6. Peinlichkeiten und kleine Siege
Edward machte sich nicht die Mühe, sich umzudrehen. Er grinste mich einfach weiter an und begrüße seinen Vater mit einem lässigen „Hallo, Carlisle!". Ich blickte verlegen auf unsere verschränkten Hände und lief rot an. Als mein Blick auf Edwards linke Hand fiel bemerkte ich, dass auch er einen Ehering trug, das perfekte Gegenstück zu meinem, ein vollkommener Kreis aus Gelb- und Weißgold, allerdings ohne den Stein, der meinen Ring schmückte. Dieser Anblick ließ mich unwillkürlich lächeln.
Carlisle kam auf mein Bett zu, in seinem Gefolge eine Krankenschwester mit einem Rolltisch, der mit Bandagen, Cremtuben und sonstigem medizinischen Zubehör voll gepackt war. Oben auf lag eine sehr dicke Krankenakte. Er lächelte mich an und fragte „Na, wie geht es meiner Lieblingspatientin heute morgen?". Ich blickte auf und antwortete „Danke, besser!". Während ich dass sagte, blickte Carlisle kurz zu Edward und dieser nickte kaum merklich. Es schien so als wenn die beiden eine Unterhaltung führen würden, die sonst keiner hören konnte. Es war fast so wie gestern Abend, nur dass ich mir sicher war, dass Carlisle gestern seine Lippen nicht bewegt hatte. Gerade eben sah es eher so aus als wenn er mit rasender Geschwindigkeit gesprochen hätte und Edward auf die gleiche Weise geantwortet hat.
Mir drängte sich so langsam die Frage auf, ob mit meinem Kopf alles in Ordnung war? Leute die Unterhaltungen führen, die sonst keiner hören kann! Also wirklich! Aber irgendwie, sagte mir mein Gefühl, dass ich mich nicht irrte. Das ganze kam mir bekannt vor. „Sag mal, Carlisle, wie schlimm ist meine Kopfverletzung eigentlich?" „Nicht so schlimm! Eigentlich nur eine Platzwunde! Warum? Siehst du verschwommen, oder fühlst du dich komisch, schwindelig oder etwas in der Art?" Er sah mich verwundert an, Edward sah mich ebenfalls stirnrunzelnd an. „Nein, nichts davon. Ich frag nur so aus Interesse." Ich konnte beiden ansehen, dass sie mir nicht glaubten. „Wirklich, ich habe noch nicht einmal Kopfschmerzen!"
Carlisle warf Edward einen bedeutungsvollen Blick zu und fing an, mir in die Augen zu leuchten und meinen Kopf abzutasten. Er diktierte der Schwester seine Beobachtungen und diese trug sie in meine Krankenakte ein. Hin und wieder stellt er mir eine Frage und ich beantwortete sie kurz und so präzise wie möglich. Nachdem er die Wunde genauer in Augenschein genommen hatte, erklärte er mir, dass ich mir die Haare wieder waschen könnte, aber vorsichtig dabei sein sollte. Diese Nachricht hob meine Stimmung erheblich, Haare waschen, vielleicht sogar duschen, der Himmel hätte im Moment nicht verlockender sein können!
Meine Hoffnungen auf eine Dusche, wurden allerdings nach Begutachtung meines Knies zunichte gemacht. Nicht nur, dass das Entfernen des Verbandes, der kilometerdick um mein ganzes Bein gewickelt war, schmerzhaft war, der Anblick meines Beins war fast genauso schlimm. Mein Knie war fast auf dreifache Dicke geschwollen und der Bluterguss, der von dort aus sowohl nach oben als auch nach unten ausstrahlte, war fast schwarz in Kontrast zu meiner blassen Haut. Jede noch so kleine Bewegung tat weh, ich konnte nicht verhindern, dass meine Augen in Tränen schwammen. Edward versuchte mich zu beschwichtigen, während Carlisle vorsichtig mein Knie untersuchte. Seine Hände fühlten sich erstaunlich wohltuend an, fast so kalt wie die Eisbeutel, die ständig auf meinem Bein platziert wurden. Auch wenn dieser Anblick mich erschütterte, redete ich mir innerlich selbst gut zu: Du hast schon schlimmeres überstanden, es ist nicht so schlimm wie es aussieht, blaue Flecken gehen wieder weg.
