Gott, Mick, sag' mir doch wie…", stieß ich hilflos hervor.
Ich erschrak, als sich plötzlich seine Lider bewegten und richtete mich abrupt auf. Mick war seit seinem Anfall im Helikopter nicht mehr wach gewesen und irgendwie macht mir das jetzt Angst. Tatsächlich schlug er matt die Augen auf und sah mich an – mich direkt, so als würde er mich erkennen. Es fiel ihm deutlich schwer, wach zu bleiben, immer wieder fielen ihm die Augen zu, doch er riss sie wieder auf, so als wollte er mich unbedingt ansehen. Und plötzlich war ich mir sicher, dass er mich zuvor gehört hatte, dass er mir tatsächlich etwas mitteilen wollte. Doch er konnte nicht. Ein Schlauch steckte in seinem Hals und wahrscheinlich hätte er so und so nicht die Kraft gehabt, zu sprechen.
Ich beugte mich mit wild klopfendem Herzen wieder zu ihm vor. „Was… was willst du mir sagen, Mick?" fragte ich und versuchte angestrengt, in der Mimik seines Gesichtes zu lesen.
Er sah erst mich an und blickte dann müde an mir vorbei. Ich wandte mich ein wenig um und erfasste dort nur den Tropf, der ihm die so nötig gebrauchte Flüssigkeit zuführte.
„Du willst das nicht mehr?" riet ich, doch er bewegte den Kopf etwas zur Seite, ein Kopfschütteln andeutend. Was dann? Meine Gedanken überschlugen sich. Der Tropf… der Tropf führte ihm etwas zu… was konnte man ihm noch zuführen? Blut!
„Geht es um Blut, Mick?" schoss es gleich aus mir heraus und mein Herz machte einen Sprung als ein schwaches Nicken die Antwort war. Mick schloss wieder die Augen.
„Nein, Mick, warte… bleib hier!" Ich legte wieder eine Hand an seinen Kopf und er öffnete erneut die Augen. „Okay… Blut… du brauchst Blut?"
Keine Reaktion. Jetzt reichte die Kraft nicht einmal mehr für ein angedeutetes Kopfschütteln… oder Nicken?
„Mick?" Die Verzweiflung in meiner Stimme war nicht zu überhören und da… war das nicht eine leichte Bewegung zur Seite?
„Du brauchst es nicht?" Meine Gedanken rasten noch schneller als mein Puls. „Geht es um dein Blut?"
Ja! Das war eindeutig ein Nicken.
„Mit deinem Blut ist etwas nicht in Ordnung…" Das war keine wirklich neue Information. Ich konnte es sogar riechen. Eigenartigerweise hing da auch immer noch ein Hauch Vampirduft an Micks Körper, obwohl er ganz offensichtlich ein Mensch war.
„Ist etwas in deinem Blut, das da nicht hingehört?" hakte ich fiebrig nach. Doch Micks Lider flatterten schon wieder so komisch und dann fielen sie erneut zu.
„Mick?" Ich suchte nach einem Zeichen, dass er wieder zu sich kommen würde, doch es kam nicht. Diese kargen Informationen waren wohl alles, was er mir hatte geben können. Aber vielleicht genügten sie. Ich war glücklicherweise mit einem schnellen, wachen Verstand gesegnet worden und dieser war tatsächlich dazu in der Lage, rasend schnell Schlüsse zu ziehen. Ich stand rasch auf und verließ das Zimmer, eilte hinüber in den Wohnbereich unseres Unterschlupfs. August saß auf der alten Couch in der Mitte des Raumes und sah fragend von der Zeitung auf, die er gerade las.
„Hast du schon die Auswertung des letzten Bluttests bekommen", fragte ich ohne Umschweife und er sah mich stirnrunzelnd an.
„Ja, vorhin", gab er zurück und beugte sich zu seinem Laptop vor, der vor ihm auf dem wackeligen Couchtisch stand. Er drückte auf eine Taste und der verdunkelte Bildschirm erwachte zu neuem Leben. „Die Werte haben sich, wie angenommen, deutlich verschlechtert und…"
„Darum geht es nicht", unterbrach ich ihn unwirsch und setzte mich nach einem Moment des Zögerns – die Couch sah wirklich unappetitlich aus – neben ihn. „Gibt es irgendwelche Auffälligkeiten?"
August hob nachdrücklich die Brauen. „Meinst du das ernst?"
