3. Diagnose
Diese Frage brachte die unterschiedlichsten Reaktionen hervor. Edwards Kopf schoss in einer so schnellen Bewegung hoch, dass sie für meine Augen nicht sichtbar war. Sein Gesicht zeigte nur Verwirrung, in seinen Augen war gleichzeitig Schmerz, Sorge und Neugier zu sehen.
Carlisle, sah mich mit einem besorgten Stirnrunzeln an, ganz der Arzt der vor ein medizinisches Problem gestellt wird. Aber auch in seinem Blick lag Sorge. Als er einen kurzen Blick auf Edward warf, gesellte sich noch Schmerz dazu.
Charlie sah geradezu betäubt aus, bis er plötzlich laut losplatzte „Ha, der war gut! Bells, du solltest deinen Vater nicht so hochnehmen! Ich habe mir schließlich die letzten drei Tage ununterbrochen Sorgen um dich gemacht!" Das ganze klang aber eher halbherzig, als wenn er selbst nicht so ganz glauben würde, was er sagte. Ein Blick in mein, nach wie vor verwirrtes, Gesicht schien ihn eines besseren zu belehren. „Das war kein Scherz, … oder? Das ist dein Ernst!? Du weißt nicht … wer du bist?"
Ich sah ihn weiterhin an, die Tränen liefen mittlerweile ungehindert über meine Wangen. Mein bestätigendes Nicken wirkte selbst auf mich ziemlich kläglich. Die Erkenntnis, dass ich es ernst meinte, schien nur langsam zu ihm durchzudringen. Sein Grinsen fiel in sich zusammen und er sah plötzlich so aus als wenn er einen Schlag in den Magen bekommen hätte.
Edward neben mir brach praktisch simultan mit Charlie zusammen. Ein verzweifeltes „Oh mein Gott, nicht das auch noch! Haben wir nicht schon genug durchgemacht?!", gerade an der Grenze des hörbaren, drang an mein Ohr. Seine Ellenbogen waren plötzlich auf den Rand meiner Matratze gestützt, sein Gesicht lag in seinen Händen, während er sich schwer auf seine Arme lehnte.
Ich war mich sicher, dass Charlie nichts davon gehört hatte. Carlisle allerdings sah uns an, als wenn er jedes Wort klar und deutlich verstanden hatte. Ich fragte mich, ob das möglich sein konnte. Er stand schließlich auf der anderen Seite meines Bettes und ich hatte Edwards Worte schon kaum verstanden.
Ich weiß nicht warum, aber es machte mir mehr aus Edward so leiden zu sehen, als nicht zu wissen wer ich war. Ich bereute meine Frage überhaupt gestellt zu haben. Ich weiß nicht, was er für mich war oder ich für ihn. Aber seinen Schmerz zu sehen, tat mir mehr weh als mein eigener.
Ich warf einen schnellen Blick in die Runde. Charlie war noch in Schockstarre und Carlisle schaute mit einem sonderbaren Blick auf mich und Edward an meiner Seite herab. Als ich meine zitternde Hand in Richtung Edward ausstreckte, sah er irgendwie beruhigt aus und nickte mir aufmunternd zu. Ich warf einen kurzen Blick in Richtung Charlie. Carlisle schien zu verstehen, er nickte mir zu und zog Charlie langsam Richtung Tür. Mit dieser Bestätigung überbrückte ich auch die letzen Zentimeter und legte meine Hand sanft auf Edwards Kopf und zog ihn an meine Seite. Ich wusste nicht, warum ich es tat, ich folgte einfach meinen Instinkten.
Zuerst schien er sich nicht bewegen zu wollen, doch dann schlang er in einer Bewegung, die wieder einmal zu schnell für meine Augen war, die Arme um meine Taille und verbarg sein Gesicht an meiner Brust, immer noch heftig atmend. Ich schlang meine Arme um seinen Oberkörper und lege meinen Kopf auf seinen. Meine Augen fest geschlossen und gegen meine eigene Panik ankämpfend hielt ich ihn genauso fest wie er mich.
Nach einiger Zeit, mir kam es vor, als wenn es Stunden waren, obwohl es sich wohl eher um Minuten gehandelt haben konnte, wurde ich von Charlies lauter Stimme aus meinen Überlegungen aufgeschreckt. „Carlisle, du kannst doch nicht ernsthaft von mir erwarten, dass ich das hinnehme?" Die Beiden schienen vor der halbgeschlossenen Tür zu diskutieren, ich konnte nicht genau versehen was gesagt wurde. Charlie sah ziemlich wütend aus, sein Gesicht rot angelaufen, während Carlisle versuche ihn zu beschwichtigen. Edward nutze diesen Moment um sein Gesicht wieder in seinen Händen zu verstecken, diesmal legte er allerdings nur seine rechte Hand über die Augen, während seine linke in seinen Schoß fiel.
