4. Isabella Marie …
Als ich aufwachte, spürte ich jeden einzelnen Wirbel meines Rückens. Gähnend blicke ich mich um, ich war alleine! Das Sonnenlicht, das durch die halbgeschlossenen Jalousien in mein Zimmer fiel, hatte den sanften gelben Schimmer, den es nur kurz nach Sonnenaufgang hat. Es war also noch sehr früh am Morgen! Stöhnend richtete ich mich auf und spürte einen stechenden Schmerz im Knie, der mich dazu brachte, mitten in der Bewegung inne zu halten. Tränen traten mir in die Augen, ich biss die Zähne zusammen und richtete mich langsam zu einer sitzenden Position auf.
Ich wischte mir mit beiden Händen die Tränen vom Gesicht, als ein Glitzern meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich blickte auf meine Hände und entdeckte an meiner linken Hand zwei Ringe, genauer gesagt, an meinem linken Ringfinger. Einer war ein schlichter Ring aus Weiß- und Gelbgold mit einem blauen Stein in der Mitte. Der andere war auch aus Gold, eingewoben in ein filigranes ovales Netz lagen lauter kleine glitzernde Steine, es konnten nur Diamanten sein. Zwei Ringe … an meinem Ringfinger … das heißt doch nicht etwa, … dass ich verheiratet bin?
Verheiratet mit Edward? Ich wollte diesen Gedanken gar nicht zu Ende führen, es war lächerlich auch nur einen Moment zu glauben, dass ich mit Edward verheiratet sein könnte! In mir tobte ein regelrechtes Gefühlschaos: Freude, Aufregung, spannungsvolle Erwartung, Angst, Besorgnis, Verblüffung. Ich versuchte mir Edward in einem schwarzen Anzug vorzustellen. Das gelang mir fast schon zu leicht. Ich sah eine festlich geschmückte Lichtung, im Hintergrund stand ein großes weißes Haus. Und da stand er, mit einem glücklichen Lächeln, vor einem blumengeschmückten Altar, Carlisle und ein großer dunkelhaariger junger Mann an seiner Seite. Dieses Bild verstärkte das Gefühl der Freude. Ich konnte mir allerdings nicht sicher sein, ob ich mich wirklich erinnerte oder ob ich nur eine besonders gute Vorstellungskraft hatte. Schnell schob ich diese Vorstellung beiseite, die stille Freude blieb allerdings.
Nachdem Charlie mich gestern angeknurrt hatte, war ich mir sicher, Isabella Marie Swan zu heißen. Aber in Anbetracht der Ringe an meinem Finger! Es gab nur eine mögliche Erklärung für diese Ringe! Mein Name lautete nicht Isabella Marie Swan! Ich hatte das Gefühl nicht mehr atmen zu können! Meine Lungen funktionierten zwar, aber ich bekam trotzdem nicht genügend Sauerstoff, ich starrte fassungslos auf die Ringe an meiner Hand. Das war ein bisschen viel für mich! Wenn ich verheiratet war … dann hieß ich nicht Swan … dann lautete mein Name: Isabella Marie …
„Oh, guten Morgen Mrs. Cullen!" Da war es! Ausgesprochen von einer mütterlich wirkenden älteren Krankenschwester, ich schätze sie um die fünfzig. Sie kam lächelnd auf mich zu und plapperte munter weiter, während ich sie nur benommen ansah.