„Ja. Ich möchte wissen, ob wir irgendetwas übersehen haben", gab ich angespannt zurück. „Irgendetwas, was nicht ganz so auffällig ist, aber seinen Zustand doch beeinflussen könnte."
August nickte verstehend und rief dann eine Datei in seinem Laptop auf, die er schnell überflog. Nach einem kurzen Moment stutzte er. „Ja, hier, warte…. Das muss ich vorhin nicht wirklich registriert haben in all der Aufregung…"
„Was?" hakte ich aufgebracht nach.
„Eine winziger Hauch von Silber…", erklärte er und mein Herz machte einen schmerzhaften Satz gegen meinen Brustkorb. „Kein reines Silber, eher ein Gemisch… komisch…"
„Das ist es!" entfuhr es mir, aber August schüttelte den Kopf.
„Er ist kein Vampir, Josef", wandte er schnell ein. „In dieser Menge schadet es einem Menschen nicht."
„Ja, aber es könnte verhindern, dass er sich wieder in einen Vampir verwandelt!" Ich war mir so sicher, dass ich die Freude aus meiner Stimme kaum noch heraus halten konnte.
„Was… was meinst du damit?" fragte August irritiert.
„Micks Ex-Frau Coraline hat es mithilfe eines Heilmittels auch schon einmal geschafft, zu einem Menschen zu werden", gab ich so ruhig, wie es mir in dieser Situation möglich war, zurück. „Als sie schwer verletzt wurde, hat sie sich automatisch wieder zurück in einen Vampir verwandelt!"
Augusts Verstand arbeitete ähnlich schnell wie der meine. „Dass heißt, dieses Mittel hat den Vampir in ihr nur verdrängt und nicht ausgelöscht", schloss er mit großen Augen.
„Ganz genau!", entgegnete ich. „Nehmen wir mal an, Mick hat ein ähnliches Mittel bekommen und der Vampir in ihm ist auch noch in irgendeiner Form vorhanden…"
„…dann wird er durch das Silber in seinem Blut daran gehindert, sich wieder Micks Körper zu bemächtigen!" beendete August meinen Satz aufgeregt.
„Es würde alles erklären – die merkwürdigen Selbstheilungsprozesse, seinen Geruch…." Ich sah ihn eindringlich an, doch Augusts Begeisterung schien, je länger er darüber nachdachte, langsam wieder zu verfliegen.
„Und wenn nicht?", gab er zu bedenken.
„Kann es denn schaden, das Silber aus seinem Blut zu holen?", fragte ich zurück und zu meiner Enttäuschung nickte er.
„Ja, weil es nur einen Weg gibt, wie wir das machen können", sagte er ernst. „Mit einer Dialyse."
Ich bedachte ihn mit einem verständnislosen Blick.
„Das ist ein Blutreinigungsverfahren", erklärte August rasch. „Wir müssten das Blut aus Micks Körper in ein Gerät pumpen, wo es dann von allen Schadstoffen gereinigt und wieder zurück in den Körper geleitet wird. So etwa führt man normalerweise nicht bei schwer verletzten Menschen durch, da es den Kreislauf extrem belastet."
Ich verstand, was er mir sagen wollte, aber wir hatten keine andere Wahl. „Könntest du an so ein Gerät herankommen?"
„Ja, aber…" Er sah mich zweifelnd an. „Hast du mir zugehört? Wenn du dich irrst, werden wir ihn damit umbringen. Sein Körper wird sich davon nicht mehr erholen…"
Ich biss die Zähne zusammen und holte tief Luft. „Hat er eine Chance – eine reale Chance gesund zu werden, wenn wir jetzt einfach nur abwarten?"
August ließ seinen Blick wieder zurück zu seinem Laptop wandern, auf dem noch immer die Daten des Blutbildes zu sehen waren. Dann sah er mich wieder an und schüttelte den Kopf.
„Besorg das Gerät und bereite alles für diese Blutwäsche vor", sagte ich leise, wandte mich um und machte mich auf den Weg zurück in Micks Zimmer. Ich musste dringend mit Beth sprechen.
Es war eine Chance gewesen, eine winzig kleine, aber sie war da gewesen. Leider war die Hoffnung, die sie mit sich gebracht hatte, um vieles größer gewesen und sie war es, die jetzt diesen Schmerz nach sich zog, diesen aushöhlenden, tiefen Schmerz neben dieser unglaublichen Hilflosigkeit.