„Sie ist immer noch meine Tochter, falls du das vergessen haben solltest!" klang es wieder aufgebracht von Charlie „Du hast doch selbst gesehen wie sie reagiert hat! Und hast du da nicht eine Kleinigkeit vergessen!" Carlisle Antwort war zwar nicht ganz so laut, aber deswegen nicht weniger energisch, dabei warf er einen bedeutungsvollen Blick auf Edward. Charlie blicke Edward ebenfalls an, wandte sich dann wieder an Carlisle und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn im selben Moment aber wieder. Er sah aus als ob er mit den Zähnen knirschen würde, während seine Gesichtsfarbe ein dunkleres Rot annahm. Anscheinend fiel ihm nichts Passendes als Antwort ein.
Wutschnaubend kam Charlie wieder an mein Bett, seine Hände umklammerten das Fußende so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Ich wunderte mich, dass kein Dampfstrahl aus seinen Ohren herausschoss, denn er sah aus als wenn er kurz vor der Explosion stehen würde. „ Isabella Marie, ich schwöre dir …" knurrte er mich an. „Charlie es reicht jetzt!" Carlisle unterbrach ihn bevor er seine Satz beenden konnte. Obwohl er leise sprach, war es jeder einzelnen Silbe deutlich anzuhören, dass er es ernst meinte. Er sprach ruhig und sein Gesichtsausdruck, seine Körperhaltung machten einen entspannten Eindruck. Aber ich wusste, dass es nicht so war! Carlisle wirkte gefährlich, als wenn unter der ruhigen Fassade etwas Dunkles und Bedrohliches lauern würde! Charlie schien das wohl auch zu spüren, denn er sagte nichts mehr. Stattdessen warf er Edward einen gehässigen Blick zu, als wenn er sagen wollte ‚'das letzte Wort ist noch nicht gesprochen'.
Wenn Charlie nicht plötzlich weiß geworden wäre und schwer geschluckt hätte, wäre mir gar nicht aufgefallen, dass Edward sich aufgerichtet hatte, um Charlies Blick zu begegnen. Er hatte sich so leise bewegt, dass ich nicht das geringste Geräusch gehört hatte. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass er Charlie aus schwarzen Augen intensiv anblicke, der Ausdruck in ihnen war mörderisch, fast wie bei ein Raubtier vor dem Angriff. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich schwören können, dass ein leises Knurren aus seiner Kehle kam.
Carlisle blicke Edward an und Edwards Kopf schoss plötzlich zu ihm herum, fast so als wenn er ihn gerufen hätte. Beide sahen sich einen kurzen Moment in die Augen, als wenn sie eine stumme Unterhaltung führen würden. Edward atmete einmal tief durch und die Anspannung die eben noch deutlich zu sehen war verschwand, seine Augen nahmen wieder den Farbton von hellem Bernstein an. Staunend blicke ich von einem zum anderen. Ein Blick in Charlies Gesicht zeigte mir, das ich mir dass alles nicht eingebildet haben konnte. Er wirkte immer noch geradezu paralysiert.
Diesen Moment nutzte eine gehetzt wirkende Krankenschwester, um den Kopf zur Tür herein zu stecken. „Ach, Chief Swan, da sind sie ja! Sie wollten doch informiert werden, wenn der Patient vom Röntgen zurück ist. Er ist gerade eben wieder in sein Zimmer gebracht worden." Immer noch etwas weggetreten wandte Charlie sich um „Hu, … ach ja! Danke Schwester, ich werde gleich zu ihm gehen." „Keine Ursache!" Bevor die Frau wieder gehen konnte hielt Carlisle sie mit einer leicht erhobenen Hand und einem Lächeln auf. „Becky, würden sie bitte dafür sorgen, dass Bella etwas zu essen und zu trinken gebracht wird! Und bitte lassen sie auch das Kühlpack auf ihrem Knie austauschen." Sie verschwand mit den Worten „Ja, Dr. Cullen! Ich kümmere mich darum!" und einem leicht verwirrten Ausdruck auf dem errötetem Gesicht.
Ich konnte nicht anders, ich musste einfach grinsen. Die arme Frau ist wahrscheinlich direkt hinter der nächsten Ecke verschwunden, um sich erst einmal zu beruhigen und ihre Fassung zurück zu gewinnen. Ich konnte mir vorstellen, dass sich alle Schwestern Carlisle zu Füssen werfen würden, sollt er es von ihnen verlangen. Kaum eine Frau kam gegen solch einen Charme an!