Carlisle schien mit der Entwicklung zufrieden zu sein, er wies die Schwester an, ein weiteres entzündungshemmendes Mittel in die Liste einzutragen und erklärte mir beruhigend „Ich weiß, dass das jetzt schlimm aussieht! Aber wenn die Schwellung erstmal zurückgegangen ist, können wir mit der Reha anfangen und du wirst in einigen Wochen wieder ganz normal laufen können." Er verteilte irgendein Gel auf der Schwellung und wickelt mein Knie wieder in einen festen Strechverband ein, diesmal wirklich nur mein Knie und nicht das ganze Bein.
Edward vermied es die ganze Zeit auch nur einen Blick auf mein Bein zu werfen, er sah mir die meiste Zeit in die Augen und hauchte mir kleine Küsse auf die Schläfe oder meinen Handrücken. Als mein Bein wieder eingewickelt und unter der Bettdecke verschwunden war, wandte er sich mit einem erschrockenem Gesichtsausdruck halb zu Carlisle um.
Dass nächste, das ich wahrnahm, war, dass ich auf die Stelle sah, wo Edward gerade noch gesessen hatte. Er hatte sich einfach in Luft aufgelöst. In einem Moment saß er noch an meiner Seite und hielt meine Hand, und im nächsten war er weg. Als ich suchend aufblicke, stand er vor dem Fenster und blicke angestrengt nach draußen. Er hatte sich in der Zeitspanne eines Blinzelns quer durchs ganze Zimmer bewegt, ohne dass ich die Bewegung auch nur gesehen oder gehört hatte.
War mit meinem Kopf wirklich alles in Ordnung, oder hatte ich Aussetzer? Die Krankenschwester schien zumindest nichts Ungewöhnliches bemerkt zu haben und hatte den Blick nach wie vor auf meine Krankenakte gerichtet. Und auch Carlisle verhielt sich so, als wenn nichts geschehen wäre. Als ich zu ihm aufblicke spiegelte sein Gesicht eine Mischung aus Belustigung, Verlegenheit und professioneller Gelassenheit wieder. „Bella, ich muss mir noch deine Rippen ansehen." Er sah mich entschuldigend an, während ich meinerseits erschrocken zurück starrte. Ein schneller Blick in Richtung Edward zeigte mir, dass er die Augen geschlossen hatte und mit seinem Daumen und Zeigefinger seine Nasenwurzel drückte. Hatte er gewusst, was als nächstes kommen würde? Es machte jedenfalls den Eindruck! Aber wie kann das sein?
Ich sah verzweifelt zu Carlisle auf, wie konnte ich mich vor meinem Schwiegervater so entblößen? Das konnte er doch nicht ernsthaft von mir erwarten! Mein Gesichtsausdruck sprach wohl für sich. Bevor ich ein Wort sagen konnte, führ er schon fort "Bella, ich würde dir das ja gerne ersparen, aber ich muss mir ansehen, ob alles gut abheilt! Du darfst mich jetzt nur als deinen Arzt betrachten und nicht als ein Familienmitglied! Die Schwester wird dir helfen, ich drehe mich auch so lange um, in Ordnung?".
Und ich hatte mich vor ein paar Stunden noch gefragt, ob es noch peinlicher werden konnte! Carlisle drehe mir den Rücken zu, während die Schwester auf mich zu trat und mir aufmunternd zulächelte. Dank des scheußlichen Krankenhausnachthemdes war die Problematik meine Rippen freizulegen, ohne mich dabei allzu sehr zu entblößen, recht einfach zu lösen. Die Schwester wies mich an, einfach mit meinen rechten Arm aus dem Ärmel zu schlüpfen und half mir den Stoff vor meiner Brust zu raffen. Zufrieden blickend und noch eine letzte Falte zurechtzupfend trat sie wieder an ihren Rollwagen und nahm mein Krankenblatt zur Hand. Knallrot und in die entgegengesetzte Richtung blickend flüsterte ich ein „In Ordnung, ich bin soweit!" in den Raum.
Carlisle trat wieder an meine Seite und murmelte mir leise zu, dass er jetzt meine Rippen abtasten würde und ich ihm sagen sollte, wenn ich Schmerzen spüren würde. Er klang dabei so beruhigend, dass mir die ganze Situation schon weniger peinlich war. Ich gestattete mir einen kurzen Blick aus dem Augenwinkel und stellte fest, dass meine gesamte rechte Seite von einem riesigen blauen Fleck bedeckt war, dieser allerdings die grünlich-gelbe Farbe hatte, die blaue Flecken annehmen, kurz bevor sie verschwinden.