Beth machte Josef keine Vorwürfe. Als er ihr von seiner Idee erzählt hatte, war sie sich sicher gewesen, dass sie Mick tatsächlich noch retten konnten. Alles war so logisch gewesen, so sinnvoll… Aber manchmal kamen die Dinge doch anders, manchmal irrten sich Menschen und manchmal blieben die Wunder einfach aus.
Mick war ein Mensch und er blieb ein Mensch, auch nach der Reinigung seines Blutes. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst und das Leben zerrann ihm unter den kraftlosen Fingern, mit jedem Atemzug, den die Beatmungsmaschine ihn machen ließ, mit jeder Sekunde, die verging. Wahrscheinlich hatten sie sein Leid nur ein wenig abgekürzt, wahrscheinlich wäre er so und so bald gestorben, aber das war kein wirklicher Trost, weder für sie, noch für Josef, der seit einiger Zeit vor Micks Bett auf und ab lief und stumm in seinem eigenen ihn zerfressenden Leid gefangen war. Beth wusste, dass er sich schlimme Vorwürfe machte, dass er sich immer wieder fragte, wie er sich so hatte irren können, und dass er es kaum ertragen konnte, Mick sterben zu sehen, ohne etwas dagegen tun zu können. Sie wollte ihm gern helfen, ihn trösten, ihm sagen, dass er richtig gehandelt hatte – aber sie konnte nicht. Sie war nicht stark genug dafür. Ihre eigene Trauer und Verzweiflung drückte sie so nieder, dass sie schon seit einer Weile nicht mehr stehen konnte. Sie saß zusammengekauert in dem alten Sessel an Micks Bett und versuchte, wenigstens die letzten Minuten an seiner Seite mit Fassung zu tragen, ihm immer wieder sanft über das erhitzte Gesicht streichelnd und ihm auf diese Weise zeigend, wie sehr sie ihn liebte.
Sie warf einen langen, besorgten Blick auf Josef, als dieser ein weiteres Mal vor Micks Bett stehen blieb und ihn bittend ansah, ihn stumm anflehte, eine Regung von sich zu geben, die zeigte, dass sie ihm doch irgendwie hatten helfen können. Doch sie kam nicht, würde auch nicht mehr kommen, da war sich Beth mittlerweile sicher. Sie war erstaunlich gefasst, als sie Josef ansprach.
„Du solltest einen Moment Pause machen und etwas Blut zu dir nehmen", sagte sie sanft. „Du siehst grauenvoll aus, Josef." Und damit hatte sie Recht. Josefs Gesicht war aschfahl, die Ringe unter seinen Augen glichen tiefen Kratern und seine Augen waren rot gerändert.
Er schüttelte den Kopf, aber sie konnte spüren, dass sein Widerstand nicht sehr groß war. Dieses Zimmer zu verlassen – und waren es auch nur zehn Minuten – würde ihm gut tun und ihm vielleicht die Kraft geben einzusehen, dass sie ihren Kampf um Mick verloren hatten und ihre Aufgabe nur noch darin bestand, ihm einen möglichst schmerzfreien, leichten Abschied zu ermöglichen.
„Es dauert noch", setzte sie leise hinzu und rechnete mit einem Widerspruch, einem Auflehnen gegen die Aussage, die hinter diesem Satz lag. Doch das passierte nicht. Stattdessen wandte sich Josef rasch um und verließ leise das Zimmer. Beth atmete zitternd aus, strich Mick noch einmal über die verschwitzte Stirn und richtete sich dann vorsichtig auf. Ihre Beine waren nicht mehr ganz so weich wie vor einer Stunde, als klar geworden war, dass die Dialyse Mick nicht geholfen hatte, aber ein wenig wackelig fühlte sie sich schon noch, als sie vorsichtig zum Fenster lief und hinaus in die wieder einsetzende Dämmerung blickte. Es war schon erstaunlich, wie schnell manchmal die Zeit verging. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass sie Mick erst in der letzten Nacht gefunden hatten. Ihr war, als wäre das schon eine halbe Ewigkeit her. Sie hatten ihn gefunden, um ihn erneut zu verlieren. Endgültig. Nun drang doch ein leises Schluchzen aus ihrer Kehle und sie stützte ihr Gesicht in ihre Hand, ließ ihren Tränen freien Lauf. Warum? Warum war das Leben manchmal so grausam und so furchtbar unfair?
