1. Erwachen
Piep … Piep … Piep
Ich hörte dieses Geräusch schon länger, mal nur im Hintergrund und wie durch Watte, mal klar und deutlich, als wenn die Quelle direkt neben meinem Ohr liegen würde. Zwischendurch hörte ich auch Stimmen, die Sätze ergaben für mich allerdings wenig Sinn. Ich konnte nur einzelne Worte verstehen und ihre Bedeutung spielte keine Rolle. Ich fühlte mich, als würde ich entspannt in einem Ozean treiben und alles andere währe bedeutungslos. Als ich wieder tiefer ins dunkle Wasser des Vergessens abtauchte, verklang auch das Geräusch.
Als ich diesmal auftauchte, war ich mir sicher im Himmel zu sein. Da waren ein helles Licht und eine Stimme, so melodisch, so vollkommen, dass sie nur von einem Engel sein konnte. Sie rief mich „Bitte wach auf!", ihr Klang war vertraut, eindringlich, wenn nicht sogar verzweifelt. Wenn mich jemand fragen würde, wie Seide oder Samt klingen würde, wenn sie eine Stimme hätten, ich hätte ohne zu zögern gesagt, dass sie klingen würde wie diese Stimme. Mühsam versuchte ich meine Augen zu öffnen, um der Aufforderung dieser himmlischen Stimme zu folgen. Ich schaffte es mit Mühe und sah noch mehr helles Licht, geblendet schloss ich meine Augen wieder.
„Bella, bitte wach auf! Bitte, mach die Augen auf! Bella, sieh mich an! Bitte!" Es durfte nicht sein, dass ein Engel so hoffnungslos und ängstlich klang. Ein weiteres Mal kämpfte ich gegen meine schweren Augen an, nur um diesen Engel glücklich zu machen. Ich konnte es mir nicht erklären, aber ich kannte diese Stimme. Ich schaffte es wieder nur einen kurzen Moment, bevor ich abermals geblendet aufgeben musste. „Carlisle, sie wacht auf!" wisperte diese Stimme. War noch jemand hier?
„Bella, hörst du mich? Wenn du mich hörst, dann mach bitte deine Augen auf!" Diesmal fiel es mir schon leichter meine Augen zu öffnen, ich schaffte es sogar meinen Blick auf das Gesicht zu fixieren, das plötzlich über mir auftauchte. Ich sah alles wie durch einen dichten Nebel, aber diesen Engel, es konnte nur ein Engel sein, konnte ich mit einer beängstigenden Klarheit erkennen. Es war das schönste Gesicht das ich jemals erblickt hatte. Ein Paar bernsteinfarbener Augen blickten aus einem blassen Gesicht mit einem ausgeprägten Kinn und einer geraden Nase auf mich herab. Um den perfekt geformten Mund spielte der Ansatz eins Lächelns. Die Haare hatten einen sehr hübschen bronzefarben Ton und sahen so verwuschelt aus, dass ich mir nicht sicher war, ob es Absicht war oder ob sie einfach nur nicht gekämmt waren. Aber es sah richtig aus! Genau so wie es war, die gesamte Erscheinung war perfekt! Ich verspürte das Verlangen mit meinen Händen durch diese Haare zu fahren, um ihre Beschaffenheit zu ertasten, um sie zu ordnen, ich wusste es nicht genau? Bevor ich diesen Gedanken ganz ergründen konnte, verlor ich abermals den Kampf gegen meine schweren Augen. Der Ozean rief mich wieder! Diesmal tauchte ich aber nicht wieder ab, sondern trieb nur auf seiner Oberfläche.
Ich hörte wie eine Tür geöffnet und wieder geschlossen wurde. „Edward? Du hast gesagt sie wacht auf? Bist du dir sicher?" erklang es von einer zweiten nicht minder himmlischen Stimme „Ja, sie hat auf meine Stimme reagiert und ihre Augen geöffnet!" klang es erleichtert von meinem Engel. Moment mal, woher kam dieser Gedanke denn, mein Engel? „Bella, mein Herz, mach die Augen auf!" Ja, es war wohl doch mein Engel! Abermals nahm ich den Kampf gegen meine schweren Augen auf, aber ich war so müde und der Ozean rief mich, ich schaffte es nicht. Mehr als ein leichtes Flattern der Augenlieder gelang mir nicht.
„Gott, sei Dank! Du hast recht, sie wacht auf!" Ich spürte wie ein paar kühle Hände meine Wangen umfassten und einen leichten Druck auf meiner Stirn, als ein paar kühle Lippen mir einen leichten Kuss gaben. Ich war plötzlich eingehüllt in den köstlichsten Duft, den ich jemals gerochen hatte. Ich war mich sicher, wenn der Himmel oder die Engel so riechen, dann wollte ich hier nie mehr weg. Diese unglaublichen Lippen legten sich nun sanft auf meine und ich wusste, ich hätte so den Rest der Ewigkeit verbringen können.