„Das sieht gut aus, ich denke in zwei oder drei Tagen sollten die Flecken ganz verschwunden sein. Fühlst du dich beim Atmen immer noch eingeschränkt?" „Ein bisschen, aber es geht schon deutlich besser als gestern. Ist kaum noch zu spüren!" „In Ordnung! Zu unser beider Erleichterung werde ich mir dass nicht noch einmal ansehen müssen. Schwester, würden sie bitte!" Er lächelte mir noch einmal aufmunternd zu und trat an den Rollwagen, um einen Blick in meine Krankenakte zu werfen und einige Eintragungen zu machen. Während die Schwester mir wieder in den Ärmel mein Nachthemdes half, sah ich aus dem Augenwinkel, dass Edward mich beobachtete. Sein Körper war dem Fenster vor ihm zugewandt, sein Kopf war allerdings leicht in meine Richtung geneigt. Er blicke aus dem Augenwinkel heraus auf meinen nur teilweise bedeckten Körper. Als er bemerkte, dass ich sah, wie er mich ansah, blickte er schnell wieder nach vorne und schluckte deutlich sichtbar. Ich lief wieder rot an und dankte der Schwester leise, als sie wieder zu ihrem Rollwagen zurückkehrte und mit einem letzten Lächeln das Zimmer verließ.
Carlisle blieb zurück, er setzte sich auf die Bettkante und beendete seine Eintragungen und fragte anschließend. „Tut dir sonst noch etwas weh, kann ich irgendetwas für dich tun?" „Ich habe Rückenschmerzen! Wann kann ich aus diesem Bett raus?". Ich konnte nicht verhindern, dass ich wie eine fünfjährige klang, als ich das sagte. Carlisle schüttelte schmunzelnd den Kopf und Edward fing an, leise vor sich hin zu kichern. Er kam langsam wieder auf mein Bett zu und setzte sich auf den Stuhl an meiner Seite. Ich konnte den Drang, ihm die Zunge rauszustrecken, gerade eben noch unterdrücken. „Charlie hat mir erzählt, dass sie schon anfängt zu quengeln!" „Ach, er war schon hier?" Da beide mich nicht weiter beachteten, verschränkte ich die Arme vor meiner Brust und schob die Unterlippe vor und schaute finster. „Ja, er hat vor seiner Schicht noch schnell reingeschaut! Ich habe ihn getroffen, als ich kam. Er meinte, er wollte etwas Druck machen, damit die technischen Berichte schneller fertig werden. Mit etwas Glück könnte er sie heute Nachmittag schon auf dem Tisch haben." „Das wäre schön! Ich hoffe, dass die Unfallursache dann endlich geklärt werden kann. Ich war dabei, als der andere Fahrer seine Aussage gemacht hat. Und ich muss sagen, ich kann mir nicht erklären, wie es zu diesem Unfall kommen konnte."
So langsam wurde ich ungeduldig. Ich runzelte verärgert die Stirn und trommelte mit meinen Finger ungeduldig auf meinem Arm. „Entschuldigung! Ich will eure ach so interessante Unterhaltung ja nicht unterbrechen, aber wann kann ich aus diesem Bett raus?" Beide sahen mich verwundert an, als wenn ich gerade aus dem Nichts erschienen wäre. So, das war zuviel des Guten, ich versuchte sie mit todbringenden Blicken nieder zu starren. Leider hatte das anscheinend den gegenteiligen Effekt, Carlisle versteckte sich schmunzelnd hinter der Krankenakte und Edward fing erneut an zu kichern. Erst als das Trommeln meiner Finger immer schneller wurde, versuchten beide, sich wieder in den Griff zu bekommen. Carlisle tauchte wieder aus seiner Deckung auf, war aber nicht in der Lage die Zuckungen seiner Mundwinkel ganz unter Kontrolle zu bringen. Edward hatte die Zähne in seine Unterlippe gegraben, um sich vom Lachen abzuhalten und versuchte verzweifelt meinem Blick auszuweichen, ihm entwich aber immer wieder ein leises Glucksen.
Carlisle bekam sich als erster wieder in den Griff. Er räusperte sich und blicke mich entschuldigend an. „Entschuldige! Ähm, ja , um deine Frage zu beantworten: Bella, ist dir eigentlich bewusst, dass du gerade einen sehr schweren Autounfall hinter dir hast? Du hast unglaubliches Glück, dass du so gut dabei weggekommen bist!". Bei dem Wort 'gut' malte er Gänsefüßchen in die Luft. „Du hättest genauso gut tot sein können! Und du fragst mich allen Ernstes, wann du wieder rumlaufen darfst? Dein Knie ist wirklich schlimm verletzt und jede unnötige Belastung verzögert die Heilung!". Er sah mich eindringlich an und zog eine seiner perfekten Augenbrauen fragend in die Höhe.