„Sie sind ja schon wach! Dr. Cullen meinte, dass die Überwachungsmonitore nicht mehr nötig sein. Also, dann werde ich sie jetzt von diesen Dingern befreien! Mich wundert, dass ihr Mann gar nicht hier ist! Der Ärmste, er ist bestimmt nach Hause gefahren, um ein bisschen Schlaf nachzuholen! Sie müssen wissen, er ist die letzten Tage kaum von ihrer Seite gewichen. Er hatte solche Angst sie zu verlieren, aber das ist ja auch kein Wunder. Ich meine, so ein schwerer Autounfall kurz nach der Hochzeit und dann drei Tage Koma! Ich hatte ja gedacht, es ist ein Fehler so jung zu heiraten. Tschuldigung, aber sie sind ja schließlich beide noch recht jung! Aber nachdem ich gesehen habe, wie besorgt er um sie ist und wie liebevoll er sie ansieht. Ach Kindchen, es geht doch nichts über die Liebe! Dann kann es nicht falsch sein, schon so früh zu heiraten! Und Dr. Cullen war so stolz als er erzählte, dass sein Sohn heiraten würde, er hat sich so für sie beide gefreut! Oh! Ich plappere mal wieder! Manchmal kann ich mich einfach nicht bremsen! Ich hoffe ich bin nicht zu aufdringlich!"
Ich war förmlich überwältigt von ihrem Monolog und brauchte einen Moment um meine Stimme wieder zu finden, ich blinzelte und blickte zu ihr auf. Sie sah etwas verschreckt aus, ihr Gesichtsausdruck entspannte sich aber wieder als ich sie anlächelte „Nein, ist schon gut.". Sie erwiderte mein Lächeln und schob das Gestell mit den Überwachungsgeräten neben die Tür. „Das werde ich später mitnehmen. So Isabella, ich darf doch Isabella sagen? Ich werde ihnen jetzt mal ihr Frühstück besorgen!" Mit diesen Worten verschwand sie und war noch bevor ich einen klaren Gedanken fassen konnte wieder da. Sie stellte ein Tablett auf dem Tisch neben meinem Bett ab und schob diesen näher zu mir. Anschließend kam sie an die andere Seite meines Bettes und richtete die Kopflehen soweit auf, dass ich mich aufrecht sitzend anlehnen konnte. Die Fernbedienung fürs Bett legte sie auf dem Tisch neben dem Tablett ab.
Sie verließ mein Zimmer noch einmal und kam mit einem Saftkrug wieder, den sie ebenfalls auf den Tisch stellte. „Ich habe ihnen eine extra große Portion besorgt. Sie haben schließlich ein paar Tage nichts zwischen die Zähne bekommen!" meinte sie grinsend während sie den Deckel vom Teller hob. Mein Magen beantwortete diese Bemerkung mit einem lauten Knurren. Verlegen sah ich sie an, doch sie lachte nur und machte sich auf den Weg zur Tür. „Wenn sie etwas brauchen sollten, klingeln sie einfach! Und herzlichen Glückwunsch zu ihrer Hochzeit! Sie haben da einen wirklich guten Fang gemacht!" Sie zwinkerte mir zu und schloss die Tür hinter sich.
Ich beschloss, mir später all die Informationen, mit denen die Schwester mich versorgt hatte, durch den Kopf gehen zu lassen und betrachtete den üppig gefüllten Teller vor mir. Das Wasser lief mir im Mund zusammen und mein Magen machte sich lautstark bemerkbar. Ich bezweifelte zwar, dass ich diese Menge schaffen würde, nahm aber meine Gabel zur Hand und ließ mir mein Rührei mit Speck und Toast schmecken. Zu meiner großen Verwunderung war der Teller bereits nach kurzer Zeit bis auf den letzten Krümel geleert. Auch der Saftkrug war nur noch zur Hälfte gefüllt. Ich glaube, mir hat kalter Orangensaft noch nie so gut geschmeckt.
Seufzend lehnte ich mich zurück, um mich mit den Gedanken zu befassen, die ich während des Essens erfolgreich zurück gedrängt hatte. Ich ließ mir den Monolog der Schwester noch einmal durch den Kopf gehen. Edward ist Carlisles Sohn und hatte die letzten drei Tage an meiner Seite verbracht. Wir waren miteinander verheiratet, aber noch nicht lange. Anscheinend war unsere Hochzeit das Gesprächsthema Nummer Eins der Stadt. Kein Wunder! Der gut aussehende Sohn des gut aussehenden Arztes heiratet die Tochter des Polizeichefs. Warum bloß? Aus Liebe! Das wusste sogar ich mit Sicherheit, auch wenn ich mir vieler Dinge im Moment nicht sicher war.
