Evolution


Nichts in der Biologie ergibt Sinn, außer im Lichte der Evolution."

(Theodosius Dobzhansky)


Beth war furchtbar angespannt, als sie den langen Gang zu Micks Wohnung hinunterging und wusste wirklich nicht genau, ob sie das Richtige tat. Josef hatte ihr zwar versichert, dass das der einzige Weg war, um Mick davon abzuhalten, sich wieder zurück zu ziehen, aber wirklich überzeugt war sie davon nicht. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie die ganze Sache einfach angesprochen und mit Mick ausdiskutiert, aber Josef war der Ansicht, dass man mit Mick über ‚Missgeschicke' wie diesem nicht wirklich reden konnte. „Da kannst du dich auch vor die Freiheitsstatue stellen und sie bitten, mal den anderen Arm zu heben", hatte er ihr am Telefon gesagt. „Wahrscheinlich hast du da sogar mehr Erfolg."

Wenn Beth darüber so nachdachte, hatte Josef wahrscheinlich Recht. Sie kannte Mick jetzt lange genug, um zu wissen, dass er eine Person ganz besonders hart und unnachgiebig behandelte – und zwar sich selbst. Sich selbst zu verzeihen, war für ihn fast ein Ding der Unmöglichkeit und gerade das machte es so schwierig, mit ihm eine intensive Beziehung einzugehen. Menschen machten Fehler, gerade in Beziehungen und irgendwie musste sie ihm begreiflich machen, dass das völlig in Ordnung war und sie überhaupt nicht störte. Vor allem, wenn es um Dinge ging, die sie selbst gar nicht als Problem ansah – wie der Liebesbiss eines über alle Maßen erregten Vampirs, mit dem sie das berauschendste sexuelle Erlebnis geteilt hatte, das ihr jemals widerfahren war. Allein der Gedanke an die vorangegangene Nacht, die nur so wenige Stunden zurück lag, ließ ihr Herz schneller schlagen und weckte die vielen Schmetterlinge in ihrem Bauch aus ihrem leichten Schlaf.

Er war in den frühen Morgenstunden gegangen, hatte ihr leise ins Ohr geflüstert, dass er dringend seinen Kühlschrank aufsuchen musste und war dann verschwunden, noch bevor sie wieder ganz zu Sinnen gekommen war. Sie war zu müde gewesen, um sich Sorgen über sein Verhalten zu machen und war schnell wieder eingeschlafen. Erst nach dem Aufstehen, als sie im Badezimmerspiegel die kleinen Einstichstellen an ihrem Hals betrachtet hatte, war ihr der Gedanke gekommen, dass dieser Vorfall für Mick vielleicht ein Problem sein könnte. Sie hatte ihn darauf mehrmals erfolglos angerufen, bis er schließlich am Nachmittag ans Telefon gegangen war. Natürlich hatte er sich die größte Mühe gegeben so zu klingen, als ob alles in Ordnung war, aber Beth kannte ihn zu gut, um nicht die leichte Befangenheit in seiner Stimme heraus zu hören. Deswegen war sie erleichtert gewesen, als wenig später Josef bei ihr anrief. Seine Bitte, Mick aufzusuchen und ihn „nicht mehr entkommen zu lassen" fühlte sich ein wenig eigenartig an. Aber da sie wusste, das hinter dieser Forderung nur große Besorgnis um das Glück seines besten Freundes stand, hatte sie es ihm nicht weiter krumm genommen, dass er sie in so direkter Form darum bat, Mick dazu zu bringen, seinen sexuellen Gelüsten erneut nachzugeben. Und wenn sie ehrlich war, war ihr eigener Drang ihre leidenschaftliche Begegnung zu wiederholen, so groß, dass sie kaum an etwas anderes mehr denken konnte.

So war es nicht verwunderlich, dass ihre Anspannung in Aufregung kippte, als sie die glänzende Metalltür zu seiner Wohnung erreichte und bemerkte, dass diese nicht ganz geschlossen war. Wirklich nachlässig…und es sprach deutlich dafür, dass Mick momentan gedanklich nicht so ganz bei der Sache war.

Beth sah noch einmal an sich hinunter. Sie hatte darauf geachtet, mit ihrer Kleidung nicht allzu deutliche Zeichen zu setzen, aus welchem Grund sie eigentlich gekommen war, aber die elegante Bluse und die dunkle Stoffhose, die sie trug, lagen eng an ihrem Körper an und betonten ihre weiblichen Rundungen genau an den richtigen Stellen, ohne dabei billig auszusehen.

Sie atmete tief durch und betrat dann leise Micks Wohnung. Sie konnte ihn nicht auf Anhieb entdecken, aber von der oberen Etage her ertönten Geräusche, also war er da. Sie sah sich kurz um und entdeckte auf dem Wohnzimmertisch ein paar Fotos von Gebäuden und ein paar Notizen, in Micks schneller Handschrift verfasst.

Ihr Blick wanderte zur Treppe, weil sie von oben her Schritte vernahm, und ihr Herz machte einen kleinen, kindischen Sprung, als Mick in der für Vampire typischen Geschmeidigkeit zu ihr hinunter kam. Warum musste er nur diese extrem anziehende Wirkung auf sie haben, ganz egal, was er trug oder gerade tat? Dass er wieder eines dieser engen, dunklen Shirts trug, das so gut wie nichts von seinem durchtrainierten Körper verbarg, war in Hinsicht auf ihre Selbstbeherrschung natürlich nicht gerade von Vorteil.

Mick war nicht überrascht sie zu sehen, wahrscheinlich hatte er sie längst gerochen, aber im seinem Blick zeigte sich trotz des sanften Lächelns, mit dem er ihr begegnete, Unsicherheit und Distanz. Dennoch war da sofort selbst über den Abstand zwischen ihnen eine intensive Spannung spürbar. Der Nachhall ihrer unvergesslichen Nacht war noch nicht verklungen, zu frisch waren die Erinnerungen daran.

Ich dachte mir, da du ja in Arbeit förmlich zu versinken scheinst", empfing sie ihn, bevor er etwas sagen konnte, und wies auf das Material auf dem Tisch, „komme ich einfach vorbei und biete dir meine Hilfe an."

Sie zog demonstrativ ihre leichte Jacke aus und legte sie auf die Couch, um ihm deutlich zu zeigen, dass er sie nicht so schnell wieder loswerden würde.

Mick wusste für einen Moment nichts darauf zu erwidern, sondern stand nur unschlüssig da, während sich in seinen schönen Augen die unterschiedlichsten Gefühle widerspiegelten: Abwehr, Freude, Angst, aber auch unverhohlenes sexuelles Interesse. Der sehnsüchtige Blick, mit dem er sie kurz gemustert hatte, war Beth nicht entgangen, also trat sie mutig dichter an ihn heran.

Also… worum geht es?" fragte sie und erschrak beinahe selbst über den samtig weichen Klang ihrer Stimme. Sie konnte Mick schlucken sehen und seine Augen wanderten kurz zu ihren Lippen, dann wandte er sich etwas zu schnell von ihr ab und ging hinüber zu seiner Couch.

Ich… ich denke, das muss ich dieses Mal allein machen", sagte er mit verräterisch kratziger Stimme und sammelte schnell alle Notizen und Fotos ein, die er sogleich in einer Akte verschwinden ließ. Beth ließ sich nicht so leicht abschütteln und war neben ihm, noch bevor er wieder die Flucht antreten konnte.

Sowas darfst du nicht sagen", erklärte sie ihm leise mit einem leichten Lächeln. „Du weißt doch, das erregt erst recht mein Interesse…"

Sie war ihm nun so nah, dass sie seinen deutlich schnelleren Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte und seine Wangenmuskeln zucken sah, während seine Augen schon wieder nach ihren Lippen gierten. Josef hatte Recht, Micks Selbstkontrolle war diese Mal erstaunlich schwächlich, dabei hatte sie ihn noch nicht einmal berührt. Er musste sich räuspern, um überhaupt etwas hervorzubringen.

Das ist… ziemlich…" Er stockte, weil ihm anscheinend die Worte fehlten.

