2. Komplikationen
Benommen blickte ich von einem zum anderen. Noch bevor ich meine wirren Gedanken ordnen konnte wurde meine Zimmertür aufgerissen. Der Sheriff, unschwer an seiner der Uniform und dem Stern an seiner Lederjacke zu erkennen, platzte in mein Zimmer. Er baute sich an meinem Fußende auf und sah mich lange schweigend an, bevor er mich schließlich ansprach „Bells, ich bin so froh! Du bist wach! Ich … ich hatte schon befürchtet, Dich diesmal verloren zu haben." Seine Stimme war so leise, dass sie kaum zu hören war. Seine Augen schwammen in Tränen, die er verzweifelt versuchte wegzublinzeln. Verschämt schaute er nach diesem Gefühlsausbruch zu Boden und versuchte den Kloß, der ihm scheinbar im Hals zu sitzen schien, wegzuräuspern.
Oh! In meinem Kopf blitzen Bilder auf, das Gesicht des Sheriffs, mal lachend an einem Tisch in einer kleinen Küche mit gelben Schränken, mal wutschnaubend und rot angelaufen auf einer Treppe. Mal mit einem besorgten Ausdruck an einer Haustür, mal erschöpft, während er seine Jacke in einem kleinen Flur aufhängte. Ich kannte diesen Mann, der Name Charlie kam wie aus dem Nichts!
Der Arzt, Dr. C. Cullen, wie ich dem Namenschild entnehmen konnte, machte sich daran, meine Vitalwerte zu checken und die Geräte abzulesen, an die ich angeschlossen war. Dr. Cullen? C wie Carlisle? Hatte der junge Mann nicht diesen Namen genannt? Irgendwie klang auch das vertraut. Ich war mir in diesem Moment sicher, dass ich den Arzt nicht nur als Arzt kannte
Edward, so hatte der Arzt, Carlisle, den Jungen neben mir genannt, auch das klang vertraut, hatte sich darauf verlegt, sein Gesicht in meine rechte Hand zu schmiegen. Er hatte die Augen geschlossenen und atmete den Duft meiner Haut in tiefen Atemzügen ein, dabei umspiele ein leichtes Lächeln seine Lippen. Er wirkte völlig versunken in dem, was er tat. Als wenn die simple Handlung, meine Haut zu berühren und an ihr zu riechen, ihn in den siebten Himmel zu versetzen schien.
Der Sheriff, Chief C. Swan, wieder ein Namenschild, langsam wurde ich richtig gut darin. C wie Charlie? Anscheinend hatte er sich wieder gefangen und blicke kurz nach links und rechts, um sich zu vergewissern, dass die beiden anderen anwesenden Personen ihn nicht weiter beachteten. Er schien erleichtert, dass keiner in seine Richtung sah, wobei der Blick in Richtung des Arztes erleichtert und dankbar wirkte, der Blick in Richtung Edward, wirkte dagegen herausfordernd und hart. Als wenn er ihn dafür verantwortlich machen würde, dass ich hier war. Dieser Blick erstaunte mich, was könnte er getan haben um so einen Blick zu verdienen? Edward schien diesen Blick zu spüren, denn er sah plötzlich auf und blickte ihn nur traurig an und schüttelte leicht den Kopf. Hätte meine Hand nicht an seiner Wange gelegen, ich hätte die Bewegung nicht ausmachen können. Charlie hingegen hatte sie anscheinend gesehen und sah auf einmal beschämt aus. Charlie, woher wusste ich wie der Sheriff mit Vornamen hieß?
Carlisle räusperte sich und blicke von mir zum Sheriff, den er mit einem Nicken begrüßte „Charlie!" „Hallo Carlisle! Wie sieht es aus?" „Bella ist gerade erst wach geworden. Also die Werte sehen gut aus. Ich bin mir sicher, dass sie in ein paar Tagen wieder so gut wie neu ist. Die Rippen auf rechten Seite sind zum Glück nur geprellt, die Kopfverletzung ist auch nicht weiter schlimm. Eine Platzwunde, die in ein paar Tagen vollständig verheilt sein wird. Ein paar oberflächliche Kratzer und Schürfwunden. Aber das weißt du ja alles schon! Was mir allerdings ein wenig Sorgen bereitet, ist das Knie." Es sprach sowohl zu mir als auch zu Charlie. Ich hatte Recht was die Namen anging.
„Da wird eine intensive Physiotherapie nötig sein. Bella, dein Knie war über einen längeren Zeitraum verdreht und eingeklemmt. Du wirst die nächsten Wochen auf Gehhilfen angewiesen sein und musst Übungen machen, um die Beweglichkeit deines Knies zurück zu erlangen. Das wird nicht einfach und bestimmt auch schmerzhaft, aber ich bin mir sicher, dass du das schaffen wirst." Während er das sagte, blickte er mir fest in die Augen als wenn er noch mehr sagen wollte.
„Aber du musst da nicht alleine durch, wir helfen dir. Für die nächsten Tage möchte ich dich auf jeden Fall noch zur Beobachtung hier behalten. Du warst schließlich drei Tage bewusstlos, da sollte man mit Komplikationen rechnen. Aber keine Angst, ich glaube nicht, dass wir uns Sorgen machen müssen. Deine Werte sehen sehr gut aus!"