Mein Grinsen muss wohl etwas fehl am Platz gewirkt haben. Charlie sah mich an, als ob ich nicht ganz richtig im Kopf wäre und mich seltsam verhalten würde. Edward sah frustriert aus und Carlisle sah mich nur verwundert an. Ich merkte, wie mir unter ihren Blicken das Grinsen aus dem Gesicht rutschte. Seufzend blickte ich auf meine Bettdecke. Durfte ich mich den nicht etwas seltsam aufführen, schließlich war ich drei Tage nicht ganz bei mir gewesen?
„Bella, ich werde dir deine Frage gleich beantworten, aber ich möchte dich bitten, mir vorher noch einige Frage zu beantworten!" wandte sich Carlisle an mich, wobei er das ich etwas zu deutlich betonte. Der Blick den er Charlie dabei zuwarf war eindeutig. „Es ist wichtig! Ich werde dir hinterher erklären warum, ok? Denk nicht lange über die Antworten nach, antworte einfach ganz spontan was Dir in den Sinn kommt.".
Ich warf durch meine gesenkten Wimpern einen schnellen Blick auf Charlie und stellte fest, dass er sich mittlerweile darauf verlegt hatte Carlisle mit zusammen gepressten Lippen und vor der Brust verschränkten Armen finster anzustarren. Bange hob ich den Blick und sah Carlisle nickend in die Augen. Mein Puls beschleunigte dabei, dank des Herzmonitors für alle deutlich hörbar. Edward blickte mich neugierig an.
„Wo befinden wir uns?" „Ähm, im Krankenhaus?" meine Antwort zauberte ein Lächeln auf Carlisle Gesicht und brachte Edward dazu leise zu kichern. Selbst Charlie hat zu kämpfen das Grinsen von seinen Lippen zu verbannen.
„Ja, aber ich meinte in welcher Stadt" „Ach so, in Folks?" meine Antwort klang eher wie eine Frage und ich war mich nicht ganz sicher. „Welches Datum haben wir heute?" „Naja, ich weiß nicht genau, den 12. August?" „Welches Jahr?" „2008!" Bevor er zur nächsten Frage ansetzen konnte unterbrach ich ihn „Hab ich recht?" „Wie? Ach so, tut mir leid! Ja, wir sind in Folks! Beim Datum liegst du etwas daneben, wir haben heute den 13. August, dafür stimmt das Jahr." Das beruhigte mich etwas.
Carlisle stellte mir noch weitere Fragen, über aktuelle Ereignisse, Gesellschaft, Kultur und viele andere Dinge. Einige Fragen wiederholte er, was mich verwunderte. War er etwa vergesslich? „Carlisle, diese Fragen hast Du mir schon gestellt!" „Ich weiß, beantworte sie einfach noch einmal. Ich erkläre es dir später!" bevor ich noch etwas entgegnen konnte stellte er mir schon die nächste Frage. Im Grossen und Ganzen konnte ich seine Fragen auch ganz gut beantworten, nur wenn es um meine unmittelbare Vergangenheit oder Dinge die mich persönlich betrafen ging, lag alles wie in einem dichten Nebel.
„Was ist das letzte an das du dich erinnern kannst?" Diese Frage schien auch die anderen brennend zu interessieren. Charlie gab seine finstere Haltung auf und stützte sich wieder auf das Fußende meines Bettes. Ich fühlte mich unter den neugierigen, starren, Blicken die auf mich gerichtet waren unwohl. Deshalb schloss ich die Augen und versuchte, mich zu konzentrieren. Ich atmete so tief es mir mit meinen angegriffenen Rippen möglich war ein und langsam wieder aus. Das schien nicht nur meinen wirren Kopf, sonder auch meine Herz zu beruhigen, das bei dieser Frage wieder angefangen hatte zu rasen.
Verschwommene Bilder blitzten in kurzer Abfolge auf. Stirnrunzelnd versuchte ich sie zu fassen und konzentrierte mich noch stärker auf das, was ich sah. Ich sprach langsam mit geschlossenen Augen und beinahe flüsternd „Ich bin in meinem Auto unterwegs. Ein alter Transporter. Die Straße ist nass, es regnet! Links und rechts der Straße sind Bäume, als wenn ich durch einen Wald fahren würde. Vor mir ist eine Kurve, mir kommt ein Holzlaster entgegen. Ein Auto … taucht plötzlich neben dem Laster auf, es will überholen und … und rast genau auf mich zu. Ein lauter Knall! Reifen quietschen und der Laster kommt plötzlich auch auf mich zu geschleudert. Alles dreht sich und da sind überall Bäume! Und dann ist da nichts mehr!" Die letzten Sätze brachte ich nur mühsam und unter schluchzen heraus, meine Stimme brach immer wieder. Mein Herz raste!