Kompliziert?" fragte sie mit unschuldigem Augenaufschlag und er nickte stumm, während sein Gesicht ungewollt ein Stück näher kam. Beth Puls begann sich zu beschleunigen und auch das Flattern in ihrem Unterleib wurde stärker.

Eigentlich… wollte ich gerade…" Er brach ab, hilflos den Reaktionen seines eigenen Körpers ausgeliefert und Beth beschloss nun doch endlich Josefs ‚Nur-eine-Berührung'-These auszutesten. Ohne ihren intensiven Blickkontakt zu unterbrechen, hob sie ihre Hand und legte sie auf Micks sich verdächtig rasch hebende und senkende Brust, gerade so, dass ihre Fingerspitzen seine kühle Haut direkt an der geöffneten Knopfleiste berührten. Ihr Herz konnte noch zwei weitere schnelle Schläge machen, dann waren plötzlich Micks Hände seitlich an ihrem Kopf und seine Lippen pressten sich ungestüm auf ihren Mund. Beth gab sich dem fordernden Kuss bereitwillig hin und fühlte, wie die überaus heftigen Reaktionen ihres eigenen Körpers sofort ihren Verstand ausschalteten. Sie schob ihre Hände hinauf zu seinem Nacken, schlang ihre Arme um seinen Hals und drängte sich an seinen festen Körper, während sie die Liebkosungen seiner Lippen und seiner Zunge mit einem Fieber erwiderte, das sie von sich selbst gar nicht kannte. Sie war von dem Wunsch, sofort und so schnell wie möglich Sex mit ihm zu haben, wie besessen und stand ihm in seiner Leidenschaft und Ungeduld in nichts nach. Es dauerte nur wenige Sekunden und sie fanden sich auf der Couch wieder, er über ihr, seine Lippen an ihrem Hals und sie, ihre Beine um seine Hüften schlingend, während sich ihre Hände forsch unter sein Hemd schoben und sehnsüchtig über die straffen Muskeln seines Bauches und seiner Brust glitten.

Gott, sie war verrückt nach diesem Mann. Sie wollte ihn schmecken, riechen, spüren… verschlingen… Die Berührungen seiner Lippen brannten wie Feuer auf ihrer Haut und sorgten dafür, dass ihr Verlangen nach ihm, nach seinem Körper, nach sexueller Erfüllung, schnell so groß war, dass sie es kaum ertragen konnte. Dennoch nahm sie es überaus deutlich wahr, als seine Lippen an der Stelle anlangten, an der am Abend zuvor seine Reißzähne die zarte Haut durchbohrt hatten und sie war nicht überrascht, als er atemlos inne hielt, seinen Kopf hob und sie ansah. Reue und Erschütterung hatten sich vor seine sexuellen Bedürfnisse geschoben und er hob eine Hand an ihr Gesicht und streichelte sanft, in einer behutsamen Geste der Entschuldigung, ihre Wange.

Es… es tut mir so leid", flüsterte er, aber sie schüttelte nur den Kopf, zog eine ihrer Hände aus seinem Hemd, legte sie an seine Wange und erwiderte seine liebevolle Geste. „Ich weiß", gab sie leise zurück. „Aber das braucht es nicht…"

Sie spürte, dass er in ihrem Gesicht nach einem Zeichen der Wut oder Ablehnung suchte und gleichzeitig furchtbare Angst davor hatte, tatsächlich fündig zu werden. Sie hob ein wenig ihren Kopf und küsste ihn sanft.

Du bist kein Monster, Mick", flüsterte sie. „Du wirst mir nie wehtun… und du wirst mich nie verjagen können, ganz gleich was du tust. Ich weiß, es ist erschreckend, aber mich wirst du nicht mehr los." Sie versuchte sich an einem halben Lächeln, während Mick sie nur fasziniert und voller Liebe ansah. Dann beugte er sich vor und sie fühlte erneut seine Lippen auf ihrem Mund, sanft, unglaublich zärtlich und voller Sehnsucht.

Ich liebe dich", flüsterte er an ihren Lippen und küsste sie wieder und wieder, bis die Leidenschaft sie beide vom Neuen erfasste und sein Mund erneut an ihrem Hals war, sich zärtlich der Stelle widmend, die er selbst zuvor so malträtiert hatte. Beth atmete zitternd ein, als seine Lippen tiefer wanderten hinunter zu dem Ausschnitt ihrer Bluse, während ihre eigenen Hände längst sein Hemd ein gutes Stück nach oben geschoben hatten und sie nun ungehindert, seinen nackten Rücken mit ihren Fingern erkunden konnte. Sie war von ihrem eigenen Verlangen so benebelt, dass sie das Klingeln des Handys zunächst gar nicht mitbekam. Sie bemerkte es nur, weil Mick widerwillig seinen Kopf hob und hinüber zum Couchtisch sah, auf dem dieses teuflische, kleine Ding lag. Er sah sie an und sie schüttelte unwillig den Kopf, schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn wieder zu sich hinunter, um ihn gierig zu küssen. Mick war selbst zu erregt, um sich nicht wieder auf sie einzulassen und den Kuss inbrünstig zu erwidern, aber der Anrufer blieb hartnäckig und wollte einfach nicht auflegen.

Nur… einen Moment…", stieß Mick atemlos hervor und riss sich mit deutlichen Schwierigkeiten von ihr los.

Ja!", knurrte er ungeduldig ins Telefon, während Beth sich hinter ihm aufrichtete, sich gegen seinen Rücken lehnte und ihre Hände über seine breiten Schultern gleiten und schließlich vorn in seinem Hemd verschwinden ließ.

Was?!" Sie verharrte, als sie deutlich spürte, wie Micks gesamter Körper sich plötzlich anspannte. „Warte, warte… sag mir einfach, wo du bist, Terence!"

Beth zog sich sofort zurück und Mick stand auf. Große Sorge hatte von seinen Augen Besitz ergriffen und Beth wusste, dass das nichts Gutes bedeutete.

Was… nein, warte…Beruhige dich! Ich komme zu dir!" Er sah sich hektisch nach seinem Mantel um und Beth tat es ihm nach, entdeckte ihn schneller als er selbst auf dem Sessel neben der Couch, sprang auf, packte ihn und warf ihn zu Mick hinüber.

Bleib wo du bist!" befahl Mick seinem Freund in einem Ton der keinen Widerspruch duldete und zog sich schnell den Mantel an. „Rühr dich nicht von der Stelle! Ich bin in zehn Minuten da!"

Er legte auf und ergriff die Akte, die wieder auf dem Tisch lag.

Wo gehen wir hin?", fragte Beth und hatte bereits ihre eigene Jacke in der Hand. Doch Mick schüttelte den Kopf.

Du kannst nicht mitkommen", sagte er deutlich. „Das ist…" Er atmete tief durch und trat an sie heran, nahm ihr Gesicht in beide Hände. „Ich verspreche dir, ich werde dir alles erklären, wenn ich wieder da bin. Aber momentan verstehe ich das alles selbst noch nicht so wirklich und es ist einfach zu gefährlich – gerade weil ich nicht weiß, was passieren kann."

Aber…", setzte sie an, doch Mick ließ sie nicht ausreden.

Beth, bitte!" brachte er drängend hervor. „Warte einfach hier auf mich. Es wird nicht lange dauern. Ich… brauche nicht länger als ein, zwei Stunden."

Beth blickte einen langen Moment in seine sie flehendlich ansehenden Augen und nickte dann widerwillig. „Aber wenn du nicht rechtzeitig wieder hier bist, komme ich dich suchen, und du weißt, ich werde dich finden, egal wo du bist und mit wem du dich amüsierst." Ihr gespielt drohender Tonfall brachte ihn zum Lachen und er drückte ihr einen Kuss auf die Lippen, um dann sogleich zur Tür zu eilen. Sie folgte ihm mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend. Seine Eile machte sie zusehends nervöser.

An der Tür hielt er noch einmal inne und wandte sich zu ihr um. Seine Brauen hatten sich nachdenklich zusammen gezogen. „Du wolltest mir doch helfen – vielleicht kannst du das tatsächlich. Ich habe vorhin Talbot nicht erreichen können, aber ich muss dringend etwas von ihm wissen. Könntest du ihn anrufen?"

Sie nickte schnell. „Was soll ich ihn fragen?"