Aber der zweite Engel sprach mich jetzt an, und wer war ich schon, dass ich der Forderung eines Engels nicht nachkam. „Bella, hörst du mich? Ich will, dass du dich jetzt auf meine Stimme konzentrierst und mir genau zuhörst!". Ich versuchte es, der Engel fuhr fort „Bella, ich will, das du die Augen öffnest!"
Es gelang mir, naja fast, ich bekam sie auf, sie fielen mir aber sofort wieder zu. „Bella, versuch es noch einmal, gib jetzt nicht auf! Du hast es fast geschafft!" Diesmal hatte ich mehr Erfolg, ich sah den zweiten Engel. Er war blond, jung, doch nicht so jung wie mein Engel und hatte das für Engel typische perfekte Gesicht. Auch seine Augenfarbe war sehr ungewöhnlich, wie flüssiges Gold, wunderschön und doch irgendwie irritierend. Sie entsprach fast seiner Haarfarbe. Er lächelte mich an als wenn er nur darauf gewartet hätte, dass ich ihn anblickte.
Noch während mir die Augen wieder zufielen, spürte ich wie vertraute Lippen meiner rechten Hand einen leichten Kuss aufdrückten. Ein erleichtertes Seufzen war gleichzeitig von zwei Stimme zu vernehmen.
„Bella, du musst wach bleiben! Hörst du mich, ich liebe Dich! Nicht wieder einschlafen!" Der Ozean rief, aber diesmal versuchte ich seinen Ruf zu ignorieren, denn wieder einzutauchen bedeutete diesen himmlischen Geschöpfen Schmerzen zu bereiten. Engel sollten nicht leiden!
Ein hoch helleres Licht als zu Anfang fiel erst in mein linkes Auge, das sanft geöffnet wurde und kurz darauf in mein rechtes. Es war so grell, dass ich davor zurückschreckte. „Die Pupillen reagieren noch verzögert, aber die Reflexe sind vorhanden. Sie ist auf jeden Fall über den Berg! Wir haben das Schlimmste überstanden!" Noch während der blonde Engel diese Sätze murmelte, holte ich tief Luft.
Ein stechender Schmerz schoss durch meinen Brustkorb und ich atmete keuchend wieder aus, meine Augen flogen förmlich auf, als der Rest meines Körpers sich schmerzhaft zurück meldete. Es dauerte einige Momente bis der Schmerz sich in meinen Rippen, meinem rechten Knie und meinem Kopf zu konzentrieren schien. Japsend atmete ich ein und schloss meine Augen wieder, diesmal vor Schmerz, während mir gleichzeitig Tränen in die Augen schossen und überliefen. Stöhnend öffnete ich meine Augen wieder und war mir auf einmal meiner Umgebung voll und ganz bewusst. Ich war in einem Krankenhaus, mal wieder! Das nervige Piepsen, das ich in letzter Zeit immer wieder gehört hatte, war der Herzmonitor an den ich angeschlossen war.
Meine Vision des Himmels verschwand, was zurückblieb waren die Engel an meiner Seite. „Willkommen zurück, Bella! Wir haben uns Sorgen um dich gemacht!" klang es von dem blonden Engel, der bei genauerer Betrachtung eher wie ein Arzt aussah. Zwar wie ein Arzt, der gerade einer Fernsehserie entsprungen war, aber zweifelsohne ein Arzt. Ächzend versuchte ich mich aufzusetzen, beide halfen mir dabei und versuchten es mir so bequem wie möglich zu machen.
„Gott, Bella! Ich hatte Angst dich zu verlieren! Mach das bloß nicht noch mal! Ich dachte, ich würde vor Sorge um dich verrückt werden. Kann ich dich denn nicht mal für zwei Stunden alleine lassen, ohne dass du versuchst umzukommen?" klang es von der anderen Seite des Bettes. Die Stimme dieses Engels klang rau und emotionsgeladen und trotz allem samtig, während er mir vorsichtig mit seinen Daumen die Tränen von den Wangen wischte und mich sanft aber voller Eifer auf die Lippen küsste. „Weißt du den immer noch nicht, dass ich ohne Dich nicht leben kann? Ich liebe Dich! Ich bin so froh, dass du endlich wieder wach bist!"
Staunend blickte ich meinem Engel in die Augen, die mir fremd und doch irgendwie vertraut vorkamen. Ja, ich weiß, ich war nicht im Himmel, aber dieser … Junge, … Mann, … Adonis, dieses gottgleiche Wesen war zu gut um wahr zu sein! Er hätte gut und gerne eine von den alten Griechen geschaffene und zum Leben erwachte Götterstatue sein können. Und er war anscheinend mein! Ein Blick in diese Augen, die obwohl von Sorgen beschattet vor Liebe förmlich strahlten und es war um mich geschehen. Ich hätte den ganzen Tag in diese Augen sehen können ohne den Rest der Welt wahrzunehmen.
Diese beiden Männer sahen einfach viel zu gut aus um echt zu sein, jedes Model, jeder Schauspieler hätte seine Seele gegeben um so auszusehen. War das nicht genau der Preis, der dafür verlangt wurde, fragte eine leise Stimme in meinem Kopf, eine Seele? Dieser Gedanke verwirrte mich!