In Ordnung, das erklärte einiges! Drei Tage bewusstlos! Kein Wunder, dass alle so auf mein Erwachen reagierten. Das erklärte auch, warum mein Knie und mein Kopf so pochten. Meine Rippen spürte ich nicht, so lange ich nicht allzu tief atmete. So weit so gut, aber irgendwie war hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung. Ich hatte das Gefühl, dass mir einige entscheidende Informationen fehlten.
Wieder war ein zweifaches erleichtertes Seufzen zu hören, diesmal von Charlie und Edward. Carlisle blicke mir wieder in die Augen und fragte „Wie fühlst du dich? Soll ich dir etwas gegen die Schmerzen geben? Hast Du sonst noch Fragen?"
Jetzt war es an mir, Fragen zu beantworten. Ich entschied mich dafür, die offensichtlichen zuerst zu beantworten. Ich wollte etwas sagen, aber kein Wort war zu hören. Ich räusperte mich und wollte gerade noch einmal beginnen, als Edward mir einen Glas Wasser reichte. Ich nahm einen kleinen Schluck um meine Lippen zu befeuchten und merkte plötzlich wie durstig ich war. Als ich das Glas erneut ansetzte war ein leises „langsam" zu hören. Ich nickte, um zu zeigen, dass ich ihn gehört hatte, und trank in kleinen vorsichtigen Schlücken. „Noch mehr?" Lächelnd schüttelte ich den Kopf und reichte ihm das leere Glas mit einem leisen „Danke" zurück. Er schenke mir darauf ein so herrlich schiefes Lächeln, dass ich alles andere um mich ganz vergaß und ihn benommen anstarte. Mit einem leisen Räuspern brachte Carlisle sich wieder in Erinnerung.
Ich blinzelte, wandte mich Carlisle zu und sah ihn entschuldigend an, worauf er mich nur breit anlächelte. Als ich zu einer Antwort ansetzen wollte musste ich einen Moment überlegen, wie lautete die Frage noch mal? Ach ja, wie es mir geht! „Mir geht es soweit ganz gut, ein bisschen mitgenommen vielleicht. Mein Knie und mein Kopf pochen und meine Rippen spüre ich kaum, zumindest so lange ich nicht zu tief atme. Und nein danke, es geht schon so, ich brauche keine Schmerzmittel" Er blicke mich an als ob er keine andere Antwort erwartet hätte. „Wenn du deine Meinung in Bezug auf die Schmerzmittel ändern solltest, dann zögere nicht, danach zu fragen. In Ordnung?" „Ja, danke! Ich hätte da allerdings zwei Fragen!" „Nur zu, ich werde deine Fragen beantworten so weit es mir möglich ist"
Ich zögerte. Welche sollte ich zuerst stellen? Ich räusperte mich. „Mmh, ich frage mich warum … warum ich eigentlich hier bin?" Dabei blicke ich um mich, um deutlich zu machen, was ich meinte. Edward, der immer noch an meiner rechten Seite saß und meine Hand hielt war auf einmal ganz steif und angespannt. Seine Kiefer fest zusammen gepresst, seine Augen schmerzerfüllt und trotzdem irgendwie leer, als wenn er tief in Gedanken versunken wäre oder etwas hören würde, das mir entging. Und obwohl er so versunken, geradezu weggetreten aussah war er doch das Schönste, was ich mir vorstellen konnte. Er schien meinen Blick zu spüren, denn er lächelte mich an und setze einen Kuss auf die Innenseite meines Handgelenkes und blicke dann zu Charlie auf.
Auch ich wendete mich Charlie zu. Sein Gesicht sah ebenfalls schmerzerfüllt aus und er wirkte gedankenverloren als wenn er auf etwas in seiner Erinnerung blicken würde. Edwards leises „Charlie?" brachte ihn wieder ins hier und jetzt zurück. Er schluckte einmal geräuschvoll und blicke mir dann in die Augen. „Tja, ich bin heute auch in offizieller Mission hier. Du hattest einen Autounfall und ich muss dich dazu befragen. Auch wenn ich das nicht gerne mache, das ist leider mein Job. Ich hoffe, du verstehst das, Schatz!"
Benommen blicke ich ihn an. Auch wenn ich mir so etwas schon gedacht hatte, war es doch etwas anderes, es zu hören. Und dieses Schatz verwirrte mich. Ich stand in irgendeinem persönlichen Verhältnis zu ihm. So wie er mich ansah drängte sich der Begriff väterlich auf. Konnte das sein, dass er mein Vater war? Das würde auch den an Edward gerichteten Blick erklären.
In Ordnung, damit wäre meine erste Frage beantwortet. Jetzt zu meiner zweiten. Ich hatte Angst, sie zu stellen. Ich wusste nicht, wie sie darauf reagieren würden. Ich blicke auf meinen Schoß und versuchte die Tränen, die mir aus den Augenwinkeln laufen wollten, wegzublinzeln. Oh, das würde nicht einfach werden! Ich atmete noch einmal so tief wie möglich durch und hob meinen Blick wieder.
„Und … und wer bin … und wer bin ich?"