„Carlisle, das ist mir klar! Ich will ja auch keinen Marathon laufen!" Edward fing bei diesen Worten wieder an, unkontrolliert zu kichern. Ich beachtete ihn gar nicht, als ich ruhig weiter sprach. „Ich will nur aus dem Bett raus und mich ein bisschen strecken können. Ich kann einfach nicht nur hier rumliegen. Bitte!". Ich sah ihn aus großen Augen an „Ich verspreche auch, keine unnötigen Belastungen! Bitte!". Er sah mich einen Moment abschätzend an und seufzte. „In Ordnung, aber nur bis ins Bad! Keinen Schritt weiter! Wenn ich sehe, dass du dich nicht an meine Anweisungen hältst, lasse ich dir die Krücken wieder wegnehmen!"
Edwards Lachen verstummte abrupt und er blinzelte ungläubig. „Carlisle, hältst du das wirklich für eine gute Idee?" Dieser seufzte schwer und erklärte ihm „Nein, aber du wirst dafür sorgen, dass sie sich schont!". Er blicke Carlisle einen Augenblick mit schräg gelegtem Kopf an und nickte, dann wandte er sich mir zu und erklärte „Ich wollte dich schon immer auf Händen tragen!", während sich ein teuflisches Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete. Mir gefiel dieser Gesichtsausdruck überhaupt nicht, nervös blicke ich ihn aus großen Augen an und versuchte zu ergründen, was er mir damit sagen wollte.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, das mein kleiner Sieg sich gerade in eine Niederlage verwandelt hatte. Dieses Gefühl war mir komischerweise sehr vertraut. Ich schluckte schwer und fragte vorsichtig „Was meinst du damit?". „Tja, da du ja darauf bestehst aus diesem Bett raus zu kommen, es aber eigentlich viel zu früh dafür ist, werde ich dafür sorgen, dass du keinen unnötigen Schritt machst." Ich blickte beide verwirrt an und erklärte verwundert „Das habe ich doch gerade schon versprochen!". Edward sah mich mit einem überheblichen Grinsen an und präzisierte „Liebste, ich glaube du hast mich nicht verstanden. Du wirst gar keinen Schritt machen, ich werde dich tragen! Ärztliche Anweisung, du hast es selbst gehört!"
Ich hatte definitiv gerade ein Eigentor geschossen! Die Aussicht darauf, wie ein Kleinkind durch die Gegend getragen zu werden, heiterte mich nicht gerade auf. Mir klappte der Mund auf und ich blicke ungläubig in Edwards Gesicht. Der grinste mich nur an, als wenn er genau wusste, dass ich verloren hatte. Ich wandte meinen ungläubigen Blick in Richtung Carlisle, der schmunzelnd den Kopf schüttelte und mir dann schulterzuckend erklärte „Oh nein! Du brauchst mich gar nicht so anzusehen! Das solltet ihr unter euch ausmachen! Obwohl ich zugeben muss, dass mir diese Variante auch lieber ist Du solltest in deiner Verfassung wirklich noch nicht aufstehen! So, ich muss weiter, der nächste Patient wartet schon auf mich. Ich komme nachher wieder, wenn die anderen da sind."
Bevor ich meine Fassung auch nur ansatzweise wieder gewonnen hatte, war er bereits zur Tür hinaus verschwunden. Zurück blieben ein überheblich grinsender Teufel und ein überrumpeltes Opfer. Genauso fühlte ich mich, überrumpelt, das war ein abgekartetes Spiel und es war von Anfang an klar, dass ich verlieren würde! Als ich bemerkte, dass mir der Mund immer noch offen stand, schloss ich ihn mit einem deutlichen ´Plop` und drehte mich zähneknirschend zu Edward um „Ich habe gar keine Wahl, oder?". Weiter kam ich nicht, denn Edward war näher als erwartet. Als ich meinen Kopf umwandte war sein Gesicht nur Zentimeter von meinem entfernt.
Unter seinem Blick blieb mir die Luft weg. Noch bevor ich zurückweichen konnte, lag seine Hand an meinem Hinterkopf und seine Lippen auf meinen. Als er sich schließlich von mir löste, lehnte er sich lächelnd zurück und erklärte „Nein, hast du nicht!"