Sie versuchte, tief durchzuatmen, aber es fiel ihr so schwer, so furchtbar schwer, weil der Druck auf ihrer Brust so groß war. Doch dann hielt sie inne. Sie hatte ein Geräusch gehört – ein eigenartiges Geräusch… aus Micks Richtung.
Sie warf sich herum und erstarrte für einen Moment. Mick lag nicht mehr stumm und kraftlos da – er krümmte sich auf seinem Bett, hob seinen Oberkörper an, während sich sein Kopf schmerzhaft zurück bog und sich seine Hände in die Matratze krallten, als würde sein Körper von einem einzigen schlimmen Krampf gepeinigt werden. Dabei stieß er ein ersticktes, schmerzerfülltes Gurgeln aus, das Beth durch Mark und Bein ging. Sie eilte entsetzt zu ihm hinüber, als er gerade auf die Seite kippte, und ergriff seine Schulter, um ihn wieder umzudrehen. Dann ging plötzlich alles ziemlich schnell. Sein Arm fuhr schwungvoll herum und traf sie seitlich mit solcher Wucht, dass sie rückwärts vom Bett geschleudert wurde und schmerzhaft mit dem Kopf gegen die Armlehne des Sessels knallte. Für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen und alles drehte sich um sie. Dennoch bekam sie mit, dass das Kabel zum EKG aus seinem Anschluss gerissen wurde, als Mick sich auf dem Bett herumwarf und ein Scheppern auf der anderen Seite verriet ihr, dass auch der Tropf zu Boden ging. Ihr Herz pochte heftig, als sie taumelnd versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Gott, sie musste Mick helfen. Er hatte irgendeinen Anfall… irgendetwas Schreckliches passierte mit ihm…
Eine neue Welle des Entsetzens packte sie, als sie beim Aufstehen registrierte, dass Mick es irgendwie gelungen war, mit beiden Händen den Aufsatz des Tubus zu packen und ihn sich nun eigenhändig mit einem weiteren schmerzerfüllten, gurgelnden Laut aus der Luftröhre zu reißen. Dann blieb er still liegen. Beth zog sich voller Angst an dem Bett hoch, fiel ein Stück nach vorne und streckte schwer atmend eine Hand nach der zusammen gekrümmten Gestalt aus. Ihr entfuhr ein überraschter Schrei, als Mick sich mit einem tierischen Fauchen zur anderen Seite warf und krachend zu Boden ging. Es rumpelte noch einmal kurz, irgendetwas schlug gegen die Nachttischlampe, die klirrend zu Boden ging und dann kehrte Stille ein – beängstigende Stille. Das einzige Licht, dass jetzt noch ins Zimmer fiel, war das Licht der untergehenden Sonne.
Beth konnte ihren Herzschlag in ihrem schmerzenden Schädel und sich selbst unnatürlich laut atmen hören, während ihr Verstand ihr laut zubrüllte, endlich jemand anderen herbei zu holen. Doch ihre eigene natürliche Angst wurde von einem unglaublichen Gefühl der Freude übertönt, denn ein Gedanke schälte sich immer deutlicher aus ihrem umnebelten Geist – Mick war plötzlich alles andere als ein Mensch, der im Sterben lag. Mensch war hier wahrscheinlich gar nicht mehr das richtige Wort. Großer Gott, Josef hatte Recht gehabt! Die Freude kippte um in Euphorie.
„Mick?" stieß sie leise hervor, weil sich ihre Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnten und sie meinte, eine Gestalt ausmachen zu können, die sich zitternd in die Ecke neben dem Bett gekauert hatte. Sie krabbelte ein wenig auf dem Bett vorwärts.
„Mick?" fragte sie wieder und ihre Stimme überschlug sich vor Aufregung fast.
Ganz langsam bewegte er seinen Kopf in ihre Richtung, ganz langsam hob er den Blick und erfasste ihre Gestalt. Seine Körperhaltung veränderte sich. Er wandte sich ihr zu, legte den Kopf schräg und starrte sie an mit seinen weißblauen, kalten Augen und einem Blick, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Und mit einem Mal wurde Beth bewusst, dass vor ihr, zum Sprung bereit, nicht Mick kauerte, sondern eine Bestie, in deren nun fast glühende Augen vor allem eines geschrieben stand: Die tödliche Gier nach menschlichem Blut.