Frag ihn, warum er Harald Jeffersen angeklagt hat und warum die Anklage fallen gelassen wurde, bevor es überhaupt zur Verhandlung kam."

Beth runzelte verwirrt die Stirn, aber Mick begegnete ihr nur mit einem schiefen Lächeln.

Du erklärst es mir später?" riet sie und er nickte kurz. Sie seufzte tief und schwer. „Pass auf dich auf!" sagte sie ernst, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn kurz. Wie lange hatte sie es sich gewünscht, sich einmal so von ihm verabschieden zu können…

Er bedachte sie mit einem warmen Lächeln und wandte sich um. Sie tat es ihm mit einem kurzen Zögern nach und war umso überraschter, als sie plötzlich ihren Namen hörte und wenig später am Arm gepackt und wieder herumgedreht wurde. Kühle Lippen pressten sich in einem hingebungsvollen Kuss auf die ihren und als sie wieder losgelassen wurde, blickte sie in Micks dunkle, fragende Augen.

Du bleibst hier bei mir?", versicherte er sich noch einmal und die Unsicherheit in seinen Augen bewies, dass er immer noch nicht so recht glauben konnte, dass sie sich wirklich dafür entschieden hatte, mit einer Kreatur wie ihm zusammen zu sein. Sie nickte bestätigend und schenkte ihm ein Lächeln, das so voller Liebe war, dass er ihr einfach glauben musste.

Ich warte", versprach sie ihm und nun zuckte auch um seine Mundwinkel ein kleines Lächeln. Er beugte sich vor, küsste sie noch einmal sanft und eilte dann endgültig los. Beth sah ihm nach, bis er verschwunden war, schloss dann die Lider und holte tief und schwer Luft. Irgendwie wurde es immer schwerer ihn gehen zu lassen, je intensiver ihre Beziehung und je tiefer ihre Liebe zu ihm wurde.


Träume über Mick brachten Beth immer dazu, dass sie plötzlich aufrecht im Bett saß und schwer atmend um Beherrschung ringen musste, ganz gleich ob sie angenehm oder schrecklich waren. Dieser war in gewisser Weise beides und im Grunde genommen war es gar kein richtiger Traum, nur eine Erinnerung, die sie im Laufe des vergangenen Jahres allzu oft heimgesucht hatte. Es waren ihre letzten gemeinsamen Minuten gewesen, das letzte Mal, dass sie ihn gesehen hatte, die letzten Worte, die letzten Küsse, die sie ausgetauscht hatten, bevor er verschwunden war, und das war es im Grunde genommen, was diese Erinnerung für sie so furchtbar schmerzhaft gemacht hatte.

Mick war nicht wiedergekommen. Nicht nach zwei Stunden, nicht nach drei auch nicht nach fünf. Sie hatte sofort gewusst, dass etwas nicht in Ordnung war und in ihrer Besorgnis Josef angerufen. Vielleicht hatte ein kleiner Teil von ihr gehofft, dass er über sie lachen und ihr erklären würde, dass eine solche Verspätung bei Mick ganz normal war, wenn er in einem schwierigen Fall steckte. Aber diesen Gefallen hatte Josef ihr nicht getan. Er war genauso aufgebracht gewesen wie sie und hatte sofort Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Mick zu suchen. Ab diesem Moment hatte sie gewusst, dass alles noch viel schlimmer kommen würde.

Mick blieb vermisst, genauso wie sein Freund Terence. Man fand am frühen Morgen sein Auto in einem Feld weit außerhalb der Stadt, aber nicht einen einzigen Hinweis darauf, was mit ihm passiert war - auch keine Akte. Und genau das war der Punkt, an dem Beth nun nach dieser langen Zeit wieder hängen blieb, während sie versuchte, sich zu sammeln.

Immer wieder hatte die Polizei sie gezwungen, sich an die letzten Minuten mit Mick zu erinnern. Und sie hatte ihnen von der Akte erzählt, hatte ihnen versichert, dass er diese mitgenommen hatte, aber niemand hatte ihr geglaubt. Stattdessen war sie nach einer Weile so verunsichert gewesen, dass sie selber nicht mehr so recht gewusst hatte, ob sie die Akte tatsächlich gesehen hatte.

Wenn sie sich recht erinnert, war es vor allem Talbot gewesen, der ihr nicht so wirklich hatte glauben wollen und immer wieder die Behauptung aufstellte, dass Mick sich vielleicht irgendwo abgesetzt hatte, weil er in Schwierigkeiten war. Sie hatte ihn zuvor für Mick angerufen, um etwas über diesen Politiker heraus zu finden und danach hatte er sich sofort in die Ermittlungen um Micks Verschwinden eingeschaltet. Er war alles andere als eine Hilfe gewesen und irgendwie hatte Beth das Gefühl gehabt, dass er die Polizei in gewisser Weise unter Kontrolle hatte und dass es mit seine Schuld war, dass die Ermittlungen schon nach wenigen Wochen eingestellt wurden. Er hatte Mick nie besonders leiden können, aus welchem Grund auch immer.

Aber jetzt, wo Mick wieder da war und sie klarer denken konnte, kam ihr diese ganze Geschichte verdächtiger vor als jemals zuvor. Micks Auftrag, den Professor zu suchen, die Fotos von den Gebäuden der Legion, Terence Anruf, das merkwürdige Auftreten Talbots und der Polizei und das Verschwinden der Akte – das alles roch so stark nach Intrige und Hinterhalt, dass Beth kaum verstehen konnte, dass sie nicht schon früher darauf gekommen war. Natürlich besaß sie jetzt mehr Informationen als jemals zuvor und sie war nicht mehr in ihrer Trauer und Verzweiflung gefangen, aber wenn sie früher nur ein wenig mehr um die Ecke gedacht hätte….

Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Wenn sie wieder in die Stadt ging, würde sie sich auf jeden Fall erst einmal Lieutenant Davis und Talbot vornehmen. Aber auch hier an diesem Ort gab es jemanden, der ihr vielleicht ein paar Antworten auf ihre wichtigsten Fragen geben konnte.

Beth atmete tief durch und sah sich in dem kleinen schäbigen Zimmer um, in dem sie sich befand. Es standen nicht sehr viele Möbel herum, nur das alte Bett, in dem sie saß, ein wackeliger Nachttisch und eine Kommode an der gegenüberliegenden Wand. Die Tapete hatte ursprünglich ein altmodisches Muster geziert, aber in all den Jahren, die sie nun schon die Wände bekleidete, hatte sich so viel Dreck auf ihr gesammelt, dass man dieses kaum noch erkennen konnte. Dasselbe galt für den gelblichen Vorhang vor dem kleinen Fenster, durch den das warme Licht der Mittagssonne schien und dem Raum gleich eine viel freundlichere Note verlieh.

Sie konnte sich nicht erinnern, selbst hierher gekommen zu sein und vermutete daher, dass Josef sie in dieses Zimmer gebracht hatte, als sie wieder einmal in dem Sessel neben Micks Bett eingeschlafen war. Freiwillig hätte sie seine Seite nie verlassen. Er konnte doch jeden Moment aufwachen und sie vielleicht brauchen.

Dieser Gedanke brachte sofort Leben in ihre schweren Glieder. Sie schlug die Decke zurück und bemerkte freudig, dass sie noch voll bekleidet war. Nur ihre Schuhe standen ordentlich vor ihrem Bett. Die Federn des Bettes quietschten, als sie sich an den Rand schob und schnell in die Slipper schlüpfte. Ein wenig wackelig auf den Beinen bewegte sie sich zur Tür, öffnete diese und sah dann rechts und links den langen, für diese Tageszeit recht düsteren Flur hinunter.