„Sch, ist ja gut! Du bist in Sicherheit, dir kann nichts mehr passieren" Edward setzte sich neben mich aufs Bett und nahm mich sanft in den Arm. Er flüsterte mir beruhigende Worte ins Ohr, während er mir langsam mit der Hand über den Rücken streichelte und leichte Küsse auf meine Schläfe setzte. Langsam normalisierte sich mein Herzschlag unter seinen Berührungen.
Ich blicke Carlisle durch tränennasse Wimpern an. Er lächelte mich liebevolle an und strich mir mit einer Hand über meine Wange, um meine Tränen abzuwischen, dann beugte er sich vor und küsste mich sanft auf den Kopf. So verhielt sich ein Arzt normalerweise nicht! „Ich kenne Dich!" entfuhr es mir, bevor ich näher darüber nachdenken konnte. Das brachte ihn zum schmunzeln „Ja, Bella! Wir kennen uns. Ich bin nicht nur dein behandelnder Arzt!" Während er das sagte, grinste er Edward an, der mich immer noch an seine Brust gedrückte.
Ich blickte nach vorne, um Charlie anzusehen, der auf den Boden zu seinen Füßen sah und meinen Blick vermied. Sein Gesichtsausdruck war schwer zu deuten, eine Mischung aus rasender Wut und unendlichem Bedauern. Mein Unfallbericht schien ihm erschüttert zu haben. „Es tut mir leid Char … Dad!" flüsterte ich. Das brachte ihn dazu mich anzusehen. „Nicht Bells, es ist nicht deine Schuld!" Er räusperte sich geräuschvoll und schenkte mir ein schwaches Lächeln, das aber nicht seine Augen erreichte. Der besorgte Vater trat in den Hintergrund um dem Mann des Gesetzes platz zu machen.
„Ich denke, dass wird dir bei deinen Ermittlungen zum Unfallhergang weiterhelfen" bemerkte Carlisle ruhig. „Ja, ich denke schon! Aber endgültige Sicherheit werden wir erst nach den technischen Gutachten haben! Ich möchte, dass du gleich bei der Befragung dabei bist, es macht sich im Protokoll immer besser wenn ein Arzt anwesend ist." „Es wird mir ein Vergnügen sein!" damit schienen die beiden ihren Streit zu begraben und sich wieder zu vertragen. Es geht doch nichts über ein gemeinsames Ziel!
„Bella, du hast dich bestimmt gewundert, warum ich dir einige Fragen mehrmals gestellt habe?" Ich nickte schniefend. „Ich wollte sehen, wie weit dein Erinnerungsvermögen beeinträchtigt ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass du unter einer vorübergehenden Amnesie, bedingt durch den Unfall, leidest! Das bedeutet, dass deine Erinnerungen nicht verloren sind, sondern nur blockiert. Du hast im Moment einfach nur keinen Zugang dazu. Ich bin sicher, dass sie wiederkommen werden. Nur wie lange das dauert, weiß ich nicht. Es kann zwei Tage, aber auch Wochen oder Monate dauern. Deine Erinnerungen können einzeln oder als großer Knall zurückkommen, das weiß niemand genau. Ich werde nachher einmal in meinen Büchern nachsehen, wie wir deinem Gehirn auf die Sprünge helfen können. Ich möchte jetzt, dass du dich ausruhst! Die letzte Stunde war aufregend genug und du brauchst jetzt ein bisschen Ruhe, um schneller wieder gesund zu werden! Ich komme später noch mal wieder, um mach dir zu sehen!"
Er lächelte mich aufmunternd an und ging Richtung Tür. Im Türrahmen blieb er stehen und blicke sich nach Charlie um. „Schlaf gut Bells! Ich komme dich morgen wieder besuchen" murmelte mir Charlie ins Ohr, während er mich unbeholfen umarmte und sich daran machte Carlisle zu folgen. Mit einem letzten Blick auf mich schloss er die Tür hinter sich.
Ich merkte plötzlich wie müde ich war. Ich versuchte mit wenig Erfolg ein Gähnen zu unterdrücken. Edward, der bei mir im Zimmer zurückgeblieben war, machte Anstalten seine Umarmung zu lösen und vom Bett zu klettern. Ich krallte mich in sein Hemd, um ihn zurück zu halten. „Nicht weggehen!" Nach einem forschenden Blick in mein Gesicht, lehnte er sich seufzend mit mir im Arm wieder in das Kissen zurück. Ich kuschelte mich an seine Brust und war beinahe eingeschlafen, als mir auffiel, dass keiner meine Frage beantwortet hatte. Eingehüllt in Edwards köstlichen Duft beschloss ich, dass meine Antwort auch noch etwas warten konnte und war innerhalb von Sekunden eingeschlafen.
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