Ich war verheiratet mit der Inkarnation eines griechischen Gottes! Ich frage mich wie das sein konnte, was sah er in mir? Wie sah ich überhaupt aus? Ich hatte eine sehr blasse, fast schon durchscheinende Haut und lange dunkle Haare, soviel konnte ich wohl feststellen. Dort, wo die Sonne auf mein Haar fiel, war ein deutlicher Rotschimmer zu erkennen, aber darüber hinaus war ich mir meiner physischen Erscheinung in keiner Weise bewusst.
Ich sah an mir herab um meine Figur in Augenschein zu nehmen. Ich war sehr schlank, fast schon ein wenig zu dünn. Das lag wahrscheinlich daran, dass ich in den letzten Tagen nichts gegessen hatte. Das Krankenhausnachthemd, das ich trug, war nicht gerade figurschmeichelnd und hing an mir wie an einer Vogelscheuche. Mein Busen war nett, nicht zu klein und nicht zu groß, eine gute Handvoll. Meine Taille war in Kombination mit meinem flachen Bauch und meinen schmalen Hüften genau richtig. Ein Blick unter die Decke zeigte mir, dass meine Beine lang und schlank waren. Alles in allem war ich mit mir ganz zufrieden.
Um mein Gesicht zu betrachten, musste ich darauf warten bis mir jemand einen Spiegel reichte oder ich die Möglichkeit hatte, ins Bad zu gehen. Als ich mit meinen Händen über mein Gesicht fuhr um seine Struktur zu ertasten, konnte ich jedenfalls nichts auffälliges wie ein Pferdegebiss oder eine Knollennase finden. Das musste mir für den Augenblick genügen.
So wie es aussah, war ich verletzungserfahren! Meine kritische Selbstbetrachtung brachte mehrere Narben, darunter auch eine besonders lange an einem meiner Arme und eine sonderbar blasse an einem meiner Handgelenke, zum Vorschein. Die Narbe an meinem Handgelenk bestand aus zwei perfekten Halbmonden, glitzerte leicht im Sonnenlicht und fühlte sich, als ich mit meinem Daumen darüber strich, kälter als der Rest meiner Haut an. Sie sah fast aus wie ein Biss! Aber warum sollte ich einen Biss an meinem Handgelenk haben?
In diesen Moment klopfe es leise an meiner Tür und Charlie steckte den Kopf herein. „Hey Schatz! Du bist schon wach!" Ich lächelte ihn an „Hey, Dad! Komm rein! Ich bin schon eine ganze Weile wach! Was machst Du denn schon so früh hier?". Er kam grinsend ins Zimmer und setzte sich auf den Stuhl der neben meinem Bett stand. „Ich dachte, ich schaue kurz mal bei dir rein bevor ich aufs Revier fahre. Wie fühlst du dich?" „Besser, nicht mehr so benommen wie gestern! Obwohl ich meinen Rücken spüre, ich muss unbedingt aus diesem Bett raus und ein wenig Bewegung kriegen, bevor ich noch ganz steif werde!" Das brachte ihn zum Lachen. „Das ist typisch für dich, du warst an der Schwelle des Todes und beschwerst dich über einen steifen Rücken! Hör mal, Bells, ich wollte mich für mein Verhalten gestern entschuldigen!" Er sah mir fest in die Augen und fuhr fort „Ich habe mich auch schon bei Carlisle entschuldigt und werde mich auch bei Edward entschuldigen, sobald ich ihn sehe. Es war nicht richtig, dich anzubrüllen! Aber du musst mich verstehen, die letzten drei Tage waren die Hölle. Ich werde zu einer Unfallstelle gerufen und finde dich bewusstlos und blutüberströmt in deinem Transporter. Keiner konnte mir sagen, ob oder wann du wieder aufwachst! Das war eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens. Ich glaube nicht, dass ich diesen Anblick so schnell wieder vergessen kann!"