Das Haus der Farmarbeiter war sehr lang und flach und besaß zwei Flügel mit einer Menge kleiner Zimmer, ein größeres Wohnzimmer mit Küchenbereich und zwei Bäder. Soweit sie es sehen konnte, waren alle Türen geschlossen und zu ihrer eigenen Verärgerung konnte sie sich nicht mehr recht erinnern, wo sich genau Micks Zimmer befand. Sie schloss für einen Moment die Augen und lauschte angespannt, ob sie von irgendwoher Stimmen vernahm, aber das ganze Haus schien wie ausgestorben. Von weitem ertönte nur das monotone Klacken der Wanduhr aus dem Wohnbereich. Das wunderte sie aber nicht weiter, bestand doch der weitaus größere Teil der momentanen Bewohner dieses Hauses aus nachtaktiven Wesen, die sich in der Mittagshitze gewiss in den kühlen Keller zurückgezogen hatten. Vielleicht funktionierten ja auch schon wieder die dort aufgestellten Kühlschränke und ihre blutrinkenden Freunde konnten sich endlich einmal erholen.

Beth warf einen Blick zurück in ihr Zimmer durch das schmutzige Fenster. Was sie dort draußen erkennen konnte, sah anders aus, als die Landschaft die sie von Micks Zimmer aus hatte sehen können, also brauchte sie nur die Türen auf der gegenüber liegenden Seite des Flures abgehen.

Die Dielen des Bodens knarrten unter ihren Füßen als sie langsam den Flur Richtung Wohnbereich hinunter ging. Sie erinnerte sich, dass sein Zimmer nicht allzu weit davon entfernt gelegen hatte und mit einem Mal erkannt sie die Tür wieder und beschleunigte ihren Schritt. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr Herz schon wieder ein klein wenig schneller schlug, als sie die Hand auf die kühle Klinke legte und die Tür leise öffnete, denn innerlich hoffte sie so sehr, dass Mick vielleicht wach sein und sie ihn endlich wieder in die Arme schließen, in seine gütigen Augen blicken und mit ihm reden konnte. Sie wusste, dass diese Hoffnung ein wenig zu weit her geholt war – erst gestern hatten sie noch um sein Leben bangen müssen – aber es waren so viele wunderliche Dinge passiert, vielleicht überraschte das Leben sie erneut.

Das Licht in dem Raum war etwas gedämpfter, schien hier doch keine Sonne herein, aber dennoch war es hell genug, um alles Wichtige zu erkennen. Mick lag ein wenig zur Seite gekippt in seinem Bett und schien fest zu schlafen. Er atmete tief und ruhig und sah dabei so entspannt und friedlich aus, dass sich ein zärtliches Lächeln auf Beths Gesicht stahl. Sie trat leise an ihn heran und hatte zu ersten Mal, seit sie ihn gefunden hatten, die Zeit, ihn in Ruhe zu betrachten. Seine Gesichtszüge waren über dieses schreckliche Jahr härter geworden, aber vielleicht lag das auch nur daran, dass er einiges an Gewicht verloren hatte. Die nervenaufreibende Zeit in den Versuchslaboren der Legion hatte deutliche Spuren hinterlassen. Seine Wangen waren ein wenig eingefallen und die dunklen Ringe unter seinen Augen verstärkten den Eindruck, einen Menschen vor sich zu haben, der mit knapper Not eine schwere Krankheit überlebt hatte. An seinem Körper gab es wohl nicht einmal mehr ein Gramm Fett und er hatte auch deutlich Muskelmasse abgebaut. Noch ein paar Kilos weniger und sie hätte ihn als mager bezeichnet. Auch das nur wenige Millimeter lange Haar war für sie gewöhnungsbedürftig. Sie vermutete, dass man ihm den Kopf komplett kahl geschoren hatte, um wahrscheinlich seine Gehirnströme zu messen, und das Haar gerade erst wieder nachwuchs, und fragte sich, was für Demütigungen er noch über sich hatte ergehen lassen müssen. Eine Woge des Mitleids erfasste sie und sie fühlte schon wieder Tränen in ihre Augen drängen, die sie nur dadurch zurück halten konnte, dass auch eine gehörige Portion Wut in ihr hoch kochte.

Ihre Augen waren bei seinen Armen angelangt und der Anblick, der sich ihr bot, verstärkte sowohl ihr Mitgefühl als auch ihre Wut. Drogensüchtige sahen oft so aus, die Arme von den Injektionsnadeln völlig zerstochen und übersäht mit Hämatomen. Beth wollte gar nicht wissen, wie oft am Tag jemand in seiner Haut herumgestochert hatte, um ihm irgendwelche Stoffe zu spritzen. Und selbst in ihrer Obhut war es nicht möglich, ihn von dieser Tortur zu erlösen. In seinem linken Arm steckte noch immer der Venenkatheter, über den momentan nur eine Elektrolytlösung in seinen Körper lief. Der leere Beutel, der ebenfalls noch am Tropf hing, wies darauf hin, dass er auch vor kurzem wieder mit Blut versorgt worden war.

Beth hatte noch mitbekommen, dass die Männer abgesprochen hatten, sich mit dem Wache halten an Micks Bett alle drei Stunden abzuwechseln, während Peterson eine Liege direkt in Micks Zimmer zugeordnet bekommen hatte, damit er sofort helfen konnte, falls Mick wieder einen Anfall bekam. Josef hatte die erste Schicht übernommen und versucht Beth zu überreden, schlafen zu gehen. Aber sie hatte sich geweigert und war erst sehr spät vor Erschöpfung eingeschlafen. Irgendwann musste Josef sie in das andere Zimmer gebracht haben.

Beth sah sich kurz um. In der dunkelsten Ecke des Raumes konnte sie die Gestalt des Professors unter einer Decke liegen sehen. Er hatte sich bei ihrem Eintreten etwas bewegt, lag nun aber wieder ganz still. Sonst war niemand anderes anwesend – ein deutliches Zeichen, dass irgendjemand seinen Einsatz verschlafen hatte.

Beth zuckte beinahe zusammen, als Mick sich plötzlich bewegte und hielt für ein paar Sekunden den Atem an, bis er schließlich wieder auf seinem Rücken lag und keine weitere Regung von sich gab.

„Mick?" stieß sie sehr leise und nach langem Zögern aus, weil sie eigentlich wusste, dass es für ihn wahrscheinlich besser war, weiter zu schlafen, um sich von all den Strapazen, die er hatte durchmachen müssen zu erholen. Aber ihre Sehnsucht nach ihm war so furchtbar groß…

„Er hört Sie nicht", ertönte eine Stimme hinter ihr und dieses Mal zuckte sie doch zusammen und sah sich erschrocken um. Peterson hatte sich auf seinem Nachtlager aufgerichtet und blinzelte müde zu ihr herüber. Anscheinend war sein Schlaf leichter, als sie angenommen hatte.

„Und er wird auch nicht so bald wach werden. Ich habe ihm in der Nacht ein Schlafmittel gespritzt, damit er nicht auch noch von Alpträumen gepeinigt wird. Ein langer, traumloser Schlaf ist momentan das Beste für ihn, um wieder zu Kräften zu kommen."

Beth starrte den Professor nur ausdruckslos an. Auch wenn er nun auf ihrer Seite war, es änderte nichts an der Tatsache, dass er einer der Menschen gewesen war, die Mick so gequält hatten. Und Micks menschliche Reaktion auf den Professor hatte deutlich gezeigt, dass er mit diesem Menschen nur Schrecken und Schmerz verband, ganz gleich wie sehr der Vampir in Mick ihn auch brauchte. Sie konnte nicht wirklich freundlich zu dem Mann sein, nicht solange es so viele ungeklärte Fragen gab und da so viel Wut in ihrem Inneren war.

„Können Sie mir eine Frage beantworten?", erwiderte Beth so ruhig wie es nur ging und setzte sich behutsam ans Fußende des Bettes.

„Ich kann es zumindest versuchen", gab Peterson zurück und versuchte sich an einem offenen Lächeln.

„Wussten Sie, dass Mick sie gesucht hat? Diana hat ihn engagiert, um Sie zu finden." Beth studierte aufmerksam Petersons Gesicht während sie sprach und bemerkte sofort, dass ihm diese Frage mehr als unangenehm war. Sein Blick wich ihr aus und er zupfte nervös an seinem Hemd.

„Sie sagten im Helikopter, dass Mick der Idealfall für ihre Forschungen gewesen sei", fuhr Beth kühl fort, „dass er alle Voraussetzungen für einen Erfolg ihrer Forschungen hatte… Also… war es ein glücklicher Zufall für Sie und Pech für ihn oder hat man ihn mit dieser ganzen Entführungsgeschichte einfach nur in eine Falle gelockt? Ging es eigentlich die ganze Zeit nur darum, ihn möglichst ohne großes Aufsehen verschwinden zu lassen?"

Stille. Peterson brachte es für eine ganze Weile nicht über sich, ihr wieder in die Augen zu blicken, und das war eigentlich schon Antwort genug. Aber dann hob er den Blick und sah sie direkt an, erfüllt von großer Reue.

„Eigentlich ist das alles meine Schuld", brachte er nur sehr leise hervor. „Ich… ich hatte genug von diesen Versuchen. Ich wollte das nicht mehr, wollte nicht noch weitere Vampire auf dem Gewissen haben, aber sie… sie ließen mich nicht gehen. Selbst als ich ihnen erklärte, dass mit den Forschungen keine Erfolge zu erzielen waren, weil es die Person, die ich dafür bräuchte nicht gab." Er musste tief Luft holen, um fortfahren zu können. „Darauf fragten sie mich, wie diese denn aussehen müsste und da ich davon überzeugt war, dass ein solcher Vampir nicht existiert, und ich so vielleicht alle anderen retten konnte, sagte ich ihnen, dass ich einen bräuchte, der nicht mehr als hundert und nicht weniger als 50 Jahre Vampir ist, die Blutgruppe A0 negativ besitzt und schon einmal mit einem bestimmten Serum geimpft wurde." Er gab ein hysterisches Lachen von sich. „Ich hab mich gar nicht erst angestrengt zu lügen, weil die Idee, dass so jemand existiert, so furchtbar absurd war, dass ich davon ausging, bald wieder frei zu kommen. Und dann… dann bringen sie mir Mick…" Peterson holte zitternd Atem und Beth erschrak beinahe, als sie Tränen in seinen Augen glänzen sah. Die Erinnerungen an das was geschehen war, schienen für ihn weitaus schmerzhafter zu sein, als sie angenommen hatte.

„Dann… dann war es also wirklich eine Falle", kam es ihr nur sehr leise über die Lippen.

„Sie müssen mir glauben, dass ich das nicht wollte, Miss Turner", sagte Peterson mit erstickter Stimme. „Aber ich konnte es nicht verhindern – auch ich war die ganze Zeit so etwas wie ihr Gefangener."

Er sah sie verzweifelt an, doch Beth blieb unbarmherzig, zumindest was ihre nach außen sichtbare, kühle Haltung anging.

„Warum haben Sie sich dann nicht einfach geweigert, an Mick herumzuexperimentieren?" hakte sie nach.

„Sie kennen diese Menschen nicht", gab er kopfschüttelnd zurück. „Wenn es etwas gibt, womit man Sie erpressen kann, dann finden sie es. Und außerdem hänge ich an meinem Leben, so erbärmlich und verachtenswert es momentan auch erscheinen mag."

„Dass heißt Sie selbst hatten kein Interesse daran, die Forschungen fortzuführen?" fragte sie in einem Ton, der deutlich machte, dass sie ihm kein Wort glaubte.

Peterson sah sie nachdenklich an. „Ich will Sie nicht anlügen, Beth. Ich bin Wissenschaftler mit Herz und Seele und ich arbeite schon so lange daran, ein Mittel gegen das Altern, gegen Krankheiten und die Sterblichkeit zu finden, dass ich natürlich jede Chance wahrnehme, meinem Ziel ein Stück näher zu kommen. Aber ich wäre dabei nie – niemals – über Leichen gegangen. Nur war ich nicht der einzige Arzt, der in den Labors gearbeitet hat, der fähigste, das muss ich zugeben, aber nicht der einzige. Sie hätten so und so mit Mick experimentiert und wahrscheinlich hätten sie ihn sehr schnell damit umgebracht."

„Dann war es also ein Segen, dass Sie sich seiner angenommen haben?" gab sie spöttisch zurück.

„Ich habe versucht ihn zu retten!" setze Peterson ihr nun doch schon ein ganzes Stück aufgebrachter entgegen. „Was glauben Sie, was ich alles riskiert habe, um ihn körperlich und geistig am Leben zu halten? Ich habe versucht, ihm bei der Flucht zu helfen und als das fehlgeschlagen ist und sie ihn beinahe getötet haben, bin ich mit ihm zusammen geflohen. Nur so konnten Sie ihn finden!"

„Und das haben Sie nicht nur getan, um Ihre Forschungsergebnisse zu sichern?" Sie sah ihn skeptisch an, obwohl sie innerlich längst schon von Zweifeln zerfressen wurde.

„Nein, Herrgott!" rief Peterson so laut, dass sich Mick auf einmal wieder bewegte. Beth hielt erneut den Atem an, aber er schlug nicht die Augen auf, sondern lag schon bald wieder still und atmete entspannt weiter.

Beth ließ die Luft aus ihren Lungen geräuschvoll entweichen und sah dann Peterson wieder an.

„Ich soll Sie also für einen netten, idealistischen Wissenschaftler halten, der nur durch schwierige Umstände gezwungen wurde, schlimme Dinge mit anderen Personen zu machen", schloss sie aus seinen Worten.

Peterson ließ einen tiefen Seufzer vernehmen. „Nein, das sollen Sie nicht. Ich… ich möchte nur, dass sie mich als Menschen sehen. Als einen Menschen, der große Fehler gemacht hat, die er zutiefst bereut. Ich möchte ja noch nicht einmal, dass Sie mir verzeihen. Alles was ich will, ist eine Chance, an Mick wieder gut zu machen, was ich ihm angetan habe."

„Und was haben Sie ihm angetan?" sprach Beth die Frage aus, die ihr schon eine ganze Weile auf der Seele brannte und gleichzeitig mit so viel Angst verbunden war, dass sie gar nicht wusste, ob sie die Antwort darauf tatsächlich hören wollte. Dennoch blieb sie hartnäckig. „Was genau haben Sie aus ihm gemacht?"

„Das ist schwer zu erklären."

„Versuchen Sie's." Sie bedachte ihn mit einem Blick, der deutlich sagte, dass sie gerade in Bezug auf diese Frage sehr viel Ausdauer besaß.

Peterson fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht, stand dann auf und trat an Micks Bett heran. Seine Augen ruhten für die Dauer einiger rascher Herzschläge auf Micks Gesicht, dann wandte er sich wieder Beth zu.

„Was wissen Sie über Vampire, Beth?" fragte er überraschend.

Sie runzelte nachdenklich die Stirn und zuckte die Schultern. „Nicht viel. Das Übliche halt. Dass Sie Blut trinken, Sonnenlicht nicht sonderlich gut vertragen, in Kühlschränken schlafen und Selbstheilungskräfte besitzen, die sie nahezu unsterblich machen. Und sie altern nicht."

„Und was ist ihrer Meinung daran so besonders?"

Die Frage des Professors verwirrte sie und es fiel ihr außerordentlich schwer, sich dies nicht anmerken zu lassen.

„Was ist daran nicht besonders?" gab sie stirnrunzelnd zurück. „So etwas gibt es sonst nicht. Es ist unnatürlich, wie ein Wunder."

„Sehen Sie – und das ist es eben nicht", gab Peterson mit einem kleinen Lächeln zurück. „Oder man müsste sagen, unsere gesamte Welt ist voller Wunder. Denken Sie doch einmal nach, was die Natur in ihrer unbegrenzten Vielfalt im Laufe der Zeit so alles erschaffen hat. Es gibt Lebewesen, die fliegen können – darunter sogar Fische, andere, die im Winter in eine Starre verfallen und völlig auskühlen, ohne zu sterben, Tiere, die die Farbe ihrer Haut an ihre Umgebung anpassen können und nahezu unsichtbar werden. Andere können sowohl unter Wasser als auch an Land atmen, weil sie sowohl eine Lunge als auch Kiemen besitzen. Fledermäuse fliegen ohne Mühe in der Dunkelheit mit Hilfe eines in ihrer Genetik angelegten Ultraschallsystems und einige Fischarten verwenden Elektrizität, die sie in ihren Körpern erzeugen, als Verteidigung gegen Angreifer oder zur Betäubung ihrer Beute. Außerdem gibt es schon lange Insekten und Säugetiere, die sich von Blut ernähren und andere Lebensformen, die unter den richtigen Lebensumständen theoretisch ewig leben könnten, wie zum Beispiel eine bestimmte Quallenart." Er hatte während seiner langen Rede ein paar Schritte in den Raum hinein gemacht und kam nun zu ihr zurück.