Er sah mich an und seine Augen baten stumm um Verzeihung. Ich lächelte ihn an und nahm eine seiner Hände in meine „Ist schon in Ordnung, ich weiß nicht wie ich reagiert hätte." Das schien ihn zu erleichtern, denn sein kummervolles Gesicht heiterte sich deutlich auf. „Das ist auch typisch für dich, du kannst niemandem lange böse sein!" erklärte er mir schmunzelnd.
Die Schwester, die mir mein Frühstück gebracht hatte, polterte in diesem Augenblick in mein Zimmer. Verwundert sahen wir beide sie an. Ihr Anblick erklärte dann auch den Krach, den sie beim hereinkommen gemacht hatte. In der einen Hand hielt sie einen weiteren Saftkrug und ein Kühlpack für mein Knie, während sie mit dem anderen Arm zwei Wasserflaschen und einen Teller mit Obst balancierte. Charlie sprang auf, um ihr die Wasserflaschen abzunehmen.
„Danke, Chief! Ich hätte wohl lieber zweimal gehen sollen!" „Keine Ursache, Lilly, sie wissen doch, dein Freund und Helfer!" witzelte Charlie. Die Schwester kicherte, während sie ihre Lasten auf meinem Tisch abstellte und das Kühlpack auf meinem Knie platzierte. Sie schnappte sich mein Tablett mit den Worten „Alles aufgegessen, dann werden wir wohl weiterhin gutes Wetter haben! Obwohl das ja hier in Folks nichts heißt!" Dabei warf sie einen Blick aus dem Fenster auf den inzwischen wieder wolkenverhangen Himmel und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen.
Als sie Charlie passierte, der noch etwas hilflos mit den Wasserflaschen in Händen mitten im Raum stand, blieb sie stehen und lächelte ihn an. „Ich wollte ihnen übrigens noch zur Hochzeit ihrer Tochter gratulieren! Sie sind bestimmt stolz auf Isabella, die übrigens einen sehr guten Geschmack hat, jede Mutter träumt von so einem Schwiegersohn! Sie werden einmal sehr hübsche Enkelkinder haben!" Sie zwinkerte ihm zu und griff mit der freien Hand nach dem Gestell, das sie vorher neben der Tür abgestellt hatte, und verließ den Raum.
Charlie und ich blieben sprachlos zurück. Wir sahen uns mit dem gleichen geschockten Gesichtsausdruck an. Charlie wurde weiß und ich rot, während wir verlegen in Unterschiedliche Richtungen sahen. Diese Bemerkung brachte mich auf einen Gedanken, der mir bis dahin noch gar nicht gekommen war. Mussten wir heiraten, war ich schwanger?
Ich konnte spüren, dass meine Wangen vor Verlegenheit noch dunkler wurden, und platzte mit der Frage heraus, ehe ich mich selbst davon abhalten konnte. „Dad, du glaubst doch nicht etwa, … das ich schwanger bin?" „Was? Nein! Das ist sicher!" Er sah sichtlich erleichtert aus, als er mir das mitteilte. Die Bestimmtheit, mit der er das sagte, erleichterte mich, sie machte mich aber auch neugierig „Woher weißt du das?". Ich konnte nicht verhindern, dass meine Stimme geschockt und vorwurfsvoll klang. „Du warst bei der Einlieferung bewusstlos und wurdest gründlich untersucht. Mögliche Schwangerschaften abzuklären, gehört zur Aufnahmeroutine!" erklärte er mir überheblich in seiner Polizistenstimme. Mein erleichtertes „Uff" war leider nicht so geräuschlos, wie ich es mir gewünscht hätte.
„Isabella Marie!" er sah mich kopfschüttelnd an, stellte die Wasserflaschen auf dem Tisch ab und wandte sich zum Gehen. In der Tür drehe er sich noch einmal mit den Worten "Ich komme später noch einmal vorbei!" um, schenke mir ein schwaches Lächeln und verschwand.