„Wenn man es so sieht, ist die ganze Natur, alles Leben auf diesem Planeten ein einziges Wunderwerk", fuhr er enthusiastisch fort. „Denn alle Lebensformen sind dazu in der Lage, sich den Umständen, in denen sie leben müssen, auf fabelhafte Weise anzupassen. Sie vollbringen diese Wunder in ihrem Kampf ums Überleben, sie verändern sich im Laufe der Zeit und sorgen für manch eine Überraschung. Der Grund dafür lässt sich in einem einzigen großen Begriff zusammenfassen: Evolution."

„Aber… aber Vampire sind kein Produkt der Evolution", setzte Beth ihm entgegen. „Sie sind zuerst Menschen und verwandeln sich dann auf mysteriöse Weise."

„Das ist wahr", gab Peterson sofort zu. „Sie verwandeln sich, aber nicht auf mysteriöse Weise."

„Dr. Kendlroe meinte, Vampirismus wäre wie eine Art Krankheit…"

„Und da hat er recht", stimmte der Professor ihr zu und ließ sich auf dem Sessel neben Micks Bett nieder. „Aber man muss sich zunächst einmal fragen, was für eine Krankheit das ist und wo sie herkommt. In diesem Fall hängen die Antworten zu den Fragen sogar besonders dicht zusammen."

Beth hob fragend die Brauen und sah den alten Mann auffordernd an.

„Es gibt ein paar Legenden, die sich um den Vampir ranken", holte Peterson ein wenig weiter aus, „und es ist sehr schwer herauszufinden, welchen man eher nachgehen sollte und welchen nicht. Ich selbst habe mich sehr intensiv mit einigen davon auseinandergesetzt und habe auch ein paar Forschungsreisen gemacht, aber ohne die Unterstützung und Arbeit eines guten Freundes, wäre ich nie auf den Kern, auf die Wahrheit bezüglich des Vampirismus gestoßen."

„Die da wäre?!" fragte Beth ungeduldig, denn irgendwie kamen in ihrem Kopf immer mehr Fragen auf, die darauf drängten beantwortet zu werden.

„Vor mehreren tausend Jahren gab es im alten Afrika einmal eine unentdeckte mit dem Menschen eng verwandte Spezies, die über ganz außergewöhnliche Eigenschaften verfügte. Sie hatte ein unglaublich starkes Immunsystem und konnte sich selbst von schwereren Wunden in extrem kurzer Zeit erholen. Dazu kamen eine äußerst hohe Lebenserwartung, das Ausbleiben von jeglichen Erscheinungen der Alterung und die Fähigkeit Energie in einem extrem hohen Maß zu speichern und in übermenschlichen Kräften wieder frei zu setzen."

„Lassen Sie mich raten", unterbrach ihn Beth etwas gelangweilt. „Sie haben sich von Blut ernährt und konnten kein Sonnenlicht ertragen?"

Peterson musste schmunzeln. „Nein", sagte er und schaffte es damit, Beth schon wieder zu erstaunen. „Weder das eine noch das andere. Jedenfalls nicht zu Anfang. Die Nigong, wie sie in der Legende genannt wurden, waren zwar eher dämmerungsaktiv, aber sie ernährten sich wie Menschen von Fleisch, Pflanzen und Früchten und sie konnten sich durchaus in die Sonne legen, um dort ein Nickerchen zu machen. Was sie wahrscheinlich häufig taten, weil ihr Körper am Tag sozusagen im Sparbetrieb lief, sie aber auch über das Sonnenlicht Energie aufnehmen konnten."

„Dann waren sie keine Vampire?" brachte Beth verwundert heraus und Peterson nickte bestätigend.

„Ich will Ihnen das genauer erklären, weil es ungemein wichtig ist, um zu verstehen, was mit Mick gemacht wurde", setzte Peterson hinzu und beugte sich zu Beth vor, stützte sich mit den Ellenbogen auf seinen Knien ab. „Das, was die Nigong so besonders machte, war ihre Fähigkeit bestimmte Hormone und Enzyme zu produzieren, die für den Stoffwechsel und das Immunsystem von unermesslichem Wert waren." Er hielt inne und kratzte sich nachdenklich an der Schläfe. „Haben sie schon einmal von dem Hibernation Induction Trigger gehört?"

Beth schüttelte den Kopf.

„Das ist ein Hormon, das man in den Siebziger Jahren bei Murmeltieren und später auch bei anderen Tieren gefunden hat", erklärte der Professor rasch. „Dieses Hormon ermöglicht es zum Beispiel Bären, über mehrere Monate zu schlafen, ohne dabei Muskelschwund zu erleiden, was eigentlich nicht möglich ist. Zudem beschleunigt es auch beim Menschen den Heilungsprozess bei Unfallverletzungen, erhöht die Lebensdauer von Spenderorganen, mindert die Osteoporose und hat auch einen günstigem Einfluss auf Patienten mit Diabetes mellitus. Ein Wunderhormon schlechthin."

„Und die Nigong hatten das auch?"

„Nicht dasselbe, aber ein ähnliches nur viel stärker wirkendes", fuhr Peterson beinahe aufgeregt fort und seine Augen glänzten vor Begeisterung. Aus ihm sprach nun der engagierte Forscher und Wissenschaftler. „Bei einer Verletzung oder Krankheit wurde es vermehrt produziert und ausgeschüttet und sorgte für eine extrem schnelle Wundheilung oder dafür, dass sich zum Beispiel weiße Blutkörperchen teilten und so in sekundenschnelle hundertfach selbst klonen konnten, um Krankheitserreger zu vernichten. Gleichzeitig befiel es die roten Blutkörperchen, um sich in diesen zu vermehren bis sie platzten. Je mehr Hormone im Blut vorhanden waren, desto effektiver konnte der Körper des Nigong jede Bedrohung sofort abschmettern. War die Gefahr gebannt, produzierten andere Zellen Blockadestoffe, die die Hormone einfroren und deren Produktion beendeten. Ein Abfall der Körpertemperatur beschleunigte diesen notwendigen Bremsprozess und brachte auch den Energiehaushalt wieder ins Gleichgewicht."

Beth fühlte wie die Aufregung und Faszination des Professors für dieses Thema begann, auf sie überzuspringen. Ihre eigenen Gedanken schlugen schon wieder Purzelbäume und die absurdesten Ideen und Schlussfolgerungen in Bezug auf das Entstehen von Vampiren formten sich in ihrem Hinterkopf. „Was würde passieren, wenn diese Blockadestoffe nicht produziert werden würden?" fragte sie, bemüht darum, nicht allzu aufgewühlt zu klingen.

Peterson schenkte ihr ein anerkennendes Lächeln. „Das ist genau die richtige Frage. Da das Hormon sich an dem roten Blutkörperchen vergreift, würde es früher oder später zu einer heftigen Anämie und dann zum Tod kommen. Es sei denn, der Organismus findet in der Not einen anderen Weg, am Leben zu bleiben."

„Evolution", entfuhr es Beth verblüfft und der Professor nickte. „Dass heißt… der erste Vampir entstand aufgrund eines genetischen Defekts?"

„Ja. Im Grunde schon. Ein paar von den Nigong müssen Schwierigkeiten bei der Bildung von Blockadestoffen gehabt haben und unter Blutarmut gelitten haben. Die Legende sagt, dass sie irgendwann begannen, das Blut ihrer eigenen Spezies zu trinken, was zunächst nicht besonders Erfolg versprechend war, da das Blut ja in den Magen und nicht in ihre eigene Blutbahn gelangte. Aber die, die überlebten, entwickelten sich weiter, sodass sie nicht nur über ihren Magen andere ihnen fehlende Stoffe aufnehmen konnten, sondern auch die roten Blutkörperchen über Mechanismen in ihrem Kiefer – den sogenannten Vampirzähnen. Ihr Organismus stellte sich fast komplett auf eine Ernährung durch Blut um."

Beth griff sich beinahe abwesend an ihren Hals. „Und die anderen Nigong haben sich das gefallen lassen?"

„Nein, natürlich nicht", wandte Peterson ein. „Es gab wohl mehrere Kämpfe und die Blutsauger wurden vertrieben und haben sich wohl überall auf der Welt verteilt…"

„…und die Menschen infiziert", fügte Beth an und der Professor stimmte ihr mit einem weiteren Kopfnicken zu.

„Wer damit angefangen hat und warum, ist bis heute nicht klar", fuhr er fort, „aber… ja, sie haben sich verbreitet und Menschen zu Vampiren gemacht."

Beth Blick wanderte über Micks Gestalt. „Er hat mir erklärt, dass Menschen nur zu Vampiren werden können, wenn sie deren Blut trinken…"

„Ja", bestätigte Peterson, „die Hormone im Blut des Vampirs müssen in das Blut des Menschen geraten. Sie sind aber nicht an den Blutkreislauf gebunden sind. Sie werden zwar unaktiv, wenn sie ihn verlassen haben und sterben dann bald ab, aber sie sind fähig Membranen zu durchdringen. Sobald der Mensch mit den im Blut des Vampirs noch aktiven Hormonen in Berührung kommt, sei es auch nur mit der Zunge, dringen diese auf dem schnellsten Weg in die Blutbahn ein. Dort vermehren sie sich, angeregt durch den nach dem Vampirbiss lebensbedrohlichen Zustand ihres neuen Wirtes und greifen innerhalb ihrer Heilungs – und Abwehrreaktion leider auch gleich die Erythrozyten an, was zu einer Anämie führt."

Beth zog nachdenklich ihre Brauen zusammen. „Warum stirbt der Mensch nicht? Sein Körper ist doch an all das gar nicht gewöhnt."

„Weil sich auch die Hormone und die vielen anderen fremden Substanzen im Blut eines Vampirs mit der Zeit verändert haben", erklärte ihr Gegenüber immer noch sehr geduldig. „Sie geben heute an die Zellen ihres Wirtes bestimmte genetische Informationen weiter, die dessen Stoffwechsel enorm beeinflussen und zwar in einem sehr kurzen Zeitraum. Es ist so, als ob sie nicht wollten, dass der Wirt stirbt – sie waren schon immer darauf angelegt, eben das zu verhindern. Sie sind sehr, sehr dominant und aktiv und sorgen für eine blitzschnelle Metamorphose des Menschen in einen Blutsauger, sodass dieser innerhalb weniger Stunden dazu in der Lage ist, seine Blutarmut mit Hilfe des Blutes anderer Menschen in den Griff zu bekommen. Natürlich ist das Ganze ein gefährliches Unterfangen und um es durchzustehen, braucht man einen ziemlich stabilen Kreislauf und viel Kraft. Viele sterben leider bei ihrer Verwandlung."

„Und warum kann das menschliche Immunsystem die Hormone nicht erfolgreich bekämpfen?" hakte Beth interessiert nach und hatte langsam immer mehr das Gefühl, als würde sie für eine wissenschaftliche Zeitung arbeiten und ein hoch brisantes Interview mit einer der führenden Größen in der medizinischen Forschung führen.

Peterson schien auf jeden Fall seinen Spaß an ihren Fragen zu haben, denn er fuhr fast begeistert fort: „Weil sie sich relativ schnell als körpereigene Stoffe ausgeben und von den Antikörpern nicht mehr erkannt werden. Das Einzige was sie aufhalten könnte, wären die Blockadestoffe der Nigong, die nur in deren Zellen produziert werden. Nur existiert keiner mehr wirklich von ihnen."

Beth lag die Reporterin zu sehr im Blut, als dass ihr kleine Auffälligkeiten in einer Formulierung entgehen konnten. „Keiner mehr wirklich?", setzte sie sofort nach.

„Es heißt, sie hätten sich einst mit dem Homo Sapiens gemischt", erklärte Peterson nun mit einem anerkennenden Lächeln. „Und wir sind uns ganz sicher, dass die Vertreter bestimmter seltener Blutgruppen Erben von ihnen sind, weil die Umstellung des Menschenstoffwechsels auf den eines Vampirs bei ihnen besonders gut funktioniert."

Beth hob die Brauen. „So wie A0 negativ?"

Peterson nickte wieder und Beths viele einzelne Gedankenfäden, die sie die ganze Zeit über innerlich eisern festzuhalten versuchte, setzten sich rasend schnell zu neuen Fragen zusammen. A0 negativ war Micks und ihre eigene Blutgruppe… eine Blutgruppe, die für Petersons Forschung immens wichtig zu sein schien.

„Was genau bezweckt die Legion jetzt mit ihren Versuchen an Vampiren?" fragte sie geradeheraus. „Ich meine, eigentlich hasst sie doch alle Vampire, also kann es ja wohl kaum sein, dass sie plötzlich aus lauter Herzensgüte nach einem Heilmittel für Vampirismus suchen."

„Das tun sie auch nicht. Sie suchen wie ich auch nach einem Mittel, den Menschen zu helfen, und zwar ihre Sterblichkeit und ihre Anfälligkeit für Krankheiten zu überwinden. Nur darum geht es."

Das war genau die Antwort, mit der Beth gerechnet hatte und sie machte sie erneut furchtbar wütend. Diese Legion war wirklich ein bigotter, selbstgerechter Haufen…

„Aber warum reicht es dann nicht nur mit dem Blut zu forschen und die Substanzen, die man darüber gewinnt dann an Menschen zu testen?" empörte sie sich und strich verärgert ihr Haar hinter die Ohren.

„Das haben sie getan", war die erstaunliche Antwort. „Aber ganz gleich wie gering die Mengen an diesem Hormon waren, es kam immer zu einer Metamorphose. Und das war mit den ethischen Grundsätzen der Legion nicht zu vereinen."

„Also hat man Vampire genommen, weil die ja schon verseucht waren – verstehe…" Beth stieß einen abfälligen Laut aus und schüttelte verständnislos den Kopf. „Ethische Grundsätze…"

Peterson sah ein wenig verlegen zu Boden. Wenigstens schämte er sich ein wenig für die Verbrechen dieser Monster.

„Die Idee war ein Mittel zu finden, dass zwar den Vampir als Blutsauger zerstört, aber seine positiven Kräfte für den Menschen nutzbar macht", versuchte er sehr viel leiser zu erklären. „Nur ist uns das bis zum Schluss nicht wirklich gelungen. Wir haben durch einige Verbindungen nach Europa eine pflanzliche Substanz in die Finger bekommen, die das Hormon im Blut zumindest einfrieren kann und so für eine vorübergehende Heilung sorgt. Wird der Mensch aber schwer verletzt oder von einer tödlichen Krankheit befallen, werden die Hormone sofort wieder aktiviert und das Spiel beginnt wieder von vorne." Er seufzte resigniert. „Mir war bald klar, dass man nur etwas Dauerhaftes erreichen kann, wenn man Zellen im Körper des Vampirs genetisch so verändert, dass sie die Blockadestoffe selbst produzieren und somit das Gleichgewicht herstellen können, das den Körpern der Nigong inne wohnte."

Die Botschaft, die in diesen harmlosen Worten steckte, erwischte Beth kalt. Sie hatte so etwas schon geahnt, aber in der Hoffnung, dass sie sich irrte, immer wieder verdrängt. Einen Wimpernschlag lang starrte sie den alten Mann vor sich mit offenem Mund an.

„Sie haben Micks Genetik verändert?!" entfuhr es ihr schließlich etwas zu laut.

Peterson sah sie verschreckt an und hob abwehrend die Hände. „So krass würde ich es nicht ausdrücken", sagte er schnell. „Wir haben die DNA einiger seiner Zellen verändert, und ihm auch ein paar fremde Zellen eingepflanzt…"

Beth Blut begann langsam aber sicher in ihren Adern zu kochen. „Wessen fremde Zellen?" brachte sie nur gepresst zwischen den Zähnen hervor. Sie war sich sicher, hätte Josef ihrem Gespräch beigewohnt, würde Peterson jetzt wieder in einem Würgegriff einige Zentimeter über dem Holzboden baumeln und um Luft ringen. Und es war mehr als zweifelhaft, ob sie dem Professor dieses Mal wieder geholfen hätte.

Peterson war sich wohl bewusst, dass er sich momentan nur auf sehr dünnem Eis bewegte, denn er beeilte sich sichtlich der Beantwortung ihrer Frage nachzukommen, obwohl ihm das deutlich unangenehm war.

„Vor zwei Jahren ist ein Forschungsteam der Legion in Südafrika auf einen mumifizierten Körper gestoßen, bei dessen Untersuchung sich heraus stellte, dass er ein Nachfahre der Nigong sein muss", erzählte er hastig. „Wir haben uns intensiv mit dessen Genetik auseinandergesetzt und konnten wichtige Erbinformationen sicherstellen und reproduzieren. Diese gezüchteten Zellen haben wir bei Mick verwendet. Und sein Körper hat sie tatsächlich angenommen. Er war der Einzige, bei dem das gelungen ist, und er ist mittlerweile dazu in der Lage, Blockadestoffe gegen die Hormone sogar selbstständig zu produzieren – nicht immer im ausreichenden Maße, aber es scheint soweit zu funktionieren, dass der Mensch in ihm in sehr dominanter Weise in Erscheinung treten kann."

Auch wenn sie es nur ungern zugab, seine Antwort beschwichtigte sie tatsächlich ein wenig. „Aber der Vampir in ihm ist trotzdem noch anwesend…", brachte sie mehr als eine Feststellung denn als Frage hervor.

„Ja", räumte Peterson widerwillig ein. „Das ist eine der negativen Seiten dieser ganzen Geschichte. Irgendwie hat die fremde DNA auch etwas mit Micks Vampirseite gemacht, sie irgendwie gestärkt und wilder gemacht. Deswegen sind wir auch immer noch auf das pflanzliche Serum angewiesen."

Das erklärte, warum Mick als Vampir plötzlich so anders und so schwer zu händeln war. Und es war natürlich ein ziemlich großes Problem, vor allem für sie und ihre Beziehung zu ihm. Sie wollte gar nicht daran denken, was für Schwierigkeiten damit noch auf sie zukamen. Sie schüttelte sich innerlich kurz und brachte ihre Aufmerksamkeit zurück zu dem Mann, der ihr gegenüber saß.

„Sie sagten, Micks verschiedene Seiten können ohne einander nicht leben", griff sie eine der Äußerung des vergangenen Tages wieder auf. „Wieso?"

Peterson holte tief Luft und nahm erneut seine alte, zu ihr vorgebeugte Haltung ein. „Weil das Vampir-Hormon die menschlichen Erythrozyten braucht, die Mick durch die DNA der Nigong in größeren Mengen herstellen kann als ein normaler Mensch. Als Mensch braucht er wiederum die Vampirhormone, weil diese die nötige Verbindung mit den Blockadestoffen eingehen und diese ruhig stellen."

Beth horchte auf. „Dass heißt auch die Blockadestoffe können für den menschlichen Körper gefährlich werden?"

Peterson antwortete mit einem Nicken. „Ja. Vor allem für das Immunsystem, weil sie bei einer zu geringen Menge des Vampirhormons auch die normalen Immunreaktionen des menschlichen Körpers blockieren. Und ohne ein gut funktionierendes Immunsystem kann ein Mensch nicht überleben." Auch sein Blick wanderte jetzt wieder zu Mick.

„Meine Aufgabe bestand in den letzten Monaten darin, Mick in einen Zustand zu versetzen, in dem seine Vampirseite und seine menschliche Seite sich nicht mehr gegenseitig bedrohen und er am Leben bleibt, ohne ständig von außen mit Medikamenten, Enzymen und anderen Substanzen versorgt zu werden. Und das ist wirklich ein sehr schwieriges Unterfangen gewesen. Es gab immer wieder schlimme Rückschläge und Momente, in denen er nur um Haaresbreite dem Tod entgangen ist, aber ab einem bestimmten Zeitpunkt ging es plötzlich aufwärts und er wurde deutlich stabiler, sodass er nur noch alle zwei Tage zur Unterstützung eine Injektion mit dem pflanzlichen Serum brauchte. Nur hat das diesem Vollidioten Gallagher nicht gereicht." Auf Petersons sonst so sanftem Gesicht zeigte sich jetzt eiskalte Verachtung und Wut. „Er wollte unbedingt noch weitere Zellen verpflanzen, weil ihm alles zu langsam ging und der Vampir in Mick ihm ziemliche Angst machte. Und als Mick dann auch noch bei einem Fluchtversuch zwei seiner Angestellten tötete und einen schwer verletzte, war es ihm sogar egal, dass er vielleicht durch diese neue Zellverpflanzung sterben könnte. Also bin ich mit Mick geflohen. Und nun sind wir hier."

Beth tat es dem Professor gleich und betrachtete für einen langen Moment einfach nur die reglose, völlig entspannte Gestalt Micks, der wahrscheinlich gar nichts von ihrem langen Gespräch mitbekommen hatte. Die Flut an Informationen hatte Beth ein wenig müde gemacht und musste erst einmal verarbeitet werden. Für einen Augenblick überkam sie das dringende Bedürfnis, sich einfach neben Mick zu legen, sich behutsam an ihn zu kuscheln und ihm, selber vor sich hindösend, eine Weile beim Schlafen zuzusehen. Aber leider befand sich auch der Professor noch mit im Zimmer und da gab es noch eine wichtige Frage, die sie ihm unbedingt stellen musste. „Was wird aus Mick jetzt werden?"

Peterson zog nachdenklich seine Stirn in weitere Falten. „Das ist eine gute und sehr spannende Frage, die ich Ihnen leider nicht wirklich beantworten kann, weil ich das ganz ehrlich nicht weiß", gab er nach kurzem Zögern zu. „Zunächst einmal muss ich ihn wieder in den Zustand bringen, den wir schon im Labor erreicht hatten, und dann hoffe ich, dass es weiter aufwärts geht." Er lehnte sich mit einem Ausdruck höchster Konzentration in seinem Sessel zurück.

„Der Idealfall wäre es, wenn ich ein optimales Gleichgewicht in seinem Körper hinbekommen kann, das es ihm ermöglicht, den größten Teil seines Lebens als Mensch zu verbringen", überlegte er laut. „Er könnte dann normal essen, in einem Bett schlafen, ohne weitere Schwierigkeiten das Licht der Sonne genießen – also ein ganz normales Leben führen, mit dem Zusatz, dass er weder altern noch irgendwelche schweren Krankheiten bekommen würde und auch bei schweren Verletzungen eine sehr hohe Chance hätte zu überleben."

Beth bezeichnete sich selbst zwar nicht als Pessimistin, aber in diesem Fall tat sie sich wirklich schwer daran, an ein solches Wunder zu glauben. Das Schicksal war ihr im letzten Jahr nicht besonders gut gesonnen gewesen – warum sollte sich das plötzlich so schnell ändern?

„Im Idealfall bedeutet, das es auch ganz anders laufen kann oder zumindest nicht so gut, oder?" fügte sie deswegen sofort hinzu.

„Ja", gab Person etwas widerwillig zu. Er war wohl lieber ein Optimist.

„Es ist einfach so, dass wir mit Mick einen Weg beschritten haben, den noch nie zuvor jemand gegangen ist", gestand er ein. „Alles, was jetzt kommt, wird auch für mich sehr neu und wenig berechenbar sein. Aber ich bin dennoch sehr optimistisch, weil die bisherigen Ergebnisse einfach so gut waren, dass man wirklich hoffen darf. Und ich bin mir sicher, dass ich zumindest verhindern kann, dass er stirbt."

Das war doch mal eine Aussage! Dennoch sah Beth den Mann vor sich voller Skepsis an. „Ist das ein Versprechen?" fragte sie und erhielt zu ihrer eigenen Überraschung sofort ein warmes, ehrliches Lächeln.

„Ja, das ist es", sagte er voller Zuversicht und irgendwie gelang es ihm mit seiner ganzen positiven Ausstrahlung, ihr tatsächlich Mut zu machen und ihr den Glauben zurück zu geben, dass sie alle gemeinsam die kommenden Probleme meistern konnten.